Montag, 06. Dezember 2021

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Gauck in GriechenlandNeue Diskussion um Kriegsreparationen

Bundespräsident Joachim Gauck wird in Griechenland Opfern von Weltkriegs-Massakern der Nazis gedenken. Der Besuch entfacht in Griechenland die Diskussion um Kriegsreparaturen neu. Seit 1946 sind Reparationsforderungen an Deutschland offen.

Von Rodothea Seralidou | 05.03.2014

"Wir sehen hier Zeichnungen und Namen, die die Gefangenen in die Wand geritzt hatten. Sie wollten damit ein Zeichen setzen, dass sie hier gewesen sind. Hier zum Beispiel, hier steht der Name 'Eleftherios Psounis aus Kesariani'. Er war einer der Widerstandskämpfer, die dann hingerichtet wurden."
Der Historiker Menelaos Charalambidis zeigt auf die Wände des Luftschutzkellers der griechischen Versicherungsgesellschaft "Ethniki Asfalistiki". Das mehrstöckige Gebäude im Athener Zentrum wurde während der Besatzung von den Nazis beschlagnahmt. In den oberen Etagen ließ sich die Kommandantur nieder, der Luftschutzkeller im Untergeschoss diente als vorübergehendes Gefängnis für die festgenommenen Widerstandskämpfer.
"In den vier Jahren der deutschen Besatzung wurden rund 35.000 bis 40.000 Athener hierher gebracht. Sie wurden hier verhört, viele wurden danach zur Gestapo gebracht, wo sie oft bis zum Tod gefoltert wurden. Deshalb gilt der Ort als ein Symbol für das Leid der Athener Bevölkerung unter den Besatzern."
Rechtswissenschaftler: Reparationsforderungen juristisch durchsetzbar
In der kollektiven Erinnerung der Griechen sei die "Katochi", wie die Besatzung auf griechisch heißt, immer noch eines der dunkelsten Kapitel der deutsch-griechischen Geschichte, sagt Charalambidis.
Stelios Perrakis, Professor für internationales Recht an der Athener Pantion-Universität, setzt sich schon seit zwei Jahrzehnten für die Reparationsforderungen gegen Deutschland ein. Er ist davon überzeugt, dass diese nicht nur moralisch gerechtfertigt, sondern auch juristisch durchsetzbar seien.
"Das Argument von deutscher Seite, dass es mehr als 60 Jahre nach dem Krieg keine Wiedergutmachung geben kann, ist lächerlich. Leider denken die Deutschen, nur weil wir jetzt wirtschaftliche Probleme haben, wollen wir plötzlich Entschädigungen. Die Reparationsforderungen sind aber seit der Pariser Friedenskonferenz von 1946 offen."
Mit dem Londoner Schuldenabkommen von 1953 seien sowieso die Forderungen nach Kriegsreparationen bis zum Abschluss eines Friedensvertrages auf Eis gelegt worden, so der Rechtsprofessor. Erst mit der Wiedervereinigung Deutschlands und dem "Zwei-plus-Vier-Vertrag" von 1990, der anstatt eines Friedensvertrages unterzeichnet wurde, könne Griechenland wieder Reparationsansprüche stellen.
Das sieht auch der Geschichtsprofessor Hagen Fleischer so. Trotzdem glaubt er nicht, dass Deutschland für die Schäden, die durch die Nazi-Besatzung entstanden, aufkommen werde. Griechenland solle sich vielmehr auf eine ganz konkrete Forderung konzentrieren:
"Weil ganz gleich, welche Partei in Deutschland regiert, sie wird keine Reparationen zahlen. Denn wenn sie an Griechenland zahlt, dann kommen andere Länder und wollen auch. Die griechische Regierung müsste einseitig von dieser Forderung zurücktreten, unter der Bedingung, dass über den Besatzungskredit verhandelt wird. Das Absurde ist: Das Naziregime hatte diese Schuld anerkannt. Die demokratischen Nachkriegsregierungen aber weigern, sich auch nur darüber zu verhandeln."
Parlament will Forderungen vorantreiben
1942 musste die griechische Zentralbank der Deutschen Reichsbank ihre kompletten Devisenreserven abtreten - dieser Zwangskredit wurde nie zurückgezahlt.
1945 hätten die Deutschen selber die Schulden auf 476 Millionen Reichsmark berechnet, ohne die Zinsen seien das rund sechs bis sieben Milliarden Euro, sagt Fleischer. Schon mit dem niedrigsten Zinssatz käme man heute locker auf über 100 Milliarden Euro. Zwar habe die griechische Regierung offiziell noch keine Rückzahlung des Zwangskredits gefordert, doch das könnte sich ändern:
"Die Regierung will das nicht, sie ist ziemlich sicher, dass die deutsche Haltung absolute Ablehnung sein wird. Möglicherweise wird aber der innenpolitische Druck so groß, dass sie nicht anders kann."
Tatsächlich hat sich erst vor Kurzem im griechischen Parlament eine interparteiliche Kommission gebildet, mit der Aufgabe, die Forderungen voranzutreiben.
Für den Historiker Menelaos Charalambidis ist es wichtig, dass die Debatte rund um die Schäden, die die Nazis in Griechenland anrichteten, ohne Fanatismus und Hassgefühle geführt wird.
"Die Kriegsreparationen dürfen nicht als Racheaktion gesehen werden. Die Deutschen müssen erfahren, wie sehr die anderen Völker unter den Nazis gelitten haben. Es ist ein Teil unserer europäischen Geschichte, und die darf nicht in Vergessenheit geraten."