Journalismus
Warum Medien so wenig über Schlager berichten

Knapp jeder fünfte in Deutschland hört gerne Schlager. Dennoch wird das Thema in Medien jenseits der Regenbogenpresse fast ignoriert. Es fehlt an fachlicher Auseinandersetzung - aber auch am Zugang zur Szene. Doch langsam wächst das Interesse.

Von Mike Herbstreuth | 09.01.2024
Helene Fischer performt auf der Bühne beim "Großen Schlager-Jubiläum" 2022
Hat der Schlager-Szene deutlich Aufwind gebracht: Helene Fischer, eine der erfolgreichsten deutschen Sängerinnen aller Zeiten. (IMAGO / Christian Schroedter )
Helene Fischer ist Dauergast in der Spitze der deutschen Alben-Charts. Und auch Schlager-Stars wie Roland Kaiser, Andrea Berg oder Die Amigos knacken regelmäßig die Top 10. In den deutschen Feuilletons finden Sie deshalb aber noch lange nicht statt. Woran liegt das?

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Fast keine Schlager-Experten in deutschen Medien

„Man guckt auf den Schlager herab. Das ist Massenkultur", sagt Jan Feddersen, Journalist bei der "taz" und dort unter anderem Experte für Popkultur, den Eurovision Song Contest – und für Schlager, womit er fast ein Exot in den deutschen Medien ist.
In denen fehle die Kompetenz zu erklären, meint Feddersen: "Warum hat eigentlich dieser Sänger oder jene Sängerin Erfolg? Wir kümmern uns ja auch bei Taylor Swift drum: Was steckt da eigentlich ökonomisch inzwischen für ein Bums dahinter? Und dazu fehlt es im Schlager vollständig.“
Das hat laut Feddersen medienhistorische Gründe. Kulturberichterstattung, das sei früher Hochkultur gewesen - Theater, Oper, Klassik. In den 80ern habe sich der Kulturbegriff in den deutschen Redaktionen dann zwar geweitet, aber eben nie über das eigene bürgerlich-intellektuelle Wohnzimmer hinaus. Der Massengeschmack sei immer uninteressant geblieben.

Belächeltes aber beliebtes Genre

„Ich glaube, dass es bis heute das Problem gibt, dass der Schlager belächelt wird“, findet auch Gregor Nebel. Er hat das Portal Schlager.de gut zehn Jahre lang geleitet und zu einer der wichtigsten Stimmen der Schlager-Szene gemacht, mit bis zu acht Millionen Nutzenden pro Monat.
"Das ist die zweiterfolgreichste Musikrichtung. Warum reagieren wir nicht einfach mit ein bisschen Respekt demgegenüber, sondern sagen: Ach nee, ist ja nur Schlager. Es geht doch darum, dass es den Leuten gefällt. Es geht darum, dass die Fans Freude daran haben. Das schafft der Schlager, das schaffen die Protagonisten .“
Statistik zur Beliebtheit von deutschem Schlager von 2019 bis 2023. Die Allensbacher Markt- und Werbeträgeranalyse, kurz AWA genannt, ermittelt auf breiter statistischer Basis Einstellungen, Konsumgewohnheiten und Mediennutzung der Bevölkerung in Deutschland.
2023 gab es rund 13,66 Millionen Personen in der deutschsprachigen Bevölkerung ab 14 Jahre, die sehr gern deutschen Schlager hörten. (Statista / IfD Allensbach / Allensbacher Markt- und Werbeträger-Analyse - AWA 2023)
"Die Beobachtung, dass in deutschen Qualitätsmedien vergleichsweise wenig über deutschsprachige Schlagermusik und deren Stars berichtet wird, trifft vermutlich zu", schreibt Dirk Peitz, Leiter des Kulturressorts von "Zeit Online" auf Anfrage des Deutschlandfunks.
Die Gründe dafür seien zum einen, dass Musikberichterstattung in deutschen Medien generell in den letzten Jahren zurückgegangen sei. Andererseits gebe es nun mal keine direkte Verbindung zwischen der Popularität einzelner Genres und dem journalistischen Interesse daran: "Die Grundfragen bei Journalistinnen und Journalisten sind stets: Ist etwas neu, ist es interessant, erzählt es etwas über sein bloßes Dasein hinaus? Und die Antwort auf diese Fragen lautet bei einem Großteil der Schlagerproduktionen offenbar gleichlautend: nicht zwangsläufig."

Schlager-Szene den Medien gegenüber oft sehr skeptisch

Darüber hinaus ist es für Musikjournalistinnen auch gar nicht so einfach, mit Schlager-Stars Interviews zu führen, so "taz"-Journalist Feddersen.
"Die Schlagerszene ist eigentlich gar nicht gewohnt, professionell mit Journalismus behelligt zu werden. Sondern die sind gewohnt, dass die Pressestellen da schon irgendwas rauströten. Dann kommen eben so ein paar Major Companies, 'Bild' oder inzwischen auch Privatsender oder eben so Medien wie Glücksrevue. Aber das sind natürlich nicht in erster Linie wirklich journalistische Institutionen."
Es wirkt manchmal wie ein Teufelskreis: Viele Medien jenseits der Regenbogenpresse haben Schlager lange nicht ernst genommen und wenig berichtet, weswegen die Schlager-Musikerinnen und -Musiker den Medien oft sehr skeptisch gegenüberstehen und keine Interviews geben – weshalb wenig berichtet wird. Anders beim Portal Schlager.de, dessen langjähriger Leiter Gregor Nebel durch seine Mutter, die Schlagersängerin Carmen Nebel, aber auch andere Voraussetzungen hatte.
Gregor Nebel steht neben seiner Mutter Carmen Nebel, aufgenommen bei "25 Jahre Weihnachten mit Frank Zander - Ein Fest für Obdachlose und Hilfsbedürftige" im Estrel Convention Center in Berlin am 20.12.2019
Carmen Nebel mit Sohn Gregor Nebel 2019 bei einer Schlager-Benefiz-Veranstaltung. (imago images / Gartner )
„Ich glaube, dass die Künstler bei Schlager.de, wenn wir sie angefragt haben, sie natürlich wussten, dass wir, wie ich immer so schön sage, in Frieden kommen. Ich verstehe aber aufgrund der Berichterstattung anderer Medien, dass da viel Skepsis besteht und man sagt: Ach, nicht so weit aus dem Fenster lehnen. Und am Ende wird man wahrscheinlich noch für seinen Erfolg und für auf den ersten Blick einfache Texte kritisiert", so Gregor Nebel.

Neue Blickwinkel in deutschen Medien

Aber vielleicht gehören diese Gräben auch bald der Vergangenheit an. Der "Spiegel" schreibt auf Anfrage des Deutschlandfunks, man beobachte die Schlager-Szene aufmerksam. Und aus dem Feuilleton der "FAZ" heißt es gegenüber mediasres:
"'Schlager' als Genrebezeichnung zur Abgrenzung von 'Pop' hat eigentlich nie so recht einen Sinn ergeben - und heute weniger denn je. Denn man kann ohne Weiteres Stücke von Taylor Swift, Ed Sheeran oder den Beatles Schlager nennen – ebenso wie solche von Roland Kaiser, Helene Fischer oder Vanessa Mai."