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StartseiteAus Kultur- und SozialwissenschaftenLehrkräfte fit für die Zukunft machen12.09.2019

Globales Lernen und technischer FortschrittLehrkräfte fit für die Zukunft machen

In Zeiten des technischen Fortschritts in einer globalisierten Welt hinken deutsche Schulen zunehmend hinterher. Um das zu ändern, muss das Lehrpersonal entsprechend geschult werden. Dann könnte in Zukunft Wissen digital vermittelt und Lehrinhalte an Herausforderungen der Globalisierung angepasst werden.

Von Axel Schröder

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Schüler einer fünften Klasse eines Gymnasiums benutzen im Unterricht einen Laptop (dpa / Daniel Reinhardt)
Um die technischen Möglichkeiten ins Bildungssystem zu implementieren, müssten beispielsweise von der Bundesregierung verbindliche Leitlinien entwickelt werden (dpa / Daniel Reinhardt)
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Es ist ein Wettlauf, den das behäbige Bildungswesen kaum gewinnen kann. Der technische Fortschritt ist immer einen, zwei, drei Schritte voraus, bringt immer neue, immer schnellere, potentere Geräte auf den Markt, ermöglicht immer neue Lernmethoden. Und kaum haben sich die Lehrer- und Professorenschaft und die Studierenden die neuen Methoden angeeignet, eröffnen sich wieder neue Möglichkeiten, sagt Ken Jones, Professor Erziehungswissenschaften an der University of Wales:

"Wenn wir uns heute das Bildungswesen anschauen, nutzen einige Lehrer jetzt Technologien auf eine Weise, wie wir sie schon vor fünf, sechs, sieben, acht Jahren genutzt haben. Wenn wir uns die Forschung anschauen, sind das Forschungen, die vielleicht 2010 stattgefunden haben. Die sind fast zehn Jahre alt! Und wenn sie sehen, wie Software und Hardware und Technologien sich in den letzten zehn Jahren entwickelt haben, ist das exponentiell, einfach riesig! An die Grenzen der Technologie, die wir nutzen könnten, kommen wir gar nicht ran."

Um die technischen Möglichkeiten effektiv ins Bildungssystem zu implementieren, müssten erstens auf der Makroebene, also zum Beispiel von der Bundesregierung, verbindliche Leitlinien und Handreichungen entwickelt werden, an denen sich dann die Mesoebene, die Bundesländer, orientieren können. Schließlich gehe es darum, die Leitlinien auf der Mikroebene, in Schulen und Universitäten zu verankern, an Eltern und die Schülerschaft zu vermitteln. So ließe sich der Schatz heben, den die moderne Technik für das Lernen bereithalte:

"Gerade habe ich in einem Vortrag Roland Barthes zitiert: ‚Ein Klassenraum besteht aus vier Wänden, die die Zukunft umgeben.‘ Die Zukunft sind natürlich die jungen Leute im Raum. Und die Technologie macht es jetzt möglich, diese vier Wände niederzureißen. In den neuen Schulen brauchen wir keine Wände mehr. Technologie lässt die Mauern der Klassenräume verschwinden: die der Schule, der Landkreise und dann bietet sie uns einen Blick in eine Arena, und man kann erfahren, was dort alles passiert."

Implementierung von Technik in die Bildung ernüchternd

Per Live-Schalte könnten Schülerinnen und Schüler in Deutschland den Sonnenuntergang in Neuseeland beobachten oder den Lauf der Gestirne vom Mond aus anschauen. Der nächste Schritt wäre dann mit Virtual Reality-Brillen möglich, die einen noch direkteren Blick durch die Klassenraumwände bieten können. Vorausgesetzt, die Technik und die passenden didaktischen Methoden sind vorhanden. Wie weit das deutsche Bildungssystem auf diesem Weg ist, erforscht die Professorin Julia Gerick an der Uni Hamburg. Die dazu vorliegenden Studien sind zwar schon etwas älter, zeichnen aber ein ernüchterndes Bild:

"Man weiß aus der Forschung, dass gerade in Bezug auf die Förderung von Medienkompetenz - das wissen wir aus der Studie ICILS 2013 - Deutschland noch nicht so weit ist tatsächlich. Und aus der Forschung zur Nutzung von digitalen Medien im fachlichen Lernen weiß man auch, dass es hier durchaus auch unterschiedliche Befunde gibt. Dass man nicht sagen kann: nur weil man bestimmte digitale Medien nutzt, steigert das die Leistung in Mathematik oder Lesen. Sondern, dass es hier eben auf das Unterrichts-Setting letztendlich auch ganz stark ankommt. Und auf die Lehrperson: was sie eigentlich daraus macht und wie sie diese Rahmenbedingungen gestaltet im Unterricht."

Zwar gebe es seit drei Jahren die von der Kultusministerkonferenz verabschiedete Strategie der "Bildung in einer digitalen Welt". Nach wie vor fehle aber ein breit angelegtes Curriculum in der Lehrerinnenausbildung, dass dem Lehrpersonal der Zukunft diese Fähigkeiten vermittelt, sagt Julia Gerick. Die Schulen und Universitäten könnten auf diesem Gebiet viel voneinander lernen, auch über beständige Netzwerke, in denen die Institutionen mit einem Vorsprung, mit viel Erfahrung in der Nutzung moderner Technologien anderen mit Ratschlägen zur Seite stehen könnten. - Richtig eingesetzt kann neben der Wissensvermittlung über digitale Endgeräte auch ein inter- oder intranetbasiertes Feedbacksystem für Lehrerinnen und Lehrer das Lernen nach vorne bringen:

"Das weiß man aus der Lehrergesundheitsforschung, dass eben häufig das Feedback fehlt, dass man immer ganz, ganz viel macht als Lehrperson, aber nie mal jemand sagt: 'Das hat mir viel gebracht! Das hat mir gefallen! Das war super! Das hat mich motiviert!' Und dass das auch, wenn es gut gemacht ist, eine Quelle auch dafür sein kann, um so Rückmeldung zu seiner Person und dem Arbeiten zu bekommen."

Globales Lernen

Natürlich müssten dabei, betont Gerick, bestimmte Regeln gelten. Konstruktive Kritik sei dabei gewünscht und eben keine Beschimpfungen, kein moderner Lehrerpranger. - Nicht um die Nutzung moderner Technik, sondern vor allem um moderne, an die Herausforderungen der Globalisierung angepasste Inhalte geht es Annette Scheunpflug, Professorin für Allgemeine Pädagogik an der Otto-Friedrich-Universität Bamberg. Da sei ein neues, ein "Gobales Lernen" erforderlich:

"Aus meiner Sicht ist es so, dass Jugendliche heute, alle Menschen, sich immer im globalen Kontext sehen. Weil die Globalisierung ein Kommunikationszusammenhang ist, der uns permanent vor Augen führt, dass das, was wir sind, auch ganz anders sein könnte. Und das zu lernen und damit umzugehen und so zu lernen, dass man sich nicht in der Identität beeinträchtigt sieht, keine Fragen von Zugehörigkeitsproblemen entwickelt, sondern eben diese neue Qualität des Zusammenlebens versteht und analytisch präsent zu haben, das ist das, worum es beim 'Globalen Lernen' geht."

Übersetzt in ganz praktische didaktische Methoden sähe der Geographie- und Gemeinschaftskundeunterricht dann etwas anders aus: die Weltkarte könne auf den Kopf gestellt, der Globus gedreht werden, um einer eurozentristischen Sicht auf die Welt entgegenzuwirken. Gleichzeitig müssten paternalistische, vor allem auf der Nordhalbkugel verbreitete Denkweisen aufgedeckt werden, die allzu oft zu verkürzten Analysen globaler Zusammenhänge und am Ende auch zu Ängsten führen könnten, so Annette Scheunpflug:

"Wer selber paternalistisch unterwegs ist, hat ja auch immer die Angst vor der Abwertung der eigenen Person. Das ist die eine Quelle der Angst. Und die andere Quelle der Angst ist, dass man von Problemen überrannt wird und sich nicht in der Lage sieht, so zu agieren oder sich so einzubringen, dass man zur Bewältigung der Herausforderungen selber beiträgt. Und das ist etwas, was wir viel mehr ermöglichen müssen: dass Menschen die Möglichkeit zur Partizipation haben."

Und ja, sagt Annette Scheunpflug, in diesem Sinne hätten die Erziehungswissenschaften in Zeiten der Verunsicherung durchaus eine gesellschaftliche Mission.

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