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StartseiteInterviewGeldfresser Erdöl09.05.2008

Geldfresser Erdöl

HWWI-Direktor: Steigende Energiepreise auch Folge von Spekulation

Die Entwicklung an den Börsen ist nach Ansicht von Thomas Straubhaar, Direktor des Hamburger Instituts für Weltwirtschaft, einer der wesentlichen Gründe für die explodierenden Preise bei Öl und Benzin. Durch das Platzen der Immobilien- und Finanzblase sei "viel Geld freigespült worden", das sich jetzt sichere Anlagen suche, so Straubhaar.

Moderation: Christoph Heinemann

Thomas Straubhaar (Hamburgisches Welt-Wirtschafts-Archiv (HWWA))
Thomas Straubhaar (Hamburgisches Welt-Wirtschafts-Archiv (HWWA))

Christoph Heinemann: Wer es dem Volkslied entsprechend hält wie Bolle und zu Pfingsten reist - auch über das Ziel Pankow hinaus -, dem wird es anders ergehen als im Refrain des Liedes, der lautet: "Aber dennoch hat sich Bolle ganz köstlich amüsiert". Denn wer gegenwärtig zur Tankstelle fährt, dem ist nicht mehr zum Lachen zu Mute. 1,40 Euro pro Liter Diesel; Superbenzin ist nicht mehr weit entfernt von 1,50 Euro. Und aller schlechten Dinge sind drei: auch Gas könnte wieder teurer werden. - Professor Thomas Straubhaar ist Direktor des Hamburger Instituts für Weltwirtschaft. Guten Morgen!

Thomas Straubhaar: Guten Morgen Herr Heinemann!

Heinemann: Herr Professor Straubhaar, ist die Preisentwicklung beim Ölpreis nach oben offen?

Straubhaar: Das ist sie in jedem Fall. Das ist jeder Preis, der auf Märkten gebildet wird, weil letztlich Angebot und Nachfrage und langfristige Erwartungen diese Preisbildung mit beeinflussen. Von daher gesehen ist sicher noch Raum nach oben. Aber ich würde schon sagen, dass es genauso gute Gründe gibt, dass jetzt dies nur eine vorübergehende Entwicklung ist und nicht eine, die uns über Jahre beschäftigen wird.

Heinemann: Welche Gründe gibt es da?

Straubhaar: Weil erstens kurzfristige politische Ursachen ja auch scheinbar eine Rolle spielen. Zweitens, dass hier jetzt wohl die doch letztlich positiven Nachrichten, die eine oder andere aus den USA dafür gesorgt haben, dass Erwartungen korrigiert worden sind, dass eher erwartet wird, dass jetzt doch die USA auch in diesem Jahr viel Öl nachfragen werden. Und drittens, dass wir doch davon ausgehen, dass eben jetzt auch die Preise so hoch sind, dass es sich lohnt zu sparen und zweitens neue Förderquellen zu erschließen, so dass früher oder später mehr Öl gefördert werden wird und das wird dann den Preis auch wieder dämpfen helfen.

Heinemann: Wieso steigen die Spritpreise so auffällig oft vor Ferien, Feiertagen oder verlängerten Wochenenden?

Straubhaar: Das ist eine gute und sicher auch berechtigte Frage, die natürlich mich auch als Autofahrer immer wieder beschäftigt. Hier ist natürlich genau die Frage, wie sehr im Einzelfall der Markt eben nicht spielt, wie sehr im Einzelfall die eine oder andere Tankstelle oder die eine oder andere Ölfirma Möglichkeiten hat, die gestiegenen Ölpreise auf ihre Kunden zu überwälzen. Das mag sein, dass es im einen oder anderen Fall tatsächlich diesen Spielraum gibt. Allerdings ist immer auch darauf zu verweisen, dass die Preisentwicklung nicht nur durch Angebot und Nachfrage auf den Ölmärkten entsteht, sondern dass ja hier eben auch der Staat eine ganz wichtige Rolle spielt, indem er der Hauptverursacher der hohen Preise deswegen ist, weil er ja mit Mineralölsteuer und anderen indirekten Steuern richtig zulangt - auch gerade bei Benzinpreisen.

Heinemann: Sollte der Staat diese Steuern jetzt senken?

Straubhaar: Nein. Das habe ich damit auf gar keinen Fall sagen wollen, weil ich denke, dass es grundsätzlich schon richtig ist, dass Öl teurer und Benzin teurer hat werden müssen, damit endlich gespart wird, damit endlich andere Energieträger attraktiver werden. Solange Öl derart billig war und wann immer dann der Staat auch wieder versucht, Öl und Benzin billiger zu machen, werden natürlich Alternativen vergleichsweise teuer bleiben. Da denke ich, in der mittleren und längeren Frist wären wir sehr gut beraten, die Preise spielen zu lassen, damit neue Technologien - sei es Wind, Wasser, Sonne, Erdwärme, Wasserstoff und vielleicht auch wieder Kernkraft, Biomasse, andere, Holz - entsprechend attraktiver werden.

Heinemann: Herr Professor Straubhaar, Rohstoffe sind längst Geldanlagen. Beeinflusst es den Ölpreis, wenn Kapital verstärkt in Energiefonds investiert wird?

Straubhaar: Ich denke, dass das einer der ganz wesentlichen Gründe auch ist, wieso wir in diesem Jahr derart explodierende Ölpreise feststellen, weil eben hier viel Geld in den Märkten ist, das letztlich freigespült worden ist durch das Platzen der Immobilien- und Finanzblase, dass dieses Geld jetzt so genannte sichere Anlagen sucht. Eine der sicheren Anlagen scheinen Energie und Rohstoffe deshalb zu sein, weil über die mittlere und längere Frist gerade dank der großen Nachfrage aus jenen Ländern, die am Aufholen sind - Stichwort China -, hier ein großes Preispotenzial nach oben gesehen wird. Deshalb in der Tat, denke ich, ist dort auch viel Blasenbildung in diesen Preisen jetzt drin und deshalb war ja zu Beginn mein Hinweis, dass es natürlich noch nach oben gehen kann, kurzfristig, aber dass in der mittleren Frist diese Preise dann auch wieder eher nach unten als nach oben gehen werden. Vielleicht nicht mehr auf die 60 Dollar, die wir mal hatten, aber vielleicht wieder eher unter 100 als über 100 Dollar pro Barrel.

Heinemann: Benzin und Diesel, das ist der eine Geldfresser. Dazu kommt neuerdings ein besiegt geglaubtes Übel, nämlich die Inflation. Die Europäische Zentralbank hat gestern beschlossen, den Leitzins im Euro-Raum weiterhin unverändert auf vier Prozent zu lassen. War das eine kluge Entscheidung?

Straubhaar: Ja! Das halte ich für eine sehr kluge Entscheidung, weil anders als beispielsweise in den USA, wo die Zinsen ja letztlich wieder gesenkt worden sind auf jetzt zwei Prozent, hat in Europa die Europäische Zentralbank ein prioritäres Ziel. Das heißt, sie hat ein oberstes Ziel und dieses oberste Ziel heißt: Bekämpfung der Inflation, Sicherung der Preisniveau-Stabilität. Erst wenn die gesichert ist, darf sie nach ihren Satzungen dann als zweites nachrangiges Ziel auch Beschäftigungs- und Konjunkturziele verfolgen. Dieses erste Ziel der Inflationsbekämpfung, der Preisniveau-Stabilität, das ist in der Tat einfach gefährdet - nicht zuletzt auch dank der in Europa vergleichsweise noch gut laufenden Konjunktur, die im letzten Jahr ja auch richtigerweise dazu geführt hat, dass Löhne und Gehälter gestiegen sind, die dann jetzt eben überwälzt werden. Diese Überwälzungseffekte zusammen mit den hohen Energie- und Rohstoffpreisen führen nun dazu, dass das Inflationspotenzial recht groß ist in Europa.

Heinemann: Sorgt denn beides, sorgen die hohen Energiepreise und die Inflation für Bremsspuren in der Konjunktur?

Straubhaar: Ja, das würden wir schon feststellen. Ich finde den Ausdruck Bremsspur genau richtig. Es ist nicht so, dass es zu einem Vollstopp der Konjunktur in Europa kommen wird, auch nicht in Deutschland. Ich denke, dass aller schlechten Nachrichten zum Trotz gerade die deutsche Wirtschaft enorm stabil sich ausweist. Und nicht zuletzt - das ist bei allem Unglück das Glück -, dass gerade die deutsche Wirtschaft von diesen steigenden Löhnen und Energiepreisen natürlich sehr, sehr profitiert. Das klingt komisch, aber ist so, weil sie als Anbieter von Lösungen für alternative Energien weltweit führend ist. Da lohnt sich und rechnet sich nun, dass wir über Jahre in Deutschland uns Gedanken gemacht haben, in alternativen Energien voranzukommen. Dieses Wissen wird nun attraktiver auf dem Weltmarkt, weil andere Länder jetzt auch beginnen, über derartige energiesparende Technologien und effizientere Technologien nachzudenken.

Heinemann: Wenigstens das lässt hoffen. - Professor Thomas Straubhaar, der Direktor des Hamburger Instituts für Weltwirtschaft. Danke schön für das Gespräch und auf Wiederhören!

Straubhaar: Gerne!

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