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StartseiteForschung aktuellAltlasten als chemische Zeitbombe02.08.2021

Gefahr nach UnwetterAltlasten als chemische Zeitbombe

Heizöl und Pflanzenschutzmittel sind eine große Gefahr bei einem Hochwasser. Aber auch chemische Altlasten tief im Boden, etwa aus Bergwerken könnten wieder an die Oberfläche geschwemmt werden, warnt der Ökosystemanalyst Henner Hollert im Dlf. Giftige Stoffe könnten sogar in die menschliche Nahrungskette gelangen.

Henner Hollert im Gespräch mit Arndt Reuning

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Weggeschwemmte Versorgungsleitungen liegen am Ufer der Ahr gegenüber dem Kurhaus. Die Flut hat im Ahrtal große Teile der Infrastruktur zerstört. Zweieinhalb Wochen nach der Hochwasserkatastrophe laufen die Aufräumarbeiten auf Hochtouren. (picture alliance / dpa / Thomas Frey)
Weggeschwemmte Versorgungsleitungen liegen am Ufer der Ahr gegenüber dem Kurhaus (picture alliance / dpa / Thomas Frey)
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Eine internationale Gruppe von Fachleuten hat mit Blick auf die Folgen der Unwetterkatastrophe vom 14. Juli in Fachmagazin "Journal of Hazardous Materials" in einem Überblicksartikel auf die Gefahr von im Boden lagernden Altlasten hingewiesen. Maßgeblich mitgeschrieben hat an dieser Veröffentlichung Professor Henner Hollert von der Goethe-Universität Frankfurt. Er sagt: Altlasten, die durch den Starkregen in Fließgewässer geraten könnten, seien chemische Zeitbomben.

Das Bild zeigt einen überfluteten Garten und einen Wohnwagen, der auf die Terrasse des hauses gespült wurde (picture alliance / Geisler-Fotopress | Christoph Hardt/Geisler-Fotopres) (picture alliance / Geisler-Fotopress | Christoph Hardt/Geisler-Fotopres)Naturgefahren-Check fürs Haus
Mit den Schäden der Hochwasserkatastrophe werden die Betroffenen noch lange zu kämpfen haben. Derweil wird bundesweit daran gearbeitet, die Menschen in Zukunft besser zu schützen. Ein wichtiger Baustein dabei ist die Eigenvorsorge. 

Arndt Reuning: Herr Hollert, welche Gefahr geht denn von einem Flusshochwasser aus hinsichtlich von giftigen Chemikalien?

Henner Hollert: Ja, neben all den anderen Gefahren für die Infrastruktur und auch die Menschenleben gehen eben durch die Remobilisation von alten Schadstoffen, von Altlasten, die sozusagen als tickende Zeitbombe im Fluss vorhanden sind, aus. Solche Altlasten, die oftmals etwas tiefer im Sediment liegen, können dann durch die starken Wassermassen remobilisiert werden. Sie werden dann also wieder in die Wassersäule, in die fließende Welle gebracht und können dann dort im Fluss wieder transportiert werden und können dann ihr Unwesen treiben.

Altlasten aus Bergwerken können zur Gefahr werden

Reuning: Was für chemische Zeitbomben sind das denn, können Sie da mal ein ganz konkretes Beispiel anführen?

Hollert: Es gibt oftmals in alten Bergbaugebieten und Parzellen, gerade die Gebiete an der Ahr und besonders in NRW, dazu oftmals Schwermetalle und besonders auch organische Schadstoffe wie zum Beispiel Dioxine oder polychlorierte Biphenyle, die PCBs, die dort als Altlasten ticken.

Reuning: Das heißt, die werden aus den Sedimenten wieder hochgeschwemmt, in den Fluss verbracht, verteilt. Was bedeutet das denn dann für die betroffenen Gebiete?

Hollert: Die Auswirkungen können wirklich ganz unterschiedlich sein. Das ist beispielsweise möglich, dass sich diese entsprechenden Chemikalien dann in aquatischen Organismen anreichern. Das ist zum Beispiel für verschiedene Chemikalien bekannt, dass, nachdem zum Beispiel alte Produktionssites überflutet wurden, dann verschiedene organische Chemikalien in Fischen wieder in höheren, teilweise 20- bis 30-fach höheren Konzentrationen zu finden waren. Ganz problematisch ist das Ganze natürlich immer dann, wenn diese Schwebstoffe mit den kontaminierten organischen Schadstoffen dann zum Beispiel in Wohnräumen landen oder beispielsweise auch auf Ackerland, was also agrarisch genutzt wird.

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Milch und Fleisch könnten kontaminiert werden

Reuning: Das heißt, es sind nicht nur Wasserlebewesen betroffen von den Giftstoffen, sondern diese Substanzen könnten dann auch bis in die menschliche Nahrungskette gelangen, über den Acker?

Hollert: Genau, das ist an verschiedenen Beispielen historischer Art beschrieben. Beispielsweise bei der großen Elbeflut war es so, dass 2002 da eine ganze Menge an Schadstoffen remobilisiert wurde und im Endeffekt in verschiedenen Auen im Einzugsgebiet der Elbe sedimentiert sind. Dort kann man sich das dann so vorstellen, dass diese Sedimente dann beispielsweise auf der Vegetation, auf den Grashalmen sedimentieren und dort eine kleine Schmutzschicht bilden, und dass dann Vieh oder auch Wild, was in dieser Region lebt, das dann später akkumulieren kann, indem dann einfach die entsprechende Vegetation – das Gras zum Beispiel – gefressen wird und es auf diese Art und Weise dann in der Nahrungskette akkumulieren kann und dazu führen kann, dass einerseits Milch, andererseits aber auch das Fleisch kontaminiert ist.

Schadstoffsituation im Ahrgebiet noch unklar

Reuning: Sie haben schon die betroffenen Gebiete, zum Beispiel im Ahrtal, erwähnt. Wissen Sie denn aktuell, wie es dort aussieht, wie ist die Schadstoffbelastung durch das Hochwasser dort zu bewerten?

Hollert: Aktuell können wir zur Schadstoffsituation im Ahrgebiet noch wenig sagen. Ich muss hier dazusagen, dass das nicht unbedingt das Gebiet ist, bei dem wir jetzt bisher viele eigene Untersuchungen durchgeführt haben. Wir haben bisher sehr viele Untersuchungen im Gebiet von NRW durchgeführt, dort beispielsweise auch im Einzugsgebiet der Ruhr. Dort haben wir auch sehr viele historische Daten, sodass wir die aktuellen Daten dann auch mit der Situation vor dem Hochwasser vergleichen können. Das ist bei solchen Vergleichen natürlich immer sehr wichtig, dass man dann eine Vergleichsmöglichkeit, eine Referenz hat.

Reuning: Und ergibt sich da schon ein erstes Bild?

Hollert: Bisher haben wir in einem Team von Wissenschaftlern der RWTH in Aachen und der Goethe-Universität in Frankfurt gesammelt, und derzeit werden die Wasserproben und die Sedimentproben aufbereitet und werden dann in Kürze mit den verschiedenen Analysemethoden untersucht. Das sind chemische Untersuchungsverfahren und Biotestverfahren, und da sind wir sozusagen jetzt gerade am Anfang. Man muss sich das so vorstellen, dass dieses Aufarbeiten der Proben doch tatsächlich relativ lange dauert, aber es sind etwa hundert verschiedene Proben aus diesen gesamten Einzugsgebieten in NRW und eben auch Teilen von Rheinland-Pfalz entnommen.

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Hollert: Heizöl und Altlasten stellen "sehr, sehr große Gefahr dar"

Reuning: Ich könnte mir vorstellen, dass das Hochwasser viele andere Chemikalien mitgeschwemmt hat – Heizöl natürlich und andere Brennstoffe oder auch Pestizide, die im Keller oder in irgendwelchen Gartenhütten gelagert wurden. Ist das denn im Moment nicht die viel größere Gefahr als mögliche Altlasten, die wieder hochgeschwemmt werden?

Hollert: Ich denke, beides stellt eine sehr, sehr große Gefahr dar. Das sind ja Bilder, die wir in den letzten Tagen alle vor Augen hatten – private Wohnungen, bei denen dann eben Heizöl ausgetreten ist und bei denen dann teilweise das Wasser sich rot gefärbt hat, eben durch das Heizöl. Da müssen wir davon ausgehen, dass auf diese Art und Weise wirklich sehr große Mengen von Mineralöl mit all ihren negativen Umweltkonsequenzen in die aquatischen Systeme gekommen sind.

Auch die von Ihnen gerade genannten Pflanzenschutzmittel werden eben zu großen Teilen auch in Kellern und so weiter gelagert, sodass dadurch auch ein Einschwemmen stattfinden kann. Historisch ist es hier auch wieder so, dass oftmals die Altlasten, die remobilisiert sind, sehr, sehr wichtig sind und beispielsweise dann auch gerade solche Deponien, auf denen große Mengen von alten Industriechemikalien und Altlasten gelagert wurden. Das ist für verschiedene Beispiele bekannt, dass dort die Remobilisation und Hochwässer zu großen Problemen dann für aquatische Systeme geführt haben und dass oftmals wirklich große Mengen dann von einer oder von wenigen solcher Deponien in die aquatischen Systeme gelangt sind.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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