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StartseiteInterviewPhilosophin: Vergleiche machen uns unzufrieden16.12.2018

Gesellschaftliche StimmungenPhilosophin: Vergleiche machen uns unzufrieden

Der menschliche Verstand sei nicht in der Lage, absolute Urteile zu fällen, sagte die Philosophin Natalie Knapp im Dlf. Wir urteilten oft in einem Aufwärtsvergleich - also verglichen uns mit dem Nachbarn, der viel Geld habe und nicht mit der armen Familie. Dadurch fühlten wir uns schlecht.

Natalie Knapp im Gespräch mit Britta Fecke

Ansammlung von roten Ferrari Autos auf dem Parkplatz vom 5 Sterne Bio- und Wellnesshotel Stanglwirt in Going, Tirol, Österreich (picture alliance / dpa / imageBROKER / Juergen Hasenkop)
Der Mensch wähle oft den Aufwärtsvergleich - und fühle sich dann schlecht, so die Philosophin Knapp (picture alliance / dpa / imageBROKER / Juergen Hasenkop)
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"Der Wert der Unsicherheit besteht darin, dass sie eine Grundvoraussetzung unserer Freiheit ist. Die Tatsache, dass die Zukunft offen ist, ermöglicht uns, sie auch zu gestalten", sagte die Philosophin und Autorin Natalie Knapp im Interview. Die Gestaltungsmöglichkeit sei kein linearer Prozess, das Leben werde durch bestimmte Ereignisse, die wir uns nicht herbeigewünscht hätten, immer wieder auf den Kopf gestellt. Dann hätten wir die Möglichkeit, uns daran zu erinnern, "dass es an uns ist, diese Phase, die wir hier auf der Erde verbringen, zu gestalten."

Auch jemand, der an einer unheilbaren Krankheit leide, habe diese Gestaltungsmöglichkeiten, sagte Knapp. Solche Phasen des Lebens ermöglichten es den Menschen, das erfolgsorientierte Bewertungsschema zu verändern. Sie ermöglichten Lebenserfahrungen, die in anderen Lebensphasen so nicht möglich seien "und die eine ganz andere Tiefe haben und uns ein ganz anderes Zeiterleben ermöglichen." Die Zeit löse sich in solchen Lebensphasen ein bisschen auf. Jeder Moment habe sehr viel mehr Bedeutung.

Eine Krise würde das Leben vieler Menschen im Nachhinein bereichern, "weil er ihre Bewertungskriterien verändert hat. Aber während sie in der Krise sind, wissen sie nicht, ob sie das meistern werden oder nicht."

Menschen bevorzugen Aufwärtsvergleiche

Im Unglück liege auch eine gewissen Schönheit. Bei Beerdigungen beispielsweise entstehe oft eine Intimität, es werde auch gelacht. "Da merkt man sehr deutlich, dass das durchaus Momente sind, die dem Leben eine andere Tiefe abgewinnen. Und es sind Dinge, an denen wir sowieso nicht vorbeikommen."

Obwohl es uns heutzutage insgesamt gesundheitlich und wirtschaftlich besser ginge, beschwerten sich viele Menschen über die unsicheren Zeiten. Für diese Stimmung gebe es verschiedene Ursachen. Der menschliche Verstand sei nicht in der Lage, absolute Urteile zu fällen, sagte Natalie Knapp. Wir urteilten immer im Vergleich und bevorzugten den Aufwärtsvergleich. Man vergleiche sich mit dem Nachbarn, der zwei Autos habe und nicht mit demjenigen, der seine Kinder nicht ernähren könne.

"Dadurch entsteht eine ziemlich paradoxe Situation: Je mehr Gelegenheit wir für Aufwärtsvergleiche haben, weil es anderen Menschen besser geht, desto eher haben wir das Gefühl, es gehe uns schlecht." Große Lohnunterschiede oder große Diskrepanzen zwischen Arm und Reich seien immer ein großer Unzufriedenheitsfaktor.

Eine andere Ursache: Die Menschen steckten sich mit Emotionen gegenseitig an. Wenn es ein politisches Interesse an allgemeiner Unzufriedenheit gebe, dann müsse man nur ein paar abfällige Meinungsroboter in sozialen Medien platzieren und das werde auch gemacht. Knapp berichtete von einer Facebook-Studie, in der der Algorithmus minimal verändert worden sei. Den Nutzern seien mal ein paar mehr negative und dann ein paar mehr positive Nachrichten präsentiert worden. "Wer mehr negative Nachrichten erhielt, hat auch selber mehr negative Nachrichten gepostet und umgekehrt. Damit können sie das öffentliche Stimmungsbild prima beeinflussen." Viele Leute nutzten diesen Effekt für sich.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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