Montag, 23. Mai 2022

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Globale Ernährungskrisen
Neue Technologien für den Katastrophenfall

Mit ihrem neuen Zivilschutzkonzept empfiehlt die Bundesregierung allen Bürgern, einen Notvorrat an Lebensmitteln zu bunkern. Für viele wirkt das wie Panikmache. Doch die Gefahr, dass die Regale in den Läden plötzlich länger leer bleiben könnten, sei gar nicht so aus der Luft gegriffen, meinen Katastrophenforscher auf einer Konferenz in Davos.

Von Volker Mrasek | 20.10.2016

Sie sehen einen Mann auf dem ausgetrockneten Boden eines Tümpels.
Auf einigen Kontinenten gibt es jetzt schon stärkere Ernteausfälle. Wenn diese zeitgleich auftreten, könnte es zu einer Nahrungsmittelkrise kommen. (EPA / dpa )
Was, wenn sich durch den Klimawandel Dürren verstärken, im Pazifik zusätzlich ein starker El Niño auftritt und Asien großflächig von einem Getreideschädling heimgesucht wird? Der Londoner Versicherungskonzern Lloyd's hat ein solches Szenario durchgespielt. Das Ergebnis: eine Ernährungskrise. Die globalen Ernteerträge brechen um zehn Prozent ein. Der Preis für Reis verfünffacht sich.
Das seien nicht bloß irgendwelche Planspiele, betont David Denkenberger, Bauingenieur und Professor an der Staatsuniversität von Tennessee in den USA:
"Auf einzelnen Kontinenten gab es durchaus schon stärkere Ernteausfälle durch Wetterextreme. Wir hatten bisher einfach Glück, dass es noch nicht zeitgleich in mehreren Erdteilen dazu kam. So etwas kann aber passieren! Die Wahrscheinlichkeit dafür ist sogar sehr hoch. Nach einer britischen Studie beträgt sie 80 Prozent bis Ende dieses Jahrhunderts."
In den USA gibt es sogar ein eigenes Institut, das sich inzwischen mit dem Risiko durch globale Katastrophen beschäftigt. Denkenberger gehört zu seinen engagiertesten Mitarbeitern:
"Ein Asteroid könnte die Erde treffen. Oder es bricht ein regionaler Nuklear-Krieg aus, etwa zwischen Indien und Pakistan. Es gibt Studien, die sagen: Die globale Agrarproduktion wäre in diesem Fall ein Jahrzehnt lang um 20 Prozent vermindert."
Möglicher Temperaturabfall durch Mega-Vulkanausbruch
Auf der Internationalen Konferenz über Katastrophenrisiken in Davos nannte der Brite Ray Taylor jüngst noch einen anderen denkbaren Auslöser für eine globale Nahrungsmittelkrise: den Mega-Ausbruch eines Vulkans wie zuletzt 1815, als der Tambora in Indonesien ausbrach:
"Vulkan-Asche gelangt dabei bis in die Stratosphäre, schiebt sich vor die Sonne und verdunkelt die Erde. Dadurch kommt es zu einem Temperatursturz und Ernteausfällen überall."
Daher auch David Denkenbergers Appell: Die Welt sollte am besten auf solche Ereignisse vorbereitet sein:
"Wenn sie von dem Problem hören, sagen viele: Na, dann müssen wir eben größere Notvorräte anlegen! Das wäre aber viel zu teuer. Es würde zig Billionen Dollar kosten, wenn alle Länder Lebensmittel für fünf Jahre einlagerten."
Sinnvoller sei es, in neue Technologien für die Agrarproduktion zu investieren. Und am besten schon heute mit der Forschung zu beginnen. Nur so könne die Welternährung auch im Fall einer großen Krise oder Katastrophe sichergestellt werden:
"Es gibt Lösungen selbst für die schlimmeren Szenarien. Sollte nicht mehr genügend Sonnenlicht für grüne Pflanzen zur Erde dringen, könnten wir stattdessen Pilze züchten. Denn die brauchen keine Sonne, um Nährstoffe zu produzieren. Wir könnten uns weiterhin von Kühen und Schafen ernähren, wenn wir sie nicht mehr mit dem wenigen Getreide füttern, das wir dann noch haben, sondern mit pflanzlichen Reststoffen, die sie verdauen können. Bei der Herstellung von Biokraftstoffen aus Zellulose fällt Zucker an. Wenn wir nicht mehr genügend Nahrungsmittel haben, könnten wir diesen Zucker essen!"
Neue Technologien könnten Katastrophen verhindern
Gesetzt den Fall, das alles wird tatsächlich entwickelt - würde die Umstellung auf solche industriellen Großtechnologien nicht viel zu lange dauern?
Nicht unbedingt, sagt Denkenberger. Aus seiner Sicht müsste im Krisenfall nur eine kurze Übergangszeit mit Lebensmittelvorräten überbrückt werden
"Die USA sind hier ein gutes Beispiel. Vor dem Zweiten Weltkrieg bauten sie so gut wie keine Flugzeuge. Doch dann stellten sie kurzerhand die Auto-Produktion um und bauten welche. Das dauerte kaum länger ein Jahr oder so."
Macht der US-Forscher bloß die Pferde scheu? Oder sinnvolle Vorschläge für den unvermeidlichen Krisenfall?
Wohl eher Letzteres. Inzwischen beschäftigten sich auch Regierungen, Versicherungen und die Weltbank mit dem Problem, sagt Ray Taylor. Weil sie erkannt hätten, dass große Katastrophen auch die globale Nahrungsmittelversorgung erschüttern würden:
"So etwas ist schon früher passiert. Und es wird wieder geschehen. Das wissen wir!"