Donnerstag, 14.11.2019
 
Seit 02:10 Uhr Zur Diskussion
StartseiteEuropa heuteWandel einer Protestbewegung in gewohnt drastischer Wortwahl14.10.2019

Fünf-Sterne-BewegungWandel einer Protestbewegung in gewohnt drastischer Wortwahl

In Neapel haben Mitglieder und Unterstützer der Fünf-Sterne-Bewegung zwei Tage lang den zehnten Geburtstag der politischen Formation gefeiert. Von ihren Anfängen hat sich die Partei längst emanzipiert. Wie es weitergehen soll, ist umstritten.

Von Jörg Seisselberg

Hören Sie unsere Beiträge in der Dlf Audiothek
Beppe Grillo, der Anführer der "5-Sterne"-Bewegung, wirbt am 2. Dezember 2016 in Turin für ein "Nein" beim Referendum über eine Verfassungsreform in Italien. (dpa / picture alliance / ANSA / Alessandro Di Marco)
'Leckt mich!' - Der Gründer der Fünf-Sterne-Bewegung Beppe Grillo liebt die Provokation. (Hier bei einer Rede 2016 in Turin) (dpa / picture alliance / ANSA / Alessandro Di Marco)
Mehr zum Thema

Nach Streitigkeiten mit Salvini und Di Maio Macron reist zur Aussöhnung nach Rom

Regierungspartner für ein anderes Italien Was will die Fünf-Sterne-Bewegung?

Italienische Fünf-Sterne-Bewegung Aus Protest wird Partei

Vor der Europawahl Was Europas Populisten erfolgreich macht

Über 6.000 Anhänger sind nach Neapel gekommen, um Geburtstag zu feiern. Zehn Jahre haben der Fünf-Sterne-Bewegung gereicht, um politisch erwachsen zu werden. Radikal und kompromisslos präsentierte sich die Partei bei ihrer Geburt. Mittlerweile ist die Fünf-Sterne-Bewegung stärkste Regierungskraft und Koalitionen sind kein Teufelszeug mehr, sondern Mittel zum Zweck. Parteierfinder Beppe Grillo pries in seiner Geburtstagsrede die Kunst der politischen Veränderung.

"Wer sind wir? Es ist unnütz zu glauben, dass wir die gleiche Identität haben, wie vor zehn Jahren. So ist es nicht. Wir sind anders, wir sind innerlich anders. Und das ist ein Moment, den ihr als großartig wahrnehmen müsst."

Weder links noch rechts

Grillo selbst hatte seiner Partei vor Wochen taktische Flexibilität verordnet, als er sich dafür aussprach, Matteo Salvini von der rechten Lega als Koalitionspartner zu entsorgen und stattdessen ein Regierungsbündnis mit den ehemaligen Kommunisten des Partito Democratico, PD, einzugehen.

Der PD, der für Grillo und seine Fünf Sterne bis dahin der politische Hauptgegner war. Auf der Geburtstagsveranstaltung kritisierte der Übervater der Fünf-Sterne-Bewegung diejenigen, die sich schwertun, die politische Volte der vergangenen Wochen zu verdauen. Wie immer bei Grillo, in gewohnt drastischer Wortwahl.

"Und ich will nicht, dass ihr immer dableibt und immer sagt, PD, PD, PD. Diesmal sage ich: 'Leckt mich!' zu euch."

'Leckt mich', war der Slogan mit dem Grillo vor zehn Jahren das politische Establishment in Italien angegriffen und die Fünf-Sterne-Bewegung aus der Taufe gehoben hatte.

Die Debatte über die aktuelle politische Strategie der Fünf Sterne beherrschte in Neapel auch die Diskussionen am Rande. Außenminister Di Maio, als sogenannter "Capo politico" formeller Parteichef, betonte, die Fünf-Sterne-Bewegung bleibe eine post-ideologische Partei, für die die Kategorien links und rechts nicht mehr gelten würden. Wie Grillo machte auch Di Maio seine neue Wertschätzung für die Demokratische Partei deutlich. Gleichzeitig aber bremste der Außenminister bei Überlegungen, jetzt flächendeckend in Italien Wahlbündnisse mit dem PD einzugehen, nach dem Vorbild der anstehenden Regionalwahlen in Umbrien.

"Derzeit stehen weitere Bündnisse nicht auf der Tagesordnung – weder regionale Bündnisse und schon gar nicht Bündnisse landesweit."

Jubel für Premierminister Conte

Di Maio will der Fünf-Sterne-Bewegung taktische Beinfreiheit erhalten – und vor allem die innerparteiliche Opposition nicht vergrätzen. Der Anführer der internen Kritiker, der ehemalige Abgeordnete Alessandro Di Battista war den Geburtstagsfeierlichkeiten demonstrativ ferngeblieben.

Der aktuelle Star der Fünf-Sterne-Bewegung aber ist weder Grillo noch Di Maio – sondern Ministerpräsident Giuseppe Conte. Das wurde auch in Neapel deutlich, als Conte, offiziell gar nicht Mitglied der Partei, unter Jubel forderte, künftig mehr Steuerhinterzieher ins Gefängnis zu schicken. Da lag wieder etwas vom Gründergeist der Partei in der Luft. Einer Partei, die das Spiel mit populistischen Maximalforderungen nach wie vor beherrscht. Aber in den zehn Jahren ihres Bestehens auch taktische Geschmeidigkeit gelernt hat.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk