
Geschichtsunterricht verliert in einigen deutschen Schulen immer mehr an Bedeutung. Mal werden Stunden gekürzt, mal in Wahlbereiche verschoben, mal geht das Fach Geschichte im Sammelfach Gesellschaftswissenschaften auf. Als Gründe nennen die Länder knappe Kassen, Lehrermangel oder mehr Flexibilität im Stundenplan.
Was passiert, wenn das Fach wegfällt
Wird Geschichte mit anderen Fächern zusammengelegt, bleibt vom Fach selbst oft wenig übrig. Es hängt laut Stefan Düll, Präsident des Deutschen Lehrerverbandes, dann stark von der Lehrkraft ab, welches Thema im Vordergrund stehe.
Und wenn das Fach ganz wegfällt? „Ich will nicht sagen, dass wir dann eine orientierungslose Generation bekommen, aber es wird schwieriger für sie, sich zurechtzufinden”, sagt Düll. Was junge Menschen stattdessen im Internet fänden, helfe ihnen oft nicht weiter.
Der Verband der Geschichtslehrkräfte Schleswig-Holstein warnte Anfang des Jahres 2026 in einer Stellungnahme zu Kürzungsplänen von Geschichtsstunden in der Oberstufe. Kürzungen im Fach Geschichte seien mit „erheblich bildungspolitischen Risiken" verbunden. Gerade in Zeiten zunehmender gesellschaftlicher Polarisierung und digitaler Desinformation sei historisch-politisches Lernen „unverzichtbar für die Ausbildung demokratischer Resilienz". Schulische Bildung in diesem Bereich dürfe nicht reduziert werden.
Guter Geschichtsunterricht brauche außerdem Zeit, sonst werde aus problemorientiertem Lernen ein „Durchhetzen“ durch Inhalte. Nach öffentlicher Kritik und einer Petition mit rund 2500 Unterstützerinnen und Unterstützern nahm Schleswig-Holstein die Kürzung im Februar 2026 zurück.
Was guter Geschichtsunterricht ist
„Geschichtsunterricht kann immer darstellen, was gewesen ist, kann Fragen aufwerfen für die Jetztzeit”, sagt Stefan Düll. Das Fach erkläre, warum Menschen früher so gehandelt haben, wie sie gehandelt haben. Geschichtsunterricht sei auch immer dazu da, sich mit der Gegenwart daran zu reiben - und mit der Bewertung der Gegenwart an der Geschichte zu reiben.
Ein Beispiel ist der 17. Juni. An diesem Tag erinnert Deutschland an den Volksaufstand von 1953 gegen die SED-Diktatur. Das Thema komme im Unterricht vor, sagt Düll. Für viele Jugendliche sei es aber sehr weit weg. Manche hätten Eltern oder Großeltern, die damals gar nicht in Deutschland lebten.
Wie das praktisch aussieht? An Dülls Schule wird etwa mit Schulbuch und Quellen gearbeitet, mit Zeitzeugen und mit Besuchen an Gedenkstätten.
Die Ständige Wissenschaftliche Kommission der Kultusministerkonferenz (SWK) spricht sich für ein durchgängiges Unterrichtsangebot in den Fächern Politik und Geschichte aus, das am Leitbild „geschichtsbewusster, mündiger“ Bürgerinnen und Bürger ausgerichtet ist.
Auch der Geschichtslehrerverband setzt sich für eine starke Verankerung des Faches, verlässliche Stundenzahlen und gute Ausbildungsbedingungen für Geschichtslehrkräfte ein.
Geschichtsunterricht gegen Fake News
Falsche Informationen gibt es nicht erst seit dem Internet. Neu ist laut Stefan Düll aber das Ausmaß. Heute ließen sich Falschinformationen sehr viel leichter herstellen und rasend schnell verbreiten, wodurch auch ihre Folgen größer sein könnten. Beispiele aus der Geschichte könnten einen Anknüpfungspunkt bieten, um über die Gegenwart zu sprechen.
Viele Jugendliche begegneten Geschichte inzwischen zuerst auf TikTok oder anderen sozialen Netzwerken, sagt auch Simone Oldenburg, Ministerin für Bildung und Kindertagesförderung des Landes Mecklenburg-Vorpommern und Präsidentin der Bildungsministerkonferenz 2025.
Doch gerade über TikTok und Co. verbreiten sich laut SWK oft Fake News und extreme Inhalte. Deshalb solle die politische Medienbildung an Schulen ausgebaut werden.
Mittel- und langfristig hält die SWK auch eine Stärkung der Fächer Politik und Geschichte für notwendig. Jugendliche müssten lernen zu beurteilen, was stimmt und was nicht, davon ist auch Stefan Düll überzeugt. Lehrkräfte müssten deshalb mit ihnen über die Plattformen sprechen und sie auch gemeinsam mit ihren Schülern analysieren und ausprobieren.
Mehr Themen, aber nicht mehr Zeit
Lehrkräfte, Eltern, Schülerinnen und Schüler wehren sich inzwischen gegen Kürzungen des Geschichtsunterrichts, wie zuletzt in Schleswig-Holstein.
Auch auf politischer Ebene wird die Bedeutung historisch-politischer Bildung betont: Mitte Juni 2026 hat die Bildungsministerkonferenz ihre Empfehlungen zur Erinnerungskultur aktualisiert. Zusätzliche Geschichtsstunden fordern die Minister darin zwar nicht. Sie machen aber deutlich, dass historisches Lernen stärker auf aktuelle Herausforderungen reagieren soll, auf Antisemitismus, Desinformation, digitale Medien und künstliche Intelligenz.
Neben Nationalsozialismus und Schoa sollen auch Themen wie SED-Diktatur, Kolonialismus, Antiziganismus, gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit und rechtsextreme Gewalt stärker behandelt werden. Wichtiger werden sollen außerdem Medien- und Quellenkritik im digitalen Raum. Außerdem soll die historisch-politische Bildung über den Geschichtsunterricht hinausgehen. Erinnerungskultur sei eine Aufgabe der ganzen Schule und aller Fächer.
Onlinetext: Elena Matera



















