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StartseiteWirtschaft und GesellschaftWeniger Zeit, mehr Effizienz06.01.2020

Führungskraft in TeilzeitWeniger Zeit, mehr Effizienz

Die Teilzeitbeschäftigung in Deutschland - darunter fällt eine Wochenarbeitszeit von höchstens 35 Stunden - hat in den vergangenen Jahren deutlich zugenommen. Führungskräfte in Teilzeit sind allerdings noch ein Randphänomen. Aber ist das wirklich unvereinbar?

Von Uschi Götz

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Eine Computertastatur, darüber liegt ein Schild mit der Aufschrift "Teilzeit" (imago / Steinbach)
Wer in Teilzeit führt, lernt zu priorisieren (imago / Steinbach)
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Was er früher in acht bis zehn Stunden vor Ort im Unternehmen gemacht hat, dafür braucht Martin Götz heute höchstens fünf Stunden. Der promovierte Ingenieur arbeitet als Führungskraft in Teilzeit. Er ist Projektleiter bei Marquardt.

Das weltweit aufgestellte Unternehmen hat seinen Stammsitz im ländlich gelegenen Rietheim-Weilheim nahe Rottweil. Hier werden Schalter entwickelt und produziert. Seit er in Teilzeit arbeitet muss sich Götz seine Zeit genau einteilen – dazu gehört auch, er geht nicht mehr zu jedem Meeting.

"Da muss man dann auch wirklich Nein sagen. Das macht jetzt jemand anders, da nehme ich jetzt halt nicht teil, weil es eben in der Priorität nicht so wichtig ist."

25 Stunden die Woche, das reicht

Die Herzkammer von Marquardt ist die Innovationsabteilung. Dort werden neue Produkte entwickelt und hier arbeitet Martin Götz, mindestens zehn Patente gehen auf ihn zurück. Sein Schreibtisch steht in einem Großraumbüro, oft ist er hier nicht anzutreffen.

"Also ich habe 25 Wochenstunden, dürften so 60 Prozent sein. Das heißt, ich arbeite immer vormittags und einen Nachmittag in der Woche."

Auch zwei Homeoffice-Tage gehören zu seinem Teilzeit-Modell. Für das Teilzeitmodell hat sich Götz nicht ganz freiwillig entschieden. Nach der Trennung von seiner früheren Frau konnte er sich mit ihr auf kein gemeinsames Betreuungsmodell für die Kinder einigen. 

"Und ja, irgendwann kam dann eben der Vorschlag von meiner Ex-Frau: Dann nimm sie doch ganz."

Teilzeit keine Selbstverständlichkeit

Seitdem zieht er fünf Kinder allein groß. Leicht sei es ihm nicht gefallen nach einer Verringerung der Arbeitszeit zu fragen, gibt der große, sportliche Mann zu:

"Ich bin einer von wenigen, es ist nicht üblich, das zu machen. Bei Männern schon zweimal nicht. Und da hatte ich so ein bisschen die Befürchtungen, ob das dann auch ernst genommen wird oder ob man mir da Steine in den Weg legt."

Das Gegenteil war der Fall, er erfuhr Unterstützung. Doch die Umstellung fiel dem Ingenieur trotzdem schwer:

"Am Anfang war ich extrem gestresst dadurch, weil ich gedacht habe, so von allen Seiten kommt vielleicht irgendwie Kritik. Oder die Kollegen kommen damit nicht klar. Aber mittlerweile fühle ich mich sehr wohl damit."

Arbeitswelt verändert sich generell

Das habe auch damit zu tun, dass sich die Arbeitswelt sowieso verändere. Als Projektleiter trage er zwar die Verantwortung, dies erfordere aber keine Dauerpräsenz: 

"Der Job ist nicht, jedem zu sagen heute machst du genau die Tätigkeit, und heute Abend musst Du mir das Ergebnis zeigen. Sondern ich gebe vor: Was will ich in ein, zwei Wochen haben? Was soll das Ergebnis sein?"

Arbeitgeber profitiert

Über 11.000 Mitarbeiter beschäftigt Marquardt weltweit. Martin Götz ist nicht die einzige Führungskraft in Teilzeit: Dies erfordere einen höheren organisatorischen Aufwand, sagt Unternehmenschef Harald Marquardt. Man überprüfe auch, welche Auswirkungen jeweilige Arbeitszeitmodelle haben: 

"Denn es ist auch eine Belastung in der Organisation für die Mitarbeiter. Und wir versuchen dann schon, wenn es nicht funktioniert, mehr beratend, ordnend einzugreifen."

Doch Marquards Erfahrungen sind eigentlich "extrem positiv. Seit wir Teilzeit anbieten, haben wir mit den Führungskräften, die dies wahrnehmen und dies natürlich auch im Wesentlichen aus persönlichen Gründen wahrnehmen, manchmal gar keine Alternative mehr haben insofern sehr gute Erfahrungen gemacht, als dass wir ihnen große Freiheitsgrade geben und diese Freiheitsgrade auch jetzt nicht gegen das Unternehmen genutzt werden, sondern auch für das Unternehmen."

Das bestätigt auch der Ingenieur Martin Götz. Die meisten Ideen kämen ihm Zuhause, sagt der Projektleiter aus der Innovationsabteilung:

"Es ist auch anstrengend, sich um Kinder zu kümmern, aber anders. Da spinne ich dann oft Ideen weiter. Gerade das Innovationsthema kommt da natürlich entgegen."

Den häufig bei Teilzeit beobachteten Karriere-Knick hat Martin Götz nicht erlebt. Klarer Nachteil des Teilzeitmodells sei natürlich der geringere Verdienst und die geringere Rente. Sobald die Kinder größer sind, will Martin Götz deshalb auch wieder Vollzeit arbeiten.

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