Kritische Infrastruktur
Großstädte müssen für Stromausfälle gewappnet sein

Keine Heizung, kein Mobilfunk, keine Kühlung im Supermarkt: In Großstädten droht ohne Strom Chaos. Doch es gibt Möglichkeiten, wie sich Städte wappnen können, um auch mehrere Tage ohne zentrale Stromversorgung gut zu überstehen.

    Im Bürgersaal vom Bezirksamt Zehlendorf sind Feldbetten aufgebaut.
    Beim Stromausfall in Berlin lief wenig reibungslos, Experten sagen, dass Krisenszenarien geübt werden sollten. (picture alliance / dpa / Christophe Gateau)
    Samstag, der 3. Januar 2026: Im Südwesten Berlins fallen ab 5:44 Uhr nacheinander zehn Mittelspannungs- und fünf Hochspannungskabel aus. Innerhalb von 40 Minuten sind 45.000 Wohnungen und Häuser sowie etwa 2200 Unternehmen ohne Strom und Heizung. Selbst die Notknöpfe in Altenheimen funktionieren nicht. Es ist der größte Stromausfall in der Berliner Nachkriegsgeschichte. Ursache ist ein Brandanschlag auf eine Kabelbrücke über den Teltowkanal. Der Stromausfall hat vor Augen geführt, wie verletzlich die Infrastruktur in Großstädten ist und dass viele Städte auf solche Krisen nicht angemessen vorbereitet sind.

    Inhalt

    Das hat beim Blackout in Berlin nicht gut funktioniert

    Ein zentrales Problem war die mangelhafte Kommunikation. Vom zuständigen Berliner Bezirk Steglitz-Zehlendorf war am ersten Tag des Blackouts nichts zu erfahren. Weder war jemand telefonisch erreichbar, noch gab es Informationen auf der Website – obwohl das Rathaus Zehlendorf gar nicht vom Stromausfall betroffen war.
    „Das war ein großer Fehler“, meint Philipp Cachée, Katastrophenschützer und Dozent an der Berliner Hochschule für Wirtschaft und Recht. „Gibt es keine Informationen, entstehen Fake News, entsteht Unruhe, entsteht eine große Gefahr für die öffentliche Sicherheit und Ordnung.“
    In Berlin ist zudem das Mobilfunknetz schnell zusammengebrochen, sodass Warnmeldungen nicht mehr ankommen konnten. Über das System „Cell Broadcast“ hätte eigentlich auf allen Smartphones in der Region eine Warnung ankommen sollen.
    Der Zivil- und Katastrophenschutz gilt bundesweit als unzureichend, in Berlin ist die Lage jedoch besonders kritisch. Nach einem Stromausfall im Berliner Südosten im September 2025 hat der Landesrechnungshof die Strukturen untersucht und ein vernichtendes Zeugnis ausgestellt.

    Statt gemeinschaftlicher Anstrengungen, Berlin gegenüber den Auswirkungen von Katastrophen widerstandsfähiger zu machen, streiten die Katastrophenschutzbehörden vielfach um Verantwortlichkeiten und Ressourcen.

    Jahresbericht 2025 des Rechnungshofs von Berlin
    Berlin hat also im Vergleich zu anderen Großstädten noch einige weitere Baustellen. Doch auch deutschlandweit gibt es Handlungsbedarf.

    So können Stromausfälle verhindert werden

    Beim Stromausfall in Berlin hatten die Täter leichtes Spiel: Die Hochspannungskabel waren gut sichtbar über eine Brücke verlegt. Man müsse kritische Infrastruktur anders planen, sagt Manuel Atug von der AG KRITIS, einem Thinktank zum Schutz der kritischen Infrastruktur.

    Das kann man eben verhindern, indem man eine sogenannte Geo-Redundanz nutzt, sprich, zwei verschiedene Brücken. Oder wenn man es noch sicherer machen will, dann unterirdisch unter dem Fluss her verlegen. Da ist es eher unwahrscheinlich, dass jemand einfach drankommt.

    Manuel Atug von der AG KRITIS
    Wo Energieinfrastruktur offen sichtbar sei, müsse sie besser geschützt werden, sagt Jutta Hanson, Professorin für Elektrische Energieversorgung. Zäune und Überwachungstechnik könnten helfen.

    Geheimhaltung birgt Risiken

    Es gibt nun auch politische Forderungen, Informationen über die Infrastruktur stärker geheim zu halten. Ein kürzlich verabschiedeter Gesetzentwurf schränkt den Datenschutz und das Recht auf Akteneinsicht ein. Außerdem werden das bislang liberale Informationsfreiheitsgesetz und die Open-Data-Regelungen künftig restriktiver gehandhabt. Details zur öffentlichen Infrastruktur sollen nicht mehr von jedem sofort online einsehbar sein.
    Transparenz dürfe nicht zu lasten der Sicherheit gehen, argumentierte Berlins Bürgermeister, Kai Wegner, dazu im Parlament. Die Opposition in Berlin widerspricht: Es gebe bereits ausreichend rechtliche Mittel, um sicherheitsrelevante Informationen geheim zu halten. Auch der Experte für kritische Infrastruktur Manuel Atug warnt:

    Der Vorwand, mit dem das gemacht wird, das sei Schutz kritischer Infrastruktur, das ist eine bodenlose Frechheit. Das wird keinen Schutz kritischer Infrastruktur bringen, aber es wird Demokratie abbauen. Es wird Transparenz abbauen, die wir brauchen.

    Manuel Atug von der AG KRITIS
    Den Zugang zu Informationen zu beschränken, gefährde die Infrastruktur sogar. Atug nennt ein Beispiel: Täglich würden Bagger bei Bauarbeiten versehentlich Stromkabel durchtrennen, Glasfaser-, Wärme,- oder Wasserleitungen beschädigen. All diese Kabel und Leitungen seien transparent dokumentiert und online abrufbar. Sollten diese Informationen künftig nicht sofort verfügbar sein, erschwere dies die Reparaturen.

    Das braucht es, damit ein Stromausfall nicht zu Chaos führt

    Kritische Infrastruktur könne nicht zu 100 Prozent abgesichert werden, davon ist der Katastrophenschützer Philipp Cachée überzeugt. Wichtiger sei es, dass mögliche Angriffe keine weitreichenden Konsequenzen hätten. Das verstehe man auch unter dem Begriff Resilienz:
    Das bedeutet, mein Feind weiß: Er kann uns das Wasser abschalten, es juckt uns fünf oder zehn Tage einfach nicht. Dann ist es kein interessantes Ziel mehr. Das gleiche gilt für die Unterbrechung von Lieferketten in der Lebensmittelversorgung, Pharmaversorgung und so weiter. Wenn der Gegner weiß, er kann uns damit nichts anhaben, weil wir trotzdem weiter durchhalten, dann ist das eben der Part der zivilen Verteidigung. Und da sind wir noch lange nicht.
    Resilienz hieße demnach: Das Stromnetz fällt aus, doch die Stadt funktioniert weiterhin.

    Notfälle müssen trainiert werden.

    Damit Behörden und Katastrophenschützer im Notfall handlungsfähig bleiben, müssen sie die entsprechenden Einsatzpläne miteinander abstimmen und trainieren, sagt der Soziologe Ortwin Renn vom Forschungsinstitut für Nachhaltigkeit in Potsdam. Vor allem die Kooperation über Sektoren hinweg sei immer wieder als Schwachstelle erkennbar.

    Notstromversorgung für den Mobilfunk

    Damit auch bei einem Stromausfall noch Informationen auf Smartphones ankommen, könnten Mobilfunkmasten mit einer Notstromversorgung ausgestattet sein. Dies könnte durch eine zweite, also redundante Stromleitung, ein Dieselaggregat oder Solarpaneele erfolgen.
    Dazu sollten die Anbieter bundesweit verpflichtet werden, meint Manuel Atug. In der Schweiz ist das bereits umgesetzt. Ab 2031 müssen Schweizer Mobilfunkbetreiber eine Notstromversorgung vorhalten. Notrufe, Telefonie und Internet müssen mindestens vier Stunden lang verfügbar bleiben. „Das brauchen wir definitiv auch in Deutschland“, sagt Atug.
    Berlins Wirtschaftssenatorin Franziska Giffey spricht sich hingegen gegen eine solch strenge gesetzliche Verpflichtung aus, da diese mit unzumutbar hohen Kosten für die Mobilfunkbetreiber verbunden sei. Im Krisen- und Katastrophenfall sei eine Basisversorgung wichtig, Notrufe müssten weiter funktionieren.

    Dezentrale Stromerzeugung als Absicherung

    Auch der Einsatz von erneuerbaren Energien könnte zukünftig zur Resilienz beitragen, erläutert Florian Steinke, Professor für Energieinformationsnetze und -systeme. Man könne mit lokaler Solarenergie nicht ganz Berlin versorgen, aber einzelne kritische Bereiche könnten damit abgesichert werden. Entscheidend sei, dass die PV-Anlagen dann da sind, wo im Notfall der Strom gefragt ist. Batteriespeicher könnten die absichernde Wirkung von Solarenergie stärken.

    Notstrom: Ein relevantes Thema für jedes Unternehmen

    Der Berliner Blackout hat noch einmal deutlich gezeigt, wie wichtig Konzepte für eine Notstromversorgung sind. Die betroffenen Krankenhäuser hatten vorgesorgt – sie sind dazu gesetzlich verpflichtet. Pflegeheime allerdings nicht. Nach einem Bericht des MDR verfügt nicht einmal jeder dritte Supermarkt über eine Notstromversorgung. Auch Bankfilialen, Cafés oder Handwerksbetriebe sind meist nicht vorbereitet, rüsten aber jetzt nach.
    Unternehmen wollen sich so vor wirtschaftlichen Schäden schützen. Im September 2025 hatte ein Brandanschlag für einen dreitägigen Blackout im Technologiezentrum in Adlershof gesorgt, in dem 36.000 Menschen in 1300 Unternehmen und 18 Forschungseinrichtungen arbeiten und studieren. Ronald Sillmann, der Geschäftsführer des Zentrums, schätzt den Schaden auf 30 bis 70 Millionen Euro. Er berichtet, dass sich viele Unternehmen absichern wollen und dafür verschiedene Szenarien durchspielen.

    Auch jeder Einzelne kann sich vorbereiten

    Der Blackout im Südwesten Berlins hat gezeigt, wer zu Hause vorbereitet war und wer nicht. Kerzen, Feuerzeuge, ein Campingkocher und ein Kurbelradio können dabei helfen, besser durch Zeiten ohne Strom zu kommen. Achtung: Auch Öl- und Gasheizungen funktionieren nicht ohne Strom! Im Notfall kann eine Wärmflasche in Kombination mit einem Campingkocher Abhilfe schaffen.
    Das Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe empfiehlt, dass sich Menschen möglichst für zehn Tage selbst versorgen können sollten. Auch ein Vorrat für drei Tage sei aber bereits hilfreich. Das Bundesamt bietet auch einen Ratgeber und eine Checkliste online an.

    Onlinetext: Tobias Pastoors