Montag, 27.09.2021
 
Seit 02:30 Uhr Zwischentöne
StartseiteInterview"Ab 2001 sind die Grenzen enger geworden"05.09.2021

Globalisierung"Ab 2001 sind die Grenzen enger geworden"

Die Globalisierung habe zu einer höheren Mobilität „für uns Privilegierte“ geführt. Gleichzeitig werden Menschen anderer Weltregionen ausgeschlossen, sagte der Soziologe Steffen Mau im Dlf. Grenzen, die für alle offen sind, sieht er nicht kommen und fordert mehr Transparenz für diese "globale Ungerechtigkeit".

Steffen Mau im Gespräch mit Manfred Götzke

Hören Sie unsere Beiträge in der Dlf Audiothek
Dinge, die ausgereisten Afghanen gehörten und die sie auf dem Rollfeld des Kabuler Flughafens zurückgelassen haben (AFP / Wakil Kohsar)
Dinge, die ausgereisten Afghanen gehörten und die sie auf dem Rollfeld des Kabuler Flughafens zurückgelassen haben (AFP / Wakil Kohsar)
Mehr zum Thema

Stimmen zum Mauerfall aus dem Jahr 1989 Mein 9. November

Niger Der schwierige Kampf gegen den grenzüberschreitenden Terror

EU-Asylpolitik und die Seenotrettung Worum es den EU-Mitgliedsstaaten in der Flüchtlingsfrage geht

Libyen Alltag in einem gescheiterten Staat

Die Globalisierung habe zu einer stärkeren Durchlässigkeit von Grenzen geführt. Doch es gebe gleichzeitig eine Gegenbewegung, die er Schließungsbewegung nenne, erläutert der Soziologe Steffen Mau im Deutschlandfunk. Mau ist Professor an der Humboldt-Universität Berlin und Autor des Buches "Sortiermaschinen – Die Neuerfindung der Grenze im 21. Jahrhundert". So gab es 1990 zwölf Mauergrenzen weltweit, ab 2001 ist deren Zahl rasant gestiegen. Heute gebe es 70 Stück in der Regel durch Stacheldraht, Mauern und von Soldaten gesicherte Grenzen auf allen Kontinenten bis auf Australien, das eine Seegrenze habe.

Konnektivität zwischen Öffnung und Schließung

Grenzen übten zudem stärker Selektivität aus, sie unterscheiden zwischen denen, die passieren dürfen und für die alles ganz einfach wird und denen, die außen vor bleiben. "Wir haben die dunkle Seite der Globalisierung ausgeblendet", sagte Mau. Bürger afrikanischer Länder hätten heute weniger Mobilitätsrechte als vor 30 oder 40 Jahren, als sie ohne Visum in europäische Länder reisen konnten. "Ihre Situation hat sich verschlechtert".

Container stapeln sich vor Verladekränen im Hafen von Piräus, Griechenland. Der Hafen ist mehrheitlich im Besitz von China Ocean Shipping Company (COSCO), der drittgrößten Containerschiff-Reedereien der Welt. Das Unternehmen ist ein volkseigener Betrieb der Volksrepublik China mit Sitz in Peking. Im Oktober 2009 mietete Griechenland die Docks 2 und 3 von PPA für einen Zeitraum von 35 Jahren an COSCO . Für seine Präsenz im Hafen zahlt COSCO jedes Jahr 100 Millionen Euro. (Eurokinissi) (Eurokinissi)Globaler Handel in Zeiten von Corona
Fehlende Atemschutzmasken, zu wenig Kittel und Handschuhe: Die Corona-Pandemie hat im Frühjahr die Risiken der globalen Arbeitsteilung offengelegt. Aber auch schon vor der Pandemie hatte ein Umdenken eingesetzt.

Mau sieht einen kausalen Zusammenhang zwischen Öffnung und Schließung: Um für die Privilegierten, die Mobilität zu vergrößern, mussten andere ausgeschlossen werden. "Die Globalisierung produziert Mobilität und Immobilität gleichermaßen". Globale Grenzregime sorgen dafür, dass nur ein Teil der Weltbevölkerung von den neuen Möglichkeiten profitieren könne. Das sei, pauschal gesagt, der globale Norden, aber auch reiche Golfstaaten, wo Leute mobil sein können. Als Reicher könne man sich auch einbürgern lassen, etwa in Zypern.

Kabul - beredtes Zeugnis ungleicher Mobilität

Die Szenen am Flughafen von Kabul und die Schwierigkeiten vieler Afghanen bei der Ausreise seien ebenfalls beredtes Zeugnis einer Situation, die aus ungleicher Mobilität entstehe. Viele im globalen Süden hätten noch nie im Leben ein Flugzeug betreten. Die Zahl der global Reisenden in Afrika liege bei ca. zehn Prozent der Bevölkerung. Was für uns Normalität sei, gelte für andere nicht. Das werfe die Frage "globaler Gerechtigkeit" auf: "Die haben wir bis jetzt gar nicht beantwortet."

Großbritannien, Dover: Eine Gruppe von mutmaßlichen Migranten überquert den Ärmelkanal in einem kleinen Boot in Richtung Dover. Die Zahl der Flüchtenden über den Ärmelkanal zwischen Frankreich und Großbritannien hat im Juni ein neues Rekordhoch erreicht. (Gareth Fuller/PA Wire/dpa) (Gareth Fuller/PA Wire/dpa)Migration in den Wahlprogrammen
Die Wahlprogramme beschäftigen sich beim Thema Migration zu mindestens 75 Prozent mit den Teilaspekten Flucht und Asyl – dabei machen sie nur ca. zehn Prozent der Zuwanderung aus, so das Ergebnis einer Untersuchung. Welche Rolle spielen andere Migrationsgründe? Ein Überblick.

Offene Grenzen für alle sieht Mau nicht kommen. Eher Transparenz darüber, dass wir von Ländern einforderten, die Visumspflicht für Europäer abzuschaffen, ihnen aber im Gegenzug nicht dasselbe einräumten. Doch das sei gerade für Länder am Rand Europas wichtig. Als Serbien die Visumsfreiheit für die EU bekommen habe, sei dort ein Raketenfeuerwerk losgegangen, die Leute lagen sich in den Armen.

Strittig: Visumsfreiheit für Länder am Rand Europas

Der Soziologe Steffen Mau trennt zwischen Mobilität und Migration, denn "wahrscheinlich hingen ein bis drei von tausend Grenzübertritte mit Migration zusammen". Doch wir haben die Mobilität neuen Paradigmen unterworfen, sodass wir in Leuten, die mobil werden möchten, Grenzen überschreiten möchten, potenzielle Migranten sehen. Das sei eine "Politik des Verdachts": Die Visumsablehnung von Menschen aus Niger oder Senegal hänge an der Vorstellung, dass diese legal einreisten, um illegal zu bleiben. Er spricht in dem Zusammenhang von "Grenzen als Sortiermaschine", die durch die Hintertür funktioniere und an der die Behörden und die Verwaltung beteiligt seien.

"Die Grenze ist überall"

Mau will das Bild der Grenze als territorial fixiert, "als Linie auf der Landkarte" aufheben. "Die Grenze ist überall", sagte er. Sie sei definiert durch Kontrolle, räumlich flexibel geworden, in Transitländer gewandert. Die Grenze Europas etwa liege in der Subsahara oder zwischen Polen und Belarus, also weit weg vom eigentlichen Territorium. Deutschland habe keine befestigte Außengrenze mehr, dennoch sei diese wirkmächtig wie kaum zuvor. Neue Technologien wie Iris-Scannung, biometrische Verfahren und Gesichtsvermessung führten dazu, dass die Grenze auf Datenbanken sitze. Ein Pass sei künftig vielleicht nicht mehr nötig.

Grenzkontrollen an der deutsch-österreichischen Grenze am 14.03.2019 am Grenzübergang Walserberg Verstärkte Grenzkontrollen der Bayerischen Bereitschaftspolizei und Bundespolizei am 14.03.2019 an der deutsch-österreichischen Grenze am Grenzübergang Walserberg. (imago | Revierfoto) (imago | Revierfoto)EU-Coronagipfel: Binnengrenzen offenhalten
Nach dem EU-Gipfel ist klar: Die Binnengrenzen sollen offen bleiben – für Warenlieferungen, Pendler und notwendige Reisen. Die EU hat für die kommende Woche weitere Maßnahmen angekündigt, um die Ausbreitung der neuen Virusvariante zu stoppen.

Im Fall von Corona habe es die Privilegierten getroffen. Corona habe gezeigt, wie stark Staaten weiterhin in Regulierung von Mobilität und Sicherung der Grenzen sind.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk