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StartseiteCorsoSchaufenster der freien Welt20.02.2020

Geschichte der BerlinaleSchaufenster der freien Welt

Im Juni 1951 ist die Berlinale gestartet – als Zeichen des kulturellen Wiederaufbaus nach dem Krieg. Mauerbau und Wiedervereinigung - ihre Geschichte ist bewegt, bis heute. Die Rolle des ersten Leiters, Alfred Bauer, in der NS-Filmindustrie wird untersucht. Und nach 18 Jahren wechselt die Leitung.

Von Sigrid Fischer

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Filmfestspiele Berlin 1959: Der deutsch-österreichische Schauspieler Curd Jürgens küsst die Hand der italienischen Schauspielerin Sophia Loren (picture-alliance/dpa)
Filmfestspiele Berlin 1959: Der deutsch-österreichische Schauspieler Curd Jürgens küsst die Hand der italienischen Schauspielerin Sophia Loren (picture-alliance/dpa)
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Collage: "Berlin is wirklich dufte / Danke sehr, Grazie, / Merci, danke schön / thank you very much / chickihickibubimatschi – das heißt: Berlin ist dufte, wunderbar ich freu mich, wieder zu Hause zu sein."

6. Juni 1951, Titania Palast in Berlin-Steglitz: Das dritte der drei führenden Filmfestivals der Welt feiert seine Premiere – mit Fanfare, festlichen Reden und Alfred Hitchcocks Eröffnungsfilm "Rebecca". Ein Festival, das inmitten des Kalten Krieges politisch ausdrücklich gewollt ist - vom Senat, vom Bürgermeister Ernst Reuter, von den drei West-Alliierten. Und das von Anfang an symbolischen Charakter hat: als Zeichen des kulturellen Wiederaufbaus nach dem Krieg, als Brücke zwischen dem Ost- und dem Westteil der Stadt, als "Schaufenster der freien Welt", wie es damals heißt. Die Idee zu einem internationalen Berliner Filmfest war unter anderem dem Mitgründer und Filmkritiker Manfred Barthel auf der Filmbiennale in Venedig gekommen.

Festival ein breites Großstadtpublikum

Manfred Barthel: "Wir kamen zum ersten Male zu Filmfestspielen nach dem Krieg nach Venedig und fanden eine Welt, die eigentlich nur auf der Leinwand für uns noch existierte: Palmen, Smoking, Abendkleider, dicke schicke Autos. Und im Rücken saß uns Berlin, saßen die Trümmer von Berlin. Und wir suchten die Synthese und haben gesagt: 'Warum mal nicht Filmfestspiele vor der Kulisse von Palmen, sondern vor der Kulisse der Arbeit, warum nicht Filmfestspiele für die Leute, die ins Kino gehen, für ein breites Großstadtpublikum, für – wie viele sagen – für das beste der Welt'."

Marlene Dietrich: "Berlin, Berlin, Du bist mein Publikum."

"Publikumsfestival" – dieses Label trägt die Berlinale bis heute. Nirgendwo sonst werden so viele Eintrittskarten an nichtprofessionelle Kinogänger verkauft. Der besondere diplomatische Status Berlins soll sich auch immer wieder auf das Programm und den Festivalverlauf auswirken. Zum Beispiel bleiben Filmbeiträge aus den sozialistischen Ländern per Grundsatzentscheidung des Senats lange Zeit ausgeschlossen. Die Schließung der Sektorengrenze am 17. Juni 1953, also einen Tag vor Start der 3. Berlinale, zieht einen großen Zuschauerschwund nach sich. Bis dahin gab es nämlich vergünstigte Vorführungen im Corsofilmtheater an der Sektorengrenze. Und viele Ostberliner kamen. Der Mauerbau kurz nach Ende der 11. Ausgabe bedeutet die nächste Zäsur. Reporter Friedrich Luft kommentiert:

"Auch die zusammenführende Macht des Films muss an diesem schauerlichen Bauwerk mitten durch Berlin scheitern. Die einst so neugierig und friedlich kamen, sie sind jetzt ausgeschlossen, die Bürger von Ostberlin. Ein Grund, der maßgebend war, dieses Filmfest jährlich zu feiern, ist eigentlich entfallen."

Skandal um Kriegsfilm "O.K."

Auch der damalige, erste Berlinaleleiter Alfred Bauer, dessen politische Vergangenheit lange unerforscht bleiben soll, findet:

"Besonders schmerzlich war natürlich im Jahr ‘61 der Bau der Berliner Mauer, durch die die Teilnahme von Bevölkerungschichten und Berlinern aus dem anderen Teil der Stadt und Umgebung schlagartig unterbunden war. Das habe ich natürlich sehr bedauert."  

Der letzte Überlebende der drei Erfinder des Tonfilms, Dr. Hans Vogt, der Festspielleiter Dr. Alfred Bauer und der regierende Bürgermeister Willy Brandt in festlicher Garderobe bei den Filmfestspielen Berlin 1959 (picture-alliance/dpa)Filmfestspiele Berlin 1959: Der letzte Überlebende der drei Erfinder des Tonfilms, Dr. Hans Vogt, der Festspielleiter Dr. Alfred Bauer und der regierende Bürgermeister Willy Brandt (v.l.) (picture-alliance/dpa)

Für politische Verstimmung sorgt damals aber auch der ein oder andere Programmpunkt. 1970 zum Beispiel erregt der deutsche Wettbewerbsbeitrag "O.K." den Unmut des US-amerikanischen Juryvorsitzenden George Stevens. Obwohl in Bayern gedreht, ist ihm die Anspielung auf die tatsächliche Vergewaltigung eines vietnamesischen Mädchens durch US-Soldaten während des Vietnamkriegs zu eindeutig. Das bestreitet Regisseur Michael Verhoeven gegenüber Reportern auch gar nicht:

"Tja, das ist passiert, das ist eine authentische Geschichte. Für mich war diese Vergewaltigung eine kleine Handlung, die Dinge sichtbar macht, die in diesem Krieg passieren."

"Ein Auffangbecken sein für gefährliche Filmarten"

Der Eklat führt schließlich zum vorzeitigen Abbruch der Berlinale. 9 Jahre später gibt’s Verärgerung auf der anderen politischen Seite. Im Zuge der Entspannungspolitik von Willy Brandt schicken inzwischen auch die sozialistischen Länder ihre Filme ins Rennen. Aus Protest gegen Michael Ciminos Vietnamkriegsfilm "The Deer Hunter – Die Durch die Hölle gehen" ziehen sie ihre Filme und Delegierten vom Festival zurück. Das vietnamesische Volk werde beleidigt, so die Begründung, der Film verstoße somit gegen das Festivalprinzip der Völkerverständigung.

Willy Brandt 1959: "Der Tag wird kommen, an dem ds Brandenburger Tor nicht mehr an der Grenze liegt. Macht das Tor auf, macht Schluss mit der widernatürlichen Spaltung!"

Anfangs hatten die Reporter den Ku‘damm mit dem Broadway verglichen, auf dem Jayne Mansfield, Cary Grant, James Stewart, die Loren und Lollobrigida im offenen Wagen vorbei rauschen. In den 1970er-Jahren folgt auch die Berlinale dem kulturellen und politischen Zeitgeist, unabhängig gedrehte Filmkunst steht neben Starkino und großen Studioproduktionen. Cannes hatte sich der Wandel schon früher vollzogen. Im Mai 1968 solidarisierten sich Regisseure der Nouvelle Vague mit den protestierenden Studenten, was zum Abbruch des Festivals und einer Umstrukturierung in den Folgejahren führte. Neue Reihen wurden eingeführt, die nicht Glamour, sondern neue Erzählformen und Ästhetiken präsentierten. In Berlin wird nach dem Skandal um Michael Verhoevens Film "O.K." eine zweite Programmschiene etabliert: das "Internationale Forum des jungen Films". Ulrich Gregor wird das Forum bis zum Jahr 2000 leiten:

"Dieses Forum soll ein Auffangbecken sein für schwierige und gefährliche Filmarten, für politische Filme, 16mm-Filme, Filme aus der dritten Welt, Experimentelles, was man alles nicht so recht handhaben kann. So haben wir dann angefangen, 1971 zum ersten Mal dieses Form zu machen, nach unserem Filmverständnis – es war in der Luft, man musste so was machen."

Berlin hat im Vergleich zu Cannes und Venedig das Nachsehen

Zu diesem "anderen Filmverständnis" gehören unter anderem Diskussionen mit dem Publikum nach den Filmvorführungen. Über Filmsprache und Ästhetik, über differenzierte Rezeptionsweisen und inhaltliche Bezüge zwischen den verschiedenen Arbeiten. Das klingt zum Beispiel so:

Zuschauer: "Mich würde mal interessieren, was für Prozesse bei den Darstellern abgelaufen sind, während des Drehens und auch hinterher."
Regisseur: "Der Produktionsprozess eines Films gestattet es nur beiläufig, sozusagen nebenbei ..."

Eine Gewissensentscheidung zwischen Plüsch oder Politik sei der Gegensatz zwischen Wettbewerb und Forum, das schreibt der spätere Berlinaleleiter Wolf Donner 1972 in der "Zeit".

Besonders Moritz de Hadeln wird in seiner langen Amtszeit oft vorgeworfen, dass er Hollywood hofiere, den deutschen Film zum Beispiel aber links liegen lasse. Von Anfang an muss die Berlinale dem Vergleich mit den Festivals von Cannes und Venedig standhalten, und schneidet meist schlechter ab, vor allem, was die Filmauswahl angeht.

Berlinale-Direktor Dieter Kosslick auf den  67. Internationalen Filmfestspielen in Berlin, 2017, bei der Premiere des Films "Logan". (dpa-Zentralbild)Ex-Berlinale-Direktor Dieter Kosslick (dpa-Zentralbild)

Der Vergleich mit den anderen großen Filmfestivals bleibt auch Dieter Kosslick nicht erspart. Der wird 2002 als großer Erneuerer gefeiert, nach 22 Jahren Moritz De Hadeln.

Charlotte Roche: "Ladies and gentlemen, please welcome the mastermind of the Berlinale."
Anke Engelke: "Ladies and gentlemen, the godfather of the Berlinale: Dieter Kosslick."

Üppiger Starauflauf für künstlerische Kompromisse

Und tatsächlich bringt er – neben seinen Entertainerqualitäten - viel Bewegung und neuen Schwung auf die Berlinale. Kosslick installiert neue Reihen und Foren wie den Talent Campus und die Perspektive Deutsches Kino. Dazu noch stärkt er den Stellenwert des deutschen Films in Berlin und erhöht die Frauenquote. Aber irgendwann erwischt auch ihn die herbe Kritik der Feuilletons. Hauptvorwurf: den üppigen Starauflauf – zum Beispiel Madonna und die Rolling Stones - erkaufe er sich mit zu vielen künstlerischen Kompromissen. Auf solche Kritik war er allerdings von Anfang an eingestellt:

Dieter Kosslick: "Ein Filmfestival kann immer nur beides machen, man kann nicht sagen: 'Die Hollywoodstars -  wir machen das ohne Euch Nasen.' Es muss beides zeigen, was an Neuem aufgebrochen ist, ich seh‘ da auch nicht den Widerspruch."

In einem offenen Brief fordern 2017 schließlich 79 deutsche Regisseure die programmatische Erneuerung und Entschlackung des Festivals. Eine herausragende kuratorische Persönlichkeit soll gefunden werden, die für das Kino brennt. Der Italiener Carlo Chatrian, vormals Chef des Filmfestivals in Locarno, soll das nun sein.

Carlo Chatrian: "Wir entscheiden nach künstlerischen Kriterien. Die 18 Filme sind im Wettbewerb, weil sie für uns die Filmkunst am besten repräsentieren."

Wirbel um NS-Vergangeheit von Alfred Bauer

Gleich beim Start holt ihn die komplizierte Geschichte der Berlinale ein. Das "Schaufenster der freien Welt" hat offensichtlich blinde Flecken. Wie kurz vor Start der 70. Jubiläumsausgabe herauskommt, war die Rolle von Alfred Bauer, dem ersten Berlinaleleiter, in der NS-Filmwirtschaft weitaus wichtiger als bekannt. Nach dem Krieg ist es ihm gelungen, seine Vergangenheit als "eifriger SA-Mann" mit "einwandfreier politischer Einstellung" wie es heißt, zu verschleiern. Der nach ihm benannte Preis für "neue Perspektiven der Filmkunst" wird ausgesetzt, eine externe Expertenkommission prüft die Vorwürfe. Warum so spät? Diese Frage schwingt mit am Rande der 70sten Berlinale.

2020 richtet sich der Blick natürlich erstmal gespannt auf das Programm des neuen Kurators, Carlo Chatrian. Und darauf, wie er die Geschichte der Berlinale weiterschreiben wird. Tom Tykwer kann‘s wahrscheinlich auch dieses Mal kaum erwarten.

Tom Tykwer: "Ich kenne keinen, der sich nicht danach sehnt, wenn der Februar losgeht und das eisige Wetter niederprasselt und man denkt – ganz schön hart, dass endlich die Berlinale anfängt."

Das Foto zeigt die neuen Leiter der Berlinale: Carlo Chartrian und Mariette Rissenbeek. (Berlinale / Alexander Janetzko)Neue Impulse für die Berlinale: das Führungsduo Carlo Chatrian und Mariette Rissenbeek. (Berlinale / Alexander Janetzko)

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