Globale ÖkologieWie der Konsum in Industriestaaten tropische Wälder zerstört

Der tropische Regenwald gehört zu den artenreichsten Lebensräumen auf der Erde. Doch diese Vielfalt ist bedroht, vor allem durch Abholzung. Eine Studie im Fachmagazin "Nature Ecology & Evolution" legt nun erstmals belastbare Zahlen vor, in welchem Ausmaß Industriestaaten für die Zerstörung verantwortlich sind.

Von Volker Mrasek | 30.03.2021

Regenwald in Ecuador
Die Abholzung des Tropenwaldes geht zum großen Teil auf das Konto von Industriestaaten (blickwinkel/picture-alliance )
Die neue Studie benötigt nur wenige Zahlen aus dem Jahr 2015, um deutlich zu machen, wie sehr der heutige Konsum in den Industrieländern die Abholzung von Wäldern weltweit vorantreibt. Die Autoren wählten dabei die G-7-Staaten als Beispiel. Das sind Japan, Kanada und die USA, Frankreich, Italien, Großbritannien - und Deutschland!
"Jeder Bewohner der G-7-Staaten verursachte durch seinen Konsum den Verlust von vier Bäumen und knapp 60 Quadratmetern Wald im Jahr 2015."
Ausgerechnet hat das der vietnamesische Umweltwissenschaftler Nguyen Hoang. Er arbeitet im Forschungsinstitut für Menschheit und Natur im japanischen Kioto. In den G-7-Staaten leben rund 760 Millionen Menschen. Auf ihr Konto gingen demnach Rodungen auf einer Fläche größer als die Schweiz, und das allein 2015!

Deutschland liegt unter dem G7-Durchschnitt

Abgeholzt werde fast ausschließlich in anderen Ländern, vor allem in den Tropen mit ihren artenreichen Wäldern, sagt Hoang:
"Die Zahlen für Deutschland liegen 2015 unter dem G7-Durchschnitt. Es sind 2,2 gefällte Bäume und 40 Quadratmeter Waldverlust pro Einwohner. Allerdings: Über 90 Prozent der Abholzungen für deutsche Konsumenten geschahen in anderen Ländern, und rund die Hälfte davon in den Tropen."
DEU, Deutschland, Nordrhein-Westfalen, Münster, 25.11.2020: Einkaufen auf dem Wochenmarkt, Metzgerei, Rindfleisch, Entrecote *** DEU, Germany, North Rhine-Westphalia, Münster, 25 11 2020 Shopping at the weekly market, butcher, beef, entrecote
Rindfleisch auf dem Wochenmarkt (imago / Rüdiger Wölk)
DVT-Geschäftsführer: "Den Bedarf an Fleisch müssen wir erfüllen"
Der Import von Palmöl und Soja aus Brasilien als Futtermittel für die Fleischproduktion gilt als stark umweltbelastend. Ziel sei es, Sojaschrot nur aus nachhaltig zertifiziertem Anbau zu kaufen, so der Sprecher der Geschäftsführung des Deutschen Verbandes Tiernahrung, Hermann-Josef Baaken, im Dlf. Doch das müsse auch wirtschaftlich sein. Der Bedarf an Fleisch sei nach wie vor weltweit steigend.
Der Umweltwissenschaftler spricht von "importierter Entwaldung" aus Sicht der Industrieländer. Sie sei in globalen Handelsketten versteckt:
"Entwickelte Länder importieren Agrarprodukte wie Rindfleisch, Sojabohnen, Kaffee, Kakao und Palmöl aus tropischen Ländern. Vor Ort rodet man Wälder, um immer mehr Anbau- und Weideflächen dafür zu schaffen. Das beobachten wir in Brasilien, Indonesien, Südostasien und Afrika. Auch der illegale Einschlag von Tropenhölzern ist ein ernstes Problem in vielen dieser Länder."

Datenanalyse aus zwei verschiedenen Quellen

Neu ist das alles nicht. Aber Hoang und ein Institutskollege verknüpfen jetzt erstmals zwei globale Datensätze auf geschickte Weise miteinander. Der eine stammt von Satelliten und informiert über alle Waldverluste zwischen 2001 und 2015. Der andere Datensatz enthält die Finanzströme in tausenden Industriesektoren weltweit. Aus ihnen konnten die Forscher ein globales Netzwerk des Handels mit Agrar- und Forstprodukten rekonstruieren.
Für zwei Dutzend Industrie- und Schwellenländer leiteten sie anschließend konsumgetriebene "Fußabdrücke der Entwaldung" ab, wie sie sie nennen. Auch China und Indien kommen dabei schlecht weg – obwohl sie zuhause kräftig aufforsten und dabei als Vorbilder gelten:
"Der Fußabdruck von China und Indien hat sich rapide vergrößert. Er war 2014 schon sechsmal so groß wie 2001. Weltweit nimmt der Import von Gütern, die mit Waldverlusten in den Tropen zu tun haben, auch weiterhin zu."

Einschränkungen beim Fleischverzehr wären notwendig

Die Genussfreude der Deutschen wirkt sich offenbar in Afrika besonders negativ aus:
"Der Konsum von Kakao in Deutschland gefährdet Wälder in der Elfenbeinküste und in Ghana. Dort ist der deutsche Fußabdruck sogar größer als der von China oder Japan. Die Brandrodung von Regenwäldern zur Errichtung von Kakao-Plantagen schränkt den Lebensraum vieler gefährdeter Arten ein."
Die Studie aus Japan zeige anschaulich, welche Fernwirkungen unser Konsum in einer globalisierten Welt habe, sagt Thomas Kastner aus dem Senckenberg-Forschungszentrum für Biodiversität und Klima in Frankfurt am Main. Nötig seien Veränderungen unserer Gewohnheiten, so der österreichische Ökologe:
"Da braucht’s einen breiteren gesellschaftlichen Diskurs dazu. Und dazu kann dann natürlich genau solche Forschung – gerade wenn sie Aufmerksamkeit bekommt – beitragen."
Das Umweltbundesamt hat soeben vorgeschlagen, dass wir unseren Fleischverzehr halbieren sollten. Auch Thomas Kastner hält das für eine wichtige Stellschraube in den westlichen Industrieländern, wie er sagt. Dann müssten Tropenwälder nicht länger neuen Viehweiden und Äckern für den Futterpflanzen-Anbau weichen.