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FußballWird mit Videobeweis alles besser?

Ab der kommenden Bundesliga-Saison ist es so weit: Dann hilft der Video-Assistent bei strittigen Schiedsrichter-Entscheidungen. Das neue Verfahren verspricht weniger Fehlentscheidungen - verlangt aber auch Fingerspitzengefühl.

Von Olivia Gerstenberger | 12.02.2017

Ein Video-Schiedsrichter beobachtet in den Niederlanden das Spiel zwischen Ajax und Willem II.
In den Niederlanden gibt es ihn schon: den Video-Schiedsrichter. Ab der kommenden Saison kommt er auch in die Bundesliga - gerade läuft die Testphase. (ANP/AFP/Jerry Lampen)
Es war die klarste Fehlentscheidung der Bundesliga-Hinrunde: RB Leipzig gegen Schalke, Elfmeter in der ersten Minute - nach einer Schwalbe des Leipzigers Timo Werner.
"Nach Studium der Fernsehbilder muss man eingestehen, dass es ein Fehler war und dass es keinen Strafstoß hätte geben dürfen für RB Leipzig", musste Schiedsrichter Bastian Dankert im Anschluss an die Partie einräumen. Aus seiner Perspektive hatte Dankert nicht sehen können, dass der Schalker Torwart Ralph Fährmann seinen Gegenspieler Werner gar nicht berührte. Schwer zu akzeptieren für Schalke-Trainer Markus Weinzierl:
"Es war eine klare Schwalbe, was der Spieler nicht nötig hat. Aber wenn er es dann schon macht und dem Schiedsrichter sagt, dass er nicht gefoult wurde und trotzdem den Elfmeter bekommt, entzieht sich das meinen Verständnismöglichkeiten. Und noch dazu, wenn das ganze Stadion es sieht, aber die anderen drei Schiedsrichter nicht. Da muss man ihm helfen, wenn er so einen Wahrnehmungsfehler hat."
Bald hilft der Video-Assistent
Ab der kommenden Saison werden Nachfragen bei betroffenen Spielern obsolet. Denn dann kann ein Schiedsrichter mit seinem Video-Assistenten Rücksprache halten. Der sitzt vor zwei Splitscreen-Monitoren in einem Büro in Köln und kann ebenfalls sofort mit dem Offiziellen im Stadion Kontakt aufnehmen. Wer das endgültige Sagen hat, ist aber klar:
"Der Video-Assistent ist nicht für die Spielleitung verantwortlich. Er ist ein weiterer Assistent des Schiedsrichters. Wenn man so will, ist er der dritte Assistent neben dem Vierten Offiziellen. Er soll den Schiedsrichter genauso unterstützen, wie es ein Assistent von der Seitenlinie aus tut, wobei ihm bestimmte Kategorien vorgegeben sind, bei denen es möglicherweise einen Eingriff geben kann", erklärt Hellmut Krug. Der ehemalige deutsche FIFA-Schiedsrichter ist Projektleiter Video-Assistent beim Deutschen Fußball-Bund und der Deutschen Fußball Liga und verspricht: Fehlentscheidungen wie im Fall Timo Werner wird es ab kommender Saison nicht mehr geben.
Das hat zwei weitere Nebeneffekte, so Krug: "Wenn es gelingt, klare Fehlentscheidungen zu vermeiden, dann wird es automatisch gerechter werden und es trägt dazu bei, dass ein Teil des Drucks von den Schiedsrichtern genommen wird, weil sie wissen, da ist jemand im Hintergrund, der kann ihnen möglicherweise dabei helfen, eine klare Fehlentscheidung zu vermeiden."
Fußball-Nostalgiker sind alarmiert
Gerechtere Spiele? Bessere Schiedsrichter? Fußball-Nostalgiker sind alarmiert. Worüber lässt sich denn dann noch streiten und diskutieren? Und - wohin führt das Ganze noch? Erst die Einführung der Torlinientechnologie, jetzt der Videobeweis, der womöglich auch noch zu vielen Unterbrechungen führen wird - wird dem Fußball die Emotion und das Menschliche genommen?
Die schon laufende "stille" Offline-Testphase bei vier Spielen pro Wochenende hat ergeben, dass es im Schnitt nur ein bis sechs Situationen gibt pro Partie, in der Schiedsrichter und Video-Assistenten miteinander sprechen - und nur ein bis zwei Situationen pro Wochenende, in denen es tatsächlich zu einem Umstimmen käme. Dieses könnte allerdings im Extremfall durchaus zu massiven Protesten führen - weiß auch Hellmut Krug:
"Natürlich - wenn auf der anderen Seite für Mannschaft A hätte ein Strafstoß gegeben werden müssen, Mannschaft B ein Tor erzielt und dann wird das Tor aberkannt von B, weil Mannschaft A einen Strafstoßpfiff hätte bekommen müssen, dann wird es sicherlich unruhig werden. Aber wir sollten das Szenario nicht überzeichnen."
Fingerspitzengefühl gefragt
Der Video-Assistent darf nur in vier Situationen helfen: Torerzielung, Elfmetersituation, Spielerverwechslung und Platzverweis. Und: Es gibt keine Challenge, also keine Möglichkeit der Mannschaften, einen Videobeweis zu fordern. Dennoch bleibt die Frage: Wie weit darf und sollte der Video-Assistent "zurückspulen" und lässt sich eine (Fehl)-Entscheidung noch zurückverfolgen? 10 Sekunden? 30? Da ist Fingerspitzengefühl gefragt bei den Beteiligten, zudem auch ein sensibler Umgang mit den Bildern, sagt auch Projektleiter Hellmut Krug.
"Schiedsrichter müssen sich daran gewöhnen, dass sie Standbild und Zeitlupe in sinnvoller Art und Weise einsetzen. Wenn ich das übertrieben einsetze, gerade wenn es darum geht, eine Personalstrafe festzulegen, ohne zu berücksichtigen, was insgesamt passiert ist, ohne das Normaltempo zu berücksichtigen, kann es sein, dass ich zu schnell zu einer Roten Karte greife und die Personalstrafe schlichtweg nicht stimmt."
Bis der Assistent in Köln eine Entscheidung getroffen hat, dauert es nach den Erfahrungen im Testbetrieb zehn bis maximal 40 Sekunden. Hat der Schiedsrichter Zweifel, kann er sich sogar die Szene am Spielfeldrand selbst anschauen. Das bekämen dann auch die Fans mit.
Anlass zu Diskussionen wird es zu Beginn wohl auch mit dem Videoschiedsrichter geben. Dann nicht mehr wegen der Entscheidung an sich, aber wegen der Art und Weise wie der Videoschiedsrichter in das Spiel eingegriffen hat.