Sonntag, 07. August 2022

Archiv

Gefahr am Bahnsteig
Psychologe: Angst hilft, die Welt zu ordnen

Nach den tödlichen Angriffen auf Reisende an Bahnhöfen in Frankfurt am Main und Voerde steige natürlich die Angst an öffentlichen Plätzen, sagte der Psychologie-Professor Werner Greve im Dlf. Angst sei aber nicht nur etwas Negatives, sie habe auch positive Seiten.

Werner Greve im Gespräch mit Michael Köhler | 04.08.2019

Trauer in Frankfurt am Main nach toedlicher Gleis-Attacke am Hauptbahnhof. Auf dem Bahnsteig liegen Blumen, Kerzen und Kuscheltiere.
Schreckliche Ereignisse machten den Menschen wieder bewusst, dass das Leben vergänglich sei, sagte der Psychologie-Professor Werner Greve im Dlf (picture alliance/dpa/HMB Media/Oliver Mueller)
Dass nach den Angriffen auf Menschen an Frankfurter Hauptbahnhof und im Bahnhof von Voerde (NRW) Menschen Angst verspürten, sei es verständlich, sagte Werner Gerve. "Wir brauchen für Sachen, die uns sehr betreffen könnten, die uns emotional angehen oder vielleicht sogar bedrohen oder anderweitig aufregen, eine Erklärung, damit die Welt geordnet und vorhersehbar bleibt."
Nur so hätten Menschen die Möglichkeit, sich zu der Situation "irgendwie zu verhalten". Angst habe aber auch positive Seiten, zum Beispiel indem sie uns dazu bringe, vorsichtiger zu sein und Risiken zu vermeiden. Letztendlich liege es an uns, ob und inwieweit wir Angst zuließen.
Menschen legen am Berliner Breitscheidplatz Blumen nieder, um an die Opfer des Anschlags vor zwei Jahren zu erinnern. 
Menschen legen am Berliner Breitscheidplatz Blumen nieder, um an die Opfer des Anschlags vor zwei Jahren zu erinnern. (dpa / Carsten Koall)
Absolute Sicherheit ist eine Illusion
Es sei auch normal, dass uns schreckliche Taten wie jene in Frankfurt oder der Anschlag am Breitscheidplatz in Berlin 2016 mehr belasteten als beispielsweise ein Autounfall. Bei den genannten Taten sei der Schuldige beziehungsweise die Ursache schnell erkennbar. Das führe aber zu der Illusion, dass durch gezielteres Eingreifen, bessere Sicherheitskonzepte oder Polizeipräsenz solche Situationen verhindert werden könnten, dass man den Täter oder die Ursache "beim Schopfe" packen könne. Absolute Sicherheit gebe es aber nicht, so Greve.
Schaue man sich die genauen Zahlen an, sei aber klar: Die Gefahr, Opfer eines Anschlages oder eines Ufnalls zu werden, sei weitaus geringer, als uns unser Angstgefühl vermittle. Kurzfristig führe Angst zu mehr Aufmerksamkeit, langfristig könne sie sogar dazu einer "Wende in der Biografie" führen. Menschen seien erstaunlich gut darin, wenn auch oft wesentlich später, besonders belastende Ereignisse für sich positiv zu nutzen, erklärte Werner Greve im Dlf.
Das Gefühl, ausgeliefert zu sein
Angst führe oft dazu, dass der Mensch sich wieder mehr der Vergänglichkeit des Lebens bewusst werde und darüber, dass man sich auch in der modernen Welt nicht 100-prozentig vor allen Risiken schützen könne, da wir "alle auf dünnem Eis gehen", sagte Greve im Dlf. Daher seien traumatische Ereignisse und die damit verbundene Angst auch eine gute Gelegenheit, wieder mehr dankbar dafür zu sein, "dass uns das nicht passiert, glücklich zu sein, dass wir das Heute gesund erleben" und dass "unsere Lieben noch da sind", so Greve. Auch für gefühlt bedrohliche Situationen wünscht er sich:
"Eine Welt, in der wir mutig sind und vorsichtig und die Zuversicht und das Aufeinanderzugehen nicht verlieren, gerade wenn es Gefahren gibt, die wir nicht vermeiden können."
Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.