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StartseiteTag für Tag"Mir ist nach der Wende alles zerbröckelt" 04.11.2019

Glaubensgeschichten von 89ern, Teil 1"Mir ist nach der Wende alles zerbröckelt"

Als die Mauer fiel, war Maria Neuscheler gerade konfirmiert. Sie wuchs in einer christlichen Familie auf, galt in der DDR als Außenseiterin. Ihr Glaube war etwas Besonderes, erzählt sie. Nach 1989 fragte sie sich: Wozu noch Kirche, wenn du Freiheit auch anderswo haben kannst?

Maria Neuscheler, protokolliert von Angelika Schmidt-Biesalski

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Bild von der Montagsdemonstration in Leipzig am 9. Oktober 1989 (dpa / Volkmar Heinz)
"Da ist so wahnsinnig viel passiert" - für Maria Neuscheler war die Wende auch ein Umbruch im Glauben. Foto aufgenommen am 9. Oktober 1989 nach dem Montagsgebet in Leipzig (dpa / Volkmar Heinz)
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Maria Winkel wuchs als Älteste von drei Geschwistern in Greifswald in einem entschieden christlichen Elternhaus auf. Der Vater war Konsistorialrat, also Jurist in der kirchlichen Verwaltung, ihre Mutter Krankenschwester in einem kirchlichen Krankenhaus. Im Mai 1989 wurde Maria konfirmiert, sie war 14 Jahre alt, als am 9. November 1989 die Mauer fiel. Maria Neuscheler (geb. Winkel):

"Das war 'ne besondere Situation, weil man natürlich zu wenigen Kindern und Jugendlichen gehört hat, die in so einem christlichen Elternhaus groß wurden, das war ein bisschen so 'ne Insel-Situation in meinem Elternhaus und auch in der Kirchengemeinde, in der ich groß geworden bin, weil wir immer das Gefühl hatten, irgendwie was ganz anderes zu sein und besonders zu sein, irgendwie anders, – auf 'ne richtige Art falsch hab ich mich gefühlt in der Schule – und in der Kirchengemeinde und in der Familie hab ich mich auf richtige Art richtig gefühlt.

Wir waren besonders, weil wir eben nur zu zweit in der Klasse waren. Zwei Kinder, die in die Schule kamen und wussten, dass wir das mit den Jungen Pionieren nicht wollen, wir konnten auch zu diesen Pionier-Nachmittagen nicht hingehen, weil die auch immer mittwochs waren, da war dann die Christenlehre, da haben wir uns getroffen nachmittags. Es war schon so, die Klassengemeinschaft war eine Pioniergemeinschaft, und ich, als ich nicht Pionier war, gehörte halt einfach nicht dazu, also zu den Aktivitäten nicht, auch so’n Ferien-Zeltcamp, das kam für mich auch nicht infrage, und natürlich gab es auch Spott."

"Das hat mich stolz gemacht"

Maria hatte damals eine Alternative, an der sie in dieser wohl nicht selten schwierigen Situation festhalten konnte, wo sie sich zuhause fühlte.

"Ich hab mich sehr sicher gefühlt in meinem Glauben, mit meinen Eltern, meiner Oma. Meine Großmutter hatte einen ganz großen Einfluss, auch was den Glauben betrifft, auf mich, und ich war mir einfach ganz sicher und das hat da nichts infrage stellen können, schon gar nicht von Menschen in diesem sozialistischen System, das Glauben ja abgelehnt hat und meine Eltern mich sehr kritisch erzogen haben, das konnte mir nichts anhaben.

Da war ich sehr bei mir, bei meinen Eltern, hab mich wohl gefühlt mit dem, was ich bin und wie ich groß werde und hatte schon auch immer das Gefühl, meine Eltern sind was Besonderes, weil sie nicht da mitlaufen, und das hat mich schon auch stolz gemacht auf meine Eltern und auf meinen Glauben und auch auf die Kirche, in der ich da war."

"Auf diesen Staat kann ich nicht schwören"

In ihrer Greifswalder Kirchengemeinde verbringt Maria denn auch ihre gesamte Freizeit. Sie singt im Kinderchor, spielt Posaune und Flöte, sie fährt mit ins christliche Ferienlager, hat ihre Freundinnen vor allem in der Gemeinde. Als sie in die achte Klasse geht, steht eine wichtige Entscheidung an.

"Ich wollte eigentlich nach der 8. Klasse auf die erweiterte Oberschule, da gab es die Möglichkeit der sprachlichen Vertiefung, da hatte ich mich beworben. Ich bin extra, obwohl ich bewusst nicht Thälmann-Pionier war, in die FDJ eingetreten, weil ich wusste, wenn ich nicht in der FDJ bin, habe ich überhaupt keine Chance, auf 'ne erweiterte Oberschule zu kommen was ich nicht gemacht hab, war Jugendweihe.

Da hab ich mich dagegen entschieden, ganz bewusst, ich war mir sicher, ich möchte Konfirmation machen. Auf diesen Staat kann ich nicht schwören, und ich hätte da Treue schwören müssen, das ging für mich gar nicht. Es war für mich völlig klar, das mache ich nicht, und ich bin nicht genommen worden für die Erweiterte Oberschule. Natürlich wurde die nicht damit begründet, dass ich keine Jugendweihe gemacht habe."

Maria Neuscheler hat viel über ihren Glauben reflektiert (privat)Maria Neuscheler hat viel über ihren Glauben reflektiert (privat)

Rückblickend sieht Maria, wie wichtig ihre Außenseiter-Rolle in der DDR für ihre Persönlichkeitsentwicklung war.

"Mein Glaube in der DDR war was wert. Ich habe mich dafür entschieden, ich hab da gegen andere Meinungen kämpfen müssen, ich hab mich offen hinstellen müssen und sagen‚ ja, Leute, ich glaube! In dem Bewusstsein, dass mich ganz viele für blöd halten."

Am 9. November 1989, ein halbes Jahr nach Marias Konfirmation, fällt die Mauer, was hat das für sie bedeutet?

"Nochmal und noch mehr auch Stolz auf meinen Glauben, auf die Kirche, weil das ja 'ne Bewegung auch aus der Kirche war, die aus diesen Friedensgebeten und dann Montagsdemonstrationen was auf den Weg gebracht hat, wo ich fassungslos war und mich das wirklich auch erschüttert hat, damals als 14-Jährige, was man bewirken kann mit friedlichem Protest, und das habe ich schon an der Stelle ‚meine Kirche‘ verortet. Das war aufregend, da war ich stolz, da bin ich mitgelaufen – das war auch immer ein bisschen angstbesetzt, auch das, aber ich hab schon immer ein sehr großes Vertrauen gehabt."

"Ich war so dankbar, dass wir im Sozialismus groß werden konnten"

Dennoch ändert sich nach der "Wende" auch ihr Verhältnis zur Kirche.

"Es ist aber schon so gewesen, dass dieser Stolz auf die Kirche dann auch gebröckelt ist mit der Wende und alles mir irgendwie zerbröckelt ist. Diese ganze Situation, in der ich groß geworden bin, immer zu denken, ich hab ein Wahnsinns-Glück. Ich hab das wahnsinnige Glück, in dieser kleinen DDR groß zu werden. Ich erinnere mich an so‘n Pionier-Lied – ich durfte die zuhause nie singen, meine Mama hat immer gesagt, 'jetzt komm' aber ich fand die so toll.

Und eins dieser Pionier-Lieder hatte den Refrain: 'Hammer und Zirkel im Ehrenkranz, Zeichen des Glücks an der Wiege.' Und das hab' ich geglaubt, das hab' ich wirklich geglaubt als Kind. Ich war so dankbar, dass wir im Sozialismus groß werden, und die DDR so'n kleines Land. Da bin ich geboren, im Frieden, meine Eltern sind nicht arbeitslos, ich werd niemals drogenabhängig – also auf einer Insel groß zu werden, einer Insel der Glückseligen und drum rum ist alles sehr bedrohlich."

Und nun war plötzlich alles ganz anders. Der Westen war gar nicht so, wie sie es gelernt hatte. Kein riesiger Intershop mit Drogenabhängigen an jeder Ecke, die Menschen auch ziemlich normal und gar nicht so anders als die Deutschen im Osten. Nur die Kirche spielte eine andere Rolle.

"Diese Notwendigkeit, im Glauben zu bleiben, in der Kirche zu bleiben, die fiel weg. Also, diese Mauer, die mich festgehalten hat in der Gemeinde, weil das mein Zuhause war, die fiel weg, ich musste mich nicht mehr zurückziehen in Kirche, weil ich mich woanders fremd gefühlt habe, weil ich mich woanders als Sonderling gefühlt habe, sondern ich konnte mich ja überall zuhause fühlen, ich hatte ganz neue Freiheiten."

"Ganz nackten Glauben"

Über Nacht gibt es Veränderungen, deren Tragweite man sich im Westen kaum vorstellen können. Der Lehrer für Staatsbürgerkunde ist plötzlich in der gleichen Partei Mitglied wie der Pfarrer, die Schüler haben keinerlei Respekt mehr vor den Lehrern…

"Da ist so wahnsinnig viel passiert, und ich hatte so das Gefühl, ich bin ein bisschen zurückgeworfen, ich hab plötzlich nur noch so'n ganz nackten Glauben, ohne Rahmen, nur noch meins. Das war schon auch gut, bestimmt. In 'ner Situation, wo ich sowieso mich auseinandersetze mit Glauben und wo ich hin will in meinem Leben, hat das bestimmt was mit mir gemacht. Und dadurch, dass ich mit so großer Liebe und so behütet aufgewachsen bin, hatte ich schon viel, was ich mitbekommen habe. Und auch mit so 'nem Duktus, mich auseinanderzusetzen, selber zu denken, selber zu urteilen, selber zu fühlen und mir nicht sagen lassen zu müssen, was für mich richtig ist – das hab ich ja von klein auf gelernt – deswegen war das für mich eher 'ne Chance, dass mir alles weg gebrochen ist, glaub ich."

Maria nimmt diese Chance wahr und entdeckt im Laufe der Zeit ihre Kirche neu.

"Kirche ist in meinem Glauben dann wieder wichtig geworden. Kirche war 'ne Zeit lang ja eher nicht so präsent in meinem Leben … und ich dann schon auch ne Weile gedacht habe, pah, was braucht man Kirche, und es ja auch viele Dinge gibt, mit denen ich nicht einverstanden bin. Ich kann vertrauen, ohne dass ich da Kirche zu brauche und ich kann lieben, ohne dass ich Kirche dazu brauche, das ist zentral in meinem Glauben. Und dann kommt aber schon der Punkt, wo ich denke: nein, es sind ja viele Menschen, denen ähnliches wichtig ist wie mir. Kirche sind ja die Menschen, die Kirche leben, und dazu gehör ich halt auch, und deshalb ist es mir wichtiger, da einfach mit zu gestalten, und deswegen arbeite ich auch bei 'nem kirchlichen Anstellungsträger. Das ist mir wichtig."

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