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StartseiteKalenderblattDas Ende des Großen Nordischen Kriegs - und der Großmacht Schweden10.09.2021

Friede von Nystad vor 300 JahrenDas Ende des Großen Nordischen Kriegs - und der Großmacht Schweden

Zu Beginn des 18. Jahrhunderts beherrschte Schweden weite Teile der Ostseeküste - doch es war ein Hegemon auf Abruf. Sein Untergang war besiegelt, als am 10. September 1721 mit dem Frieden von Nystad der Große Nordische Krieg zu Ende ging.

Von Klaus Ungerer

Die Schlacht bei Poltawa"  1717 in Öl auf Leinwand gemalt  von Jean Marc Nattier. Das Bild hängt heute im Moskauer Puschkin-Museum für Bildende Künste (picture-alliance / akg-images)
Die Schlacht bei Poltawa 1709 gegen Peter den Großen wurde für Schwedenkönig Karl XII. zur Katastrophe (picture-alliance / akg-images)
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"Es gab ein allgemeines Klagen unter uns: Was sollen wir essen? Was sollen wir trinken? Womit sollen wir uns gegen die scharfe Kälte des Winters schützen? Nicht ohne Compassion des Herzens musste man mit ansehen, wie mancher brave Soldat sich ausgehungert auf den Boden legte, die Rinde von den Bäumen nagte oder mit anderer unnatürlicher Speise den Magen zu befrieden suchte und daran elendig zugrunde ging."

So erlebte Joachim Lyth, Leutnant der schwedischen Armee, die Endphase der schwedischen Großmachtzeit. Es ist der Kältewinter 1708/1709. Das schwedische Heer irrt durch den Osten Europas. Im Vorjahr noch war der Triumph zum Greifen nah. Unter König Karl XII. eilten die Schweden von Sieg zu Sieg, schlugen die angreifenden Mächte Dänemark und Sachsen-Polen aus dem Feld. Nun müsste Karl noch den dritten Aggressor, Russland, aus dem Baltikum werfen. Das schwedische Großreich rund um die Ostsee wäre gesichert.

Ostwärts, dem Untergang entgegen

Aber Karl XII., den sie den "Heldenkönig" nennen, liebt die Gefahr. Die ganz große Abrechnung. Der König entscheidet: Er will mit seiner Armee auf Moskau marschieren. So wie nach ihm Napoleon. Im Herbst 1707 ziehen zehntausende schwedische Soldaten ostwärts, dem Untergang entgegen. Der Große Nordische Krieg, der seit sieben Jahren tobt, ist nun verloren. Doch wie lange wehrt und windet sich ein Krieg, wie viele Menschen zermalmt er, ehe er klein beigibt?

Der Heldenkönig macht sich aus dem Staub

1709 führt Karl XII. sein hungerndes Heer bei Poltawa in eine Schlacht, die zur Katastrophe wird. Dann setzt der Heldenkönig sich ins Osmanische Reich ab. Fünf Jahre lang versucht er, den Sultan zum Krieg gegen Russland zu überreden. Bis der ihn nach Hause schickt. Kaum dort, baut Karl eine neue Armee auf. Und überfällt Norwegen. In einer Nacht im November 1718 besucht er die Front, legt sich auf die Umfriedung des Laufgrabens, um die norwegischen Befestigungen zu inspizieren. Zu seinen Füßen grübelt der Offizier Philippe Maigret. In seinen Erinnerungen schreibt er: "Ich stand unter ihm und überlegte, wie ich ihn dazu überreden könnte, wieder herunter zu steigen." - Der nächste Augenblick ändert den Lauf der Geschichte: "Das Geräusch war so, als ob man einen Stein in den Schlamm werfen würde. Eine Kugel traf ihn neben dem linken Ohr und trat neben dem rechten Ohr wieder aus. Der König sagte kein Wort, seine Füße rutschten weg, er blieb auf der Befestigung liegen.

Der letzte Akt des blutigen Schauspiels

Karl XII. ist tot. Der Krieg könnte beendet werden. Doch auch die neue Führung zögert noch. Gleichzeitig kann sie nicht einmal mehr die Grenzen sichern. Der letzte Akt des traurigen Schauspiels beginnt.

Um Schweden an den Verhandlungstisch zu zwingen, beginnt Russland, die ungeschützte schwedische Nordküste zu verwüsten: Im Sommer 1719 fährt die Flotte des Zaren von einem Ort zum nächsten, plündert Hunderte von Gütern, Dörfern und Städten, brennt alles nieder.

Wer nicht fliehen kann, wird niedergemetzelt

Im Mai 1721, endlich, beginnen in Nystad im heutigen Finnland Friedensverhandlungen. Aber Verhandlungen sind noch kein Vertrag. Die russischen Schiffe kommen zurück. Wieder brennt Schwedens Küste. Im Ort Selånger wird dann, nach über 20 Jahren Krieg, die letzte Schlacht geschlagen. 99 Schiffe bringen 600 Kosaken und 7.000 Infanteristen an Land. Ein letztes Häuflein stellt sich der Übermacht. Ohne Chance. Wer nicht fliehen kann, wird niedergemetzelt. Der Kommandant, Major Fieandt, reitet in den nächsten Wald, gejagt von drei Kosaken. Fieandt erkennt bald, dass er sie nicht abschütteln kann und wendet sich um. In seinen Erinnerungen schreibt er:

"Den ersten schoss ich mit meiner Pistole nieder, den zweiten erledigte ich mit einem Schwertstich durch den Leib, doch der Dritte, wiewohl unbewaffnet, ging mit derartiger Furie auf mich los, dass ich nicht dazu kam, das Schwert zu verwenden, sondern mich mit ihm in den Faustkampf begeben musste. Als wir uns auf diese Weise schließlich vollständig erschöpft hatten, gingen wir d'accord, wie Freunde, auseinander."

Schwedische Soldaten auf Pferden vor dem Königlichen Palast in Stockholm (picture alliance/ dpa/ Jochen Lübke)Schwedische Soldaten auf Pferden vor dem Königlichen Palast in Stockholm (picture alliance/ dpa/ Jochen Lübke)Schweden - Zwischen Ernstfall und Neutralität
Im Ostseeraum herrscht Unruhe. Russische Marinemanöver schreckten im Frühjahr das Baltikum auf. Wenige Monate zuvor hatte Schweden seine Streitkräfte zum ersten Mal seit Beginn der 90er-Jahre wieder zu einer großangelegten Übung aus den Kasernen geholt – in enger Absprache und Zusammenarbeit mit der NATO.

Das ist der letzte Kampf des Großen Nordischen Krieges, sinnlos wie alles vorher. Am 10. September 1721 wird das Ende der Großmachtzeit im Frieden von Nystad besiegelt. Schweden hat zehn Prozent seiner Bevölkerung verloren - und einen großen Teil seines Staatsgebiets.

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