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StartseiteHintergrundFünf Sterne für Menschlichkeit und Freundlichkeit09.01.2010

Fünf Sterne für Menschlichkeit und Freundlichkeit

Sozialunternehmer zeigen Herz für die Schwachen der Gesellschaft

Soziale Unternehmer oder "social Entrepreneurs" sind der Überzeugung, dass Wirtschaft und "Gutes tun" kein Widerspruch sein müssen. Sie beschäftigen Menschen mit Behinderungen, die sonst vielleicht keine Arbeit - und damit menschliche und emotionale Bestätigung bekommen würden. Eine Reportage über Firmenchefs mit Mut zum Menschen.

Von Gisela Keuerleber

Im Rollstuhl zu sitzen heißt nicht, dass ein Mensch nicht produktiv ist - er braucht nur eine Chance. (Stock.XCHNG - Elizabeth Flores)
Im Rollstuhl zu sitzen heißt nicht, dass ein Mensch nicht produktiv ist - er braucht nur eine Chance. (Stock.XCHNG - Elizabeth Flores)
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"Herzlich willkommen in Detmold. Sie haben ein Zimmer bei uns bestellt.

Ja.

Zimmer Nummer 3. Sie gehen gerade durch."

Das Hotel Elisabeth in Detmold ist ein helles freundliches Haus, zehn Minuten vom Bahnhof gelegen, beliebt bei Geschäftsreisenden und Touristen. Sechzehn Zimmer, ein Tagungsraum und ein großzügiger Restaurantbereich, in dem die Gäste frühstücken.
Das Besondere an diesem Drei-Sterne-Haus sind seine Mitarbeiter. Ein Teil von ihnen ist behindert, so wie die stark seh-beeinträchtigte Birthe Hartwig, die nach dem Frühstück die Küche sauber macht:

"Ich wische jetzt gerade den Boden. Ich hatte heute Restaurant von sieben bis um halb zwei. Ich betreue die Gäste, dann räume ich die Spülmaschine ein, räume die Spülmaschine auch wieder aus, räume das Geschirr weg."

Die Gäste schätzen die individuelle Betreuung. Die behinderten Mitarbeiter lieben ihre Arbeit, sind hoch motiviert und professionell geschult. Und doch sind Sie nicht für alle Aufgaben gleich einsetzbar:
Der Hotelmanager Timo Witt.

"Sicher muss man Geduld mitbringen. Aufgaben, die neu anstehen, die neu gestaltet werden, müssen halt zwei bis vier Mal beschrieben werden, damit die Umsetzung auch klappt."

Das Hotel Elisabeth ist ein Sozialunternehmen, das integrative Arbeitsplätze anbietet. Das heißt: Neun Menschen, die normalerweise in einer Werkstatt für Behinderte tätig sein würden, arbeiten hier mit vier nicht behinderten Kollegen zusammen. Sie alle werden einheitlich nach Tarif bezahlt.

Das erste Hotel dieser Art eröffnete Anfang der 90er-Jahre in Hamburg. Weil das Konzept bei den Gästen gut ankommt, gibt es inzwischen vierzehn solcher Häuser in Deutschland.
Sie sind im Verbund der "Embrace-Hotels" zusammen geschlossen, das heißt es gibt eine gemeinsame und professionelle Außendarstellung sowie einen regelmäßigen Erfahrungsaustausch untereinander. Wirtschaftlich sind die einzelnen Hotels unabhängig. Die Initiative der Hotelgründungen ging in allen Städten stets von den Eltern der Behinderten aus, die für ihre Kinder einen regulären Arbeitsplatz suchten. So wie Richard Lesemann aus Detmold:

"Wir Eltern kommen alle aus der integrativen Bewegung, sodass wir dann im Laufe der schulischen Ausbildung unserer Kinder immer wieder versucht haben, Integrationsklassen zu besuchen oder andere Schulen zu finden, die ein anderes Begegnungspotenzial in sich hatten und natürlich waren wir dann, als die Schule zu Ende ging nicht damit zufrieden, sondern wir haben gesagt, es muss dort auch im Arbeitsbereich Möglichkeiten geben, diese Nahtstellen zwischen der Welt der Behinderten und der Nichtbehinderten weg zu bekommen oder zumindest ganz schwach zu halten, das heißt, wir haben eigentlich schon angefangen mit dem Kindergarten oder angefangen, als die Behinderung dann erkennbar wurde. Wir haben gesagt, wir müssen doch eine Umwelt schaffen, wo das möglich ist, was wir immer so positiv an den Kindern beobachtet haben."

Die behinderten Mitarbeiter arbeiten nur sechs Stunden am Tag. Jeder wird nach Fähigkeit und Belastbarkeit eingesetzt. Diejenigen, die aufgrund ihrer Behinderung nicht richtig sprechen können, machen den Zimmerservice. Zu ihnen gehört Harald, der mit Wucht den Staubsauger durch die Flure bugsiert.

Hinter dem Hotel steht der "Elternverein Stadthaus Detmold e.V."
Mit Hilfe von Stiftungsgeldern, eigenen Einlagen und günstigen Krediten konnten die Eltern den Hotelneubau vor fünf Jahren stemmen. Sie erhalten wie jeder Betrieb, der Behinderte beschäftigt, einen Zuschuss.
Ansonsten muss sich das Hotel dem Wettbewerb stellen. Das gelingt dem Unternehmen gut. Es ist zu über 80 Prozent ausgelastet. Ein beruhigendes Gefühl für die Eltern, die ihre behinderten Kinder hier gut aufgehoben wissen. Nicht ausgegrenzt, sondern mitten im Leben.

"Es ist einfach ein Stück Normalität, wie man so sagen könnte und es macht den meisten riesigen Spaß, ganz einfach mit den Gästen, die hier im Hause sind, umzugehen und für sie zu sorgen und sie so als ihre Gäste zu empfangen auch.""Fünf Sterne für Menschlichkeit und Freundlichkeit" bescheinigen die Gäste dem Hotel in Detmold. Und auch der Hotelmanager selbst war am Anfang von seinen Mitarbeitern überrascht.

""Was mich überrascht hat, ist die Herzlichkeit, die alle Mitarbeiter an den Tag legen, die soziale Kompetenz, die Loyalität dem Arbeitgeber gegenüber. Meine eigenen Wertvorstellungen haben sich verändert. Die Mitarbeiter sind sehr bodenständig und seitdem bin ich auch ein Stück bodenständiger geworden, was das Leben an sich angeht. Ich bin früher ein Karrierist gewesen, wollte hoch hinaus und hab manchmal vergessen, was es bedeutet, Freunde zu haben und das haben mir meine Mitarbeiter gezeigt und das habe ich gelernt."

Sozialunternehmen wie dieses bieten für ein ganz bestimmtes Problem eine maßgeschneiderte Lösung. Denn die Eltern hätten für ihre Kinder solche Arbeitsplätze nirgendwo gefunden. Fantasie, Ausdauer und Engagement der privaten Initiative haben zum Erfolg geführt. Dominik Enste vom Kölner Institut für Wirtschaft über die Bedeutung dieser Unternehmen.

"Sozialunternehmen können die bestehende Landschaft an Unternehmen in Deutschland ergänzen, sie können eine wichtige zusätzliche Funktion übernehmen an der Schnittstelle zwischen Staat und Wirtschaft. Weil wir erkennen, dass der Staat an manchen Bereichen überfordert ist, manche Dinge auch nicht genau so effizient, sprich genauso wirtschaftlich wie Privatpersonen erledigen kann. Insofern sind Sozialunternehmer eigentlich ein sehr schönes Beispiel, wie man quasi Markt auf der einen Seite und gutes Tun auf der anderen perfekt miteinander verbinden kann."

Die Integrationshotels sind Erfolggeschichten, die Schule machen. Dabei geht es darum, passgenaue Lösungen für gesellschaftliche Probleme zu finden. In Detmold wollten die Eltern ihre behinderten Kinder, die sich von klein an kennen, zusammen in einem Wohnhaus unterbringen. So hat die Elterninitiative beim Grundstückskauf gleich die Errichtung eines Wohntrakts für die Behinderten mitgeplant. Deren Arbeitsplätze sind nun direkt vor ihrer Tür.

"Wo seid ihr, wenn's zwei Mal geklingelt hat? - Ah, in der Klasse natürlich. Aber schnell."

Ein anderes Beispiel: Michael Stengers Privatschule in München. Ihr Name "Schlau-Schule", die Abkürzung für 'schulanaloger Unterricht für minderjährige unbegleitete Flüchtlinge´.

140 Schüler werden im ersten Stock eines unscheinbaren Gebäudes in der Nähe des Münchner Bahnhofs unterrichtet. Sie kommen aus der ganzen Welt: Tibet, Afghanistan, aus dem Irak, Bangladesh, Afrika. Die Schüler, zwischen 16 und 21 Jahre jung, sind oft auf abenteuerliche Weise ohne ihre Eltern in Deutschland gelandet. Weil hier mit 15 Jahren die Schulpflicht endet, ist ihnen die Hauptschule versperrt. Arbeiten dürfen sie im ersten Jahr ihres Aufenthaltes auch nicht.
Michael Stenger bereitet sie daher in seiner Schule auf den Hauptschulabschluss vor. Außerdem hilft er den jungen Flüchtlingen bei Behördengängen. So verhindert er, dass die jungen Menschen in ihrem neuen Leben abrutschen. Fast alle seine Schülerinnen und Schüler schaffen so den Hauptschulabschluss auf einem ganz speziellen Weg.
Danach bekommen sie Ausbildungsplätze oder Praktikumsstellen.
Stenger hat seine "Schlau-Schule" vor neun Jahren mit Unterstützung privater Stiftungen gegründet.

"Bei 'Schlau' lernen die Schüler Deutsch und alles, was sie für den bayerischen Hauptschulabschluss brauchen. Neben der Einhaltung klarer Regeln steht vor allem eines im Mittelpunkt: Also das Fach Nr. 1 ist 'Kopf hoch! Weiter so!' Weil viele mit einnem katastrophalen biografischen Rucksack hier landen. Schüler wie Tschöki aus Tibet sind aus Krisengebieten geflohen, hier in Deutschland kennen sie niemanden. 'Schlau' wird für sie zu einem neuen Zuhause."

"Normalerweise wir sind alleine. Niemand hat Eltern und so. Wenn wir kommen zusammen, wir sind wie Bruder und Schwester. Wir sind ganz freundlich, ja ganz gut."

Solche Sozialunternehmen wie die Schlauschule werden von der internationalen Non-Profit- Organisation Ashoka aufgespürt, vernetzt, beraten und unterstützt. Felix Oldenburg von Ashoka Deutschland.

"Ashoka fördert Sozialunternehmer in einer frühen Phase ihrer Entwicklung und das bedeutet: Wir geben ihnen drei Jahre lang ein Lebenshaltungsstipendium, das es ihnen erlaubt, sie auch verpflichtet, sich für drei Jahre auf ihre Idee zu konzentrieren, auf die Verwirklichung und Umsetzung ihrer Idee, aber sie bleiben Ashoka-Fellows ein Leben lang, das heißt, sie haben ein Leben lang Zugriff auf ein weltweites Netzwerk von gleichgesinnten Sozialunternehmern, vielleicht in eine vergleichbare Schule in Indien oder Peru."

Über 2000 sozial Engagierte hat Ashoka bisher unterstützt. Die Idee stammt aus den USA. Der Mc Kinsey-Berater Bill Drayton hat die Organisation vor dreißig Jahren gegründet. Ihr Ziel: social entrepreneurs, also Sozialunternehmer und ihre Ideen, zu unterstützen.

Erfolgreiche Sozialunternehmer sind in der Regel keine Sozialromantiker. Sie arbeiten wirtschaftlich und kennen die Regeln des Marktes. Ein wichtiges Kennzeichen: Sie bezahlen ihre Mitarbeiter angemessen. Beim Start helfen oft Spenden oder Stiftungsgelder, dann finanzieren sich die Unternehmen meist selber. Die Gewinne fließen entweder ganz oder teilweise zurück in die Betriebe. Dominik Enste vom Institut der Deutschen Wirtschaft.

"Wichtig ist auch, dass die Sozialunternehmen, dass sie auf Rendite nicht verzichten in dem Sinne, dass sie sagen, ich mach das Ganze, egal, was es kostet. Sondern dass sie schon im Blick haben, man versuchen sollte, soziale Dinge wirtschaftlich zu tun. Mit anderen Worten: Darauf schauen, dass am Ende etwas Geld übrig bleibt. Dann kann man es ja wieder für den guten Zweck investieren.
Insofern halte ich auch wenig davon, dass man das Ganze als Non-Profit-Organisation führt, also sagt, wir wollen keine Gewinne machen, sondern eher sagt, not for profit, das heißt das Ziel ist nicht der Gewinn, sondern etwas Gutes, Soziales zu tun. Aber wenn man ganz vergisst, dass das alles Geld kostet, bleibt man nicht lange am Markt bestehen und dann hat man nicht sehr lange Zeit etwas Gutes getan."

"Not for profit, sondern ein soziales Problem lösen".
Diese Devise gilt auch für den erfolgreichen Sozialunternehmer Friedrich Kiesinger in Berlin, Patenkind des früheren Bundeskanzlers Kurt Georg Kiesinger. Der Mittfünfziger wirkt mit seinen schulterlangen grauen Haaren, schwarzen Jeans und Cowboystiefeln wie ein Alt-68er und man könnte glauben, er wolle sich noch immer ein wenig absetzen von seinem konservativen Onkel, gegen den er schon als Schüler demonstriert hatte.
Aber der Schein trügt: Kiesinger ist nun ein erfolgreicher und stolzer Unternehmer. Er stellt neben gesunden und leistungsfähigen Mitarbeitern auch solche Menschen ein, die auf dem normalen Arbeitsmarkt keinen Job fänden: Langzeitarbeitslose, Lernbehinderte, psychisch Kranke. Von den 130 Mitarbeitern haben 20 Prozent ein Handicap.

"Man nennt es Sozialunternehmer, weil wir soziale Problemstellungen wirtschaftlich angehen wollen. Also die Firma verdient ihr Geld in verschiedenen Sparten, das heißt, wir haben einen Maler- und Ausbaubereich. Wir haben einen Facility-Bereich, also neudeutsch-altdeutsch einen Reinigungs- und Hausmeisterservice. Wir haben einen großen Cateringbereich, wir betreiben Restaurants, wir haben einen Bereich rund ums Alter, wo wir Wohnraumanpassung und Dienstleistungen für alte Menschen machen."

Friedrich Kiesinger hat ein Jurastudium ohne Abschluss und eines der Psychologie mit Diplom in der Tasche. Er ist im Sozialsektor ein Profi und weiß genau, wie man an Aufträge von Rathauskantinen, Studentenheimen oder Krankenhäusern kommt. Auch den Arbeitgeberverband oder den Daimlerkonzern beliefert sein Cateringunternehmen bei besonderen Anlässen. Die Idee, ein Sozialunternehmen zu gründen, hatte er bereits vor zehn Jahren. Der Psychologe musste dabei erfahren, dass Kranke und Langzeitarbeitslose so gut wie gar nicht zu vermitteln sind. Keine Firma wollte sie einstellen. Deshalb hat er sein eigenes Unternehmen gegründet, die Pegasus GmbH. Denn nach seiner festen Überzeugung ist ein richtiger Arbeitsplatz für die Menschen besser als jede Beschäftigungstherapie.

Hier im Ratskeller des Rathauses Reinickendorf ist Andreas Kern beschäftigt. Nach Jahren der Therapie konnte er endlich eine Ausbildung machen.

"Ich bin Fachkraft der Gastronomie und arbeite halt den Köchen zu, also Kartoffeln schälen, Soßen kochen, Braten, alles, was es so gibt in der Küche. Ja, ich brauch die Arbeit. Merkt man schon, wenn man mal krank ist, ein, zwei Wochen, da fehlt einem was."

Der 28-jährige Geselle arbeitet seit vier Jahren im Ratskeller Reinickendorf. Ein gediegenes Restaurant, in dem die Angestellten des Bezirksrathauses zu Mittag essen. Abends und während der Feiertage herrscht hier ebenfalls Hochbetrieb, dann werden á la Carte-Gerichte serviert. An der Wand hängt das Firmenschild des Sozialunternehmens Pegasus, das tagsüber im Service und in der Küche Mitarbeiter mit Handicaps beschäftigt.

Andreas ist psychisch krank. Er leidet an einer Psychose, ausgelöst durch früheren Drogenkonsum. Jetzt ist er stabil, muss aber täglich Medikamente nehmen. Sein Chef und Meister, Andreas Friedel.

"Also seine Medikamenteneinnahme, die er alle Stunden hat, die merkt man ihm auch an, da spürt man eine Leistungsminderung."

Das Küchenteam muss solche Leistungsdefizite auffangen. Genau das ist die Philosophie bei Pegasus.

"Psychisch Kranke sind nicht so stressresistent wie wir Gesunden. Da muss man auch ein bisschen Rücksicht drauf nehmen. Ich hab den Herrn Kern ausgebildet. Der hat bei mir gelernt, dass er erst drei Tage drei Stunden, dann fünf Tage drei Stunden, später haben wir ihn hochgesetzt, um eine 40-Stunden–Kraft aus ihm zu machen. Er hat seine Ausbildung geschafft, er hat alle seine Prüfungen im ersten Durchgang bestanden. Da waren wir superstolz drauf. Da steckt viel Mühe und Ausdauer und Fleiß dahinter und auch viel Verständnis."

Das Ziel von Pegasus ist nicht, eine möglichst hohe Rendite zu erwirtschaften, sondern für Menschen, die nur eingeschränkt leistungsfähig sind, einen sicheren Arbeitsplatz zu schaffen. Und doch muss das Unternehmen wirtschaftlich handeln, um im Markt bestehen zu können.
Der Chef, Friedrich Kiesinger, versteht sich als "social entrepreneur" und möchte unabhängig von staatlichen Fördermitteln und Kostenträgern arbeiten. Denn das - so fürchtet er – bedeute Auflagen und bürokratische Genehmigungswege, die letztlich auf Kosten der Flexibilität gehen.

Der Begriff des "social Entrepreneur" ist in den 60er-Jahren im angelsächsischen Sprachraum entstanden.
Er steht für das Engagement und die Initiative, mit denen sich ein Unternehmer der Problemlösung sozialer Aufgaben zuwendet – ohne jegliche staatliche Unterstützung.

Das Berliner Unternehmen Pegasus macht zwischen drei und vier Millionen Umsatz jährlich.

"Der Gewinn verbleibt in der Firma, weil wir immer wieder Bereiche haben, die defizitär werden. Wir haben gerade einen Auftrag verloren, da ging es um die Belieferung von Studentenkantinen. Der Auftrag ist an einen Unternehmer gegangen, der günstiger liefern kann und bundesweit aufgestellt ist und Schwups war ein Auftrag von 300.000 Euro verloren. Da hängen viele Arbeitsstellen dran, und da wir nicht betriebsbedingt kündigen wollen, brauchen wir einen Puffer wie jedes normale Unternehmen und so lassen wir die Gewinne im Unternehmen drin."

Der Unternehmer Kiesinger kennt also die Risiken und Gefahren des Wettbewerbs wie jeder andere Betrieb. Geriete Pegasus in Gefahr, nicht mehr wirtschaftlich zu arbeiten, hätte der Psychologe Kiesinger ein Problem. Denn der weiß, dass seine Patienten, sobald es ihnen besser geht, das "richtige Leben" brauchen:

""Ich denke, dass die Anerkennung größer ist. Ich werde nicht nur von gleich Betroffenen anerkannt. Ich hab ein anderes Modelllernen, völlig verschiedene Typen von Menschen, von Charakteren, sind in der echten Arbeitswelt. Unsere Leute kriegen einfach die Anerkennung, die normale richtig gute Arbeit produziert. Das können kein Therapeut und kein Sozialmilieu in dieser Form geben.""

Friedrich Kiesinger zeigt mit seinem Unternehmen, dass beides geht: sich am Markt behaupten und soziale Ziele nicht aus den Augen verlieren. Aber wird der Staat durch dieses persönliche Engagement nicht aus seiner Verantwortung entlassen, Lösungen für solche Probleme bereitzustellen?

Schon vor Jahren hat die Diskussion um die Lebensmittel-Tafeln die Frage aufgeworfen: Welche Aufgaben sollen und dürfen Privatpersonen übernehmen, ohne den Wohlfahrtsstaat überflüssig zu machen?

Soziale Unternehmer oder "social Entrepreneurs" sind der Überzeugung, dass Wirtschaft und "Gutes tun" kein Widerspruch sein müssen. Soziale Probleme können ihrer Ansicht nach auf ökonomische Weise um ein Vielfaches effizienter und schneller gelöst werden als durch staatliche oder karitative Initiativen. In Zeiten der Krise machen solche Ansätze Mut.

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