Archiv

Getroffene SlowakeiEin Land kämpft für mehr Anstand

Die Ermordung des investigativen Journalisten Jan Kuciak und seiner Verlobten hat die Slowakei schwer erschüttert. Seitdem ist nichts mehr, wie es war: Die Regierung ist gestürzt, zehntausende Bürger fordern eine moralische Wende – und engagieren sich stärker als zuvor für das Gemeinwesen.

Von Kilian Kirchgeßner | 15.09.2018

Button mit dem Hashtag #allforjan auf der Wollmütze einer Teilnehmerin des Trauermarsches für den ermordeten Journalisten Jan Kuciak und seiner Verlobten in Bratislava
Der Hashtag #allforjan machte in der Slowakei nach der Ermordung des Investigativ-Journalisten Jan Kuciak und seiner Verlobten die Runde (AFP/ Alex Halada)
Die dunklen Praktiken, die über Jahre hinweg mehr oder weniger offen sichtbar waren, wollen sie nun nicht mehr hinnehmen: Stattdessen nehmen sie den Kampf auf gegen korrupte Politiker, unsaubere Ausschreibungen, Subventionsbetrug und dubiose Geschäftsleute.
Journalisten arbeiten nun redaktions- und medienübergreifend zusammen und erleben die Öffentlichkeit als ihre Verbündete. Manche vergleichen die Demonstrationen mit der politischen Wende im Jahr 1989 – wobei diesmal noch völlig offen ist, ob der Atem der Bürger lang genug ist.
Jan Kuciaks Vater jedenfalls hofft, dass die angestoßene Entwicklung in der Slowakei von Dauer ist. Damit der Tod seines Sohnes "zumindest irgendeinen Sinn hatte".
Eine Reportage in fünf Teilen.
Gedenkstelle für den ermordeten Journalisten Jan Kuciak und seine Verlobte Martina Kusnirova in Bratislava
Kuciaks Vermächtnis
Die Ermordung von Jan Kuciak und seiner Verlobten hat die Slowakei schwer erschüttert. Den Namen Kuciak kennt nun jeder. Die Familie versucht, mit der neuen Öffentlichkeit und den wuchernden Verschwörungstheorien klarzukommen - und nach vorne zu blicken.
 In den Redaktionsräumen des slowakischen Nachrichtenportals Aktuality.sk ist das Gedenken an Jan Kuciak allgegenwärtig
Kuciaks Kollegen lassen nicht locker
Journalisten machen in der Slowakei seit Jahren auf Skandale der Politik aufmerksam. Trotzdem passiert nichts. Keine Strafverfolgung, keine Verurteilung. Die Redaktion, für die der ermordete Investigativ-Journalist Jan Kuciak gearbeitet hat, will das nicht mehr hinnehmen.
Peter Radkoff leitet die Kulturfabrik Tabacka in Kosice
Kultur ohne Mafia
Seit dem Fall Kuciak ist die Ostslowakei als Mafia-Rückzugsort in die Schlagzeilen gekommen. Dabei war die Region auf einem guten Weg: 2013 war Kosice europäische Kulturhauptstadt. Ihre Aufbruchsstimmung wollen sich Kulturschaffende nicht vermiesen lassen.
Der Korruptionsexperte Palo Lacko von der Bürgerinitiative
Wie man Korruption erkennt
Unsaubere Ausschreibungen, Subventionsbetrug, dubiose Geschäfte - damit soll Schluss sein in der Slowakei. Palo Lacko zeigt in Workshops im ganzen Land, wie man Korruption auf die Schliche kommen kann. Seit dem Mord an Jan Kuciak ist das Interesse daran gestiegen.
Die Soziologie-Professorin und ehemalige slowakische Premierministerin Iveta Radicova in ihrem Büro an der Uni in Bratislava
Ansichten einer Anständigen
Iveta Radicova ist Soziologie-Professorin und war Premierministerin der Slowakei. Eine Frau ohne Skandale, die als Hoffnungsträgerin galt, sich aber nicht durchsetzen konnte. Heute arbeitet sie wieder an der Uni und versucht, die Gesellschaft von dort aus zu verbessern.