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StartseiteSprechstundeOperieren zu Zeiten Luthers10.10.2017

Geschichte der AnästhesieOperieren zu Zeiten Luthers

Amputation ohne Narkose? In der Frühen Neuzeit war das die Regel. Dabei waren betäubende Mittel wie Alraune oder Opium seit der Antike bekannt. Doch eine zuverlässige Dosierung war noch nicht möglich. Also setzte man auf eine andere Methode, um den Patienten die Operation zu erleichtern, erläutert Wissenschaftsjournalist Martin Winkelheide im Dlf.

Martin Winkelheide im Gespräch mit Christian Floto

Ein Krankenhaus im 16. Jahrhundert, Paracelsus und eine Krankenschwester 1541 (imago/United Archives )
Nur wenige Patienten überlebten in der Frühen Neuzeit eine Operation - die meist ohne Schmerzmittel durchgeführt wurde (imago/United Archives )
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Christian Floto: Warum wurde ohne Narkose operiert?

Martin Winkelheide: Das lässt sich nicht genau erklären. Denn narkotisierende Mittel sind bereits im Altertum bekannt gewesen - ihre Wirkung ist aber im Verlauf der frühen Neuzeit in Vergessenheit geraten.

Die Römer kannten vor allem zwei Mittel, hat mir Ludwig Brandt erzählt, als er seine "Illustrierten Geschichte der Anästhesie" veröffentlicht hat: Opium und Alraune.

Einstellung zum Schmerz verändert sich

"Diese Alraune oder Mandragora hat auch einen hohen Anteil eines Stoffes, der in der modernen Pharmakologie als 'Scopolamin' bezeichnet wird. Und dieses Scopolamin wurde, beziehungsweise, wird noch für die Anästhesie als schmerzstillendes Mittel eingesetzt."

Vom römischen Kaiser - Marc Aurel - ist bekannt, dass er Opium fast grammweise jeden Tag zu sich genommen hat. Sein Leibarzt Galen berichtet über dessen Sucht und auch über Entzugsversuche.

Mit dem wachsenden Einfluss des Christentums hat sich offenbar auch die Einstellung der Menschen zur Bedeutung des Schmerzes gewandelt. Schmerzen zu erdulden galt eher als Zeichen von Gottesfürchtigkeit und Gläubigkeit: und der Schmerz galt als eine von Gott gesandte Prüfung. Wer sich da noch mit der Zubereitung Schmerz stillender Mittel beschäftigte, geriet leicht in den Verdacht, sich der Hexerei hinzugeben.

Floto: Und so ging das Wissen der Antike verloren?

Winkelheide: Nicht vollständig. Die chirurgische Anästhesie war bis gegen Ende des Mittelalters einigen Ärzten durchaus bekannt. Ein Beleg aus der Literatur: Das Decamerone von Boccacio (aus der Mitte des 14. Jahrhunderts). Eine Erzählung handelt von einem Chirurgen, der einem Kranken ein schwärendes Bein abnehmen will. Er bereitet vor der Operation einen Schlaftrunk vor, den stellt er in eine Fensternische. Allerdings bekommt die junge Frau des alten Chirurgen Besuch von ihrem jugendlichen Liebhaber, der großen Durst hat. Liebesnacht und Operation fallen aus. Nachzulesen bei Boccaccio - zu seiner Zeit aber nicht breitenwirksam.

Floto: Und zu Zeiten Luthers?

Winkelheide: Die Zeit der Reformation hätte eine Wendezeit sein können. Dank des Buchdrucks verbreiteten sich Lehrbücher auch in höherer Auflage.

"In der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts da erschienen vor allem in Deutschland chirurgische Lehrbücher, die sich auch dem Thema der Anästhesie widmen, und da steht ganz genau drin, dass es für Patienten eigentlich unzumutbar ist, dass man ihnen bei vollem Bewusstsein den Stein sticht oder dass man ihnen eine Extremität amputiert. Und dass man ihnen entweder doch einen so genannten toll-machenden Trank - also einen berauschenden Trank geben soll oder, dass man ihnen eine andere Form von Narkose geben könne - und das waren damals die so genannten Schlafschwämme - oder 'spongia somnifera'."

Die Schwämme waren mit Pflanzenextrakten getränkt - Opium, Alraune oder anderen Pflanzenextrakten. Sie wurden Patienten vor die Nase gehalten, damit sie die Dämpfe einatmeten, und so in Narkose verfielen, bevor man ihnen den chirurgischen Eingriff zumutete. So die Theorie. Im chirurgischen Alltag müssen die Schwämme sich als eher untauglich erwiesen haben - Hauptproblem: die Dosierung.

Mit dem Äther begann die moderne Anästhesie

Die meisten Chirurgen jener Zeit sahen ohnehin das Schmerzproblem nur als eines von vielen an. Angesichts der Tatsache, dass überhaupt nur wenige Patienten die Operation überlebten, fürchteten viele Operateure die Narkosemittel als zusätzliches Risiko. Lange Zeit galt die Geschwindigkeit als das ausschlaggebende Kriterium chirurgischer Qualität. Man weiß von Dominique Jean Larrey - das war der Leibarzt und Feldarzt von Napoleon - dass der an einem Tag mehrere Hundert Amputationen durchgeführt hat auf dem Russlandfeldzug. Und man schätzt, dass er pro Amputation irgendwas zwischen 60 und 90 Sekunden gebraucht hat. Man weiß aus früheren Zeiten, dass die allgemeine Überlebensrate ungefähr bei zehn bis 15 Prozent lag, aber bei Larrey haben deutlich mehr überlebt. Denn er war der schnellste.

Erst im 19. Jahrhundert haben Zahnärzte intensiv und systematisch nach Möglichkeiten der Anästhesie gesucht. Der US-Amerikaner Horace Wells hat versucht, Zahnschmerzen mit Lachgas zu bekämpfen und dann, als er das öffentlich demonstrieren wollte, scheiterte. Und dann kam William Thomas Green Morton - auch ein Zahnarzt in Neu-England - auf die Idee, das ganze doch mit Äther zu versuchen. Am 16. Oktober 1846 am in Boston - die Geburtsstunde der modernen Anästhesie.

Floto: Reichlich spät!

Winkelheide: Ja, tatsächlich. Die Äther-Vollnarkose hätte es in der Tat schon viel früher geben können. Schon zu Zeiten Luthers! Denn sein Zeitgenosse Theophrastus Bombastus von Hohenheim, besser bekannt als Paracelsus - hat bei Tierversuchen an Hühnern erstaunliche Beobachtungen gemacht. Bei Versuchen mit Äther - dem "süßen Vitriol" und mit Alkohol.

"Paracelsus hat beobachtet, dass Hühner in Alkohol getränktes Brot mit Vorliebe aufpicken, weil es so süß schmeckt, es hat ihnen jedenfalls geschmeckt. Aber wenn sie es gefressen haben, sind sie eingeschlafen und sind nach einer Weile wieder aufgewacht. Und ohne Schaden davongelaufen. Hätte Paracelsus den richtigen Schluss gezogen, hätte man im 16. Jahrhundert die moderne Narkose entdecken können."

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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