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StartseiteBüchermarktIm Schneidersitz vor der Wohnungstür05.08.2016

Friederike MayröckerIm Schneidersitz vor der Wohnungstür

Mit erstaunlicher Vitalität und im Zustand freudvoller Erregung entwirft Friederike Mayröcker poetische Prosa-Visionen, in denen Erinnerungen aufblitzen und Abschiede allgegenwärtig sind. Jetzt hat die österreichische Dichterin ihre Trilogie der Leidenschaften mit dem Band "fleur" beendet.

Von Carola Wiemers

Die österreichische Schrifstellerin Friederike Mayröcker im Oktober 2014 (imago/SKATA)
Die österreichische Schrifstellerin Friederike Mayröcker im Oktober 2014 (imago/SKATA)
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(Friederike Mayröcker liest das Gedicht "blaugelber junitag")

"als verzückt, an der offenen Tür zum Schreibzimmer
lehnend, in den Anblick des wohlbekannten geliebten Gehäuses
versunken, weisz spiegelt Morgenlicht auf dem ovalen Tischchen
die Fuszsprossen des weiszen Hockers behangen mit
bläulichem Vogel (Bauer), geborstener Vogelkopf schlaff
nach unten hängendes Sittichgefieder wollen mich
in eine Gleichgewichtsstörung versetzen, das enthüllt mir
die Luft die Beleuchtung der Farben, und ich beuge mich aus dem
Fenster, die fernen Berge am Horizont, die glücklichen Höhen,"

In der kleinen Szenerie, die Friederike Mayröcker im Gedicht "blaugelber junitag" entwirft, verbirgt sich ein Geheimnis, das in akademischen Kreisen viel diskutiert wird: Wie entsteht eigentlich Poesie?

Das Gedicht lässt uns an diesem rätselhaften Vorgang teilhaben. In die Versunkenheit des Blicks, der in das geöffnete, vom Morgenlicht romantisch erhellte Schreibzimmer fällt, schiebt sich eine Störung: "geborstener Vogelkopf schlaff / nach unten hängendes Sittichgefieder". Doch das Ich gerät nicht aus dem Gleichgewicht, es wendet sich scheinbar unberührt den fernen "glücklichen Höhen" à la Hölderlin zu. Mit dem Wort "enthüllt" wird auf jene innere Erregung hingewiesen, die das Gedicht schließlich begründet.

Auch in "fleurs", dem dritten Teil der mit "études" begonnenen und mit "cahier" fortgesetzten Trilogie, ist dieses poetische Verfahren, diese Enthüllung, zu beobachten. Friederike Mayröcker hat es darin in acht Jahrzehnten zur Perfektion gebracht. Dabei scheint die Lust am täglichen Schreibritual zu wachsen − und so bildet das Empfangen von "Verbalträumen", jenen "Verbal-Kaleschen", in ihrem Werk nicht nur ein thematisches Zentrum, sondern konstituiert ein Dasein im Anblick glücklicher Höhen.

"schiefer Maschinenschreibtisch, / »hermes baby« zu Klaviermusik von Franz Liszt heilige Morgenstunde. / Drauszen Frühling Ende März ich sehe dasz der Flieder sprieszt, / manchmal schreibe ich von meinen Träumen ab...

was ich irgendwann / irgendwo gesehen gehört wird beim Erwachen hochgeschwemmt, / weiszt du, so kann ich’s aufschreiben Liebster dasz in den frühen / Nachmittagen die Strahlen der Sonne (sobald wir eine bestimmte / Stelle der Strasze erreichen) uns blendeten"

Gespräche, Musik und Lektüre

Im achten Lebensjahrzehnt begonnen, ist Friederike Mayröckers Trilogie das Dokument einer intensiven "Leben’s Zeit", in der sie dem physischen Verfall mit einem "Blutsturz der Poesie" begegnet. Erneut lässt sie sich von der sinnlichen Schönheit der Buchstabenwelt befeuern und in die Vertrautheit rauschhafter Erregung versetzen.

Wie schon in "études" und "cahier" wird auch in "fleurs" jene tägliche Ration gepriesen, die Leib und Seele erhalten: neben dem vertrauten Gespräch mit Freunden, dem Inhalieren von Musik, dem Betrachten von Flora und Fauna ist es vor allem das Lesen, die Lektüre von Friedrich Hölderlin, Goethe, Marcel Beyer, Ann Cotton, Jean Paul.

"also sitze ich im Schneidersitz / vor meiner Wohnungstür weil im Innern meiner Wohnung kein / Platz mehr ist usw., eigentlich ist mein Wohnsitz die Lektüre von / Jean Paul, er liegt auf meinen Knien und ich exzerpiere aus seinen / Lebensberichten. Natürlich ist mein Quartier vor allem eine / Ungewiszheit : nichts mehr aufzufinden"

Eine Lektüre prägt die Prosa-Texturen in "fleurs" ganz besonders. Es ist – wie schon in "cahier" – Jacques Derridas Monumentalwerk "Glas". Tief berührt von der ästhetischen Radikalität und dem kompromisslosen Denken des Autors muss sich Mayröcker eingestehen, dass sie den Text "selber gern geschrieben hätte".

"Das Buch ist zerlesen sein Leim oder Leib / hat sich aufgelöst es ist empfindlich wie Glas...

: ich lasse mich anstecken von dieser Sprache ich erbreche / mich ich erbreche Gemüt und Gedanken in höchster Erregung"

Wird in "cahier" vom sich Einverleiben der Gedankenwelt Derridas berichtet und der Erregtheit, die sie während der Auseinandersetzung mit "Glas" erfasst, erreicht dieser Vorgang in "fleurs" eine neue Qualität. Die geistige Hinterlassenschaft Derridas bestimmt nun sogar die Architektur des Buches. Wie in "Glas" steht eine Vielzahl der Texturen auch bei Mayröcker in Blöcken konfrontativ nebeneinander, um jenseits von syntaktischem Gehorsam, Logik und Wortsinn eine Dynamik zu entwickeln, die sich auch auf den Rezipienten überträgt und ihn in seinem Leseverhalten aufstört.

"Auf Seite 289 endet das Buch mittendrin mit dem Wörtchen »von«: / ein herzzerreiszender Abschied. Ich fange an das Buch nochmals / zu lesen, es liegt nachts auf meinem Kopfkissen und ich liebe es"

In "fleurs" flattert nicht jenes von Eduard Mörike gepriesene "blaue Band" der Frühlingsdüfte. Noch einmal geht Friederike Mayröcker der Poesie auf den Grund und ist auch darin einem Gedanken Derridas nah, in dem es heißt: "Was aber ist Poesie, sobald die Blume ‚das poetische Objekt par excellence’ ist?".

Vergnügen bereitet die Lektüre von "fleurs" vor allem dann, wenn man sich treiben lässt, um dem Klang eines Buchstabens nachzuhören und sich der Anmut eines Wortes zu erinnern. Oder wenn man auf Sprach-Bilder trifft, die tief berühren: etwa, dass sich entschwunden geglaubte Worte "plötzlich während des Schreibens" wieder in die "Herzgefäsze verkrallten".

Humorvoll und mit lässiger Rhetorik ist von den körperlichen Gebrechen die Rede. Mit "90 als Frau" sei man eben "altbacken" und

"seit mir das Gehen Mühe macht träu- / me ich immer öfter vom raschen Ausschreiten und Laufen / indes Rotkehlchen und Buchfinken mich umschwärmen"

Dass sie nun immer öfter Abstürze sprichwörtlich aus der Fassung bringen, auch dieser bedrohlichen Tatsache wird noch eine poetische Erfahrung abgelauscht. Zum Beispiel, wenn sie am 16. April 2014 notiert: ": bin mitten im Wort verblich’en, langsam tauchte ich aus dem Schlaf als hätte ich mich in einer Tauchstation befunden".

"Niedergang meiner Person : fliehende Blumen, und Basis-Schmerz, / hinfällige Schleierwolken des Juni, ... ich erinnere / mich, ach der Sesam Flügel Gartenschminke und zierliche Luft usw., / herzliche Grüsze mit vielen Rittern, und Rittersporn"

Schlaflosigkeit schafft ungekannte Zustände

Friederike Mayröckers Prosa-Texturen hinterlassen keine Trauer, aber reichlich Wut über die Endlichkeit des Daseins. Die aus dem existentiellen Ritual des Schreibens erwachsene Zeitrechnung ist längst zum Maß aller Dinge geworden. Und die zunehmende Schlaflosigkeit versetzt sie in Zustände, aus denen ihr ein ungekanntes Potential an Kreativität erwächst. In den oft wiederkehrenden Träumen formiert sich zudem ein Kosmos, der von Erinnerungen an Ernst Jandl, an die Mutter oder an verstorbene Freunde durchwoben ist, als wäre kein Tag vergangen.

"seit 14 Jahren hängt der April des Kalenders 2000 / an der Zimmerwand : es war 1 fluoreszierender April mit Oleanderblüten / und Mohn."

Mit "études", "cahier" und "fleurs" hat Friederike Mayröcker eine Trilogie der Leidenschaften geschrieben, die wie ein Monolith aus ihrem Werk hervorragt. In dieser Passion waltet der Eros als allmächtige Sprach-Kraft, die sich an einem Buchstabenklang, dem Duft einer Blume, einem Allegro oder einem Gemälde von Pollock entzündet.

Und so wird auch in "fleurs" in widerständigen Gesten der Biologie mit einer Salve Zukunft getrotzt, denn das kann ja noch nicht "alles gewesen sein".

"ich will nicht ich kann nicht Ab- /
schied nehmen von mir, ...
lyrics oder lyrix : Titel für nächstes Buch."

Friederike Mayröcker: fleurs, Suhrkamp Verlag 2016, 151 Seiten, 24,99 Euro

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