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"Frühlings Erwachen" im Altersheim

MIt Frank Wedekinds "Frühlings Erwachen" ist vom Rock-Musical bis zum Fernsehspiel schon so manches gemacht worden, aber die wahre Aktualisierung stand ihm noch bevor: Das Drama des demografischen Wandels verlangt nach Ausdruck, und in Basel wurde er gefunden.

Von Christian Gampert |
    Die Jugend ist auch nicht mehr das, was sie mal war. Schlaff hängt sie rum, hat dubiose Projekte, zweifelt und jammert vor sich hin - völlig vergreist das alles. Die gängige Erkenntnis, dass Jugendliche schon sehr früh sehr alt sein können, haben der Basler Schauspieldirektor Elias Perrig und sein Dramaturg Ole Graf nun von der anderen Seite beleuchtet und Wedekinds "Frühlings Erwachen" ins Altersheim verlegt.

    Dabei kommt überraschenderweise heraus, dass die Probleme und Bedürfnisse, vor allem aber die Unsicherheiten alter Menschen denen von Jugendlichen ziemlich gleichen - und dass, auf der schrägen Ebene zum Tode hin, den Alten aber die Energie fehlt, aus den durchaus noch vorhandenen Sexualhormonen Witz oder wenigstens Tragik zu destillieren.

    In den gängigen Aktualisierungen von Wedekinds ziemlich abgespielter "Kindertragödie" kommt man um Girlie-Getue und die kreischenden Gitarren aus der Punk- und Grunge-Ecke kaum herum. Auch im fürsorglichen Basler Altersheim tönen die Lieder, schließlich will man fit bleiben. Es wird erstmal gemeinsam musiziert und Gymnastik gemacht.

    Das ist sozusagen die Schwundstufe der Wedekindschen Pubertäts-Rebellion: Das langsame Dahinsiechen inkontinenter Rentenempfänger, die euphemistisch Senioren genannt werden. Es kommt aber darauf an, sich auf das Ende des Lebens einmal einzulassen. Und siehe da: Pubertäts- und Senilitäts-Komplexe sind relativ austauschbar.

    "Empfindest du sie noch immer?", fragt Moritz Stiefel seinen Freund Melchior. Und er meint damit jene "männlichen Regungen", die auch im Alter quälend sein können, weil sie den eigenen Selbst- und Marktwert nun aus anderer Perspektive angehen, aus der Sicht desjenigen, der es nicht noch nicht, sondern wahrscheinlich nicht mehr so gut kann.

    Der Filmregisseur Andreas Dresen hat 2008 versucht, Alterssexualität zu "enttabuisieren" und das welke, aber noch willige Fleisch auf "Wolke 9" schweben zu lassen. Elias Perrig versucht in Basel etwas Ähnliches, allerdings unter weitestgehender Beibehaltung von Wedekinds Originaltext und mit einem großen Schuss Traurigkeit. Das Verblüffende ist, dass sich das Stück durchaus so lesen lässt: Auch im Altersheim lässt sich Wendla aus Neugier schlagen und geht mit Melchior naiv ins Bett, die missbrauchte Martha hält alle Missstände für normal, Hänschen Rilow sitzt im Rollstuhl und spielt mit Moritz und Melchior "Uno".

    Aus den Lehrerfiguren sind Ärzte und Pflegedienstleiter geworden, die die Alten ruhigstellen, und eine schöne Pointe ist es, dass das schwule Hänschen sich mit dem leitenden Arzt einlässt. Dass Moritz Stiefel sexuelle Leistungsprobleme hat, kann man ja noch verstehen; dass er sich im trägen Heimalltag auch intellektuell unter Druck fühlt, ist wenig glaubhaft - und nicht unbedingt Grund für einen Selbstmord.

    Die Umdefinition des Stücks zum Greisendrama erfordert noch weitere Umstellungen. Melchior Gablers Mutter ist in der Basler Version nun zu Melchiors Tochter geworden, die ihren Vater im Heim besucht und sich aufreizend breitbeinig vor die alten Herren setzt; später taucht sie als Variation von Wedekinds Groupie Ilse auf und rutscht dem verunsicherten alten Moritz halbnackt entgegen. Wendlas Schwangerschaft ist in Basel nur eine eingebildete - sie wird daraufhin wegen Demenz in die Pflegestation verlegt. Und Melchior ist zusammen mit seinem Freund Moritz schwer mit den Klassikern beschäftigt, auf dem dritten Bildungsweg sozusagen.

    Das Problem der Aufführung ist, dass sie das Tempo des Pflegeheims auf die Bühne überträgt. Die Ermüdungen des Alters aber sind auch dramaturgisch ermüdend. Gerade in dem Bemühen, alte Leute ernst zu nehmen, liegt die Schwäche der Regie: Die Aufführung ist gänzlich ironiefrei. Bejahrte Statisten schlurfen in Zeitlupe durch das genial sterile Bühnenbild von Beate Faßnacht; von Frühling keine Spur, nurmehr böses Erwachen. Und obwohl Nikola Weisse und besonders Jörg Schröder das späte Liebespaar Wendla und Melchior überzeugend spielen, wünscht man sich doch andauernd die Anarchie von Theresia Walsers "King Kongs Töchter" herbei. Bei der sarkastischen Walser wird ein Altersheim mörderisch aufgemischt; beim ernsthaften Elias Perrig aber bleibt nur die Erkenntnis, dass Altwerden wirklich keinen Spaß macht - trotz Riester-Rente und Pflegeversicherung.