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StartseiteAndruck - Das Magazin für Politische LiteraturDas Unemotionale des 41. US-Präsidenten28.12.2015

George Bush SeniorDas Unemotionale des 41. US-Präsidenten

Der 41. und der 43. Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika trugen bekanntlich den gleichen Familiennamen: Bush. Mit der Politik des Seniors und dessen Einschätzung der Präsidentschaft seines Sohnes beschäftigt sich nun ein Buch von Jon Meacham, das in den USA für Furore gesorgt hat.

Von Gregor Peter Schmitz

Eins steht fest: George H. W. Bush ist ein ganz besonderer amerikanischer Präsident. Er hat als einziger Bewohner des Weißen Hauses seit John Adams – Amtszeit von 1787 bis 1791 – erleben dürfen, dass dort wenige Jahre später sein eigener Sohn einzog. Ist diese historische Leistung für ihn selbst ein Segen oder ein Fluch?

Einerseits überschattet ihn mittlerweile sein Sohn George W., dessen erklärte Ambition zudem war, alles ja anders zu machen als der Vater, dem eine zweite Amtszeit versagt blieb, auch, weil er den Amerikanern nicht als großer Visionär erschien. Andererseits: Je unbeliebter der ideologisch so visionäre Sohn im Amt wurde, umso positiver wurden die Erinnerungen an den Vater.

Kein Wunder, dass Autor Jon Meacham – ein mit einem Pulitzerpreis ausgezeichneter Historiker, der ausführliche Interviews mit Bush und seinem engsten Umfeld führen konnte – das erste Kapitel seiner Biografie des alten Bush "The Last Gentleman" nennt. Meacham schreibt:

"Je weiter sich das Land von seiner Präsidentschaft entfernte, desto höher strahlte Bushs Stern. Die Eigenschaften, die viele Wähler im Wahlkampf 1992 als Nachteil ansahen, empfanden sie nun als Tugenden – seine öffentliche Zurückhaltung, seine Neigung zum überparteilichen Kompromiss. Bush lebte lange genug, um diesen Wandel mitzuerleben und ihm gefiel durchaus, dass die Menschen seine Leistung anders bewerteten."

Die Erinnerung daran, wie unemotional – aber eben auch wie unideologisch und professionell – der ältere Bush regierte, wirkt offenbar auf viele Amerikaner mittlerweile wohltuend. Meacham beschreibt gekonnt die atemberaubende Karriere von Bush Senior: Er war erfolgreicher Ölmanager, Kriegsheld im Zweiten Weltkrieg, UNO-Botschafter, CIA-Chef, Botschafter in China, Vizepräsident und schließlich Präsident.

Nicht ganz aus dem Schatten des Sohnes gelöst

Und doch kann Bush Senior sich selbst in seiner eigenen Biografie nicht ganz aus dem Schatten seines Sohnes lösen. Für Furore sorgten daraus nämlich Äußerungen des 41. Präsidenten über den Beraterstab seines Sohnes, des 43. Präsidenten – etwa zur Rolle des selbstbewussten Verteidigungsministers Donald Rumsfeld. Meacham gibt Bush dazu so wieder:

"Ich glaube, er hat dem Präsidenten einen schlechten Dienst erwiesen", sagte Bush nach Rumsfelds Abgang. "Ich mag nicht, was er tat und glaube, dass seine Handlungen dem Präsidenten geschadet haben, so engstirnig wie er häufig war. Ihm fehlt es an Demut, er ist zu aggressiv und er musste dafür einen Preis zahlen", sagte Bush unverblümt. "Rumsfeld war einfach ein arroganter Typ."

Ähnlich kritisch äußerte er sich zum mächtigen Vizepräsidenten Dick Cheney, den Bush für die harte Rhetorik seines Sohnes haftbar zu machen scheint, kulminierend in jenem berüchtigten Satz über eine Achse des Bösen, zu der George W. Bush im Jahr 2002 Irak, Iran und Nordkorea zählte. Meacham schreibt:

Nach Einschätzung von Bush Senior hatte der Vizepräsident einen übermäßigen Einfluss auf die Regierung seines Sohnes – und er glaubte immer ans Maßhalten. "Cheney hatte sein eigenes Reich und gab seine eigene Marschrichtung vor", sagte Bush. "Das zeigt mir nur, dass man es so nicht machen kann. Der Präsident sollte sich darüber keine Sorgen machen müssen."

Doch Vater Bush macht für dieses ungesunde Machtverhältnis letztlich seinen Sohn verantwortlich, schließlich habe dieser als Präsident das letzte Wort gehabt. Zugleich arbeitet Meacham gut heraus, dass Bush Senior mit Bush Junior in den Kernzielen von dessen Außenpolitik, etwa dem Angriff gegen Saddam Hussein, durchaus übereinstimmte – und sein Sohn ihn häufig konsultierte.

Meacham hat kein kritisches Buch vorgelegt, dafür kam er seinem Gesprächspartner wohl zu nahe. Dunkle Stunden in Bushs Amtszeit wie der Iran-Contra-Skandal interessieren ihn nicht sonderlich. Doch das kompensiert der Autor durch amüsante Einblicke, die sich aus eben dieser Nähe ergeben: etwa Bush Seniors nüchterne Beobachtungen über die Egozentrik seines Nachfolgers – und späteren Freundes – Bill Clinton. "Er redet die ganze Zeit", vertraut Bush Meacham an.

Tiefe Einblicke in die republikanische Partei

Zugleich erhält der Leser tiefe Einblicke in die verheerende Entwicklung der modernen republikanischen Partei. Der moderate Bush geriet etwa parteiintern in Schwierigkeiten, als er die "Vodoo Economics" der Parteiikone Ronald Reagan zu kritisieren wagte – und sein Gelübde brach, die Steuern nicht zu erhöhen, schlicht weil er den Verfall des US-Staatswesens nicht länger mitansehen wollte. Auch ist er für Meacham der letzte US-Präsident, der Außenpolitik verstand.

"Der 41. Präsident verkörperte eine aussterbende Tradition des öffentlichen Dienstes in den USA – eine Tradition, die Franklin D. Roosevelt, Eisenhower und eben Bush verkörperten. Er brachte den Kalten Krieg zu einem friedlichen Abschluss, er managte den Fall der Berliner Mauer und die deutsche Wiedervereinigung erfolgreich und begleitete das Ende der Sowjetunion, ohne Gewalt zu provozieren. Im ersten Golfkrieg stellte Bush klar, dass sich Amerika nicht aus der Welt zurückzieht, sondern interveniert, wenn die globale Machtbalance in Gefahr gerät."

Derzeit versucht Jeb Bush, ein weiterer Bush-Sohn und dem Patriarchen vom Auftritt weit ähnlicher als George W. Bush, den Machtkampf ums Weiße Haus. Doch im Feld der Lautsprecher à la Donald Trump geht er beinahe unter. Dies könnte beweisen, dass zumindest für einen Bush vom Schlag des Familienpatriarchen das konservative Lager in den USA schlicht zu extrem geworden ist. Wer verstehen will, warum dies schlecht für Amerika und womöglich für die Welt ist, muss das Buch von Jon Meacham lesen.

Buchinfos:
Jon Meacham: "Destiny and Power: The American Odyssey of George Herbert Walker Bush", Random House, 864 Seiten, Preis: 23,00 Euro

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