Donnerstag, 08. Dezember 2022

1997 in Miami erschossen
Der mysteriöse Mord an Gianni Versace

Geboren in bescheidenen Verhältnissen baute der Designer Gianni Versace ein Lifestyle-Imperium auf, veränderte unsere Sicht auf Mode und führte ein Leben wie im Märchen. Bis er am 15. Juli 1997 vor seiner Villa in Miami erschossen wurde. Die Tat bleibt ein Rätsel.

Von Jürgen Bräunlein | 15.07.2022

Der italienische Modedesigner Gianni Versace in einer Aufnahme aus dem Jahr 1994
Modeschöpfer Gianni Versace, 1994 in London (picture alliance / Photoshot)
Frühsommer 1997. Der "Meister des Neobarock", wie man den italienischen Modeschöpfer Gianni Versace längst nennt, steht in der Mitte des Lebens auf dem Gipfel seines Erfolgs. Die Frühjahrs-Kollektionen, die er gerade in Europa mit gigantischer Haute-Couture-Show vorstellte, begeisterten wie üblich. Die Marke Versace mit der schaurig-schönen Medusa als Logo kennt fast die ganze Welt, der Börsengang ist vorbereitet, die Krebserkrankung des 50-Jährigen geheilt.

Kannte Gianni Versace seinen Mörder?

Wie immer zu dieser Zeit im Jahr verbringt der Modeschöpfer ruhige Wochen mit seinem langjährigen Lebensgefährten Antonio D’Amico in seiner pompösen Villa am Ocean Drive in Miami in Florida. Hier pflegt Versace seine täglichen Rituale, auch an jenem 15. Juli, einem Samstag mit strahlend blauem Himmel. Gegen acht Uhr verlässt er die Villa, schlendert über die Uferpromenade zum „New Café“, um sich Zeitungen zu holen. Zur selben Zeit sitzt Antonio D’Amico am Frühstückstisch mit einem kubanischen Freund. Da hört er einen Schuss. Dann einen zweiten: "Ich lief raus, er lag auf der Treppe, überall Blut."
Antonio D’Amico kann nichts mehr tun, sein Lebenspartner liegt bewusstlos vor dem Anwesen und verblutet. In Miamis Universitätsklinik erklären die Notärzte den Modedesigner wenig später für tot. Der Schütze ist flüchtig. Die Schlagzeilen lauten: „Die Polizei von Miami sucht nach Andrew Philipp Cunanan als Verdächtigen im Mordfall Gianni Versace. Cunanan ist als männlicher Prostituierter bekannt.“
Andrew Philipp Cunanan ist ein Serienmörder, 27 Jahre alt. In zwölf Wochen ermordete er vier Menschen, Versace ist der fünfte. Ob sich die beiden Männer kannten oder zumindest einmal begegnet sind, weiß man bis heute nicht.

Wie Versace die Modewelt auf den Kopf stellte

Weit über die Modewelt hinaus ist das Entsetzen groß – Gianni Versaces Leben verlief bislang wie im Märchen. Geboren 1946 im süditalienischen Kalabrien, spielte er als Kind im Schneideratelier seiner Mutter, die ein Modegeschäft betrieb. Mit 25 ging er nach Mailand, arbeitete als freier Modeschöpfer, ein raketenhafter Aufstieg folgte: mit 32 Gründung der Firma Versace, ein Jahr später die erste Prêt-à-porter -Show, in den 80er-Jahren dann der Durchbruch zum Star-Designer, der die Fashionwelt auf den Kopf stellte, indem er das Vulgäre zur Schönheit erhob.
Er kombinierte als Erster Seide mit Jute, Leder mit Crêpe de Chine und machte Jeansstoff, schenkelhohe Lackstiefel und Tigerprints zum selbstverständlichen Bestandteil aufreizend geschnittener Haute Couture. Barocke Üppigkeit, ornamentale Übertreibung und postmoderner Stilmix kennzeichneten alle seine Kollektionen. Zudem gilt Versace als Erfinder der Supermodels, die bei seinen Modeschauen gleich im Dutzend über den Laufsteg marschierten.
30.01.2018, Berlin: Models zeigen Kreationen des Designers Gianni Versace auf einer Modenschau zur Eröffnung einer Ausstellung über den Modeschöpfer im Kronprinzenpalais.
Kreationen des Designers Gianni Versace auf einer Modenschau zur Eröffnung einer Ausstellung über den Modeschöpfer im Kronprinzenpalais in Berlin (picture alliance / Jens Kalaene)
Die Gedenkmesse im Mailänder Dom acht Tage nach seinem Tod wird zum gesellschaftlichen Großereignis. 2.000 Gäste kommen, darunter Naomi Campbell, Madonna, Lady Di und der Ballettmeister Maurice Béjart, für den Versace mehrere Kostüme schuf. Auch Erzrivale Giorgio Armani ist da, der mit seiner puristischen Mode bis heute das Gegenprogramm zu Versace verkörpert. Elton John und Sting singen während des Abendmahls.

Ein Mensch "ohne Allüren, sehr familienbezogen"


Noch am selben Tag spürt die Polizei Versaces Mörder auf einem Hausboot auf. Doch bevor Andrew Cunanan festgenommen werden kann, nimmt er sich das Leben. Die Gründe für seine kaltblütigen Morde bleiben unklar. Nach Gianni Versaces Tod übernimmt dessen Schwester Donatella die Leitung der Firma und führt sie nach Anlaufschwierigkeiten erfolgreich ins 21. Jahrhundert.
Für Modedesigner Wolfgang Joop  war Versace, „ein wirklich zutiefst ehrlicher Mensch, der eigentlich keine aufgesetzten Allüren hatte, keine großen Gesten, er war nicht großspurig, wie viele seiner Kollegen waren, er wusste eigentlich immer, wo er herkam, und er war vor allem immer sehr familienbezogen.“ Und über sich selbst sagte Gianni Versace einmal:

“Ich will, dass man mich mit dem in Erinnerung behält, was ich in Zukunft mache. Was ich bisher gemacht habe, ist langweilig für mich. Mode wird für mich jeden Tag neu geboren und stirbt jeden Tag wieder.“