Speicher nur halb voll
Wenn beim Gas die Reserve fehlt

Deutschlands Gasspeicher sind deutlich schlechter gefüllt als geplant. Die Bundesregierung setzt auf den Markt. Doch Experten warnen vor einem Szenario, das den Winter teurer und schwieriger machen könnte.

    Silberne Industrie-Rohrleitungen mit Ventilen und gebogenen Verbindungsstücken vor einem bewölkten Himmel
    Der Erdgasspeicher Bierwang in Bayern kann in einer Stunde so viel Gas ins Netz pumpen, wie mehr als 120.000 Einfamilienhäuser an einem Tag verbrauchen (picture alliance / Sven Simon / Frank Hoermann )
    Jahrelang galten gut gefüllte Gasspeicher als zentrale Versicherung gegen Engpässe im Winter. Doch genau dieses Polster fällt in diesem Jahr deutlich kleiner aus als geplant. Ob das trotzdem reicht, entscheidet sich nicht nur in Deutschland, sondern auch auf den globalen Gasmärkten.

    Inhalt

    Gasspeicher in Deutschland: Speicherstände niedriger als geplant

    Deutschlands knapp 50 Gasspeicher sind vor dem Winter deutlich leerer als geplant: Aktuell sind sie nur zu knapp 50 Prozent gefüllt. Vor einem Jahr lag der Füllstand noch bei 65 Prozent. Das Ziel von 70 Prozent bis November halten Experten für kaum noch erreichbar.
    Eine direkte Gasmangellage bedeutet der niedrige Speicherstand jedoch noch nicht. Seit dem 1. Juli 2025 gilt in Deutschland zwar die Frühwarnstufe Gas, das bedeutet aber lediglich erhöhte Wachsamkeit. Entscheidend ist, wie sich weitere Faktoren entwickeln: die geopolitische Lage, Gasimporte, Preise und Wetterbedingungen im Winter. Das Bundeswirtschaftsministerium betont, die Gasversorgung sei stabil und die Versorgungssicherheit gewährleistet.
    Energieexperten warnen allerdings, dass ein kalter Winter in Kombination mit weiteren Lieferproblemen die Lage verschärfen könnte. Der Energieexperte Andreas Schröder vom Analysehaus ICIS spricht deshalb von einer „Marktrisikolage: Wenn aber mehrere Faktoren zusammenkommen, dann kann es wirklich brenzlig werden.“

    Warum Deutschlands Gasspeicher nicht schneller gefüllt werden

    Der Grund für die niedrigen Speicherstände liegt vor allem in der veränderten Situation auf dem Gasmarkt. Normalerweise kaufen Unternehmen im Sommer günstiges Gas und verkaufen es im Winter teurer - bei höherer Nachfrage. Dieses Geschäftsmodell funktioniert derzeit nicht mehr zuverlässig.
    Internationale Krisen wie der Iran-Krieg und damit die Sperrung der Straße von Hormus und die hohe Nachfrage auf den Weltmärkten, vor allem in Asien, haben die Gaspreise nach oben getrieben. Gas kostet laut Andreas Schröder derzeit mehr als 60 Euro je Megawattstunde und liegt damit deutlich über den üblichen Sommerpreisen. Händler warten deshalb teilweise mit dem Einspeichern. Zudem gilt es als möglich, dass einige Marktteilnehmer auf einen späteren staatlichen Eingriff setzen.
    Der Wirtschaftswissenschaftler Mario Liebensteiner von der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg erklärt: „Die typischen Preismuster, wie wir sie früher hatten, die gibt es jetzt nicht mehr.“ Die geopolitische Lage mache es schwieriger zu entscheiden, wann Gas gekauft und gespeichert werden sollte.

    Gasversorgung im Winter: Bedeutung der Speicher in Süddeutschland

    Die Speicher sind eine wichtige Reserve für Zeiten mit hohem Verbrauch oder Lieferproblemen. Vor allem an kalten Wintertagen können sie große Mengen Gas kurzfristig ins Netz bringen. Frank Dietzsch vom Deutschen Verein des Gas- und Wasserfaches betont, Speicher seien wichtig, um „in Höchstlast-Situationen reagieren zu können und die Systemstabilität aufrechtzuerhalten“.
    Die Bedeutung der Speicher zeigt sich besonders im Süden Deutschlands. Am Speicher Bierwang in Bayern können pro Stunde bis zu 1,2 Millionen Kubikmeter Gas ausgespeichert werden. Damit können an einem Wintertag mehr als 120.000 Einfamilienhäuser versorgt werden.
    Gerade für Süddeutschland spielen solche Speicher eine besondere Rolle, weil die LNG-Terminals überwiegend im Norden liegen. Flüssiggas, das in deutschen Häfen ankommt, muss zunächst über weite Strecken durch das Leitungsnetz transportiert werden. Regionale Speicher können dagegen unmittelbar große Mengen Gas bereitstellen, Lastspitzen ausgleichen und so die Versorgung stabilisieren.

    LNG in Deutschland: Mehr Importkapazitäten, neue Abhängigkeiten

    Seit dem Ausfall russischer Pipeline-Lieferungen hat Deutschland seine Gasversorgung neu organisiert. Eine wichtige Rolle spielt Flüssiggas, kurz LNG. Die Bundesregierung verweist auf zusätzliche LNG-Terminals und höhere Importkapazitäten, unter anderem durch das neue Terminal in Stade. Dadurch kann Gas flexibler importiert werden als noch vor einigen Jahren.
    Gleichzeitig entstehen dadurch neue Abhängigkeiten. Rund 95 Prozent des in deutschen Häfen angelandeten LNG stammen derzeit aus den USA. Politiker und Energieexperten warnen deshalb, dass die Abhängigkeit von russischen Pipeline-Lieferungen teilweise durch neue Abhängigkeiten vom internationalen LNG-Markt und einzelnen Lieferländern ersetzt werden könnte.

    Nationale Gasreserve: So will die Bundesregierung vorsorgen

    Die Bundesregierung setzt derzeit vor allem auf den Markt und appelliert an Unternehmen, mehr Gas einzuspeichern. Gleichzeitig hat sie für kommendes Jahr den Aufbau einer nationalen Gasreserve angekündigt. Sie soll bei plötzlichen Importausfällen oder schweren Störungen helfen.
    Der Deutsche Verein des Gas- und Wasserfaches (DVGW) begrüßt den Aufbau der Reserve. Sie sei sehr sinnvoll und notwendig, wenn auch nicht die Lösung aller Probleme, sagt Frank Dietzsch. Versorgungssicherheit hänge letztlich weiter von ausreichenden Importen, leistungsfähigen Netzen und genügend Speicherkapazitäten ab.
    Die geplante Gasreserve soll rund 24 Milliarden Kilowattstunden umfassen – etwa zehn Prozent der deutschen Speicherkapazität. Damit könnte Deutschland rund zehn Tage lang versorgt werden. Noch offen ist, in welchen Speichern das Gas gelagert werden soll und wie die Reserve finanziert wird. Klar ist: Für den kommenden Winter steht sie noch nicht bereit.

    Onlineartikel: Olivia Gerstenberger / Quellen: Deutschlandfunk