Small Modular Reactors
Die neue Atomhoffnung auf dem Prüfstand

Kernenergie massenhaft und kostengünstig – das ist das Versprechen hinter Small Modular Reactors. Können kleine Reaktoren aus Serienfertigung wirklich das Energieproblem lösen? Was dafür spricht und was dagegen.

    Zwei chinesische Männer und eine Frau tragen gelbe Sicherheitshelme und inspizieren silber-graue Kessel-Konstruktionen und Rohre.
    Der Small Modular Reactor Linglong One aus China. Bislang ist er noch nicht am Netz. (picture alliance / Xinhua News Agency / Liu Kun)
    Europa steht unter Druck. Klimawandel und Kriege machen den Abschied von fossilen Energien dringlich. Gleichzeitig lassen neue Technologien wie die KI mit ihren gigantischen Rechenzentren den Stromverbrauch explodieren.
    Abhilfe soll eine bestimmte Art von Kernkraftwerken schaffen: die Small Modular Reactors (SMR). Zwar sind sie bislang kaum mehr als ein Konzept auf dem Papier, trotzdem macht sich in der Nuklearbranche bereits Goldgräberstimmung breit – nach Jahrzehnten des Niedergangs. Hintergrund: Die EU will mit Risikoabsicherung und Fördergeldern die Investitionen ankurbeln.

    Inhalt

    Small Modular Reactors: Das steckt dahinter

    Wie der Name verrät, sind Small Modular Reactors (SMR) kleine Kernreaktoren – gefertigt aus Modulen. Meistens handelt es sich dabei um traditionelle Leichtwasserreaktoren (allerdings im verkleinerten Format), die nicht mehr als 300 Megawatt jährliche Leistung haben sollen.
    Die Technologie dahinter beschreibt Simon Middleburgh, Professor für Nuklearwissenschaft, als eher simpel, „aus den 1960er-Jahren, nur in einer modernen Variante.“

    Das zentrale Verkaufsargument hinter den SMR: Die Fertigung soll durch spezialisierte Unternehmen erfolgen, die die einzelnen Bestandteile des Reaktors in Serie herstellen – und damit kostengünstig. Denkbar sind beispielsweise Fabriken, die auf Reaktordruckbehälter spezialisiert sind, weitere, die nur Dampfturbinen herstellen und wieder andere für Steuerstäbe.

    Dieses Ziel verfolgt die EU mit den kleinen Reaktoren

    Laut einer EU-Prognose sollen bis zum Jahr 2050 mindestens 17.000 Megawatt mit SMR erzeugt und ins deutsche Stromnetz eingespeist werden – idealerweise sogar 53.000 Megawatt.  
    Deswegen möchte die EU-Kommission die Entwicklung von modularen Kernreaktoren erleichtern und die Investitionsbereitschaft der Industrie erhöhen. Konkret soll das Risiko privater Investoren mit bis zu 200 Millionen Euro abgesichert werden.

    Günstige Kernkraft und Fernwärme – mögliche Vorteile der SMR

    Wird Kernkraft durch die in Serie gefertigten Reaktoren wirklich günstiger? Das ist zumindest eines der Hauptargumente der SMR-Befürworter.
    Alexander Wimmers widerspricht dieser Annahme. Der Forscher der TU Berlin hat zusammen mit seinem Team mehrere umfassende Studien zu SMR erstellt und sagt: „Pro Kraftwerk werden die Kosten sicherlich geringer sein als bei einem 1,5-Gigawatt-Kraftwerk. Aber pro Leistung, spezifisch oder pro erzeugte Energie werden sie trotzdem teurer sein als diese hochkapazitären Kraftwerke, die wiederum teurer sind als alles andere, was wir zur Verfügung haben. Wesentlich teurer insbesondere als Erneuerbare mit Speicher.“
    Damit sich der Einstieg in die Massenproduktion überhaupt lohnt, braucht es immense Stückzahlen. Hunderte bis Tausende, schätzt Wimmers. „Und es setzt aber dann auch voraus, dass genau diese Reaktoren vom gleichen Typ, am gleichen Standort, ohne Nachlizenzierung von den gleichen Leuten gebaut würden. Wenn man die üblichen Methoden, mit denen man solche Technologieanalysen macht, verwendet, dann sieht das nicht so gut aus für die SMR aus einer ökonomischen Perspektive.“
    Kerntechnik-Ingenieur Ľubomír Sklenka von der TU Prag sieht jedoch noch andere Vorteile der SMR-Technologie. So könne ein Nukleargelände aufgrund der Mini-Reaktoren kleiner ausfallen als sonst üblich. Dadurch verkürze sich auch der vorgeschriebene Abstand zu den Wohnorten.
    Der Fachmann verweist zudem auf einen zusätzlichen möglichen Pluspunkt: „SMR können ja nicht nur Strom, sondern auch Wärme produzieren. Sie können in Industrieanlagen eingesetzt werden, aber sie eignen sich auch als Heizkraftwerke.“

    Kritik an SMR heißt auch Kritik an Kernkraft

    Längst nicht alle glauben an die Zukunftstechnologie kleiner modularer Reaktoren. Denn insgesamt ist der Anteil der Kernkraft am europäischen Energiemix im Sinkflug: Privatinvestoren investieren nicht, Versicherungsunternehmen versichern nicht – und Energieversorgern ist Atomstrom generell zu teuer.
    SMR-Anlagen seien zudem nicht langzeiterprobt, kritisiert Dagmar Röhrlich. Einen weiteren Kritikpunkt sieht die Wissenschaftsjournalistin in der großen Menge kleiner Reaktoren. „Mehr Einheiten bedeuten mehr Schnittstellen, mehr mögliche Störungen – und potenziell mehr Angriffspunkte für Sabotage oder Terror, vor allem bei verteilten Standorten.“
    Über alldem schweben die altbekannten Probleme: Atommüll, Unfall- und Gesundheitsrisiken, Verbreitung von atomwaffenfähigem Kernmaterial.

    Blick in die Zukunft der SMR-Technologie

    Selbst bis zum Jahr 2050 nur das Mindestziel der EU zu erreichen – 17.000 Megawatt jährliche SMR-Kapazität – ist in den Augen von Alexander Wimmers ein äußerst ambitioniertes Ziel. Bei Kraftwerken mit 300 Megawatt entspricht das 57 Reaktoren. „Ja, das ist viel“, sagt der Forscher mit dem Fachgebiet Wirtschaftsinfrastrukturpolitik.
    Zudem seien SMR-Reaktoren in Europa bislang noch nicht lizensiert. Wimmers: „Bei Kernkraftwerken generell oder Atomenergie generell ist Sicherheit das allerhöchste Gebot. Sobald irgendwas schiefgeht, ist die komplette Industrie dahin.“
    Im SMR-Hype, befürchten Kritiker, könnten außerdem die schnell umsetzbaren Methoden der Energiewende ins Hintertreffen geraten: Wind- und Solarzubau, Batteriespeicher, Wärmepumpen sowie der Lastenausgleich in internationalen Stromnetzen.

    Recherche: Andrea Rehmsmeier; Online-Text: Jan-Martin Altgeld