Freitag, 23.08.2019
 
Seit 18:10 Uhr Informationen am Abend
StartseiteUmwelt und VerbraucherGermanwatch kritisiert Lücken bei der Antibiotika-Erfassung22.07.2019

FuttermittelindustrieGermanwatch kritisiert Lücken bei der Antibiotika-Erfassung

Um Antibiotika-Resistenzen zu vermeiden, müssten alle Medikamente-Lieferungen etwa an die Futtermittel-Branche erfasst werden, forderte Reinhild Benning von der Umweltorganisation Germanwatch im Dlf. Hier gebe es große Lücken. Die Verantwortung dafür liege bei der Politik, nicht bei den Landwirten.

Reinhild Benning im Gespräch mit Jule Reimer

Hören Sie unsere Beiträge in der Dlf Audiothek
Viele weiße Hühner mit roten Kamm und Kehllappen in der Nahaufnahme, (picture alliance / dpa / Tierärztliche Hochschule Hannover / Sonja von Brethorst)
Der Tierschutz in den Ställen muss so verbessert werden, dass die Tiere gesund bleiben und geringen Bedarf an Antibiotika haben, meint Reinhild Benning von Germanwatch (picture alliance / dpa / Tierärztliche Hochschule Hannover / Sonja von Brethorst)
Mehr zum Thema

Leben mit resistenten Keimen Die Unbesiegbaren

Immunsystem Darm-Bakterien schützen vor Lebensmittelallergien

Wasser im Test Die kostengünstige Lösung aus dem Hahn

Jule Reimer: In deutschen Ställen werden zu viele Antibiotika eingesetzt und zwar auch solche, die dringend für die Menschen reserviert werden sollten, denn mit dem breiten Einsatz bilden sich auch immer mehr Resistenzen gegen diese Heilmittel. Um die Mengen in der Tierhaltung zu reduzieren, hatte das Bundeslandwirtschaftsministerium nach langem Zögern 2014 ein nationales Antibiotika-Minimierungskonzept für Masttiere eingeführt, und vor einem Monat stellte Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner die Ergebnisse für die Jahre 2014 bis 2017 vor. Demnach ist der Gesamteinsatz, die Gesamtmenge um gut ein Drittel gesunken, aber bei Masthühnern und Mastputen blieb der Einsatz von Antibiotika fast unverändert.

Jetzt muss die Geflügelbranche dem Bundeslandwirtschaftsministerium binnen zweier Monate eine Strategie zur Minderung des Einsatzes vorlegen, unter anderem auch, weil sie sehr viel Reserveantibiotika, also Antibiotika einsetzen, die eigentlich für Menschen reserviert bleiben sollten. Reinhild Benning von der Nichtregierungsorganisation Germanwatch, ist das jetzt der richtige Weg?

Reinhild Benning: Aus meiner Sicht ist das nicht der richtige Weg, denn die Bundesministerin und der Herr Bundesminister vom Gesundheitsministerium übertragen die Verantwortung an die Wirtschaft, die uns in die Misere geritten hat, und der Bock ist bekanntlich nicht der beste Gärtner.

"Bessere Zucht mit weniger Hochleistung, bessere Haltung"

Reimer: Wird denn tatsächlich bisher wirklich alles erfasst, was den Tieren gegeben wird?

Benning: Nein, bedauerlicherweise gibt es große Lücken bei der Erfassung. So wird erfasst, wie viel Antibiotika deutsche Pharmaunternehmen an Tierärzte in Deutschland abgeben pro Jahr, und diese Summe, diese Tonnage an Antibiotika wird auch bekanntgegeben. Nicht erfasst wird aber die Abgabe von Pharmaunternehmen an die Futtermittelindustrie. Da die Geflügelwirtschaft große eigene Futterwerke bewirtschaftet, ist davon auszugehen, dass diese Erfassungslücke möglicherweise genutzt werden würde, wenn die Geflügelindustrie selbst Lösungen vorschlagen soll. Zum Zweiten werden nicht erfasst: importierte Antibiotika etwa aus Nachbarländern, den Niederlanden oder Belgien.

Reimer: Was würden Sie dagegen tun?

Benning: Aus meiner Sicht muss das Problem an der Wurzel angefasst werden, und das bedeutet, der Tierschutz in den Ställen müsste so weit verbessert werden Richtung besserer Zucht mit weniger Hochleistung, bessere Haltung mit deutlich mehr Platz, etwa doppelt so viel Platz wie heute, angemessenes artgerechtes Futter, um den Tieren zu ermöglichen, gesund zu bleiben, um einen geringeren Bedarf an Antibiotika zu haben. Zum Zweiten müssten Erfassungslücken geschlossen werden, und hier sind die angesprochenen Punkte besonders wichtig. Der Einsatz bei den Tieren müsste erfasst werden und nicht nur die Abgabe bei der Pharmaindustrie.

"Verantwortung liegt überhaupt nicht bei den Landwirten"

Reimer: Aber soweit ich weiß, müssen die Landwirte ja ein Stallbuch führen, also die Gabe von Antibiotika dokumentieren.

Benning: Richtig. Die Verantwortung liegt überhaupt nicht bei den Landwirten, sondern liegt jetzt bei der Politik. Die Landwirte tragen schon jeden Antibiotikaeinsatz ein, nur noch nicht digital, und das ist nicht verständlich in einer Zeit, wo das Ministerium sehr viel von Digitalisierung und dem Segen der Digitalisierung spricht. Warum werden diese Angaben noch immer nicht digitalisiert und von Behörden ausgewertet? Denn dann hätten wir auch eine Plausibilitätsprüfung, ob die Abgabemenge der Pharmaindustrie übereinstimmt mit dem Einsatz im Stall.

Reimer: Ist es sinnvoll, dass die Antibiotika weiterhin auch prophylaktisch gegeben werden können?

Benning: Da wird ein Einsatzmenge beim Tier nicht kennen, die Zahlen dazu nicht kennen, kann ich dazu keine richtige Lösung, keine richtige Antwort geben. Auch das würde sich mit der Schließung der Erfassungslücken deutlich klären lassen. Aber es geht ja nicht nur um Klärung, es geht um den Schutz der menschlichen und auch der tierischen Gesundheit, und das kann nur mit einer Verbesserung des Tierschutzes erzielt werden.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk