Dienstag, 24.11.2020
 
StartseiteAndruck - Das Magazin für Politische LiteraturJournalist Alexander Hagelüken beschreibt monetären Wandel 16.11.2020

GeldJournalist Alexander Hagelüken beschreibt monetären Wandel

Paypal, Applepay, Bitcoins: Nicht erst seit der Pandemie ändert sich unser Umgang mit Bargeld und Überweisungen. Zudem hat der Wandel in der Zinspolitik für veränderte Bedingungen gesorgt. Der Wirtschaftsjournalist Alexander Hagelüken zeichnet all dies nach und gibt Tipps.

Von Caspar Dohmen

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Hintergrundbild: Bündel von 10-, 20-, 50-, 100- und 200-Euro-Banknoten. Vordergrund: Buchcover (imago / Thomas Imo & C.H. Beck Verlag)
Jeder braucht Geld. Der Wirtschaftsjournalist Alexander Hagelüken zeigt in seinem Buch, wie sich Art und Nutzung ändern. (imago / Thomas Imo & C.H. Beck Verlag)
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Jeder braucht Geld. Denn Geld entscheidet darüber, ob wir unsere Grundbedürfnisse befriedigen und wie wir unser Leben gestalten können. Gleichzeitig ist Geldpolitik ein zentrales Instrument für den modernen Staat. Wenn sich die Art unseres Geldes und unser Umgang mit Geld dermaßen einschneidend verändern wie in diesen Tagen, betrifft uns dies also gleich doppelt: als Individuum und als Gesellschaft.

"Die Botschaft darauf ist, dass die Menschen den monetären Wandel zu ihrem Nutzen gestalten müssen. Ohne gesetzliche Kontrolle nährt das Werkzeug Geld Spekulationsexzesse. Ohne demokratische Kontrolle nährt es den Reichtum weniger, so dass die Masse im Elend verharrt, während Adlige oder Finanzbarone in Dekadenz schwelgen. Es ging in der Geschichte stets darum, ob die Bürger der sozialen Übereinkunft Geld in seiner aktuellen Form vertrauen konnten."

Schreibt Alexander Hagelüken, leitender Redakteur für Wirtschaftspolitik bei der Süddeutschen Zeitung, in "Das Ende des Geldes, wie wir es kennen". Es ist eine kompakte Tour de Raison durch das aktuelle Geldgeschehen.

Bargeld bedeutet Freiheit

Er beschreibt die gigantischen Veränderungen durch Plattformunternehmen aus den USA und China, die immer weiter in das klassische Bankgeschäft vordringen. Die Zahlungssysteme von Google & Co nutzt weltweit schon jeder dritte Mensch. Dank der Zahlungsdaten können die Konzerne noch bessere Profile von Kunden erstellen und noch bessere Geschäfte machen. Was Technologieplattformen machen, wenn ihnen die Gesellschaft keine Grenzen setzt, erfährt der Leser am Beispiel von China, wo bereits 80 von hundert Menschen mit dem Handy bezahlen. Bei dem dort allgegenwärtigen Wechat Pay hängt die Kreditwürdigkeit davon ab, welche Online-Freunde jemand hat oder ob jemand seinem Partner treu ist.

Jeder kann sich der Erfassung durch Onlineriesen aber entziehen, indem er bar bezahlt:

"Bei jeder digitalen Zahlung werden Daten über den Kunden gespeichert. Wer bar bezahlt, entzieht sich dem. Er wird weniger gläsern für alle Mächte, die daran ein Interesse haben. Deshalb ist Bargeld Freiheit, die es zu verteidigen gilt."

Von dieser Freiheit werden wir nach Ansicht des Journalisten auch in Zukunft Gebrauch machen können. Er erwartet nicht, dass die Zentralbanken künftig auf Bargeld verzichten werden, etwa um negative Zinsen in großem Stil durchzusetzen. Zwar habe der Internationale Währungsfonds mehrere Papiere veröffentlicht, die ein Endes des Bargelds nahelegen, schreibt Hagelüken, aber Tatsache sei auch, dass kein Industriestaat entsprechende Gesetze vorgelegt habe.

"Die große Staatsverschwörung gegen Scheine und Münzen findet nicht statt."

Ursachen und Nutzen der Niedrigzinsen benennen

Gleichzeitig raubt er dem Leser jede Hoffnung, dass es bald wieder nennenswerte Zinsen auf dem Sparbuch geben könnte und nimmt die Zentralbanken in Schutz.

"Es ist eine Illusion zu glauben, die Notenbanken seien maßgeblich für die niedrigen Zinsen verantwortlich."

Maßgeblich Faktoren seien dagegen die Flucht der Bürger in sichere Geldanlagen und die demografische Entwicklung. Wenn Menschen länger lebten und das gesetzliche Rentenniveau sinke, sparten Menschen eben mehr. Für das steigende Angebot an Spargeld gebe es aber keine entsprechende Nachfrage nach Krediten, was den Zins drücke.

Der Autor redet die Folgen für die Sparer nicht klein, wirft aber Rechtspopulisten, Cash-Propheten und Boulevardmedien vor, "die sachlich diskutable Kritik für ihre Zwecke verdreht" zu haben. So profitierten beispielsweise viele Bürger von der Niedrigzinspolitik seit der Finanzkrise, weil sie ihre Arbeit behalten haben. Zu den Profiteuren gehörten ebenfalls Besitzer von Immobilien und Aktien. Weil diese ungleich verteilt sind, wünscht sich Hagelüken mehr staatliche Anreize bei der Geldanlage.

"Der Ausweg wäre, die Vorsorge in Aktien und Immobilien zu lenken, durch staatlich beaufsichtigte, kostengünstige Sammelfonds wie in Schweden. Und ja, finanzieren lässt sich das: Indem Regierungen sich das Geld bei der reichen Minderheit holen, die in den vergangenen Dekaden noch reicher wurde – und den Großteil der Aktien- und Immobiliengewinne der Nullzinsära kassiert."

Alle seine Argumente hat der Autor nicht bis zu Ende durchdacht und manches ist sehr verkürzt dargestellt. Stark sind die Teile des Buches, in denen Hagelüken sich mit den aktuellen Veränderungen des Geldes und wirtschaftspolitischen Handlungsoptionen beschäftigt. Hier profitiert der Leser von den profunden Kenntnissen und der engagierten Haltung des Autors.

Alexander Hagelüken: "Das Ende des Geldes, wie wir es kennen. Der Angriff auf Zinsen, Bargeld und Staatswährungen",
C.H. Beck, 222 Seiten, 16 Euro.

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