Montag, 15. August 2022

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Georg-Büchner-Preis 2017
"Ein perfektionistischer Dichter"

"Er ist nicht nur ein großer Lyriker; er ist auch ein großer Lyrik-Vermittler", sagte die langjährige Lektorin im Hanser Verlag, Julia Graf, über ihren Autor Jan Wagner. Seine Lyrik sei unmittelbar zugänglich, "ohne ihr Geheimnis preiszugeben". Er gebe seine Gedichte erst ab, wenn sie "lange abgehangen" seien.

Julia Graf im Gespräch mit Kathrin Hondl | 20.06.2017

    Der Lyriker Jan Wagner
    Wenn der Lyriker Jan Wagner seine Gedichte vortrage, könne sich dem keiner entziehen, sagte Lektorin Julia Graf im Dlf. (imago stock&people / Star Media)
    Kathrin Hondl: Julia Graf ist Jan Wagners Lektorin beim Hanser Verlag. Und auch ihr darf heute gratuliert werden – denn ein bisschen wenigstens ist dieser Georg Büchner Preis für Jan Wagner ja auch ihr Preis.
    Julia Graf: Ja, man möchte sich gerne damit schmücken. In erster Linie freue ich mich unglaublich für Jan Wagner. Und natürlich, wenn man einen Autor lange begleitet, und ich begleite ihn jetzt seit sechs Gedichtbänden, freut einen das besonders. Und man kann vielleicht sagen, einen ganz, ganz, ganz kleinen Anteil hat man auch daran. Einfach, dass man immer an ihn geglaubt hat und dass man es vielleicht als Verlag möglich macht, Lyrik zu publizieren und ihm dadurch ein Forum gibt, eine Plattform.
    Hondl: Bevor wir über Jan Wagners Gedichte sprechen, Frau Graf, schlage ich vor, hören wir ihn erst noch einmal selbst: Ein kurzer Ausschnitt aus der Sendung "Lesezeit" hier im Deutschlandfunk vom Januar 2016. Jan Wagner liest aus seinem Gedichtband "Regentonnenvariationen", für den er vor zwei Jahren mit dem Preis der Leipziger Buchmesse ausgezeichnet wurde.
    Jan Wagner im Januar 2016: "Ich fange mit einem Sonett, beziehungsweise einer Sonett-Unterwanderung oder Überwucherung an. Es geht um ein Unkraut, das jeder Kleingärtner kennt: Giersch. Hinter der Garage, beim knirschenden Kies, der Kirsche: Giersch. Als Schäumen, als Gischt, der ohne ein Geräusch geschieht, bis hoch zum Giebel kriecht, bis Giersch schier überall sprießt, im ganzen Garten Giersch. Sich über Giersch schiebt, ihn verschlingt mit nichts als Giersch."
    "Einer der allervirtuosesten Beherrscher dieser alten Form"
    Hondl: Jan Wagner, der Büchner-Preisträger des Jahres 2017, mit seinem Gedicht "Giersch" aus dem Band "Regentonnenvariationen". Ich bin im Gespräch mit Julia Graf, seiner Lektorin beim Hanser Verlag. – Ein Sonett, also beziehungsweise eine Sonett-Überwucherung haben wir da gerade gehört von Jan Wagner. Es ist charakteristisch für ihn, dass er die alten, tradierten Formen der Dichtkunst in seiner Lyrik benutzt und damit experimentiert, oder wie würden Sie es nennen?
    Graf: Ja. Jan Wagner ist mit Sicherheit einer der allervirtuosesten Beherrscher dieser alten Form, und es ist das, was ihn auszeichnet, dass er diese Formen beherrscht. Das heißt, die Form dient ihm und nicht er dient der Form, und so ist es beim Hören dieses schönen Sonetts sicher dem einen oder anderen überhaupt nicht aufgefallen, dass es sich um ein Sonett handelt, und das ist die große Kunst. Er bedient sich dieser Form, die das Gedicht natürlich prägt, aber er spielt mit ihr und diese virtuose Beherrschung lässt ihre Form sozusagen im Gedicht aufgehen. Das ist das, was seine Kunst auszeichnet.
    Ein Zustand "nah an der Vollendung"
    Hondl: "Formvollendete Lyrik" hat man es ja auch schon genannt. Jetzt haben Sie schon die Virtuosität angesprochen. Wie gehen Sie denn als Lektorin eigentlich damit um, mit der Lyrik von Jan Wagner? Wie geht das überhaupt, Lyrik zu lektorieren, oder wann und wie greifen Sie in seine Gedichte ein? Die sind ja auch sehr musikalisch und lautmalerisch.
    Graf: Ja, genau. Das ist natürlich eine sehr feine Arbeit. Es ist nicht so, dass ich zwischendurch mal schnell einen kleinen Sonett-Kranz nachkomponiere und ihm dann vorschlage, das doch so zu machen. Jan Wagner ist natürlich nicht nur ein wirklich inspirierter, sondern auch ein perfektionistischer Dichter, der seine Gedichte, wenn er sie abgibt, lange abgehangen hat und immer wieder überarbeitet hat, sodass sie in einem Zustand ankommen, der der Vollendung schon sehr nah ist. Aber es gibt natürlich immer wieder, gerade weil sie das Musikalische ansprechen, kleine Vorschläge, dass man vielleicht hier eine Kürzung vornimmt, die das Ganze etwas bricht. Das gibt es natürlich immer, ein Text ist immer perfektibel und das sind feine Weichenstellungen, die man da im Gespräch vornimmt. Aber das macht auch sehr großen Spaß, weil wir einander vertrauen.
    Witz und angelsächsische Tradition
    Hondl: Auch Jan Wagner selbst hat sich ja als Übersetzer aus dem Englischen sehr intensiv mit den Gedichten anderer Autoren beschäftigt. Inwiefern, Frau Graf, hat ihn, beziehungsweise seine Lyrik auch das geprägt? Gibt es englischsprachige Traditionen oder vielleicht sogar Vorbilder, die Sie in seiner Dichtung erkennen?
    Graf: Ja, ich würde jetzt gar nicht so weit gehen, einzelne Autoren nennen zu wollen. Das macht vielleicht Jan dann lieber selbst. Aber ich glaube, dass die angelsächsische Tradition des sehr anschaulichen, bildreichen Gedichtes und das auch einen bestimmten Witz hat, das ist sicher sehr spürbar in seiner Lyrik, die ja sehr, sehr unmittelbar zugänglich ist, ohne ihr Geheimnis preiszugeben. Das ist, glaube ich, auch das, was ihn im Auftreten ausmacht. Er ist ja nicht nur ein großer Lyriker; er ist auch ein großer Lyrik-Vermittler. Ich glaube, es gibt niemanden, der ein Gedicht eingelesen von Jan Wagner hört, ohne doch irgendwie gepackt zu sein von dieser Lyrik, ohne das Gefühl zu haben: Damit kann auch ich etwas anfangen, ohne dass es sich eins zu eins erklärt, sondern dass es den Zauber der Poesie gleichzeitig ganz in großem Maße entfaltet.
    Hondl: Nun bekommt Jan Wagner dieses Jahr den Georg-Büchner-Preis, der an Georg Büchner erinnert, den Dramatiker und auch den Revolutionär Büchner. Ist es dann nicht auch vielleicht erstaunlich, dass ausgerechnet jetzt in unseren extrem politisierten und auch brandgefährlichen Zeiten Jan Wagner mit dem Georg-Büchner-Preis ausgezeichnet wird, oder sehen Sie Verbindungen zwischen dem revolutionären Georg Büchner und dem Dichter Jan Wagner?
    "Er befasst sich mit der Welt"
    Graf: Das ist eine schwierige Frage und ich glaube, der Büchner-Preis hat in seinen Statuten nicht den Revolutionsdichter. Ich glaube aber, dass jeder, der sich überhaupt mit der Welt auf eine so besondere Art, wie es Jan Wagner tut, der die Welt einfach in seinen Gedichten mit ganz neuen Augen sieht und dem Leser eine ganz neue Welt auch zu erschließen gewährt, dass der vielleicht in jedem seiner Gedichte eine kleine Revolution anzettelt. Insofern glaube ich, dass es in diesem Sinne sozusagen ein genau passender Preis ist.
    Hondl: Aber ein politischer Dichter wäre Jan Wagner nicht?
    Graf: Nein. Dezidiert politisch – es ist immer so schwierig, diese Schubladen aufzumachen. Natürlich berichtet er nicht von Straßenkämpfen und er berichtet auch nicht dezidiert von der Weltlage, aber er befasst sich mit der Welt. Sie sind extrem welthaltig. Und ich glaube, das, was er als Grundhaltung hat, ist ja das Staunen und die Neugierde, und das ist eine nicht nur lyrische Qualität oder die Grundvoraussetzung, mit der man überhaupt Poesie schaffen kann, sondern auch die Grundvoraussetzung jedes Philosophen. Das sind Wahrnehmungsmuster, die durchaus von der Weltlage berichten, nur vielleicht nicht auf eine sehr dezidierte oder ausgesprochene Art.
    Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.