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StartseiteCampus & Karriere"Das bisherige pädagogische Konzept funktioniert nicht"17.02.2020

Gemeinschaftsschulen"Das bisherige pädagogische Konzept funktioniert nicht"

In Baden-Württemberg gibt es Streit über die Gemeinschaftsschulen. Der Verband der Gymnasiallehrer meldet gehäufte Beschwerden, etwa wegen Mobbings. Die Schulform brauche ein tragfähiges pädagogisches Konzept, sagte Verbandschef Ralf Scholl im Dlf.

Ralf Scholl im Gespräch mit Thekla Jahn

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Das (gestellte) Foto zeigt eine verzweifelte Lehrerin im Klassenzimmer. (imago / Ute Grabowsky)
Gestresste Lehrer an Baden-Württembergs Gemeinschaftsschulen: Der Philologenverband hat Beschwerden seiner dortigen Mitglieder gesammelt (imago / Ute Grabowsky)
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Die Gymnasiallehrer, die an Gemeinschaftsschulen in Baden-Württemberg unterrichten, schlagen Alarm. Der dortige Philologenverband, Verband der Gymnasiallehrer, stellt den Gemeinschaftsschulen im Ländle ein schlechtes Zeugnis aus, sowohl beim Bildungserfolg der Schüler als auch bei den Arbeitsbedingungen für die Lehrer.

Ein Lehrer unterrichtet an einer Gemeinschaftsschule in Berlin und hilft einer Schülerin. Drumherum sitzen weitere Schülerinnen und Schüler. (picture alliance / dpa / Britta Pedersen) (picture alliance / dpa / Britta Pedersen)"Wir werden völlig verheizt"
Gymnasiallehrer berichten von schlechten Arbeitsbedingungen an Baden-Württembergs Gemeinschaftsschulen, meldet der dortige Philologenverband. Viele hätten sich aus Idealismus für diese Schulform entschieden, wollten aber inzwischen nur noch weg. Wir haben mit zwei Betroffenen gesprochen.

Und jetzt? Das besprechen wir mit dem Vorsitzenden des Philologenverbandes in Baden-Württemberg, Ralf Scholl.

Gegen-Umfrage des Vereins der Gemeinschaftsschulen

Thekla Jahn: Die Alarmglocke, an der Sie gezogen haben, tönt nach. Der Verein der Gemeinschaftsschulen – nehmen wir den zuerst – hat in einer Blitzumfrage versucht, Ihre Vorwürfe zu entkräften. Danach ist alles okay an den Gemeinschaftsschulen, außerdem würden anders als bei Ihnen die Namen der Lehrer öffentlich genannt. Also alles nicht so schlimm – was sagen Sie dazu?

Ralf Scholl: Ja, dass diejenigen Lehrer, die sich für die Gemeinschaftsschule aussprechen, ihren Namen dann offen nennen, ist kein Wunder, weil sie sicherlich von ihren Schulleitungen keinen Druck kriegen. Die Namen aller derjenigen, die an uns berichtet haben, sind ja bekannt, und auch die Presse und Radiomitarbeiter haben sie ja bekommen, um Rückfragen direkt stellen zu können. Dass sie nicht genannt werden können, hängt schlicht und einfach damit zusammen, dass sie als Beamte, wenn sie auf Missstände hinweisen, disziplinarrechtliche Konsequenzen zu erwarten hätten.

Jahn: Was sagen Sie jetzt zu dem, dass Herr Wagner-Uhl sagt, ja, meine Umfrage ergibt, das ist alles nicht so dramatisch, wie der Philologenverband das erzählt?

Scholl: Ja, was soll man dazu sagen? Herr Wagner-Uhl, der ja dem Verein für Gemeinschaftsschulen vorsteht, hat ein ganz dezidiertes Interesse daran, die Gemeinschaftsschulen möglichst positiv darzustellen. Das ist ja auch völlig legitim. Dass alles an den Gemeinschaftsschulen so in Butter ist, wie er behauptet, das bezweifeln wir nach den Rückmeldungen, die wir gekriegt haben, und auch nach den Rückmeldungen, die wir nach der Veröffentlichung unseres Alarmrufes erhalten haben, aber ganz gewaltig.

Gespräch mit Kultusministerin Mitte März

Jahn: Jetzt haben Sie aufgrund der Berichte, die Ihnen Lehrer haben zukommen lassen, Alarm geschlagen, weil es beschönigte Beurteilungen und Noten gibt, weil fachfremd unterrichtet wird an Gemeinschaftsschulen, weil Druck von der Schulleitung auf Gymnasiallehrer ausgeübt wird, weil es Disziplinprobleme in den Klassen gibt. Die Kultusministerin Susanne Eisenmann hat sofort, nachdem Sie Alarm geschlagen haben, reagiert und ein Gespräch angekündigt. Haben Sie sich mit der Ministerin schon austauschen können?

Scholl: Nein, das war bisher noch nicht möglich. Ein Gespräch ist jetzt angesetzt für den 16. März.

Jahn: Das ist noch relativ weit hin, wenn man Alarmglocken schrillen hört.

Scholl: Nun ja, fürs Kultusministerium ist das ziemlich schnell.

Jahn: Was erwarten Sie sich von Frau Eisenmann?

Scholl: Ich weiß es nicht, ehrlich gesagt, weil sie ist natürlich politisch in einer relativ engen, wie soll ich sagen, Zwangsjacke. Die CDU und die Grünen haben ja sehr unterschiedliche Blickwinkel, sag ich mal, auf die Gemeinschaftsschule, und im Koalitionsvertrag steht drin – oder zumindest wird es wohl so interpretiert –, dass die Gemeinschaftsschulen sakrosankt sind.

"Es geht insbesondere auf Kosten schwächerer Schüler"

Jahn: Höre ich richtig heraus, dass Sie möchten, dass die Gemeinschaftsschule als solches grundsätzlich hinterfragt wird?

Scholl: Wir haben nichts gegen eine Gemeinschaftsschule an sich, aber eine Gemeinschaftsschule braucht ein tragfähiges pädagogisches Konzept, was tatsächlich funktioniert, und zumindest an einem Großteil der Gemeinschaftsschulen funktioniert das bisher bestehende pädagogische Konzept gar nicht. Insbesondere geht es eben auf Kosten der schwächeren Schüler.

Jahn: Das müssen Sie erklären.

Scholl: Schon die Evaluationsstudie WissGem, die wissenschaftliche Begleitung der Gemeinschaftsschulen, die 2016 veröffentlicht wurde, also nur relativ kurz nach dem Start der Gemeinschaftsschulen, hat klargemacht, dass das Prinzip des selbstorganisierten Lernens für die schwächeren Schüler eben gerade nicht tragfähig ist. Und was nützt eine Gemeinschaftsschule, an der zwei Drittel der Schüler eine Haupt-/Werkrealschulempfehlung haben im Schnitt des Landes, dann mit einem pädagogischen Konzept, die Schüler sollen sich alles selbst bearbeiten nach einer Inputphase, zu versehen, dass eben genau für die schwächeren Schüler nicht trägt. Jeder Lehrer weiß aus Erfahrung, dass er die schwächeren Schüler enger führen muss, sodass sie erfolgreich lernen, an der Sache dranbleiben.

Jahn: Das heißt, Sie meinen, dass enger an der Sache dranbleiben auch heißt, Noten so zu geben, wie sie den Leistungen entsprechen, so die Disziplin in der Klasse einzufordern, dass alle lernen können?

Scholl: Ja, selbstverständlich, das sind zwei wesentliche Punkte. Und wenn man eben wie die jetzigen Gemeinschaftsschulen solchen Wert darauf legt, parallel Verbalbeurteilungen zu geben, dann müssen diese Verbalbeurteilungen aber mindestens parallel durch Noten begleitet werden. Das ist eine Forderung, die ich als Lehrervertreter natürlich nur ganz schwer erheben kann, denn die Mehrarbeit bleibt wieder mal an den Lehrern hängen.

"Land der Cleverle" im bundesdeutschen Mittelfeld

Jahn: Was können Sie als relativ kleiner Gymnasiallehrerverband erreichen?

Scholl: Das werden wir sehen. Ich meine, wir sind zwar insofern relativ klein, als wir natürlich unser wesentliches Standbein im Bereich der Gymnasien haben und nur Gymnasiallehrer organisieren. Wir werden sehen. Es geht ja nicht nur darum – und das ist das, worauf wir so viel Wert legen –, irgendwie ideologisch zu argumentieren, sondern es geht darum, dass endlich mal die Fakten auf den Tisch kommen und man faktenbasiert dann versucht, das Schulsystem in Baden-Württemberg zu verbessern. Auf gut Deutsch gesagt: Dass das Abschneiden in den Tests halt massiv schlechter geworden ist und auf diesem mittelmäßigen Niveau des Bundesdurchschnitts war, kann doch für das Land der "Cleverle", der Tüftler, nicht auf Dauer so bleiben.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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