Ölpreisschock durch Irankrieg
Was die Freigabe der strategischen Ölreserve bewirken kann

Hohe Spritpreise könnten nur der Anfang sein. Der Ölpreisschock infolge des Kriegs in Iran könnte die deutsche Wirtschaft insgesamt empfindlich treffen. Deswegen gibt Deutschland einen Teil seiner nationalen Ölreserven frei. Ein wirkungsvolles Mittel?

    Industrieanlagen und Schornsteine der Mineralölraffinerie Oberrhein (MiRO) sind im Gegenlicht zu sehen.
    Die Mineralölraffinerie Oberrhein: Die Preise für Rohöl steigen, Engpässe gibt es aber noch nicht. (picture alliance / dpa / Marijan Murat)
    Der Krieg der USA und Israels im Iran treibt die Ölpreise in die Höhe. Kaum ein Schiff kann die Straße von Hormus passieren, durch die ein Fünftel des weltweiten Ölhandels läuft. Angriffe auf Frachter und hohe Versicherungsprämien haben die Schifffahrt in der Meerenge nahezu zum Erliegen gebracht. Zudem hat der Iran Raffinerien in Bahrain und Saudi-Arabien angegriffen.
    „Es gibt jetzt im Moment noch keine kurzfristigen Engpässe“, sagt Andreas Goldthau, Experte für internationale Energiepolitik an der Universität Erfurt. „Aber mittel- und langfristig werden die Märkte weiter darauf reagieren, dass aus dem Golf kein Öl kommt – und das treibt unweigerlich den Preis.“
    Deutschland gibt deswegen einen Teil seiner nationalen Ölreserven frei. Auch andere Länder vermelden Freigaben aus ihren Ölreserven, etwa Japan und Österreich. Was kann ein solcher Schritt bewirken - und was bedeuten hohe Ölpreise überhaupt für Deutschlands Wirtschaft und für die Verbraucher?

    Inhalt

    So funktioniert die nationale Ölreserve

    Diese strategische Ölreserve ist ein staatlich vorgeschriebener Vorrat an Rohöl und Mineralölprodukten, der in Krisen die Versorgung sichern soll und den Preisanstieg einschränken kann.
    Seit den 1970er-Jahren müssen Mineralölunternehmen in Deutschland genug Vorräte lagern, um mindestens 90 Tage ohne neue Importe auszukommen.
    Diese Pflicht geht auf die erste Ölkrise infolge des Jom-Kippur-Kriegs (1973) zurück. Wegen der Ölkrise unterzeichneten westliche Industrienationen 1974 das internationale Energieprogramm, aus dem später die Internationale Energieagentur entstand. In Europa gilt seit 2013 für die 28 EU-Länder eine Bevorratungspflicht auf Grundlage der Beschlüsse der Energieagentur.
    Überwacht wird die Reserve vom Erdölbevorratungsverband (EBV). Eingelagert werden Rohöl und Erdölerzeugnisse wie Benzin, Dieselkraftstoff oder Heizöl. 
    Über die Freigabe von Erdölreserven wird politisch entschieden. Koordiniert wird sie von der Internationalen Energieagentur. Denn die Aktivierung der Reserven kann eine große Marktwirkung entfalten und muss deswegen international abgestimmt werden.

    Deutschland hat die Ölreserve schon fünfmal genutzt – mit Erfolg

    Deutschland hat bislang fünfmal auf die strategische Reserve zurückgegriffen. Während des Golfkriegs 1990/91 oder nach den Hurrikans Katrina und Rita im Jahr 2005 beispielsweise. Auch nach dem Angriff Russlands auf die Ukraine 2022 wurden Teile der nationalen Reserve freigegeben.
    Die historischen Einsätze werden überwiegend positiv bewertet, weil sie temporäre Engpässe abfedern und Märkte beruhigen konnten. Frank Umbach – Forschungsleiter des Europäischen Cluster für Klima-, Energie- und Ressourcensicherheit (EUCERS) – weist jedoch darauf hin, dass der Effekt meist kurzfristig bleibt.

    So könnte Deutschland sich außerdem gegen Ölpreisschocks wappnen

    Bundesfinanzminister Lars Klingbeil macht für die Preissteigerungen an den Zapfsäulen nicht nur den Krieg in Nahost verantwortlich – sondern auch die Mineralölkonzerne selbst. „Wir sehen, dass eine Preistreiberei stattfindet, dass die aktuelle geopolitische Situation ausgenutzt wird, um die eigenen Gewinne nach oben zu schrauben“, sagte er. Deswegen fordert er kartellrechtliche Untersuchungen.
    Außerdem sollen Tankstellen in Deutschland nur noch einmal am Tag ihre Spritpreise erhöhen dürfen. Dieses Modell wolle die Bundesregierung so rasch wie möglich einführen, sagte Wirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU). Solche Maßnahmen könnten kurzfristige Preisspitzen abfedern.
    Schon jetzt bezieht Deutschland nur rund sechs Prozent seines Rohöls aus Nahost und setzt stattdessen auf Importe aus anderen Ländern wie beispielsweise Norwegen. Eine solche Diversifizierung ist ein wichtiger Schutzfaktor gegen krisenbedingte Preisschocks. Letztendlich könnten aber vor allem der Ausbau erneuerbarer Energien, verbesserte Energieeffizienz und alternative Antriebe helfen, Deutschland unabhängiger von fossiler Energie zu machen. 

    Was der steigende Ölpreis für Verbraucher und die deutsche Wirtschaft bedeutet

    Auch wenn der Krieg im Nahen Osten noch länger anhalten sollte, würden die Ölvorräte international noch lange vorhalten, sagt der Chefvolkswirt der Commerzbank Jörg Krämer. „Rein rechnerisch würden die ausreichen, eine Schließung der Straße von Hormus ein Jahr lang zu kompensieren.“
    Doch durch Krisensituation steigen die Ölpreise am Weltmarkt und das könnte die deutsche Wirtschaft mehr als empfindlich treffen. 
    Viele Industrieunternehmen in Deutschland sind von Öl abhängig. Die hohen Ölpreise schlagen sich also bei den Energie- und Transportkosten nieder und betreffen außerdem Branchen, die Öl als Rohstoff nutzen – wie beispielsweise die pharmazeutische oder chemische Industrie, die Verpackungs- oder Baustoffindustrie.
    Wegen der höheren Inflation würde die Kaufkraft der Konsumenten zurückgehen, die Gewinne der Unternehmen sinken. 

    Redaktionell empfohlener externer Inhalt

    Mit Aktivierung des Schalters (Blau) werden externe Inhalte angezeigt und personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt. Deutschlandradio hat darauf keinen Einfluss. Näheres dazu lesen Sie in unserer Datenschutzerklärung. Sie können die Anzeige und die damit verbundene Datenübermittlung mit dem Schalter (Grau) jederzeit wieder deaktivieren.

    Auch auf den Börsenhandel hat der Krieg Auswirkungen: In Asien stürzten Kurse um bis zu sieben Prozent ab. Auch der DAX verlor mehr als drei Prozent: eine indirekte Belastung für Sparer und die Gesamtwirtschaft.
    Die Folgen für Autofahrer zeigen sich jetzt bereits deutlich: An den Zapfsäulen stiegen die Preise für Diesel und Benzin zwischenzeitlich deutlich über zwei Euro. Auch die Preise für Heizöl stiegen.

    Onlinetext: Leila Knüppel