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StartseiteEssay und DiskursGenuss und Askese in der Leistungsgesellschaft25.12.2008

Genuss und Askese in der Leistungsgesellschaft

Teil 1: Wettlauf um Erlösung

Ist der Verzicht die moderne Form des Genießens? Sind Enthaltsamkeit und Sport sogar dabei, als Garant der Erfüllung den Sex zu ersetzen? Dass der Kapitalismus seine asketischen Wurzeln nicht verloren hat, analysiert Svenja Flaßpöhler in ihrem zweiteiligen Essay "Genuss und Askese in der Leistungsgesellschaft".

Von Svenja Flaßpöhler

Momente der Askese in der Konsumgesellschaft (AP)
Momente der Askese in der Konsumgesellschaft (AP)
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Genuss und Askese in der Leistungsgesellschaft

Sie zeigt, wie sehr trotz des oft besinnungslos wirkenden Kaufrausches von Konsumenten unsere Überflussgesellschaft von Momenten der Askese geprägt ist. Dies lässt sich zum Beispiel am Trend zur Entsagung zeigen, wie er sich ausdrückt in Fitness-Studios, Wellness-Centern oder beim Endlos-Jogging.

Svenja Flaßpöhler ist promovierte Philosophin. Als freie Autorin schreibt sie unter anderem für die Frankfurter Allgemeine Zeitung, die Berliner Zeitung und die Fachzeitschrift "Psychologie heute". 2008 erschien ihr Buch "Gutes Gift. Über Eifersucht und Liebe" im Verlag Artemis und Winkler.


Unter dem Titel Odysseus, der Wellnesser, oder: Zur Problematik des rationalen Genießens behandelt die Autorin am 26.12.2008 die "Problematik des bloß rationalen Genießens.



Wettlauf um Erlösung

Es ist kurz vor Mitternacht, und es ist eng auf dem Berliner Alexanderplatz. 5000 Menschen stehen vor einem rosafarbenen Gebäude, ungeduldig mit den Füßen scharrend, und warten darauf, dass sich die Glastüren endlich öffnen. Dann, plötzlich, ein lauter Knall. Die Masse hat den Absperrungszaun vor dem Haupteingang umgestürzt. Schreie sind zu hören, dann ein Scheppern und Klirren, die erste Glastür ist eingedrückt. Die Menschenmenge stürmt los, schiebt sich durch die Eingänge, die notgedrungen geöffnet werden müssen, und stürzt sich auf Laptops, Handys, iPods, Flachbildschirme und Stereoanlagen, als ob es kein Morgen gäbe, Menschen bluten oder reiben sich mit schmerzverzerrtem Gesicht Arme und Beine.

Abgespielt haben sich diese Szenen im vergangenen Jahr während der Eröffnung des Berliner Einkaufszentrums Alexa, Szenen, die Max Webers berühmte These, der Geist des Kapitalismus sei wesentlich durch protestantische Askese bestimmt, brutal in ihre zeitgeschichtlichen Schranken verweisen. Die vom Kalvinismus geprägte asketische Lebensführung, so schrieb der Soziologe Anfang des 20. Jahrhunderts, bestehe in arbeitsamem, gottgefälligem Streben und striktem Sparzwang und habe auf diese Weise die Entwicklung des kapitalistischen Systems begünstigt. Neunzig Jahre später geraten die Massen selbst nachts in einen Kaufrausch, angefeuert durch Slogans wie Geiz ist geil, mit dem die Grundsätze des asketischen Protestantismus tatsächlich kaum entschiedener negiert werden können. Der Schnäppchenjäger kauft nicht aus Bedürftigkeit, und er ist auch nicht sparsam. Vielmehr frönt er seiner Habgier unter dem Deckmäntelchen rationalistischer Investition, und das häufig, um es mit es mit Webers Worten zu sagen, "ohne solide ökonomische Basis" - womit wir natürlich bei der Finanzkrise wären, die im Herbst dieses Jahres den globalen Welthandel erschütterte.

"Genuss und Askese in der Leistungsgesellschaft", so lautet der Titel dieser Essay-Reihe. Können wir das Wort Askese also ersatzlos streichen? Was hat es noch mit Askese zu tun, wenn wir sorglos auf Pump genießen, während an der Börse, wie Karl Marx sagen würde, "Geld heckendes Geld" für uns arbeitet? Hat der Spätkapitalismus seine asketischen Wurzeln restlos ausgerissen? Erschöpft er sich vollends in besinnungslosem Kaufrausch? Mitnichten. Vielmehr ist die Askese gerade in der heutigen Überflussgesellschaft in auffälliger Weise gegenwärtig. So schreibt der Berliner Kulturwissenschaftler Thomas Macho:

Wer mit permanenter Fülle konfrontiert wird, sehnt sich nach Leere: nach einer Erlösung vom Zwang, alle Genussangebote akzeptieren zu müssen. Wer unaufhaltsam versorgt wird, beginnt nach Entzug zu streben. Daher ist es keineswegs verwunderlich, dass sich - gewissermaßen als Reaktion auf stets besetzte Supermarktregale - ein Typus alternativer Sinnstiftung etabliert hat: etwa in Gestalt pseudoasketischer Lebensweisheiten, die Verzicht und Enthaltsamkeit predigen. Jedem zeitgenössischen Kochrezept korrespondiert ein Diätvorschlag; jeder Metzgerei ein Reformhaus; jeder Werbung für ein neues Nahrungsmittel ein Medikament gegen "Völlegefühle" oder Gastritis.

Während weltweit Millionen von Menschen hungern und ums nackte Überleben kämpfen, haben wir das - im wahrsten Sinne des Wortes - Luxusproblem ständiger Nahrungsmittelüberverfügbarkeit, die den Verzicht notwendig und durchaus auch attraktiv macht. So attraktiv allerdings, dass die Askese mittlerweile nicht nur ein typisches Phänomen, sondern auch ein besorgniserregendes Symptom der heutigen Wohlstandsgesellschaft ist. So lässt sich inmitten des Überflusses ein immer stärkerer Trend hin zu einer Entsagung beobachten, die von Selbstqual häufig nicht mehr zu unterscheiden ist. Millionen Menschen essen nur noch kalorienreduziert, verbringen ihre Wochenenden im Fitnessclub, schwitzen und fasten in Wellnesscentern um die Wette, schweigen wochenlang im Kloster oder schinden sich beim alljährlichen Marathonlauf. Und nicht nur beim Marathonlauf endet der Entsagungswahn mitunter tödlich.

So ist neben der Magersucht auch die Sportsucht längst zu einer ernst zunehmenden Zivilisationskrankheit avanciert. In Deutschland ist immerhin jeder Hundertste sportsüchtig, und in amerikanischen Fitnessstudios hat sich für die vielen Dauerabonnenten die Bezeichnung ‚permanent residents' eingebürgert, weil sie den Trainingsraum praktisch kaum mehr verlassen. Auf zutiefst tragikomische Weise veranschaulicht wird der amerikanische Fitnesswahn in dem Film "Burn after Reading", dem jüngsten Werk von Ethan und Joel Coen. Brad Pitt spielt in diesem Film einen Fitnesstrainer, der wie ein Baby ununterbrochen an seiner Getränkeflasche nuckelt und für den sein Sportdress eine zweite Haut ist, die er auch in den unpassendsten Momenten nicht abzulegen vermag. Und George Clooney, der einen sexbesessenen Personenschützer namens Harry spielt, hüpft nach jedem Geschlechtsakt geradezu zwanghaft in seine Sportsachen, um exakt fünf Meilen zu joggen - so, als müsste er sich für seine Lüsternheit unverzüglich selbst bestrafen. Und wenn Harry nicht gerade Geschlechtsverkehr hat oder joggt, dann baut er in seinem Keller an einer Maschine, die auf einen ersten Blick aussieht wie ein Fitnessgerät, in Wahrheit aber ein Sexautomat ist. Die Engführung von Fitness und Sex ist in "Burn after Reading" tatsächlich auffallend, und zumindest für die Protagonisten des Films ist letzten Endes unklar, was von beidem die größere Erfüllung verspricht.

Die Popikone Madonna dagegen scheint diese Frage für sich geklärt zu haben. Vier volle Stunden verbringt sie jeden Tag in ihrem Fitnessraum, und angeblich hat sie durch ihre Sportsucht mittlerweile ihre Ehe ruiniert. Ob Madonna nun, wie es hieß, aufgrund ihres exzessiven Sporttreibens wirklich keine Lust mehr auf Sex verspürt, wissen wir natürlich nicht. Augenfällig ist aber, dass der Sport für viele Menschen immer wichtiger wird und vielleicht tatsächlich längst die Rolle spielt, die vormals der Sex innehatte. "Der Fitnesstrainer ersetzt den Geliebten, Sport ist wichtiger als Sex", so hieß es in besagter Zeitungsmeldung über Madonna im Herbst dieses Jahres. War bis in die achtziger Jahre hinein noch Sex der Garant für Erfüllung, ist es in Zeiten zunehmenden Konkurrenz- und Leistungsdrucks anscheinend der Sport. Wenn wir genießen wollen, geben wir uns nicht mehr einem anderen Körper, sondern dem Fitnessgerät hin, geradezu zwanghaft verausgaben wir uns beim Hantelnstemmen, Joggen oder Fahrradfahren, als ginge es - wir werden später darauf zurückkommen - um den Eintritt ins Himmelreich. Zuweilen scheint es tatsächlich, als unterstünden wir, ohne es zu merken, einem nachgerade göttlichen Befehl, der uns unentwegt zu einer Form des Genießens auffordert, die im Grunde Verzicht bedeutet. So ist der Philosoph Slavoj Žižek davon überzeugt,

... dass heute in unserer angeblich so freizügigen Gesellschaft die [...] Askese die Form ihres genauen Gegenteils annimmt, den allgemeinen Befehl "Genieße!". Wir alle stehen im Bann dieses Befehls, mit dem Ergebnis, dass unser Genießen mehr denn je gestört ist - man denke an den Yuppie, der narzisstische Selbsterfüllung mit der äußerst asketischen Disziplin des Joggens und gesunden Essens verbindet.

Ist der Verzicht also die moderne Form des Genießens? Was aber ist so reizvoll am Verzicht, dass er von so vielen Menschen in extremem Maße gelebt wird und für manche sogar den Sex zu ersetzen scheint? Können wir nur noch genießen, indem wir unseren Körper stählen, reinigen, schinden und ihn ein wenig hungern lassen? Wird damit aber nicht das, was man gemeinhin unter Genuss und Genießen versteht, ins Gegenteil verkehrt?

"Warum fresst ihr soviel? Ihr habt gar keinen Hunger!", sagt eine junge Frau in Marco Ferriris Film "Das Große Fressen" aus dem Jahr 1973. Fassungslos betrachtet sie die vier Herren Marcello, Ugo, Philippe und Michel beim kollektiven Fress-Suizid zu und fügt resigniert hinzu: "Soviel frisst nicht mal ein primitives Tier." Würde Ferriri seinen Film heute drehen, er würde ihn womöglich nicht "Das große Fressen", sondern "Das große Kaufen" nennen und die vier Schlemmer durch gegenseitig sich tot trampelnde Schnäppchenjäger ersetzen. Aber ob Kaufen oder Fressen: Fest steht, dass der Mensch, anders als das Tier, sich nach dem Mehr, dem Überschuss sehnt, und das sowohl in qualitativer, als auch in quantitativer Hinsicht. "Das Ideale war für mich immer, mit dem Essen anzufangen und nie wieder aufzuhören", sagt Philippe und stirbt wenig später. Während das Tier frisst, um satt zu werden, reicht dem Menschen nicht das nackte Überleben, er will sich spüren, will in Ekstase geraten, will sich vergessen im Rausch, kurz: er will genießen, und ist damit immer in Gefahr, zu viel zu essen, sich in einem Übermaß den unterschiedlichsten Drogen hinzugeben oder, und diese Form des Genießens praktizieren derzeit neun Prozent aller Deutschen, wie im Wahn Dinge zu kaufen, die man zuhause nicht einmal mehr auspackt.

Wenn aber Genuss als Rausch, Ekstase und Kontrollverlust definiert wird, dann genießt natürlich letzten Endes auch der extreme Asket. So schreibt Friedrich Nietzsche in seiner Genealogie der Moral, dass "an der Entselbstung, Selbstgeisselung, Selbstopferung ein Wohlgefallen empfunden und gesucht wird." Es handle sich um eine Zwiespältigkeit , so fährt der Philosoph fort, "welche sich selbst in diesem Leiden genießt und in dem Maße sogar immer selbstgewisser und triumphierender wird, als ihre eigne Voraussetzung, die physiologische Lebensfähigkeit, abnimmt." Insofern also genießt auch beispielsweise der Sportsüchtige, auch er will sich spüren, will in Ekstase geraten, sich vergessen im Rausch - man denke nur an den Marathonläufer, der wie von Sinnen und bis zum Umfallen erschöpft über die Ziellinie taumelt.

Gegenüber dem Trunkenbold, dem Fress- oder Kaufsüchtigen hat der asketische Genießer jedoch einen entscheidenden Vorteil, nämlich den, dass er christlichen - und, so wird sich später zeigen, auch gesellschaftlichen - Grundsätzen nicht nur nicht zuwiderhandelt, sondern sie sogar affirmativ erfüllt. Während nämlich der Vielfraß, der Säufer, der Sex- oder Kaufsüchtige sich auf weltliche, flüchtige Dinge stürzt und sich damit so mancher Todsünde schuldig macht, richtet der Asket sein Begehren auf das ewige Nichts - und das heißt: auf eine transzendentale, ja im Grunde göttliche Dimension. Genau dies, eine Abkehr von den weltlichen Genüssen und eine Hinwendung zu Gott, forderte zum Beispiel der antike Kirchenvater Augustinus. Für ihn war ein Genießen, das bei flüchtigen, weltlichen Dingen verharrt, eine "schlechthinnige Perversion". Unsere Liebe dürfe sich nicht auf "Temporalia", sondern nur auf ewige, unveränderliche Dinge richten, schreibt er in seinem Werk "De Trinitate".

Den Begriff der Askese in den christlichen Sprachschatz überführt hat jedoch jemand anderes - nämlich der Apostel Paulus. In der Hoffnung um Auferstehung bemühte Paulus sich, so heißt es in der Apostelgeschichte, "vor Gott und den Menschen jederzeit ein reines Gewissen zu haben". Für ‚sich bemühen' steht im griechischen Originaltext das Verb ‚asko', und um den Sinn und Zweck dieses Mühens um Unschuld zu veranschaulichen, verwendet Paulus das Bild des Wettrennens. So heißt es im ersten Korintherbrief:

Wisst ihr denn nicht, dass die Läufer in der Rennbahn zwar alle laufen, dass aber nur einer den Siegespreis empfängt? Laufet so, dass ihr ihn erringet. Jeder Wettkämpfer aber übt gänzliche Enthaltsamkeit; jene tun es, um einen vergänglichen Kranz zu erlangen, wir aber einen unvergänglichen. So laufe ich denn meinerseits nicht wie ins Blaue hinein, ich führe den Faustkampf nicht wie einer, der Lufthiebe schlägt; sondern ich zerschlage meinen Leib und mache ihn mir untertan, damit ich nicht, während ich andern Heroldsdienste tat, dastehe wie einer, der disqualifiziert wurde.

Wie der Sportler, meint Paulus, muss der gute Christ seinen Leib zerschlagen, muss ihn unterwerfen, denn nur durch konsequente Entsagung gewinnt er den Wettkampf um göttliche Erlösung. Nun wissen wir natürlich nicht, was Paulus dachte, als er das Bild des Laufens und Wettrennens wählte, aber vielleicht ist der Zusammenhang zwischen Sport und Christentum ja doch enger, als gemeinhin angenommen. Schaut man sich nämlich vor dem Hintergrund des Paulusschen Vergleichs etwa einen Marathonlauf an, dann mögen durchaus Aspekte ins Auge fallen, die, wenn auch entfernt, ans christliche Martyrium erinnern - zumal ja tatsächlich so mancher Läufer auf den 42 Kilometern sein Leben lässt. Sein Gesicht ist von Schmerz verzerrt, als würde er gerade den Weg nach Golgatha bestreiten, manchmal bricht er unter der Last seines Kreuzes gar zusammen, doch als gälte es, ein Opfer darzubringen, läuft er weiter, angefeuert von den Massen, die sich durch sein Leid irgendein Heil zu erhoffen scheinen.

Sein Opfer indes bringt der Läufer durchaus mit einer gewissen Befriedigung dar - so, als stünde seine Leistung im Dienste von etwas Höherem, das ihm die Qual stillschweigend abverlangt und sie am Ende belohnen wird. Wie hatten wir vorhin gesagt? Der Sportler verausgabt sich, als ginge es um den Eintritt ins Himmelsreich. Der Verzicht-Genießer ist dieses Eintritts in der Tat insofern würdig, als er sich nicht, wie normalerweise durchs Genießen, Schuld auflädt, sondern ganz im Gegenteil Schuld abbaut. Werden nicht tatsächlich gerade Volksläufe gern mit einem sozialen Zweck verbunden? Daran ist natürlich zunächst einmal überhaupt nichts auszusetzen, im Gegenteil, jeder Kilometer ist ein Stück Brot für die Welt, gelaufen wird für Amnesty International, für Hungernde, Aids-Kranke und manchmal auch, man denke nur an den Film "Forrest Gump", für verstorbene geliebte Menschen.

In "Forrest Gump" spielt Tom Hanks einen Mann, der den Tod seiner Geliebten zu verarbeiten versucht, indem er einfach zu laufen anfängt und nicht mehr aufhört. Wie Jünger folgen ihm immer mehr Menschen, bis er nach einigen Jahren seinen Lauf abrupt beendet. Auch dem Niederländer Richard Bottram schlossen sich im Jahr 2006 immer wieder kleine Gruppen von Mitläufern an. Nach dem Krebstod seiner Freundin Elise hatte er sich vorgenommen, ein ganzes Jahr lang jeden Tag einen Marathon zu laufen, was er dann auch tat. Ein Jahr lang jedes Jahr einen Marathon zu laufen bedeutet, 365 mal 42,195 Kilometer zu Fuß zurückzulegen. Das macht insgesamt 15 401 Kilometer und 175 Meter - so viel ist Richard Bottram in jenem Jahr für seine Frau und all die anderen Krebskranken dieser Welt gelaufen. Abends hatte er jedes Mal so schwere, steife Beine, dass er kaum noch gehen konnte, aber Richard Bottram lief am nächsten Morgen trotzdem weiter und erklärte am 128. Tag sein Durchhaltevermögen mit den Worten: "Elise war die Liebe meines Lebens. Was ich jetzt tue, tue ich aus Liebe zu den Menschen."

Wo aber hört der durchaus sinnvolle soziale Zweck auf und fängt die Neurose an? Denn so ehrenwert Bottrams Liebesdienst auch gewesen sein mag: gemahnt er nicht auch auf tragische, ja beängstigende Weise an einen märtyrerhaften Akt der Selbstaufopferung oder an einen Bußgang auf blutigen Knien? Umso erstaunlicher, dass das Wort Schuld oder Schuldgefühl, so sehr es sich aufdrängt, von den Akteuren wie den Berichterstattern derartiger Ereignisse peinlichst vermieden wird. Gesprochen wird auch nicht über die betäubende Funktion von 365 Marathonläufen in Folge, die nur Zyniker als Trauerarbeit bezeichnen können. Über die geradezu hypnotisierende Wirkung der Askese schreibt Friedrich Nietzsche:

Man bekämpft erstens jene dominierende Unlust durch Mittel, welche das Lebensgefühl überhaupt auf den niedrigsten Punkt herabsetzen. Womöglich überhaupt kein Wollen, kein Wünschen mehr, Allem, was Affekt macht [...], ausweichen (kein Salz essen, Hygiene des Fakirs); nicht lieben; nicht hassen; Gleichmuth; [...] psychologisch ausgedrückt: "Entselbstung", "Heiligung"; physiologisch ausgedrückt: Hypnotisierung [...] Dass solche sportsmen der Heiligkeit, an denen alle Zeiten, fast alle Völker reich sind, in der That eine wirkliche Erlösung von dem gefunden haben, was sie mit einem so rigorösen training bekämpfen, daran darf man durchaus nicht zweifeln [...].

Ein Gefühl der Unlust wird durch den noch größeren Schmerz des Verzichts verdeckt, bis nichts mehr begehrt wird auf dieser Welt. Zugrunde liegt all dem, so Nietzsche, ein immenses Schuldgefühl des Menschen, dass durch die christliche Lehre instand gesetzt und immer mehr geschürt werde. So zwinge das Christentum den Menschen, die Ursache seines Leidens ausschließlich in sich selbst zu suchen, "in einer Schuld, in einem Stück Vergangenheit, er soll sein Leiden selbst als einen Strafzustand verstehn..." Seine angebliche Urschuld, seine Erbsünde, müsse der Mensch Zeit seines Lebens abarbeiten, koste es, was es wolle.

Doch der lebenslange Schuldabbau wird ganz offensichtlich längst nicht mehr nur von christlicher Seite eingefordert. "Rennt für einen guten Zweck", stand seinerzeit unter dem sportiven Foto Richard Bottrams in der Süddeutschen Zeitung, und es ist in der Tat auffällig, wie affirmativ die Gesellschaft solchen Extremleistungen gegenüber steht. Ja, unsere derzeitige Leistungsgesellschaft scheint durch ihre immense Erwartungshaltung derartige Extreme sogar selbst zu provozieren. Bis zur völligen Erschöpfung müht der moderne Mensch sich ab, um ihre Leistungsideale zu erfüllen und auf diese Weise gesellschaftliche Anerkennung zu erfahren. Der Mensch, so lautet das oberste Gebot der Leistungsgesellschaft, muss sich seine Existenz im wahrsten Sinne des Wortes verdienen, er muss sich bewähren wie der Wettläufer im ersten Korintherbrief des Paulus - sonst wird er disqualifiziert. So schreibt der Philosoph Herbert Marcuse:

Der Aufbau des gesellschaftlichen Schuldgefühls ist eine entscheidende Leistung der Erziehung. Das herrschende Wertgesetz spiegelt sich in der stets aufs neue reproduzierten Überzeugung, dass jeder, ganz auf sich allein gestellt, sein Leben sich im allseitigen Konkurrenzkampf verdienen muss [...]. Das Glück kann man sich dabei nicht verdienen. Ziel der Arbeit soll nicht das Glück sein und ihr Entgelt nicht der Genuss, sondern Profit und Arbeitslohn: die Möglichkeit weiterzuarbeiten.

Marcuses Beobachtung aus dem Jahr 1965 trifft gegenwärtig mehr zu denn je: Längst hat das herrschende Wertgesetz den beruflichen Erfolg zum non plus ultra erklärt und übt damit einen Druck aus, der sich durch drohende Arbeitslosigkeit nur noch verstärkt. Bis zum Burn-out verausgaben wir uns heute in der Arbeit, aus Angst, sie womöglich zu verlieren, wenn wir uns nicht mit jeder Faser unseres Körpers für sie einsetzen wie ein Wettläufer für den Sieg. Was auf diese Weise entsteht, ist Arbeitssucht, die das womöglich typischste und besorgniserregendste Askese-Symptom der heutigen Leistungsgesellschaft ist. Wir sind gehorsam, emsig, pünktlich und, was das Wichtigste ist, immer beschäftigt, denn genau das verlangt das herrschende Wertgesetz. Weit entfernt vom sträflichen Nichtstun ist der Workaholic ständig auf Trab, im Ablauf des Tages lässt er keine Pause entstehen, hetzt von Termin zu Termin. Womit wir wieder bei Max Weber wären - denn den Grundsätzen des asketischen Protestantismus, wie Weber sie formuliert hat, gehorcht der Workaholic tatsächlich aufs Wort.

Nicht Muße und Genus, sondern nur Handeln dient nach dem unzweideutig geoffenbarten Willen Gottes zur Mehrung seines Ruhms. Zeitvergeudung ist also die erste und prinzipiell schwerste aller Sünden. [...] Zeitverlust durch Geselligkeit, faules Gerede, Luxus, selbst durch mehr als der Gesundheit dienlichen Schlaf - 6 bis 8 Stunden - ist sittlich absolut verwerflich.

"Vergeude keine Energie, verwerte sie!", so forderte ganz im Einklang mit diesen asketischen Grundsätzen der Chemiker und Philosoph Wilhelm Ostwald am Beginn des Industriezeitalters in seinem Energetischen Imperativ - ein Befehl, der heutzutage mehr gilt denn je. Die moderne Askese, schreibt der Kulturwissenschaftler Thomas Macho, ist "eine Komposition aus Arbeitssucht und Aktivismus, Stress und Zeitdruck, Einsamkeit und Depression, eine traurige Mixtur aus Sexismus, Kinderfeindlichkeit und zölibatärer Impotenz." Gut erinnern wir uns auch an die Meldung aus dem Frühjahr 2008, der Lebensmittelkonzern Lidl habe seine Mitarbeiter per Videokamera bespitzelt, um zu verhindern, dass wertvolle Arbeitszeit während eines unnötigen Toilettengangs, einer heimlichen Zigarettenpause oder gar mit Liebeständeln vergeudet wird. "Der Genuss, das ist das, was zu nichts dient", schreibt Jacques Lacan, und deshalb verbietet das herrschende Wertgesetz den Genuss genauso streng wie ehemals Augustinus.

Doch im Grunde brauchen wir dieses Wertgesetz gar nicht mehr. Wenn wir nämlich doch einmal über die Stränge schlagen, kasteien wir uns vorher oder nachher ganz von allein, damit wir uns wenigstens unterm Strich nichts zu Schulden kommen lassen. Unser Abendessen zum Beispiel dürfen wir erst dann genießen, wenn wir vorher beim Workout Kalorien verbrannt haben. Oder wir ersetzen den gefährlichen, weil schuldhaften Genuss gleich ganz durch einen ungefährlichen, schuldlosen. Warum alkoholhaltiges Bier trinken, wenn es doch auch alkoholfreies Bier gibt, das fast genauso gut schmeckt? Und ist nicht auch fettreduzierter Käse viel gesünder als vollfetter? Warum sich also unnötig belasten? Diese zutiefst rationale, ungefährliche Form des Genießens wird morgen, im zweiten Teil dieses Essays, im Zentrum stehen. Sprechen werden wir über die gegenwärtig immer stärker zunehmende Entgiftung und gesellschaftliche Affirmation des Genusses, die ihren vorläufigen Höhepunkt im Wellness, im so genannten ‚Wohlfühlgenuss' findet.

Blicken wir aber noch einmal zurück auf den eingangs dargestellten Massenansturm auf das Berliner Einkaufszentrum Alexa. Was verbindet den Schnäppchenjäger mit dem Wettläufer des Apostel Paulus, dem Marathonmärtyrer und dem Konkurrenzwettkämpfer? Welches Heil erhofften sich die 5000 Berliner und Berlinerinnen in der Nacht vom 11. auf den 12. September 2007, als sie ihrer Habgier freien Lauf ließen? Eine Antwort auf diese Frage findet sich in einem Fragment des Philosophen Walter Benjamin mit dem Titel Kapitalismus als Religion. Benjamin vertritt dort die These, dass der Kapitalismus in seiner Warenfetischisierung und Vergötzung des Geldes der einzige Kult sei, der verschuldend und nicht entschuldend ist. Diese Verschuldung, die sich in ihrer ganzen Doppelsinnigkeit verstanden wissen will, verstellt die Erlösung keineswegs, sondern zielt paradoxerweise gerade auf Erlösung. Benjamin schreibt:

Ein ungeheures Schuldbewusstsein, das sich nicht zu entsühnen weiß, greift zum Kultus, um in ihm diese Schuld nicht zu sühnen, sondern universal zu machen, dem Bewusstsein sie einzuhämmern und endlich und vor allem Gott selbst in diese Schuld mit einzubegreifen, um endlich ihn selbst an der Entsühnung zu interessieren. [...] Es liegt im Wesen dieser religiösen Bewegung, welche der Kapitalismus ist, das Aushalten bis ans Ende, bis an die endliche völlige Verschuldung Gottes, den erreichten Weltzustand der Verzweiflung, auf die gerade noch gehofft wird. Darin liegt das historisch Unerhörte des Kapitalismus, dass Religion nicht mehr Reform des Seins, sondern dessen Zertrümmerung ist. Die Ausweitung der Verzweiflung zum religiösen Weltzustand, aus dem die Heilung zu erwarten sei.

‚Das ungeheure Schuldbewusstsein, das sich nicht zu entsühnen weiß' manifestiert sich demzufolge dort am grellsten, wo die Schuld und die Verschuldung am größten sind. Es zeigt sich in kruden Ausbeutungsverhältnissen ebenso wie in der Klimakatastrophe. Es zeigt sich außerdem in zutiefst aggressiven Werbeslogans wie "Geiz ist geil" oder "Wir hassen teuer", die von wütenden Maschinenfrauen herausgeschrien werden, als habe es nie einen Glauben an Gott, nie Todsünden und nie eine Jahrtausende alte Debatte um moralische Grundsätze gegeben. Und die unentsühnbare Schuld zeigt sich natürlich auch und nicht zuletzt in der globalen Finanzkrise. Ja es scheint tatsächlich, als habe die Verschuldung gerade in dieser Krise ihre weitestmögliche Ausdehnung erreicht, als habe die Finanzkrise den finalen Big Bang eingeläutet und den kapitalistischen Traum endgültig zum Platzen gebracht. Und was kommt jetzt? Die Heilung, wie Benjamin Anfang des vergangenen Jahrhunderts behauptete? Werden wir, wie der Philosoph prophezeite, auf dem "Zenith der Verschuldung" von Gott in ein neues Zeitalter ohne Schuld geführt werden? Sollte der Mensch also durch seine fortwährende Verschuldung tatsächlich genau das geschafft haben, was ihm durch Askese, Reinigung und Buße nie gelungen ist? Hat er sich aus dem Teufelskreis von Schuld und Sühne befreit? Welches Zeitalter aber bricht dann demnächst an?

Benjamin nennt eine Alternative: Entweder das Zeitalter des Nietzscheanischen Übermenschen, der weder gut noch böse kennt. Oder die Zeit des Sozialismus, die Karl Marx zufolge dann gekommen ist, wenn der Kapitalismus sich selbst zerstört hat.

Aber Moment - noch hat er sich nicht zerstört. Denn der Gott, den wir auf dem Zenith der Verschuldung angesprochen haben, war Vater Staat, und der versammelt gerade seine verlorenen Schäfchen unter einem von ihm gesponserten finanziellen Rettungsschirm. Durch Milliardensubventionen ist die Apokalypse also vorerst aufgehalten worden. Aber wer weiß: Wenn uns schon nicht die Finanzkrise zum Ziel führt, dann vielleicht der Klimawandel? Worauf wir allein achten müssen, ist, dass wir jede Form der Askese vermeiden und uns stattdessen zum Beispiel jede Menge subventionierter Neuwagen kaufen. Dann werden wir den Himmel womöglich, wie es Benjamin formuliert, endgültig "aufsprengen" - und das, was sich dann über uns ergießt, wird kein Rettungsschirm mehr aufhalten können.

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