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StartseiteForschung aktuellVom Auerochsen zum Hausrind12.07.2019

Geschichte der NutztiereVom Auerochsen zum Hausrind

Über mehr als 20 Jahre hat ein Forscherteam die Geschichte des Hausrinds rekonstruiert. In den Tälern von Euphrat und Tigris habe der Mensch vor 10.500 Jahren den Auerochsen domestiziert, sagte die Paleogenetikerin Amelie Scheu im Dlf. Neue Zuchtversuche habe es später nicht mehr gegeben, wohl aber Einkreuzungen.

Anja Scheu im Gespräch mit Christiane Knoll

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Auerochsen im Neandertal bei Düsseldorf (dpa / picture alliance / Horst Ossinger)
Auerochsen im Neandertal: Erste Hinweise auf die Domestizierung der Tiere gehen zehneinhalbtausend Jahre zurück (dpa / picture alliance / Horst Ossinger)
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Christiane Knoll: Vor circa 11.000 Jahren, als die Jäger und Sammler sesshaft wurden, begann auch die Geschichte des Hausrinds. Ein Riesenteam – auf dem Papier, das heute im Fachmagazin "Science" erscheint, stehen 40 Namen – hat Hunderte von alten Genomen zusammengetragen, im Nahen Osten, Nordafrika, Europa. Nur 67 davon waren brauchbar, es wurde verglichen und zurückgerechnet, mit dabei: die Paläogenetikerin Amelie Scheu von der Universität Mainz. Gestern habe ich Sie telefonisch erreicht und sie gefragt, ob sie, was man bisher wusste, bestätigen konnten.

Amelie Scheu: Das konnten wir. Vieles, was wir vorher schon wussten, hat sich bestätigt. Es kamen aber sehr viele Detailantworten hinzu, die uns noch viel mehr Aufschluss darüber geben, was mit den Rindern passiert, seit es sie zuerst gab vor über 10.000 Jahren.

Knoll: Dann fangen wir mal am Anfang an. Wo ist domestiziert worden und wer ist da in den Besitz der Menschen geraten?

Scheu: Das war vor zehneinhalbtausend Jahren, dass wir die ersten Hinweise darauf finden im archäologischen Fundmaterial. Das war in Ausläufern des Nahen Ostens, genauer gesagt in den Tälern von Euphrat und Tigris in Südostanatolien.

Scheu: Auerochse war im Nahen Osten verbreitet

Knoll: Und wer wurde zum Hausrind, welches Tier war das?

Scheu: Das ist der Auerochse, das Wildrind. Das war auch verbreitet überall dort im Nahen Osten, aber auch in Europa und im nördlichen Afrika. Und der wurde domestiziert, das ist ein Tier, Stockmaß zwei Meter, ziemlich riesig. Das war eine Aufgabe, das zu schaffen, aber es ist dort gelungen.

Knoll: Ein Streitfall war die Frage, ob das Hausrind auf dem Weg nach Europa und Asien immer das gleiche geblieben ist oder ob es immer wieder neue Zuchtversuche gab. Da sind Sie jetzt auch weiter.

Scheu: Genau. Also, neue Zuchtversuche oder Domindikationsansätze, dafür finden wir weiterhin keinerlei Hinweise. Aber was neu ist, ist, dass wir jetzt Hinweise darauf finden, dass bei dieser Ausbreitung aus der Kernregion der Kontakt zum Auerochsen auch in Europa und in anderen Teilen der Welt da war und dass da Vermischungen passiert sind, dass der Auerochse reingekommen ist in die Hausrindherden und da sein Erbe hinterlassen hat.

Knoll: Immer mal wieder oder gab es da Phasen, in denen das nötig wurde?

Scheu: So genau können wir das gar nicht sagen, was der Auerochse oder wann der Auerochse da reinkam. Wir wissen momentan, dass es passiert ist und dass es in so einem Ausmaß passiert ist, dass wir es heute noch sehen können und durch die Zeit auch ein bisschen nachvollziehen können.

Hinweise auf Einflüsse von Zebu-Rind

Knoll: Es gab wohl auch eine markante Krise, darüber schreiben Sie in Ihrem Paper, ausgelöst durch eine Dürre. Was genau ist da passiert?

Scheu: Genau, da kommt noch mal ein anderes Rind ins Spiel, das ist das Zebu. Das Zebu ist das Buckelrind, Bos indicus, das ist wahrscheinlich im indischen Subkontinent domestiziert worden. Und wir finden in unseren Daten, das sind ja alte genetische Daten hauptsächlich aus dem Nahen Osten, ab 4200 Hinweise darauf, auf Einflüsse von dem Zebu-Rind in die domestizierten Herden im Nahen Osten. Wir vermuten, dass das zusammenfällt mit einer Hitzetoleranz, die die Zebu-Rinder haben, weil ungefähr zu dieser Zeit auch eine Dürreperiode anfing, und die Rinder so möglicherweise resistenter wurden gegen diesen Stress, den die Hitze ihnen bereitet hat.

Knoll: Es ist ja ein Riesenaufwand, der hier betrieben wurde. Hat es sich wirklich gelohnt, ist die Erkenntnis so groß, was lernen wir, was bringt uns dieses Wissen jetzt?

Scheu: Wir können aufgrund von modernen genetischen Daten eine Geschichte einer Tierart, einer Rasse, nicht nachvollziehen. Wir müssen dazu Fenster in die Vergangenheit öffnen, weil die Signale heutzutage viel zu verwaschen sind durch alles, was seit Beginn an passiert ist. Und ja, für mich hat es sich auf jeden Fall gelohnt, dieser Erkenntnisgewinn, den wir haben, dass die Auerochsen eine Rolle gespielt haben, auch nachdem es Hausrinder schon gab, und dass das Zebu-Rind da reinkam und warum es reinkam, das ist ein riesengroßer Erkenntnisgewinn, der uns viel darüber erzählt, wie Menschen manipulieren oder mit Tieren auch zusammenleben. Dieses Zusammenleben von Tier und Mensch können wir genau durch solche Studien sehr gut aufdecken.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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