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StartseiteInformationen am MorgenKlimaaktivisten gehen neue Wege des Protests24.04.2020

Fridays for FutureKlimaaktivisten gehen neue Wege des Protests

Die Coronakrise hat auch Auswirkungen auf die Klimaschutz-Bewegung Fridays for Future. Kundgebungen können nur mit geringer Teilnehmerzahl und unter Einhaltung aller Schutzmaßnahmen stattfinden. Die Aktivisten kämpfen jedoch weiter für ihre Ziele. Zum Beispiel mit einem Netzstreik.

Von Barbara Schmidt-Mattern

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Plakate für eine eine kontaktlose Demonstration am 24. April 2020 in Berlin. (picture alliance / GES-Sportfoto)
Demonstrieren in Zeiten der Corona-Maßnahmen: Plakate für eine kontaktlose Aktion (picture alliance / GES-Sportfoto)
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Die Töne sitzen noch nicht so ganz, aber die Botschaft ist klar, und sie wird zehntausendfach gesungen. Hannah Pirot:

"Ich vermisse es total, dass man da zusammen laut sein und seine Sprüche schreien kann, und seine Schilder hochhalten kann, und generell diese Menge spüren kann, denn das ermutigt total."

Hannah Pirot war letzten Jahr am 20. September dabei, beim bisher größten Streik der Fridays-for-Future Bewegung. Während damals die Bundesregierung mehr als 18 Stunden um ein Klimapaket ringt, herrscht in Deutschlands Innenstädten massenhaftes fröhliches Gedrängel.

"Der 20.9. ist eben der berühmteste Streik, weil wir in Berlin da 270.000 Menschen auf die Straßen bekommen haben, in Deutschland 1,4 Millionen. Ich war total glücklich, weil es eben zeigt, dass es total viele Menschen was angeht, und dass viele Menschen sich betroffen fühlen."

Kann die Chatgruppe die Straße ersetzen?

Und jetzt? Machen Fridays-for-Future einfach weiter mit dem Protest, nur eben etwas anders. Hannah fiebert dem ersten weltweiten Klimastreik entgegen, der heute fast ausschließlich im Netz stattfindet. Ebenso wie die Vorbereitung, erzählt die 16-Jährige aus Berlin-Kreuzberg:

"Natürlich ist es ein bisschen schwieriger, als wenn man sich persönlich sieht. Aber man ist fast noch produktiver, habe ich das Gefühl, denn man sitzt zuhause, hat da seinen Schreibblock und ist sehr aufmerksam. Das macht auch Spaß eigentlich. Man sieht sich nicht, aber man hat wenigstens Kontakt."

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Während Angela Merkel in der Corona-Pandemie noch mit der Technik kämpft – so wie bei einer  Pressekonferenz kurz vor Ostern – ist das Internet für die für die jungen Klimaaktivisten und -aktivistinnen alles andere als Neuland. Aber kann eine Chatgruppe die Straße ersetzen?

"Also an sich kann man schon im Internet protestieren, denn man braucht ja eine Form von Öffentlichkeit."

Sagt Swen Hutter, Professor am Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung.

"Ich glaube, was schwierig ist, ist wirklich diese Wucht zu erzeugen, die man normalerweise auf der Straße haben kann, wenn man wirklich den öffentlichen Raum sich nimmt, der sonst auch von anderen bevölkert wird."

Interesse an Fridays for Future hat nachgelassen

Schon vor der Corona-Pandemie hatte das öffentliche Interesse an Fridays for Future nachgelassen, jetzt ist das Thema Klimaschutz erst recht in den Hintergrund gerückt. Es brauche jetzt Mut, sagt Protestforscher Swen Hutter:

"Genau, der Mut, anzuecken. Also ich würde die Fridays for Future Bewegung nicht abschreiben, es ist einfach momentan eine schwierige Phase. Gleichzeitig sieht man aber auch, wie gut organsiert das Bündnis ist. Und ich glaube auch, dass in ein paar Monaten das Klima-Thema mit voller Wucht wieder zurückkehrt auf die Agenda."

  (Sean Gallup / Getty Images) (Sean Gallup / Getty Images)

Für die Klima-Aktivisten bedeutet das einen schwierigen Spagat: Einerseits leben sie als Protest-Bewegung vom lauten Widerspruch. Andererseits wollen sie aber nicht als Egoisten wahrgenommen werden, die sich zwar ums Klima, aber nicht um die Gesundheit sorgen:

"Wir haben uns eben entschieden, diese ganzen Sicherheitsmaßnahmen wirklich ohne Ausnahme einzuhalten, weil wir eben Verantwortung übernehmen wollen für die ganze Situation."

Deshalb gibt es auf offener Straße in Berlin lediglich eine große Kunstaktion an diesem Freitag: Hannah Pirot hofft auf tausende Plakate, die alle nebeneinander gelegt und dann im Livestream vorgestellt werden sollen – garantiert virenfrei:

"Glasiert hast Du gerade gesagt?"
"Ja genau, ich habe auch nur mit einer Frau geredet, die dafür zuständig ist. Und ich weiß auch nicht genau, mit welchem Mittel, aber genau, das soll halt für den Infektions-Schutz sein."

Mindestens einmal täglich macht sich Hannah auf den Weg zur Bäckerei in ihrem Kiez. Dort dient ein einfacher Pappkarton als Plakat-Sammelstelle, eine von siebzig in ganz Berlin.

"Ich wusste nicht, dass es am Freitag wieder losgeht. Aber es ist ja nötig, also keine Frage, wir können ja jetzt nicht so tun, als wäre nichts gewesen."
Hannah: "Freut mich, dass Sie da interessiert sind dran." Renate Grunow: "Absolut, absolut."

Renate Grunow, der man nicht ansieht, dass sie schon zwei Enkel hat, hat die Plakatstelle beim Spazierengehen in Kreuzberg entdeckt und beugt sich interessiert über den Karton:

"Wenn Sie Lust haben, malen Sie einfach selbst ein Schild, legen es da rein, und dann können Sie teilhaben, die müssen 60 Mal 80 Zentimeter groß sein."
Grunow: "Ja, Mensch, weiter so! Ihr müsste es bringen. Eure Alten haben es nicht gebracht!"

Den Klimaschutz auf der Agenda halten

"Ich finde in einer Demokratie ist es hochgradig gefährlich, wenn sich die Menschen nur um ein Thema kümmern, und auch die Medien."

Meint Carsten Linnemann. Der Christdemokrat zählt zum Wirtschaftsflügel der Unions-Bundestagsfraktion und ist bisher nicht als progressiver Klimaschützer aufgefallen. Doch selbst Linnemann warnt nun:

"Die Klima-Herausforderung zählt zu den Topthemen ist weltweit, und deshalb begrüße ich jeden, der dieses Thema auf der Agenda hält."

Coronahilfe nur mit Auflagen für den Klimaschutz

Andererseits fordert Linnemann ein "Belastungs-Moratorium" für die Wirtschaft. Die Opposition ist alarmiert. Grünen-Fraktionschef Anton Hofreiter wirft der Bundesregierung vor, angesichts der Corona-Krise den Klimaschutz auszubremsen.

"Es kann nicht sein, dass jetzt jede Lobbyorganisation das durchbringt, was sie schon immer durchbringen wollte. Dafür ist die Lage zu ernst."

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Hannah Pirot sieht das ganz genauso. Konjunkturpakete für die Unternehmen dürfe es nur in Verbindung mit Auflagen für den Klimaschutz geben. Dafür wollen sie heute wieder singen, Gedichte aufsagen, trommeln, tanzen und turnen – ab 12 Uhr für jeden und jeden zum Mitmachen im Internet.

"Wenn ich einfach wieder das Gefühl habe, heute ist globaler Klimastreik. Und alle reden darüber und beschäftigen sich mit dem Thema. Also wenn das passiert, bin ich schon sehr glücklich."

Und noch glücklicher, wenn Fridays for Future endlich wieder auf die Straße dürfen – so wie an jenem Tag im September, als Aktivistin Luisa Neubauer in die Menge rief:

"Seid Ihr das nächste Mal wieder dabei?"

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