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StartseiteBüchermarktAufschlussreiche Briefe zwischen Dichter und Kaufmann08.05.2016

Gottfried BennAufschlussreiche Briefe zwischen Dichter und Kaufmann

Die Briefe zwischen Gottfried Benn und dem Bremer Kaufmann Friedrich Wilhelm Oelze waren bei der Veröffentlichung 1977 eine Überraschung: Der Dichter zeigte sich ungeahnt offen und privat. Die damals noch testamentarisch verschlossenen Briefe Oelzes sind nun auch veröffentlicht worden. Damit wird erst jetzt der besondere Charakter der Beziehung zwischen dem Dichter und dem Großkaufmann deutlich.

Von Helmut Böttiger

Dr. Gottfried Benn in seinem Berliner Büro am 18.8.1953.  (imago / United Archives International)
Dr. Gottfried Benn in seinem Berliner Büro am 18.8.1953. (imago / United Archives International)
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Gottfried Benn feiert am 2. Mai 1946 seinen 60. Geburtstag. Am Abend schreibt er einen Brief:

"Im Übrigen verlief dieser fragwürdige Tag sehr in meinem Sinne. Keine Sonne, sondern warmer Regen, mir immer sehr angenehm, keine Besuche, keine familiären Aufläufe, Essen mit dem Dienstmädchen in der Küche, die mich ins Gespräch zog über ihr neues Kostüm, das am Rücken noch nicht säße, dann Patienten und im Übrigen kein Wort gesprochen."

Benn hat seit zehn Jahren nichts mehr veröffentlicht, und er rechnet auch gar nicht mehr mit Veröffentlichungen zu seinen Lebzeiten. Dafür geht seine Praxis für Haut- und Geschlechtskrankheiten ziemlich gut. Als Schriftsteller übt er sich nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs in Abschiedsstimmung. Am 19. Juli 1946 schreibt er, mitten aus Berlin-Schöneberg:

"Ein weiter Weg, - ein alter Herr schließlich das Resultat, der denkt, ob ihm jemand die Kragen plättet und der auf die Straße sieht. Hier ist Hochsommer. Brennnessel, Knöterich, Kraut wächst meterhoch auf dem Trottoir; die mageren, von Krätze und Pusteln bedeckten Kinder trinken nackt aus den Brunnen, aber die Litfaßsäulen künden weiter unentwegt "Bunbury" an und einen Ball, genannt "die Nacht der Prominenten" – wenn das nicht Jeremias und Ninive ist, weiß ich nichts mehr."

Zehn Jahre später aber – am 2. Mai 1956 wird Gottfried Benn 70 Jahre alt – scheint sich so einiges geändert zu haben. Die Vorbereitungen zu diesem Datum halten ihn sehr in Atem. Wieder schreibt er einen Brief, einen runden Geburtstag betreffend:

"Wir freuen uns, dass Sie dem Hause Benn die Ehre antun wollen, am 2.5. dabei zu sein. Leider haben wir das Programm insofern ändern müssen, als das geplante Souper um 8 Uhr ins Wasser fällt, da der Senat von Berlin im Verein mit der Akademie (aus der ich ja ausgetreten bin,) mir um 8 Uhr eine Feier gibt mit Musik und Vortrag von Holthusen und Rezitationen von einem Schauspieler in der Amerikanischen Gedenk-Bibliothek am Blücher-Platz, wo, wenn nicht ich selber, meine Gäste erscheinen müssen, damit wenigstens jemand da ist. Dann also erst hinterher im Hotel Imbiss. Zimmer für Sie beide sind bestellt. Reviderci! Gruß!"

Mehr als 20 Jahre nach seinem Tod wurde der erste Band mit Briefen veröffentlicht

Es geht drunter und drüber im Leben dieses Dichters, sein öffentliches Ansehen ändert sich von Mal zu Mal rapide. Über die wechselhaften Gefühle dieses preußischen Poeten, über seine privaten Umstände, politischen und persönlichen Empfindungen wusste man lange Zeit ziemlich wenig. Als 1977, mehr als 20 Jahre nach seinem Tod, der erste Band von Benns Briefen an den Bremer Kaufmann Friedrich Wilhelm Oelze herausgegeben wurden, war das deshalb eine große Sensation: Hier teilte sich der Dichter, der so gerne "kaltschnäuzig" sein wollte und wie von einem fremden Stern auf die menschlichen Leidenschaften herabzublicken schien, unmittelbar mit. Das Auf und Ab seiner Biografie, die Begeisterung für die Nationalsozialisten und die Enttäuschung über ihren kulturfeindlichen Charakter, die Stilisierung zum einsamen, verkannten Olympier und die plötzliche Erfolgsgeschichte in der frühen Bundesrepublik – all dies ist in den Briefen an Oelze minutiös nachzuverfolgen.

Von 1977 bis 1980 erschienen sie in drei Bänden, und je klarer es wurde, dass hier literaturgeschichtliche Quellen ersten Ranges vorlagen, desto größer wurde das Geheimnis: Was hatte es mit jenem ominösen F. W. Oelze eigentlich auf sich? Er hatte es testamentarisch untersagt, seine eigenen Briefe zu veröffentlichen, und so blieb der Öffentlichkeit nur das Bild, das Benn in diesem Briefwechsel von ihm zeichnet: ein hanseatischer Großbürger, ein Weltmann, ein Kunstkenner.

Benn hat die ersten Briefe Oelzes nicht aufgehoben

Persönlich begegnet sind sich die beiden jedoch äußerst selten, ihre Beziehung beruhte fast ausschließlich auf dem Briefwechsel, der von 1932 bis zu Benns Tod 1956 reicht. Das lässt einen doppelten Boden und komplizierte Verhältnisse vermuten. Von daher ist es ein bedeutendes Ereignis, dass in einer vierbändigen, vorbildlich kommentierten Ausgabe des Briefwechsels nun zum ersten Mal auch die Briefe Oelzes veröffentlicht werden. Erst jetzt wird der besondere Charakter der Beziehung zwischen dem niedergelassenen Arzt und dem Bremer Großhandelskaufmann deutlich. Wir hören dessen Stimme indes erst vergleichsweise spät: Benn hat die ersten Briefe Oelzes nicht aufgehoben, sodass die Beziehung in der ersten Phase nicht vollständig nachvollzogen werden kann. Oelze, eigentlich ein zurückhaltender, öffentlichkeitsscheuer Mann, war Ende 1932 von Benns Überlegungen über Goethe und die Naturwissenschaften so elektrisiert worden, dass er sich direkt an den Autor wandte. Benns Reaktion war so, wie man es sich vorstellt:

"Eine mündliche Unterhaltung würde Sie enttäuschen. Ich sage nicht mehr, als was in meinen Büchern steht."

Oelze ist mit seiner bürgerlichen Existenz unglücklich

Es folgen in der erhaltenen Korrespondenz hintereinander 22 Briefe Benns an Oelze, der sie natürlich alle sorgsam archiviert hat, bevor am 31. März 1935 zum ersten Mal auch Oelze dokumentiert ist. Es wirkt wie ein großer, unerwarteter Trommeleinsatz, denn Oelze spricht in fremden Stimmen:

"D’un homme à un autre homme, … d’un coeur à un autre coeur, quels abimes!"

Das zitiert einen Brief Flauberts an seine Mutter, auf deutsch heißt es:

"Von einem Mann zum andern, von einem Herzen zum andern, welche Abgründe!"

Oelze versteckt sich auf Französisch, und das weist auf eine besondere Dynamik hin. Der 1891 geborene Großbürgersohn ist kulturell umfassend gebildet, in Bezug auf die Klassiker eindeutig mehr als Benn. Oelze, das wird schnell deutlich, ist mit seiner bürgerlichen Existenz durch und durch unglücklich, er sieht sie als eine falsche Maskerade an, und er verehrt den Dichter, der für ihn einen anderen, einen geistigen Zugang zur Welt zu bieten scheint. Der schriftliche Austausch mit Benn ist für Oelze sofort mit einer enormen existenziellen Bedeutung aufgeladen. Das ist das Neue an diesem Briefwechsel. Man erfährt: Oelze wird von etwas angetrieben, das Benn eher beargwöhnt. Im ersten erhaltenen Brief Oelzes spricht er mit Flauberts französischen Worten unverkennbar von sich selbst.

"Nicht nach Opfern hungert das Herz, sondern nach Vertrauen. Ich möchte, dass man mich liebt, wie ich liebe, dass man weint, wie ich weine und um gleiche Dinge, dass man fühlt, wie ich fühle, das ist alles. Es gibt nichts Nutzloseres als diese heroischen Freundschaften, die besondere Gelegenheit brauchen, um sich zu beweisen. Das Schwierige ist, jemand zu finden, der einem nicht in allen Lebenslagen auf die Nerven fällt."

Bezug zu den Nationalsozialisten

Oelze und Benn haben die Machtergreifung der Nationalsozialisten sehr begrüßt. Oelze hatte sich nach dem Ersten Weltkrieg schon bei den berüchtigten rechten Freikorps beteiligt und trat 1933 in die NSDAP ein. Wie bei Benn, dessen ästhetische Positionen mit denen der Nazis doch recht bald kollidierten, stellte sich aber auch bei Oelze bald eine Enttäuschung ein, fast eine Art Ekel. Oelze steht für ein deutsches Bürgertum, das sich elitär fühlte, Attitüden des eher junkerhaften Aristokratischen annahm und die Demokratie als Herrschaft des Plebs ablehnte. Dass dieser soziologische Typus mit seiner Haltung dem Nationalsozialismus den Boden bereitete und ihn anfangs aktiv unterstützte, geriet schnell in Vergessenheit. Oelze zeigte bald wie Benn nur Verachtung für die krude, intellektuellenfeindliche und pöbelhafte Unkultur der Nazis. Das Gefühl, von der herrschenden Vulgarität an den Rand gedrängt zu werden, verstärkte bei beiden die Neigung zum Solipsismus, zum Einzelgängertum. Benn drückte das 1935 in einer inzwischen berühmt gewordenen Formulierung in einem Brief an Oelze aus, als er Berlin verließ, nachdem seine Bemühungen um eine Reaktivierung als Militärarzt Erfolg gehabt hatten:

"Raus aus allem; und die Reichswehr ist die aristokratische Form der Emigrierung!"

Die Gefahr, von der Literaturszene abgetrennt und als feindliches Element angesehen zu werden, wurde Benn mit der Zeit bewusst. All seine frühe Beschwörung von Blut und Boden nützte ihm nicht viel. Schriftsteller-Konkurrenten von ihm wie auch die neuen Funktionäre witterten in ihm den alten Expressionisten, und der Expressionismus war für die nationalsozialistische Ideologie von sauberen deutschen Jungs und Mädels in trauter Heimat ein Feindbild. Nach ungefähr eineinhalb Jahren Rausch, dem Gefühl, in der Bewegung aufgehen zu können, tritt bei Benn Ernüchterung ein. Sein Band "Ausgewählte Gedichte", erschienen 1936 in der Deutschen Verlags-Anstalt, wird nach wenigen Wochen von den NS-Behörden verboten. Die auf Distanz gehaltene Beziehung zu Oelze erhält da eine umso stärkere Bedeutung.

Im April und Mai 1936 kommt es jedoch zu einem erstaunlichen Ausbruch. Benn hat Oelze ein Schreiben der Royal Scottish Academy geschickt, die gerade eine Ausstellung mit Werken von Gustav Heinrich Wolff veranstaltet, unter anderem mit dessen Büste von Benn aus dem Jahr 1927. Oelze erwidert:

"Was ist es für eine Ausstellung? – Ich muss die Sache mit einer Bitte verbinden. Immer schon fahnde ich nach einem Bilde von Ihnen. Das einzige das ich besitze ist eins, das ich mir vor Jahren aus einer Zeitschrift ausschnitt und aufziehen ließ. Aber es ist klein und nicht gut gedruckt. – Würden Sie mir nun wohl eine Fotografie der Büste verschaffen können – oder darf ich mich deswegen an den Bildhauer wenden? Vielen Dank!"

Benn kritisiert Oelze harsch

Solche Heldenverehrung setzt Benn offenkundig allzu sehr zu. Er spürt instinktiv, welch psychische Energie von Oelze ausgeht. Unwillkürlich erfolgt jetzt eine Abwehrreaktion: Benn nimmt eine eher zufällige Bemerkung Oelzes zum Anlass, ihn harsch zu kritisieren. Und setzt im nächsten Brief noch eins drauf:

"Anbei das Buch, das gerade erschienen. Ersehn Sie aus ihm den Grad an Dank und Freundschaft, die mich mit Ihnen verbindet. Aber entsprechen Sie bitte gleichzeitig meinem Wunsch, unsere Beziehungen zu unterbrechen. Vielleicht hat diese Entscheidung, die ich über meine Person getroffen habe, etwas mit dem Vorfall zu tun, vielleicht auch nicht. Vielleicht ist es nur die Notwendigkeit einer neuen Verschleierung meines Ich auch vor Ihnen. Wollen Sie bitte gütigst die Übersendung des Buches nicht danken, gerade dies Buch zeigt mir, wie sehr alles vorüber ist, jedes Wort darüber würde mir nur Schmerz machen. Sie wissen auch, dass ich zu meinem Geburtstag nicht hier und nicht zu erreichen bin. Ich werde Sie sehr vermissen, aber es wird sein."

Oelze wird dadurch tief getroffen.

"Lieber Herr Benn, in einem durchweg beklemmenden Leben habe ich dennoch nur zweimal einen Schock erfahren, der die Fundamente erschütterte, der letzte ist Ihr Brief."

Es kommt jedoch eine unerwartete Wendung. Benn wird genau jetzt von der SS-Zeitschrift "Das schwarze Korps" diffamiert und an den Pranger gestellt, und er hat nicht viele, bei denen er Unterstützung finden kann. Als ob zwischen ihnen nichts geschehen wäre, informiert Benn Oelze sofort über den Vorgang, er sucht geradezu bei ihm Halt. Der Gedankenaustausch wird auch für ihn in den nächsten Jahren lebensnotwendig. Als Oelze 1940 in die Verwaltung der Wehrmacht eingezogen wird, setzt sich der Briefwechsel fort, unter den weitaus härteren Bedingungen der Feldpostbriefe. Benn bekommt von Oelze immer wieder Genussmittel zugeschickt, die ihm sonst verschlossen geblieben wären, vor allem Tabak, Kognak und Kaffee, nicht zu unterschätzende Unterstützer seiner literarischen Produktion.

Benn schickt Oelze Manuskripte zur Verwahrung

Was Oelze für Benn bedeutet, wird spätestens dann klar, als Benn ihm im Januar 1945 aus seinem unsicheren Einsatzort in Landsberg an der Warthe ein Bündel mit den Manuskripten der letzten Jahre zur Verwahrung schickt, oft sind es die einzigen Exemplare – ausgewiesen wird das Paket offiziell als Nachlass eines bei Stalingrad gefallenen Assistenzarztes Dr. Werff Rönne – eine autobiografische Fiktion, die Benn in seinem Werk mehrfach benutzt. Dass es sehr selten zu eher kurzen persönlichen Begegnungen zwischen Benn und Oelze kommt, entspricht den Vorstellungen des Autors. Spontane Besuche lehnt er ab, und das Haus Oelzes in Bremen sieht er sich erst 1951 einmal an.

Die Beziehung zwischen den beiden Protagonisten ist eine fast ausnahmslos schriftliche, und hier kann sich Benn öffnen, gleichzeitig aber auch eine Rolle spielen. Er stilisiert sich als "Wanze aus der Bozener Straße", als kleiner, aus einem amusischen Elternhaus stammender armer Poet, während er Oelze wiederholt als "Senator" anspricht und ihn immer wieder als großbürgerliches Ideal charakterisiert. Bei Benn wirkt diese Inszenierung spielerisch, während aus Oelze an jeder Stelle großer Ernst spricht. Seine Verehrung ist echt:

"Sie werden, welche Wege auch die unsichtbare Hand mich führen mag, bleiben für mich der größte Lehrer, dessen Stimme mich leiten wird, Taglärm und Nächte durchdringend. Als Einzelner, mit meiner Gegenwart lautlos Versinkender, wie könnte ich Ihnen auch danken für etwas, das das Geheimnis der Dauer im Geist ausspricht, das späte Geschlechter formen wird."

Einsamkeit und Schweigen

Nach 1945 richtet sich Benn darauf ein, dass seine Isolation der letzten Jahre weiter anhält – diesmal unter umgekehrtem Vorzeichen. In seiner ästhetischen Haltung kommt ihm das sehr gelegen. Benn, angefeuert von einem bewundernden Gegenüber, meißelt meisterhaft an einem Dichtermal in zeitloser Einsamkeit und Schweigen:

"Was lebt, muss durchschnittlich sein, sonst wächst es ins Astrale und dort ist es kalt und aufgelöst und atemlos! Selbst geistige Produktion ist menschlich-rückblicklich und fast plump und familiär, es ist immer noch Glauben, aber echt ist nur, wer völlig sich versagt und schweigt, in ihm allein beginnt das All, das Ur-Spiel und die Stimmung des Gottes von dem ersten Tag, des dorischen Gottes, - alles Spätere ist schon bon mot und Wiener Walzer."

Obwohl Benn mit Verlegern in Kontakt steht, scheint ein neues Buch von ihm in Deutschland wegen seiner Nazi-Affinitäten kaum erscheinen zu können: Claassen zögert immer wieder, und Rowohlt gibt, obwohl er Interesse signalisiert, an anderer Stelle zu Protokoll, dass er einen "unerlaubten Autor" auf keinen Fall drucken werde. Das bestärkt Benn in seiner Haltung dem Literaturbetrieb gegenüber.

"Jeder weiß, dass es sich in diesem Milieu um reine Prostitution handelt, und zwar eine unreglementierte, der gegenüber Tripper behandeln, wie ich beispielsweise tue, ein geradezu jungfräuliches Gewerbe darstellt."

Benn wird maßgeblicher Autor der frühen Bundesrepublik

Doch es passiert ziemlich schnell, womit Benn wirklich nicht gerechnet hat: Er wird nicht nur wieder gedruckt, sondern gleich zum maßgeblichen Autor der frühen Bundesrepublik. Er wird also im demokratisch verfassten neuen deutschen West-Staat das, was er eigentlich im Dritten Reich werden wollte. Das ist eine der unvorhersehbaren Tücken der Geschichte. Interessanterweise werden die Briefe an Oelze dann allmählich schütterer. Im Gegensatz zu Oelze, der an seinen klassisch-elitären Idealen festhält, öffnet sich Benn dem Alltag, dem Musikgeplätscher vom RIAS und dem Phänomen der Unterhaltungsindustrie. Einmal schickt ihm Oelze eine Liste mit Fragen zu den neuesten Manuskripten. Benn beantwortet diese Fragen Punkt für Punkt:

"Colt – aber, Herr Oelze! Lesen Sie keine Kriminalromane? Ich ständig, wöchentlich sechs, Radiergummi fürs Gehirn – ein berühmter amerikanischer Revolver, ohne den kein Scotland Yardmann auftritt. Samuel Colt, 1814 bis 1862, Waffenfabrikant, 1842 Herstellung des Revolvers, - empfehle Wallace, Agatha Christie, van Dine, Sven Elvestadt."

Die Neigung zum Radiergummi hinterlässt auch andere Spuren. Blumen und Pflanzen leisten dem Dichter gute Dienste zur Seinsvergewisserung, Rosen kommen immer wieder vor, einmal auch die Eberesche, und manchmal streift es Sphären, die man sich gut und gerne von Zarah Leander oder Lale Andersen gesungen vorstellen könnte:

"Wenn erst die Rosen verrinnen
aus Vasen oder vom Strauch
und ihr Entblättern beginnen,
fallen die Tränen auch."

Es gibt dabei eine ironische Pointe: Dieses Rosen-Gedicht schreibt er für die Ehefrau von Friedrich Wilhelm Oelze, nachdem er ein Foto ihres Gartens gesehen hat. So ist Oelze für ihn immer wieder eine Art Sparringspartner, bei dem er ästhetische Positionen und Posen ausprobieren kann, oft tauchen Passagen aus den Briefen in seinem Werk wieder auf. Benns letzten kurzen Brief, auf dem Totenbett im Krankenhaus, hat Oelze damals für die Öffentlichkeit, und das ist sehr ungewöhnlich, auf seine Weise gekürzt. Er besteht in Oelzes Version aus einem nahezu goetheanischen Schlusswort:

"Jene Stunde wird keine Schrecken haben, seien Sie beruhigt, wir werden nicht fallen, wir werden steigen – Ihr B."

Lebensende von Benn

Jetzt ist eine Abschrift des ganzen Briefes aufgetaucht, die als authentisch gelten kann und darauf schließen lässt, dass Benns Frau Ilse, die Zahnärztin war, ihm wohl Sterbehilfe geleistet hat:

"Meiner Frau, die mir in diesen Tagen sehr nahe ist, habe ich das Versprechen abgenommen, dass sie mir die letzten Tage erleichtert, es wird alles rasch zu Ende gehen."

Dass sich Oelze scheute, seine eigenen Briefe zu veröffentlichen, hat mit derselben Art von Diskretion zu tun. Denn er erscheint jetzt nicht mehr als der souveräne Großbürger, als den Benn ihn zeichnet. Oelze war ein Ungetrösteter, ein Dienender und ein Fan. Aber als solcher ein grandioses Medium für eines der bedeutendsten dichterischen Selbstzeugnisse des 20. Jahrhunderts.

Gottfried Benn/Friedrich Wilhelm Oelze: "Briefwechsel 1932-1956", herausgegeben von Harald Steinhagen, Stephan Kraft und Holger Hof, vier Bände zusammen 2334 Seiten, mit 181 Abbildungen, Gemeinschaftsausgabe der Verlage Wallstein und Klett-Cotta. 199 Euro.

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