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StartseiteInterview der WocheKurschus (EKD): "Menschen setzen sich gegenseitig herab"22.12.2019

Gefahren für die DemokratieKurschus (EKD): "Menschen setzen sich gegenseitig herab"

Der Diskurs, das Austragen unterschiedlicher Meinungen sei momentan im Schwinden, sagte Annette Kurschus, Präses der Evangelischen Kirche von Westfalen und stellvertretende EKD-Ratsvorsitzende, im Dlf. Es gebe keine Toleranz mehr, dass es auch andere Meinungen geben könnte - niemand dürfe aber andere verunglimpfen.

Annette Kurschus im Gespräch mit Andreas Main

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22.06.2019, Nordrhein-Westfalen, Dortmund: Annette Kurschus, Präses der evangelischen Kirche in Westfalen, nimmt am 37. Deutschen Evangelischen Kirchentag teil.  (dpa / picture alliance / Bernd Thissen)
Die stellvertretende EKD-Ratsvorsitzende Annette Kurschus beim Evangelischen Kirchentag 2019 in Dortmund (dpa / picture alliance / Bernd Thissen)
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Andreas Main: Frau Kurschus, Präses der Evangelischen Kirche von Westfalen und stellvertretende EKD-Ratsvorsitzende, die Zeit vor Weihnachten ist gerade auch für eine Theologin arbeitsintensiv. Schön, dass Sie sich die Zeit genommen haben, danke für den Besuch.

Annette Kurschus: Gerne.

Main: Im Interview der Woche, Frau Kurschus, kommen Menschen zu Wort, die in Politik oder Wirtschaft oder in diesem Fall in ihrer Kirche Verantwortung tragen. Es ist ein politisches Interview. Wir brauchen ein paar zitierfähige Sätze von Ihnen, die dann in der öffentlichen Debatte durch die Decke gehen. Werden Sie Schlagzeilen liefern?

Kurschus: Ja. Das habe ich mir vorgenommen für dieses Jahr, weil ich merke: Wir brauchen Schlagzeilen, damit die Botschaften gehört werden.

Main: Sie haben aber auch mal formuliert: Die Welt ist kompliziert und jene Wahrheit, die Ihnen wichtig ist, tauge nicht für griffige Schlagzeilen.

Kurschus: Auch das stimmt. Jedenfalls nicht für solche, die sehr banal und kurzgesprungen daherkommen.

Main: Sie möchten weiterspringen?

Kurschus: Weiterspringen und auch die Sachverhalte etwas differenzierter beleuchten und in der Tiefe betrachten und nicht nur von der Oberfläche.

Main: Werden Sie auch politische Statements abgeben?

Kurschus: Das kann gar nicht ausbleiben, weil das Evangelium eine politische Kraft hat.

Main: Umgekehrt gibt es viele Stimmen, die kirchliches Politisieren leid sind.

Kurschus: Das kommt darauf an, wie man das tut.

Main: Was möchten Sie nicht tun?

Kurschus: Es besser wissen als die Politikerinnen und Politiker oder denen Ratschläge erteilen.

Main: Sie haben auch mal formuliert, dass Sie Ihr Amt als geistliches Amt verstehen. Ist das ein Widerspruch zu dem, was Sie gerade gesagt haben?

Kurschus: Keineswegs. Es ist ein geistliches Amt und deshalb auch ein sehr weltliches und politisches. Wir werden das zu Weihnachten wieder hören in der Weihnachtsgeschichte: Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden bei den Menschen! Das gehört zusammen.

Main: Annette Kurschus, lassen Sie uns das nach dieser Ouvertüre vertiefen. Sie haben es angedeutet: Sie wollen die hysterischen Debatten unserer Tage nicht anheizen. Was ist aus Ihrer Sicht die größte Gefahr für unsere politische Kultur am Ende dieses Jahrzehnts?

Kurschus: Dass wir uns tatsächlich unseren Ängsten ausliefern und uns von den Ängsten und Unsicherheiten bestimmen lassen, die derzeit an der Tagesordnung sind. Sehr viel beginnt, zu bröckeln, was uns bisher selbstverständlich schien. Ein Beispiel: Ich kenne nichts anderes als die Staatsform der Demokratie. Ich habe mich bisher immer darauf verlassen, dass ich mit Anstand und Respekt der Menschen untereinander rechnen kann. Ich bin bisher selbstverständlich davon ausgegangen, dass die Erde Lebensgrundlagen für uns alle hergibt, und dass ich gesund werde leben können und meine Kinder und Kindeskinder auch. Das sind nur einige Beispiele, an denen deutlich wird: Gar nichts ist selbstverständlich. Und das erschreckt die Leute verständlicherweise.

"Die Angst darf nicht handlungsleitend sein"

Main: Ist es berechtigt, dass uns diese Angst packt?

Kurschus: Unbedingt. Angst hat ja auch eine positive Funktion, eine Signalfunktion. Ohne diesen Grundimpuls von Angst werden wir möglicherweise nicht tätig werden. Sie warnt uns ja auch. Nur: Die Angst darf nicht handlungsleitend sein und sie darf uns nicht bestimmen in unserem Handeln.

Main: Aber berufsbedingt sind Sie doch als Theologin jemand, die Zuversicht vermitteln will, die Hoffnung vermitteln will. Ist Angst nicht das, was Sie eigentlich auflösen wollen?

Kurschus: Ich kann ja nur dann von Hoffnung sprechen, die wirklich trägt, wenn ich zunächst auch die Befürchtung und die Ängste ernst nehme. Sonst wird alles zur Vertröstung, zu einer billigen Hoffnung, die keiner mehr ernst nehmen kann.

Main: Ist Demokratie – um den Gedanken von eben aufzugreifen – ist die heute nicht mehr selbstverständlich? Ist sie in Gefahr?

Kurschus: Ich nehme das so wahr. Das hat alleine damit zu tun, dass Demokratie ja ganz wesentlich vom Diskurs lebt, vom Austragen unterschiedlicher Meinungen. Sie setzt deshalb voraus, dass es Respekt untereinander gibt, und dass ich auch eine andere Meinung stehenlassen kann. Und all das sehe ich im Moment sehr im Schwinden.

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Main: Woran machen Sie das fest?

Kurschus: Also, nehmen wir die öffentliche Debatte. Ich stelle fest, dass Meinungen nicht mehr als Meinungen in die Debatte geworfen werden, sondern als Wahrheiten. Und dass es überhaupt keine Toleranz mehr gibt, dass es auch andere Meinungen geben könnte, die anders lauten. Ich nehme wahr, dass Menschen einander nicht achten, sondern dass sie sich gegenseitig herabsetzen, dass sie mit Hassparolen um sich werfen, dass die Sprache einen Niedergang erleidet, wie ich ihn so niemals vermutet hätte. Es sind heute Dinge sagbar, von denen ich nie geglaubt hätte, dass man die sagen darf, geschweige denn öffentlich.

Main: Auf welchen Seiten sehen Sie besonders ausgeprägt so etwas wie ein aggressives, exklusives, ausschließendes Schwarz-Weiß-Denken?

Kurschus: Es ist schon ein Phänomen, dass leider Gruppierungen aufeinander reagieren und dann genau mit den Mitteln, die sie an den anderen verurteilen, zurückschlagen. Da müssen wir uns möglicherweise in unseren eigenen Diskursen manchmal auch an die eigene Brust fassen. Und wo verunglimpfe ich möglicherweise Leute, bei denen ich verunglimpfe, dass sie andere verunglimpfen?

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Main: Also, Sie reiten jetzt hier nicht einfach nur eine Attacke auf Rechtspopulisten. Das ist nämlich nicht Ihr Thema, das merke ich.

Kurschus: Nein, das zum Beispiel wäre zu kurz gesprungen. Ich bin da deutlich positioniert. Ich bin der Meinung, dass das in keiner Weise zu dulden ist. Und doch darf das nicht dazu führen, dass ich, die ich eine andere Meinung vertrete, die ich auch deutlich der Ansicht bin, dass das überhaupt nicht geht, was teilweise aus dem rechten Lager kommt, dass ich deshalb das Recht hätte, diese Menschen meinerseits runterzumachen.

"Die Welt wird immer komplexer"

Main: Wir beobachten ja so etwas wie eine Zersplitterung in Kleinstgruppen. Hier Islamversteher kontra Islamhasser, Kirchenhasser kontra fundamentalistische Christen, pro Greta kontra Greta, Fleischesser kontra Veganer – ich könnte das endlos fortsetzen. Das gibt es in der Politik auch, auch in den Kirchen. Woraus resultiert diese Gereiztheit?

Kurschus: Ich habe den Eindruck, dass das damit zu tun hat, dass die Welt immer komplexer wird, dass wir immer weniger in der Lage sind, uns Prozesse zu erklären, Prozesse auch zu beeinflussen in positiver Weise, dass wir immer weniger Antworten auf existenzielle Fragen liefern können, nach denen sich die Menschen doch so sehnen. Und da stelle ich fest, dass es leider eine Tendenz gibt, je simpler, je einfacher die Antwort, desto besser. Und je schneller ich einen Menschen in eine bestimmte Schublade einordnen und ein Etikett drauf kleben kann, desto schneller bin ich auch mit dem Menschen fertig. Ich muss mich dann ja nicht mehr weiter mit ihm auseinandersetzen. Er ist ja eingeordnet.

Main: Welchen Anteil daran hat die flächendeckende Durchdringung mit Social Media, mit den sogenannten sozialen Medien?

Kurschus: Ich glaube, dass die dabei eine große Rolle spielt. Also, ich betrachte das Ganze von mir aus eher distanziert. Ich mische mich nicht da so rein – was auch durchaus kritisch gesehen wird. Das hat bei mir schlicht den Grund, dass es mich überfordert. Ich kann nicht permanent kommunizieren, weil das mir nicht liegt. Was ich feststelle, ist, dass genau dieses ständige Kommunizieren, ständig auf alles, was ich von mir gebe, sofort Reaktionen zu erhalten, dass das natürlich eine Gereiztheit steigert. Es gibt ja überhaupt keine Möglichkeit mehr, mich noch mal zurückzunehmen und das sacken zu lassen. Ich muss sofort reagieren, weil wieder reagiert wird. Und da schaukelt sich was hoch, und das gewinnt nicht gerade an Tiefe und an Differenziertheit.

Religion bietet "ganz und gar positives Potenzial"

Main: Ich mache mich jetzt unbeliebt bei Teilen des Publikums und stelle Ihnen eine Frage, die Sie nur falsch beantworten können. Aber könnte es sein, dass dieser ganze Irrsinn in unseren öffentlichen Debatten, diese Übellaunigkeit, das Aggressive in dem Maße zunimmt, wie echte Religiosität und Kirchenbindung schwinden?

Kurschus: Ich würde keine direkte Verbindung da ziehen. Aber dass beides miteinander einhergeht, das beobachte ich schon. Und ich setze uns da durchaus in die Verantwortung. Wie kommt es eigentlich, dass religiöse Bindung schwindet und Religiosität? Ja, vielleicht auch daher, dass wir, die wir nun professionell oder ehrenamtlich dafür stehen, es in einer Weise vertreten oder leben, dass Menschen es nicht mehr attraktiv finden. Also, das gibt mir schon zu denken. Denn ich bin der Überzeugung, anders als manche anderen Menschen, dass die Religion grundsätzlich für unsere Gesellschaft und für ein friedliches Zusammenleben ganz und gar positives Potenzial hat. Es wird ihr ja oft auch was anderes unterstellt - und es gibt Formen von Religiosität, die da auch ganz anders unterwegs sind, auch im christlichen Bereich. Aber der Missbrauch, der sagt ja nichts über den Wert eines guten Gebrauches aus.

Main: Annette Kurschus, ranghöchste deutsche Protestantin im Deutschlandfunk, im Interview der Woche. Frau Kurschus, nach dem gesellschaftlichen Klima, der politischen Kultur, lassen Sie uns zum richtigen Klima kommen. Klimawandel – das ist das Thema, das eine gefühlte Mehrheit in diesem Land am meisten bewegt. Sie sind keine Naturwissenschaftlerin. Dennoch: Wie enttäuscht sind Sie vom Klimagipfel von Madrid oder überhaupt von der Bereitschaft der Menschen, ihre Lebensweise zu ändern?

Waldsterben als Folge des Klimawandels Durch Sturmereignisse und Extremwetterlagen wie lange Hitze- oder Trockenperioden vermehren sich Borkenkäfer explosionsartig in gleichförmigen Wäldern. Der Klimawandel verstärkt diese Effekte durch vermehrte Extremwetterereignisse und Hitzeperioden. Nach Einschätzung von Umweltschutzorganisationen und Forstfachleuten vermehren sich Baumschädlinge durch den Klimawandel explosionsartig. Das Ergebnis könnte ein Waldsterben 2.0 sein und so aussehen, wie einige Stellen hier im Nationalpark Harz, in der der Borkenkäfer deutlcih weniger bekämpft wird und sich deshalb ausbreiten kann. Nationalpark Harz Niedersachsen Deutschland *** Forest dieback as a result of climate change Storm events and extreme weather conditions such as long periods of heat or drought cause bark beetles to multiply explosi (Jannis Große | imago)Waldsterben als Folge des Klimawandels (Jannis Große | imago)

Kurschus: Es ist schon enttäuschend, dass im letzten Moment, wenn es wirklich darum geht, auch die eigenen Lebensgewohnheiten umzustellen, auf einmal doch große Vorsicht und Zurückhaltung einkehrt. Und ich sage das auch zunächst mal an mich gerichtet. Ich war 17, da weiß ich noch, dass die Titelseite des "Spiegel" als Schlagzeile setzte: Der Wald stirbt. Ich kann mich noch erinnern, wie erschrocken ich war. Und doch ist das offenbar nicht in tiefere Schichten gegangen. Es ging mich irgendwie nicht an, höchstens, wenn man mal durch ein Waldgebiet fuhr, wo man merkte: Oh, da geht es den Bäumen nicht gut. Dann war es einem wieder in Erinnerung. Seitdem sind drei Jahrzehnte, über drei Jahrzehnte vergangen, und eigentlich hat sich erschreckend wenig getan. Und das meine ich an meine Generation gerichtet. Wir wussten es lange. Und meine Generation hat nicht genug getan. Es wurde mir sehr deutlich gesagt bei diesem Klima-Aktionstag am 20. September dieses Jahres. Da war ich in Dortmund mit auf der Straße mit Jugendlichen. Da ist mich eine Jugendliche richtig angegangen. Sie sagte: Ihr seid es, die es verkackt haben. Das musste ich mir sagen lassen.

Main: Umgekehrt, das Beispiel Waldsterben, wir sind nun beide ein Jahrgang, 1963, und ich erinnere mich auch an diese Schlagzeilen. Ist das nicht gerade ein Beleg dafür, dass da auch viel mit Untergangsszenarien gearbeitet wird? Denn zwischenzeitlich ging es dem Wald sehr gut. Keiner interessierte sich für ihn. Okay, jetzt geht es ihm extrem dreckig. Aber vielleicht sollten wir in den öffentlichen Debatten solche Fragen den Fachleuten überlassen - und weniger den Apokalyptikern?

Kurschus: Darin sehe ich jetzt wieder keine Alternative, sich gegenseitig ausschließend. Also, ich möchte schon sehr gerne unbedingt auf die Fachleute hören. Ich bin keine Klimaspezialistin. Ich höre, was Fachleute sagen. Sie sagen nicht alle dasselbe. Auch das ist mir natürlich bewusst. Und doch ist es doch ziemlich einheitlich. Nehmen wir zunächst mal die ganze CO2-Debatte: Da ist deutlich, dass dieser vermehrte CO2-Ausstoß verantwortlich ist für die Klimaverschiebung. Und ich glaube, da kann man auch gar nichts begründet dagegen sagen. Was heute als Apokalyptik gerne bezeichnet wird, das sind ja genau diese Untergangsszenarien, die uns auf der anderen Seite auch nicht weiterhelfen. Es wird ja heute oft gegeneinander gestellt: Hört doch mal auf die Fachleute! Die sagen, das ist alles gar nicht so schlimm. Das ist überhaupt nicht menschenverursacht. Ihr lasst euch verrückt machen. Und dann gibt es die Apokalyptiker, die angeblichen, die sagen: Das rollt alles auf sein Ende zu. Wir haben keine Chance mehr. Die Welt und die Menschheit sind nicht mehr zu retten.

"Das schulden wir auch der nächsten Generation"

Main: Sind sie denn noch zu retten?

Kurschus: Ich glaube daran fest. Das ist die Botschaft, die wir in die Welt zu tragen haben, weil wir die Verheißung Gottes haben, der gesagt hat: Ich gebe diese Welt nicht preis. Ich habe mit dieser Welt vor, dass sie wieder so gut wird, wie ich sie geschaffen habe am Anfang. Und das ist keine Vertröstung auf ein rosarotes Jenseits, sondern das genau ist die Motivation, jetzt alles, aber auch alles daran zu setzen, diesen schädlichen Entwicklungen des Klimas, unter denen ja die Menschen derzeit schon am meisten leiden, die am allerwenigsten zu ihrem Entstehen beigetragen haben, dem alles entgegenzusetzen. Das schulden wir auch der nächsten Generation. Wir kommen ja vielleicht noch über die Runden, aber was ist mit unseren Kindern und Kindeskindern?

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Und das Ganze, was sich jetzt nur mit diesen Untergangsszenarien beschäftigt, Apokalyptik zu nennen - da wünschte ich mir auch etwas mehr Genauigkeit. Die apokalyptische Literatur in der Bibel beschäftigt sich ja mit diesen Untergangsszenarien gerade im Lichte der Hoffnung, dass alles einmal gut wird. Apokalypse heißt ja nicht Untergang. Apokalypse heißt Enthüllung, Offenbarung. Also, da geht es um das gute Ende, das wir erwarten.

Main: Was ergibt sich daraus an politischen Forderungen mit Blick aufs Klima?

Kurschus: Die Forderung heißt, dass sich jeder einzelne Mensch mitverantwortlich fühlen muss und dass Politiker und Politikerinnen alle Voraussetzungen schaffen müssen, dass sich sowohl die Einzelnen in ihren Haushalten als auch die großen Betriebe und Unternehmen als auch die Wirtschaftsleute verantwortlich fühlen in ihren Bereichen, da gucken: Was können wir tun? Was ist für unsere Branche, was ist für unser Handeln jetzt angesagt, damit da eine Kehrtwende eintritt?

Main: Annette Kurschus, stellvertretende EKD-Ratsvorsitzende und Präses einer der größten evangelischen Landeskirchen, im Interview der Woche im Deutschlandfunk. Frau Kurschus, noch so ein Thema, das auch in Ihren eigenen Reihen durchaus kontrovers ist, obwohl die Kirchenspitze selbst geschlossen wirkt: Migration, Fluchtbewegungen, die Deutschland erreichen. Welche Chancen ergeben sich für dieses Land aus der mehr oder weniger kontrollierten Zuwanderung?

Kurschus: Es wird, wenn Sie die Chancen ansprechen, neben allen Schwierigkeiten, die damit verbunden sind, in vieler Hinsicht auch eine echte Bereicherung sein, dass Menschen in unser Land kommen, mit anderen Kulturen uns bereichern, mit anderen Arten zu leben uns bereichern. Das werden wir in der Gesellschaft merken. Und wir merken das bereits jetzt schon in der Kirche.

"Sie sollten die Achtung vor dem Glauben der anderen bewahren"

Main: Die Zuwanderer hierzulande sind anders als in den USA, wo eher evangelisch-freikirchliche Zuwanderer oder katholische Zuwanderer kommen, überwiegend muslimisch. Ohne jetzt zu verallgemeinern oder einzelne Menschen zu diskreditieren, aber wie groß ist die Gefahr, die ausgeht von islamistischen Haltungen, die diese Menschen mitbringen?

Kurschus: Zunächst mal fordert es uns heraus, uns noch mal klarzumachen: Was ist eigentlich uns unsere eigene Religion wert? Worin besteht sie eigentlich? Woran glauben wir? Zunächst mal ist ja die Konfrontation mit einer fremden Religion auch die Chance, mich mit meiner eigenen Religion noch mal auseinanderzusetzen. Also, daran liegt wirklich auch eine positive Herausforderung, die natürlich auch wieder eine Schwierigkeit ist, weil sich hier tatsächlich etwas trifft – wenn wir jedenfalls von den fundamentalistischen Formen ausgehen, und das gibt es ja im Islam und das gibt es im christlichen Bereich auch. Und dann wird es schwierig, wenn das aufeinandertrifft. Zunächst halte ich es erst mal für gar kein Problem, wenn zwei unterschiedliche Religionen aufeinandertreffen. Sie sollten dann nur jeweils auskunftsfähig über ihren eigenen Glauben sein. Sie sollten die Achtung vor dem Glauben der anderen bewahren. Und im besten Falle sind und bleiben sie miteinander im Gespräch. Das halte ich für die große Aufgabe hier bei uns in Deutschland und auch in Europa, dass wir dieses nutzen - mit einer Religion gemeinsam, dem Islam, der für uns eine fremde Religion ist, die aber nun in vielen Teilen der Welt verbreitet ist, dass wir da versuchen, unser gemeinsames Potenzial für den Frieden und für das Zusammenleben zu erkennen und zu nutzen.

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Main: Gerade säkulare und liberale Muslime, die ja die absolute Mehrheit in diesem Land darstellen, werfen vielen Politikern, aber auch Kirchenvertretern immer wieder vor, naiv zu sein im Dialog mit den großen Islamverbänden. Um diese säkularen Muslime zu zitieren, wie begründen Sie diesen „Schmusekurs“ mit Verbandsvertretern, die abhängig sind von Herrschern im Ausland?

Kurschus: Ja, Schmusekurs kann nicht das sein, was wir anstreben. Dass ich anderen mit Respekt und Toleranz begegne und mit Achtung, hat ja nichts damit zu tun, dass ich alles für gutheiße und dass ich auch alles schlucke, was mir von da entgegenkommt, sondern das hat auch mit einer Redlichkeit zu tun, die wir untereinander brauchen. Dazu gehört auch, dass wir sehr deutlich sagen, was wir nicht möchten und was für uns nicht geht.

Main: Was möchten Sie nicht?

Kurschus: Also, ich möchte zum Beispiel nicht, dass wir in unseren islamischen Gemeinden weiterhin permanent diese Wechsel von Imamen haben, die kein Deutsch sprechen können, die bewusst eingesetzt werden, damit ihre Gemeinden nicht in echten Kontakt treten können und überhaupt keine Verständigung und keine echte Integration stattfinden kann. Das ist ja gesteuert. Wir brauchen Menschen, die hier ordentlich ausgebildet werden, auch als Imame. Wir haben ja mittlerweile auch Universitäten, die islamwissenschaftlich da etwas anbieten. Wir brauchen ordentlichen Islamunterricht, Religionsunterricht, weil das Miteinander voraussetzt, dass wir jeweils auch kritisch die eigene Religion angucken. Religionen, jedenfalls die christliche Religion und die jüdische Religion, haben immer einen ganz starken selbstkritischen Anteil.

Seenotrettung: "Wenn Menschen auf dem Meer ertrinken, werden wir nicht tatenlos zusehen"

Main: Ein ebenso heißes kirchliches und politisches Eisen ist ein Schiff, genauer ein Seenotrettungsschiff, das beim jüngsten Kirchentag, dessen Gastgeberin Sie waren, ausgerufen und initiiert wurde. Das soll im Mittelmeer unterwegs sein im Konzert mit anderen Seenotrettungsbooten. Was spricht für dieses Boot?

Kurschus: Für dieses Boot spricht, dass wir eindeutig und auch sehr spontan – und dazu stehe ich auch – gesagt haben: Wenn Menschen auf dem Meer ertrinken, dann werden wir dabei nicht tatenlos zusehen und dann wollen wir ein Zeichen setzen, dass wir retten wollen.

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Dass Menschen auf der Flucht übers Mittelmeer umkommen, sei nicht akzeptabel, erklärte der Migrationsbeauftragte des EKD-Rates, Präses Manfred Rekowski, im Dlf. Die Entsendung eines eigenen Schiffes werde diskutiert.

Main: Welche Gegenargumente sehen Sie?

Kurschus: Wir haben sehr schnell gemerkt, dass wir keine Kapitäne und keine Reeder sind und dass dazu noch wesentlich mehr gehört als einfach Geld zu haben und ein Schiff aufs Meer zu setzen, sondern da muss man auch gucken: Wie bringt man das Schiff eigentlich an die Fahrt? Und wo kann es anlanden? Und wie wird die Mannschaft versorgt, und so weiter? Das haben wir ja sehr schnell begriffen, dass wir jetzt als Kirche kein Schiff kaufen und unter die reisenden Seeleute gehen. Das bedeutet, dass wir diese Aktion unterstützen, wohlgemerkt nicht mit Kirchensteuermitteln. Das kann nicht häufig genug betont werden. Das war ja der eine große Kritikpunkt, dass man jetzt einfach ungefragt Kirchensteuermittel dazu benutzt, so eine voreilige, unbedachte, unkluge, naive Idee in die Tat umzusetzen. Die Vorwürfe waren ja all überall zu hören.

Main: Frau Kurschus, Sie haben eingangs über verunglimpfende Sprache gesprochen, über Defizite im gesellschaftlichen Diskurs. Da haben Sie auch schon einmal auf die Weihnachtsgeschichte angespielt. Sie ist ja letzten Endes der absolute Gegenpol zu unserer Gereiztheit. Um da jetzt noch mal den Bogen zu schließen: Wie kann diese Geschichte uns in diesen Tagen helfen?

Kurschus: Sie kann es – davon gehe ich aus – gerade dadurch, dass sie eine wunderschöne Geschichte ist zuallererst, eine sprachlich wunderbare Geschichte, eine Geschichte, die eingeht, eine Geschichte, die längst den Rang von Weltliteratur hat. Womöglich einer der bekanntesten Texte der Literatur. Das ist diese Geschichte in erster Linie. Sie ist gleichzeitig eine Geschichte, die ganz viele Herausforderungen der Gegenwart in sich hat. Da sind zwei auf der Flucht. Auf der Flucht bringt die Frau ihr Kind zur Welt und weiß nicht, wo sie das tun soll. Sie erfährt ganz viel Ablehnung. Türen werden zugeschlagen. Sie bringt ihr Kind zur Welt - mitten in der Düsternis auf einem zugigen Feld, umgeben von Leuten, die in der Gesellschaft in der untersten Kategorie untergebracht sind. Und da ergeht die Botschaft in die Welt: Fürchtet euch nicht! Siehe, ich verkündige euch große Freude, denn euch ist heute der Heiland geboren, welcher ist Christus der Herr! Genau das ist ja bis heute unser Auftrag, dieses „Fürchtet euch nicht“ in die Welt zu tragen, gerade, weil es so viel Anlass zur Furcht gibt. Das ist ja ein Widerwort gegen all das, was berechtigt Menschen in die Furcht bringt. „Denn euch ist heute der Heiland geboren.“ Die Rettung ist da, auch, wenn sie bei vielen noch nicht angekommen ist. Und deswegen sind wir noch zu retten. Ich vertraue auf diesen Retter. Den haben wir in die Welt zu tragen, und der ist sehr aufmerksam mit uns unterwegs in der Welt. Deswegen ist er ja Mensch geworden.

"Wir haben begründete Hoffnung"

Main: Ist das, was Sie gerade gesagt haben, der Kern Ihrer Weihnachtspredigt oder gibt es darüber hinaus einen Kerngedanken, den Sie teilen wollen?

Kurschus: Die Weihnachtspredigt ist tatsächlich noch nicht fertig. Was meine Grundbotschaft sein wird, weil sie auch die Grundbotschaft meines Christseins ist: Wir haben begründete Hoffnung. Und diese Hoffnung besteht darin, dass es eine Kraft gibt über unsere Kraft hinaus, und dass es Möglichkeiten gibt, über unsere eigenen Möglichkeiten hinaus. Und diese Kraft mit diesen Möglichkeiten ist nicht oben irgendwo als höheres Wesen, das wir verehren, verborgen geblieben, sondern ist zur Erde auf die Welt gekommen. Deshalb verbindet sich die Kraft, die nicht unsere ist und die Möglichkeiten, die nicht unsere sind, mit uns, mit unserem Weg. Und deshalb haben wir – das ist eine schöne Formulierung, die ich gerne von Jürgen Moltmann übernehme – wir haben das Oberlicht offenzuhalten. Also, jederzeit gewärtig zu sein, dass diese Kraft uns trifft, und dass sich Möglichkeiten zeigen, mit denen wir nie gerechnet hätten, so, wie damals auf dem Feld bei Betlehem. Und mit dieser Hoffnung möchte ich gerne die Menschen ins neue Jahr entlassen und auch selber in das neue Jahr gehen.

Main: Danke Ihnen, Annette Kurschus, für dieses Gespräch. Und Ihnen und allen, die Ihnen wichtig sind, ein wunderbares Weihnachtsfest.

Kurschus: Vielen Dank, wünsche ich Ihnen auch.

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