Donnerstag, 11. August 2022

Unternehmen und Kommunen
Wie viel bringt freiwilliges Energiesparen in der Gaskrise?

Während Spanien Energiespar-Vorgaben für öffentliche Gebäude macht, setzt Deutschland in der Gaskrise weitgehend auf Freiwilligkeit. Unternehmen und Behörden sparen auch durchaus Gas und Strom ein. Doch nicht jede Idee ist sinnvoll – und häufig geht es nur um Ersatz durch andere fossile Energieträger.

05.08.2022

    Ein Geschäftsmann allein in einem Büro mit Glastüren auf einer Büroetage
    Angesichts hoher Energiepreise sind viele Unternehmen von sich aus interessiert daran, ihre Heiz- und Stromkosten zu senken (imago/Westend61)
    Deutschland ist stark abhängig von russischem Gas und deshalb besonders betroffen von den gedrosselten Gaslieferungen im Zusammenhang mit dem russischen Angriffskrieg in der Ukraine. Energiesparen ist das Gebot der Stunde und wird in Herbst und Winter noch wichtiger werden – die Bundesregierung setzt dabei allerdings weitgehend auf Freiwilligkeit. Das Interesse an Einsparungen in Unternehmen und Verwaltungen ist ohnehin groß angesichts der stark gestiegenen Energiepreise. Umweltorganisationen wie Greenpeace und der Umwelthilfe reicht das dennoch nicht: Sie fordern eine Einsparpflicht zumindest für die Wirtschaft und die öffentliche Hand. Das verspreche größere Akzeptanz von Energiesparmaßnahmen seitens der Bevölkerung, die ebenfalls zum Sparen aufgerufen ist.
    Spanien macht es vor: Die spanische Regierung hat Vorschriften zur Einsparung und zur effizienteren Nutzung von Energie beschlossen, unter anderem gesetzliche Temperaturgrenzen für die Kühlung und Heizung in öffentlichen Gebäuden, aber auch in Kaufhäusern, Kinos, Hotels und Arbeitsstätten. Spanien ist selbst gar nicht abhängig von Gas aus Russland, trägt aber die europäischen Einsparvereinbarungen mit.

    Wie und wo sparen Unternehmen und Behörden in Deutschland bereits freiwillig Energie ein?

    In der Wirtschaft wird Gas für verschiedene Zwecke genutzt. Die Grundstoffindustrie, etwa die Chemie- und Stahlkonzerne, verarbeitet Gas direkt im Produktionsprozess und kann es nach eigenen Angaben ohne Produktionsverluste nur bedingt oder nicht ersetzen. Andere Großkonzerne, etwa in der Automobilbranche, die für ihre Herstellungsprozesse sehr viel Energie brauchen, nutzen Gas zur Stromerzeugung in eigenen Anlagen. Diese könnten auf Öl umsteigen, was zwar nicht Energie insgesamt, aber zumindest Gas einsparen würde. Der Bundesverband der Deutschen Industrie kritisiert hier, der Brennstoffwechsel werde durch langwierige Genehmigungsverfahren ausgebremst. Möglich ist darüber hinaus auch ein Umstieg auf Energiegewinnung durch Erneuerbare Energien.
    Die meisten Unternehmen nutzen wie auch Privathaushalte und die öffentliche Verwaltung Gas zudem zu Heizzwecken. Hier gibt es angesichts der zu erwartenden Energierechnungen zahlreiche Bemühungen und Überlegungen, Kosten zu senken. Etwa durch Senkung der Temperaturen in Büroräumen und öffentlichen Gebäuden in Herbst und Winter. Der Effekt ist groß: Ein Grad weniger heizen bringt ungefähr sechs Prozent Einsparung. Schwieriger ist die Einsparung von Heizenergie in Schwimmbädern und Turnhallen – große Stromverbraucher in vielen Kommunen.

    Wer in Deutschland Gas verbraucht

    Grafik zeigt Anteil der Verbrauchergruppen am Erdgasabsatz in Deutschland in den Jahren 2011 und 2021
    Anteil der Verbrauchergruppen am Erdgasabsatz in Deutschland in den Jahren 2011 und 2021 (Deutschlandradio / Andrea Kampmann)
    Als nicht sinnvoll wird der Kauf von elektrischen Heizlüftern als Ersatz für Gasheizungen angesehen. Diese Geräte verbrauchen viel Strom, treiben die Energierechnung damit an anderer Stelle in die Höhe und können schlimmstenfalls zu einer Überlastung des Stromsystems führen.
    Da Gas in Deutschland auch zu 12-15 Prozent zur Stromproduktion beiträgt, ist auch die Reduzierung des Stromverbrauchs ein Weg zum Gassparen und generell zum Energiesparen. Die Vorschläge und Maßnahmen sind zahlreich. Insbesondere Städte und Gemeinde haben begonnen, auf die Beleuchtung öffentlicher Gebäude und Denkmäler zu verzichten – möglicherweise auch auf die der Weihnachtsmärkte im kommenden Winter. Mancherorts wurde auch die Warmwasserversorgung in Schulen und Verwaltungsgebäuden abgestellt, Pumpen für Brunnen bleiben aus. Selbst Abluftanlagen in Klassenzimmern, die nach langen Diskussionen mancherorts in der Corona-Pandemie eingeführt wurden, stehen wegen ihres Energiebedarfs jetzt wieder auf dem Prüfstand.
    Auch aus dem Handel und Gewerbe- und Dienstleistungsunternehmen kommen viele kleine Vorschläge zum Stromsparen, die zusammengenommen einen Unterschied machen können. Der Präsident des Zentralverbands des Deutschen Handwerks, Hans Peter Wollseifer, wies etwa darauf hin, dass in Friseursalons die Dauer des Wasserlaufs beim Haarewaschen und die Dicke der Handtücher eine Rolle spielten, weil der energetische Reinigungsaufwand für dünne Handtücher geringer sei.

    Welche weiteren Einsparmöglichkeiten gibt es noch?

    Gerade erst sind in vielen Unternehmen die Beschäftigten aus dem pandemiebedingten Homeoffice wieder an ihre Arbeitsplätze zurückgekehrt, da schlägt Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) erneut verstärktes Arbeiten zu Hause vor - aus Energiespargründen. Unternehmen könnten dann in den Büros die Heizungen herunterdrehen und damit Gas einsparen. Habeck wies in einer Pressekonferenz darauf hin, dass die Energiebilanz nur dann positiv sei, wenn die Büros kalt blieben und im Homeoffice Räume genutzt würden, die ohnehin geheizt sind. Der Vorschlag ließ allerdings noch viel arbeits- und steuerrechtliche Fragen offen. Hinzu kommt aber, dass auch Arbeitswege Energie kosten, vor allem bei der Fahrt mit dem Auto.
    Auch Betriebsferien im Block im Winter schlug der Wirtschaftsminister vor.

    Würden gesetzliche Vorgaben für mehr Einsparung sorgen?

    Einer Studie der Deutsche Energie-Agentur dena zufolge gibt es in Deutschland 323.700 Büro- und Verwaltungsgebäude mit einer Gesamtnutzfläche von 382,4 Millionen Quadratmetern (Stand 2015). Vorgaben für die Raumtemperatur könnten hier einiges bringen. Die bisherigen Vorstöße einzelner Verwaltungen und Unternehmen würden vereinheitlicht und die Energiesparbemühungen dadurch effektiver.
    Vorgaben für die Beleuchtung öffentlicher Gebäude hätten vermutlich eher Symbolcharakter, denn Beleuchtung macht beim Energieverbrauch deutlich weniger aus als Heizen und Warmwasser – vor allem, wenn mit LED beleuchtet wird. Die Einsparungen sind aber weithin sichtbar und könnten signalisieren, dass Politik und Verwaltung in Deutschland mit gutem Beispiel vorangehen.
    Das Mitte Juli von Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) angekündigte neue Energiesicherungspaket für Herbst und Winter sieht neben der verstärkten Befüllung der Gasspeicher und einer Reduzierung des Gasverbrauchs in der Stromerzeugung tatsächlich auch einige verpflichtende Effizienz- und Einsparmaßnahmen für Wirtschaft und Privathaushalte vor. Damit der Gasverbrauch in Betrieben und Bürogebäuden weiter sinkt, sollen unter anderem Räume, in denen sich Menschen nicht regelmäßig aufhalten, nicht mehr beheizt werden – etwa Flure, große Hallen, Foyers oder Technikräume. Für öffentliche Einrichtungen und Bürogebäude soll das in Verordnungen geregelt werden.
    In Spanien stellen sich lokale Verwaltungen bereits die Frage, wie die Umsetzung der neuen Vorgaben kontrolliert werden soll. Die Räume in öffentlichen Gebäuden dürfen im Sommer auf nicht weniger als 27 Grad abkühlen und im Winter auf höchstens 19 Grad beheizt werden und die Beleuchtung von nicht benutzen Büros, von Schaufenstern und Denkmälern muss nach 22 Uhr ausgeschaltet werden. Bei Verstößen hat die Regierung auch Bußgelder vorgesehen: Sie fangen bei 60.000 Euro an und gehen bis hundert Millionen Euro.

    Welche Anreize zum freiwilligen Energiesparen könnte es noch geben?

    Statt verpflichtender Vorgaben könnte auch verstärkte finanzielle Förderung des Energiesparens ein Weg sein, die Einsparungen zu erhöhen. Möglich wäre beispielsweise eine Prämie für Minderverbrauch. Das mindert die Energierechnung, ohne zu Verschwendung anzureizen, indem etwa Gas künstlich billig gehalten wird, wie es vergleichbar beim sogenannten Tankrabatt mit Öl der Fall war.
    Bundeswirtschaftsminister Habeck hält ohnehin hohe Gaspreise für den besten Sparanreiz. Für Menschen mit geringen Einkommen muss es dann aber Unterstützung und Erleichterungen geben, so die Forderung der Sozialverbände. Zum Teil gibt es das auch bereits.
    Quellen: Georg Ehring, Franka Welz, Nina Voigt