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StartseiteInformationen am MorgenDie Folter und die Folgen19.11.2018

Gefängnisse in RusslandDie Folter und die Folgen

Das russische Gefängnissystem ist berüchtigt. Regelmäßig gibt es Berichte über Misshandlungen und Folter. Neu ist aber, dass auch Videos von Folter an die Öffentlichkeit gelangen. Die Bilder hätten etwas geändert, sagt eine Menschenrechtsanwältin.

Von Thielko Grieß

Gefängnis in Russland (dpa/Krasilnikov Stanislav)
Gefängnis in Russland (dpa/Krasilnikov Stanislav)
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Russland Ein Foltervideo sorgt für Diskussionen

Gefängniswärter verdrehen dem Gefangenen die Arme. Sie schlagen mit Knüppeln und Fäusten auf seine nackten Füße, schütten Wasser über seinen Kopf, entblößen sein Gesäß, beschimpfen ihn.

Der Gefangene, Jewgenij Makarow, der wegen einer Gewalttat einsitzt, kann den Folterern nicht entkommen. In einem kahlen Raum mit blassgrünen Wänden liegt er auf einem Tisch. Mehr als ein Dutzend Justizbeamte und Spezialkräfte beteiligen sich. Ihre Gesichter sind zu erkennen. 15 von ihnen sind inzwischen festgenommen worden. Das ist in Russland ungewöhnlich.

Ein Laptop spielt das Video ab, er steht in einem Gerichtssaal in Jaroslawl. Darüber beugen sich ein Richter und ein Rechtsanwalt. Dieses Gericht hier ist für das Gebiet Jaroslawl zuständig. In dieser Region liegt auch die Strafkolonie, aus der das Video stammt.

"Noch Schlimmeres angetan"

Der Anwalt vertritt einen festgenommenen Justizbeamten, Sipan Mamojan, und will für ihn erreichen, dass er aus der Untersuchungshaft entlassen oder unter Hausarrest gestellt wird. Sein Mandant habe sich nicht aktiv an der Folter beteiligt.

Das Interessante: Der mutmaßliche Täter befindet sich nicht persönlich im Gerichtssaal, sondern ist per Videoschalte auf einem Bildschirm zu sehen. Er trägt einen grauen Sportpullover und sitzt hinter Gitterstäben. Während im Gerichtssaal das Video läuft, auf dem auch er im Kreis der übrigen Folterer zu beobachten ist, gibt er sich desinteressiert, spielt mit einem Papierkügelchen, schaut weg.

Wenige Meter vom Laptop entfernt sitzt Ruslan Wachapow in der Zuschauerbank. Er bemüht sich, das Video nicht anzuschauen, das minutenlang zeigt, wie sein früherer Mithäftling Makarow gefoltert wird.

"Wie Jewgenij zusammengeschlagen wurde, habe ich nicht gesehen. Aber ich habe nebenan in einer Zelle gesessen und alles mitgehört. Sie haben sich dieses Video gerade zehn Minuten lang angeschaut. Wie geht es Ihnen nun? Ich habe das alles 40 Minuten lang gehört und nicht nur einmal. Ich kenne einen weiteren Mann, der noch brutaler zusammengeschlagen wurde. Ihm wurde noch Schlimmeres angetan."

Zugeschlagen bei der Durchsuchung

Wachapow saß fünfeinhalb Jahre in Haft, weil er am Straßenrand gepinkelt und dies Kinder gesehen hatten. Er ist ein Mann von fast zwei Metern Größe, muskulös, mit breitem Kreuz. "Als wenn laute Musik anstellt wird, kommen entweder die Spezialkräfte und verprügeln alle, oder schlagen einen Einzelnen. Ich wurde hauptsächlich von Spezialkräften geschlagen. Alle sechs Monate gab es Durchsuchungen, und sie haben zugeschlagen."

Die beiden Gefolterten sind vor kurzem entlassen worden, ganz regulär nach Ende ihrer Haftzeit.

"Wollen Sie etwas sagen?", fragt der Richter den zugeschalteten Beamten. Der antwortet, das Gericht möge den Argumenten seines Anwalts folgen. Dann zieht sich der Richter zurück. Seine Entscheidung darüber, ob der Beamte unter Auflagen aus der U-Haft kommt, fällt er in einigen Minuten.

Anfang November wurde eine Umfrage veröffentlicht: Zwei Drittel der Russen haben von dem Foltervideo noch nichts gehört, obwohl es im Netz steht und seine Echtheit unbestritten ist. Aber es fehlt, wie oft bei solchen Themen, die dem Staatsapparat nicht gefallen, die Öffentlichkeit.

Die Staatsmedien berichten kaum, und wenn, dann spielen sie die Sache herunter. Aber dies ist kein Einzelfall, wie glaubwürdige Opferanwälte wissen.

Hatte es früher schon oft Beschwerden über Folter in russischen Haftanstalten gegeben, so sind sie fast immer an der Mauer des Schweigens des Gefängnispersonals gescheitert. Aber nun gibt es ein Video, das sich nicht mehr abstreiten und beschweigen lässt. Veröffentlicht hat die Aufnahmen die Zeitung Nowaja Gasjeta.

Die Bilder hätten inzwischen etwas geändert, meint Anwältin Irina Birjukowa von der Menschenrechtsorganisation "Public Verdict". Früher seien praktisch nie Ermittlungen eingeleitet worden. "Nachdem das Video veröffentlicht wurde, begannen sie innerhalb von fünf Stunden mit den Ermittlungen. In mehr als 13 Jahren meiner Arbeit ist das Rekord." 

In den berüchtigten Strafkolonien der Region werde nun weniger geprügelt. Das Video stammt von einer Kamera auf der Uniform eines Beamten. Die tragen solche Geräte, die ständig mitfilmen, in Strafkolonien verpflichtend. Nur wie die Aufnahmen öffentlich werden konnten, ist und bleibt geheim. Aus gutem Grund: Die Anwältin weiß aus eigener Erfahrung, dass gefährlich lebt, wer sich für Menschenrechte einsetzt.

Drohungen gegen Opferanwältin

Auch sie wurde bedroht und setzte sich deshalb mit ihrer Tochter für zwei Monate ins Ausland ab. Zurückgekehrt ist sie, erzählt sie, weil sie die Gefangenen nicht im Stich lassen wollte, die sich ihr anvertraut hätten. Gefangene wie Ruslan Wachapow.

Der wusste frühzeitig, dass es Pläne gab, das Video zu veröffentlichen. Dieses geheime Wissen half ihm, die Schläge der Wärter leichter zu ertragen - die wiederum noch nichts ahnten und sich unantastbar wähnten. "Bevor ich entlassen wurde, habe ich voller Vergnügen das Lied ‚Auf der Titanic‘ gesungen."

Altes hinter sich lassen, davonkommen, während die anderen versinken, darum geht es in diesem aktuellen russischen Hit, auf YouTube mehr als 18 Millionen Mal geklickt. Wachapow hat den Song am Tag seiner Entlassung im Zellentrakt gesungen. Und dann ist er  gegangen.

Im Gericht in Jaroslawl steht noch die Entscheidung des Richters aus: Darf der Beamte Mamojan auf Kaution aus der U-Haft kommen?

Nein, darf er nicht. Er bleibt hinter Gittern und wartet, wie 14 weitere Beschuldigte, auf sein Hauptverfahren. Derweil erhält die Opferanwältin, Irina Birjukowa, wegen der Drohungen gegen sie inzwischen staatlichen Personenschutz.

Und Ex-Häftling Wachapow arbeitet bei einer Organisation, die Gefangene unterstützt. Ihn haben die Wärter nicht gebrochen. Dagegen ringt der einstige Mithäftling Jewgenij Makarow, der im Video zu sehen ist, mit seiner Gesundheit. Auf einem Auge kann er kaum noch sehen.

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