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StartseiteHintergrundWie die Coronakrise die Weltwirtschaft verändert13.04.2020

Grenzen der GlobalisierungWie die Coronakrise die Weltwirtschaft verändert

Wohlstand, Jobs und Wertschöpfung: Viele Länder haben in den letzten Jahrzehnten von der Globalisierung profitiert. Aber der Protektionismus nimmt zu und viele Staaten stellen in der Coronakrise ihr eigenes Wohlergehen in den Vordergrund. Hat die Globalisierung ausgedient?

Von Brigitte Scholtes

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Händler stehen am 02.03.2020 an der Wall auf dem Parkett der Wall Street in New York und blicken auf die Aktienkurse auf den Bildschirmen. (picture alliance / John Angelillo)
Händler an der Wall Street in New York (picture alliance / John Angelillo)
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Frankfurt am Main an einem sonnigen Tag Ende März. Ich habe mich mit dem norwegischen Wirtschaftsphilosophen Anders Indset in der Gallusanlage verabredet.

"Wir treffen uns hier mitten im Bankenviertel im Anblick der Bankentürme. Die sind weitgehend verwaist, weil viele Menschen im Home-Office arbeiten. Was empfindet ein Wirtschaftsphilosoph bei diesem Anblick oder bei dieser Vorstellung?"

"Zunächst mal ist das schön, weil man die Nähe zur Natur spüren kann, das ist frische Luft, und das ist die schöne Seite. Aber die Lage ist natürlich ernst. Wirtschaftlich gesehen stehen wir vor einem wahnsinnigen radikalen Wandel, der nicht über zehn Jahre kommt, sondern jetzt sofort. Und das wird alle diese Unternehmen um uns herum radikal treffen."

Der Wahlfrankfurter Indset, der als einer der führenden Wirtschaftsphilosophen gilt, kommt direkt auf den Punkt. Die Coronavirus-Krise hat nicht nur die aktuellen Arbeits- und Lebensumstände der Menschen am Finanzplatz und am Wirtschaftsstandort Deutschland auf einen Schlag verändert. Diese Krise dürfte auch langfristig die Art des Wirtschaftens, der internationalen Zusammenarbeit verändern. Gerade die deutsche Wirtschaft hat in den vergangenen Jahren von der Globalisierung profitiert. Das gilt vor allem für die Industrien, in denen Deutschland stark ist, so etwa die Autoindustrie oder den Maschinen- und Anlagenbau. Der Hauptgeschäftsführer des Branchenverbands VDMA, Thilo Brodtmann:

"Der Maschinenbau ist international unglaublich intensiv unterwegs. Wir haben ja eine Exportquote, die um die 80 Prozent liegt, und das aus mittelständischen Unternehmen heraus. Die haben es also geschafft, mit ihren Produkten, ihren Leistungen weltweit präsent zu sein. Insofern ist die Welt das Zuhause des Maschinenbaus, und wir sind da ganz, ganz stark vernetzt."

Auch Ola Källenius, Chef des Stuttgarter Daimler-Konzerns, pries vor wenigen Wochen in einem BBC-Interview die Vorzüge der Globalisierung:

"Die Globalisierung ist in den letzten Jahrzehnten der Welt zugutegekommen, aber auch Unternehmen wie dem unsrigen und Branchen wie der Autoindustrie. Sie hat Wachstum geschaffen, sie hat Jobs geschaffen und sie hat auch finanzielle Stärke geschaffen. Das hat uns ermöglicht, in Zukunftstechnologien zu investieren. Deshalb befürworten wir sehr, das System des globalen und freien Handels aufrechtzuerhalten."

33D-Modell des Coronavirus SARS-CoV2 (imago / Rob Engelaar / Hollandse Hoogte) (imago / Rob Engelaar / Hollandse Hoogte)

Von der weltweiten Zusammenarbeit zum Protektionismus

Dieses System der internationalen Vernetzung entstand vor etwa 30 Jahren, sagt Marcel Fratzscher, Präsident des DIW, des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung in Berlin:

"Wir haben eine lange Zeit nach dem Fall des Eisernen Vorhangs, Ende der achtziger Jahre, eine Welt des Multilateralismus gesehen, indem globale Lösungen gesucht wurden, globale Institutionen wie die Welthandelsorganisation, der Internationale Währungsfonds, die Weltbank, die alle gestärkt wurden, weil man realisiert hat: Wir alle profitieren davon, wenn wir weltweit enger zusammenarbeiten und gemeinsame Lösungen erarbeiten. Das hat in den letzten zehn Jahren eine Kehrtwende genommen zum Schlechteren."

Hin zum zunehmenden Protektionismus eben, den man in den USA, aber auch etwa in Großbritannien beobachten konnte. Hatte man zuvor vor allem die Vorteile dieser starken Vernetzung gesehen, so offenbaren sich spätestens in der aktuellen Krise auch die Nachteile. Die schilderte schon Ende Februar Martin Brudermüller, Chef des weltgrößten Chemiekonzerns BASF:

"Bisher ging das alles noch mit Vorräten, die man hat. Jetzt gehen die dann irgendwann zur Neige, dann muss man das irgendwann nachproduzieren, muss man das auffüllen. Das geht auch nicht über Nacht. Denken Sie nur mal an den Transport: sechs Wochen von Shanghai nach Europa, das heißt wir werden in den verschiedensten Industrien dann sehen, dass Anlagen zurückgefahren werden müssen und natürlich ist auch die Kundennachfrage nicht so hoch."

So ist es in den letzten Wochen gekommen. Die internationale Arbeitsteilung, nach denen die Unternehmen dort produzieren, wo sie dies am günstigsten tun können, helfe den deutschen Unternehmen zwar darin, auch ihre Stärken auszuspielen, meint DIW-Präsident Fratzscher:

"Aber man ist in manchen Bereichen übers Ziel hinausgeschossen, beispielsweise, wenn ein Medikament nur von einer Firma und einer Fabrik in China hergestellt wird. Dann hat man natürlich eine Abhängigkeit, die extrem gefährlich ist und was sich dann natürlich nicht nur in Lagen wie jetzt, in Krisen dann rächt. Und das, glaube ich, muss man sich bewusst machen."

Klimaanlagen-Produktion im chinesischen Qingdao am 24. Februar 2020 (picture alliance / Zhang Jingang) (picture alliance / Zhang Jingang)Globale Lieferketten - Ökonom erwartet "Lehman-Brüder-Moment" durch Coronakrise 
Die Störungen der Weltwirtschaft durch das Coronavirus werden nach Ansicht des Ökonoms Gabriel Felbermayr zu einem ähnlichen Umdenken führen wie 2008 die Lehman-Brothers-Pleite. Globale Lieferketten seien nicht so robust wie angenommen, sagte er im Dlf.

Verlangsamung seit Lehman-Brüder-Pleite 2008

Die Globalisierung sei vor allem zwischen 1990 und 2008 vorangetrieben worden, sagt Gabriel Felbermayr, Präsident des IfW, des Kieler Instituts für Weltwirtschaft:

"Deswegen nennen das manche Kollegen eine Phase der Hyperglobalisierung. Da ist wirklich der Warenhandel, der Kapitalverkehr, der Dienstleistungshandel, auch die Mobilität von Menschen, deutlich stärker gewachsen als die Wirtschaft insgesamt. Dann kam die Krise 2008 mit der Pleite der Lehman-Brüder, und seitdem hat sich der Globalisierungsprozess schon deutlich verlangsamt. Das hat also nichts mit Donald Trump zu tun, sondern mit einer grundsätzlichen Neuorientierung in der Weltwirtschaft."

Denn nach der Finanzkrise von 2008/2009 kümmerten sich viele Länder wieder vorrangig um ihre eigenen Belange, vor allem die USA. Seit dem Amtsantritt des amerikanischen Präsidenten Donald Trump hat sich dieser Trend weiterentwickelt hin zu einer protektionistischen Idee des Wirtschaftens im Sinne von "America first".

Für Deutschland ist dieser zunehmende Protektionismus seit Jahren schon eine bedrohliche Entwicklung. Die deutsche Wirtschaft profitiere stark von ihrer internationalen Aufstellung, erklärt Andreas Glunz, Bereichsvorstand für internationales Geschäft bei der Wirtschaftsberatung KPMG. Denn der deutsche Markt sei mit seinen mehr als 80 Millionen Einwohnern recht begrenzt. Deutschland als rohstoffarmes Land sei auf Importe angewiesen. Zudem nutze es die günstigen Lohn- und Produktionskosten im Ausland und habe dort stark investiert:

"Ganz grundsätzlich muss man sagen: Die deutsche Wirtschaft ist weltweit tatsächlich die zweitinternationalste Wirtschaft der Welt nach den USA, und das hinsichtlich der Wirtschafts- und Umsatzerlöse und der Anzahl deutscher Unternehmen im Ausland. Und zugleich erwirtschaften, und das muss man sich mal vorstellen, zwei Drittel der DAX-Konzerne heute mehr als 70 Prozent ihrer Umsatzerlöse im Ausland, und das nicht nur durch Exporte, sondern auch durch Produktion vor Ort in den ausländischen Märkten. Und so ist es dann auch möglich, dass Deutschland, wenngleich es nur ein Prozent der Weltbevölkerung vereint, tatsächlich die viertgrößte Volkswirtschaft der Welt ist. Ohne Globalisierung wäre das alles sicherlich nicht möglich."

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"Schmerzhafte Anpassungsprozesse" in manchen Regionen

Durch die internationale Arbeitsteilung habe man den Industriestandort Deutschland erhalten können, anders als in den USA und Großbritannien, erklärt Ökonom Felbermayr:

"Das hat gute Arbeitsplätze in der Mitte der Gesellschaft bewahrt, die sonst verloren gegangen wären. Insofern meine ich, dass die Vorteile überwiegen. Gleichzeitig ist es aber so, dass natürlich die Globalisierung der letzten 25 Jahre in bestimmten Sektoren, in bestimmten Regionen, schmerzhafte Anpassungsprozesse hervorgerufen haben, wo dann auch ganze Landstriche, auch in Deutschland – denken Sie an das Saarland oder an die Oberpfalz – ein Stück weit verödet sind, weil Industrien abgewandert sind. Im internationalen Handel ist das eben immer ein Nehmen und ein Geben. Man spezialisiert sich auf das, was man gut machen kann, wo man komparative Vorteile hat, und man importiert die Güter, wo andere diese komparativen Vorteile haben."

Das habe auch für die Partnerländer große Vorteile, so sieht das Thilo Brodtmann vom VDMA:

"Man muss sehen, wie viel diese weltweite Arbeitsteiligkeit letztlich auch den Ländern gebracht hat, gerade auch im Bereich der Entwicklungsländer, wie viel sie den Beschäftigten an Wohlstand gebracht hat, und wie viel den Volkswirtschaften, die sich geöffnet haben. Im Grunde ist der Freihandel eine Erfolgsgeschichte, ist jetzt ein bisschen in Misskredit gekommen, weil einzelne Populisten ihn diskreditieren. Aber auf die lange Sicht wird man natürlich sagen, warum sollen wir Wohlfahrtseffekte wegschenken, indem wir uns protektionistisch verhalten? Ich glaube, die große Zeit des Freihandels und der offenen Märkte kommt wieder. Man kann nicht genau sagen wann, aber es wird die Erkenntnis schon reifen."

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Wenige Länder kontrollieren Wertschöpfung

Diese Sichtweise teilen grundsätzlich viele Unternehmer und Ökonomen. Kritiker sehen das anders. Denn die Globalisierung hat in den letzten Jahren auch viele unschöne Begleiterscheinungen gezeigt. Die Warenproduktion, die Lieferketten, die Finanzmärkte seien globalisiert worden. Aber das gelte nicht für die sozialen Rechte der Menschen. Daran erinnert Thomas Eberhardt-Köster, Mitglied des bundesweiten Koordinierungskreises von Attac.

"Es gibt ein paar Länder wie China, die es tatsächlich geschafft haben aus so einer Abhängigkeit innerhalb der Lieferketten herauszukommen. Für die meisten anderen Länder gilt, dass sie in der Hierarchie der Produktion nach wie vor an den untersten Stellen geblieben sind und eher schlechte Arbeitsbedingungen, Umweltbelastungen exportiert wurden. Aber es ist in der Regel nicht gelungen, eine eigenständige Entwicklung in diesen Ländern aufzubauen. Das ist das große Problem, weil die Wertschöpfung nach wie vor kontrolliert wird von wenigen Ländern. Diese Vorstellung, man exportiert auch Fortschritt, das ist halt nicht passiert. Und auch die soziale Ungleichheit hat eher zugenommen als abgenommen. Das sagen alle empirischen Untersuchungen, die es dazu gibt."

So bleibe von der Wertschöpfung zwei Drittel in den Industrieländern der OECD, in den neu aufsteigenden wie China oder Brasilien ein Viertel. Also nur acht Prozent in den Entwicklungsländern.

Standen die Globalisierungskritiker von Attac lange allein mit dieser Ansicht, wächst inzwischen aber auch bei der Wirtschaft die Einsicht, dass die Globalisierung auch viele Schattenseiten hat. Dabei denken die Ökonomen meist als Erstes an die Lieferketten.

Das zeigt sich aktuell an bestimmten Medikamenten, für die einzelne Wirkstoffe fehlen. Denn deren Hersteller haben ihren Sitz in China, vor allem in der Provinz Hubei, dem Ausgangsort des Coronavirus. So meldete das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte Anfang April etwa Lieferengpässe für einzelne Antibiotika oder bestimmte Mittel gegen Bluthochdruck.

Auch die Umweltbelastung wird spätestens seit dem vergangenen Jahr, seitdem die Fridays-for-Future-Bewegung lautstark auf die Folgen des Klimawandels aufmerksam macht, zum Thema auch in Wirtschafts- und Finanzkreisen. Es sei "exzessiv viel" gehandelt worden, meint IfW-Präsident Felbermayr – ohne Rücksicht auf die Auswirkungen auf die Umwelt. Gegen eine entsprechende Verschärfung der Regulierung im Umwelt- und Klimabereich wehrt sich die Industrielobby – meist mit dem Argument, das koste Wettbewerbsfähigkeit und Arbeitsplätze:

"Die Ökonomen würden sagen, wenn wir CO2-Emissionen haben, die im Marktgeschehen nicht abgebildet werden, dann müssen wir dafür Sorge tragen, dass sie abgebildet werden. Denn sonst führt der freie Wettbewerb zu einem schlechten Gleichgewicht, zu einem Gleichgewicht, in dem wir zu viel internationale Arbeitsteilung haben, in dem wir zu viel Transport, und dann eben auch ein zu hohes Ausmaß von Emissionen haben."

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Manager als Botschafter westlicher Demokratievorstellungen

Auch im Finanzbereich sind die Verflechtungen groß. Finanzvermögen werden um die ganze Welt angelegt und schnell abgezogen, wenn die Investoren ihr Geld etwa in den Entwicklungsländern nicht mehr als sicher erachten. Darauf hat vor wenigen Tagen der IWF hingewiesen: 90 Milliarden Dollar sind nach dessen Angaben schon aus den Schwellen- und Entwicklungsländern abgezogen worden, Geld, das den Volkswirtschaften der ärmeren Länder gerade in der Krise helfen würde.

Die Einsicht in die Grenzen der Globalisierung wächst also allmählich. Auch wenn viele Manager wohl gern beim alten System bleiben würden, weil es ihren Unternehmen große wirtschaftliche Vorteile gebracht hat. Sie sind aber auch eine Art Botschafter westlicher Vorstellungen von Demokratie. Daran erinnert Wolfgang Große-Entrup, Hauptgeschäftsführer des Verbands der Chemischen Industrie:

"Ich höre immer wieder mal, dass das, was Politik im Moment nicht schafft, über die Industrie geschafft werden kann. Es gibt eben gerade durch Globalisierung globale Ansätze in Unternehmen, was Menschenrechte angeht, was Arbeitssicherheit angeht, was auch viele andere Dinge angeht, die uns lieb geworden sind in Deutschland, die wir weltweit damit erhalten und durchsetzen, die eben über politische Prozesse schwer zu halten sind, aber über Industrieunternehmen als Standard einfach weltweit gelten."

Wie aber weiter nach der Coronavirus-Krise? Da denken die Unternehmen zwar als erstes ganz pragmatisch an den Schwachpunkt der Lieferketten. Doch mit einer Rückverlagerung der Produktion im großen Umfang rechnet Thilo Brodtmann vom Verband Deutscher Maschinen- und Anlagenbau nicht.

"Das wird punktuell stattfinden, wo man jetzt vielleicht zu dem Schluss gekommen ist in der Vergangenheit, dass man auch im Inland wieder etwas mehr haben sollte. Das muss unternehmensspezifisch sich angeschaut werden, wie man eine optimale Verteilung hinbekommt. Im Großen und Ganzen würde ich sagen, dass natürlich Produktion, Vertrieb, Forschung und Entwicklung auch ein Stück weit dorthin geht, wo der Markt vorhanden ist, weil es auch unterschiedliche Kundenbedürfnisse gibt."

Man könne die Unternehmen unter Androhung von Vertragsstrafen in bestimmten Bereichen wie der Pharmaindustrie dazu zwingen, genügende Mengen vorzuhalten, schlägt IfW-Präsident Felbermayr vor.

"Wie die Unternehmen das dann umsetzen, ob sie mehr produzieren in Deutschland, ob sie in Deutschland höhere Lager halten, ob sie sagen, wir wollen Produktionsstätten aufbauen in der Nähe von Deutschland, aber nicht in Deutschland selber, das sollten wir ihnen überlassen und nicht politisch regulieren. Aber die Anreize, die aus dem System kommen, die sollten wir überdenken, sodass die Zuverlässigkeit der Lieferketten besser gewährleistet ist."

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Corona als Ausrede für Stellenabbau

Die Auslagerung der Produktion in die Länder mit geringeren Kosten dürfte jedoch generell überdacht werden, vermutet Wirtschaftsphilosoph Anders Indset. Die Wirtschaft werde die Digitalisierung und Automatisierung mit Macht vorantreiben.

"Viele werden die Chance jetzt nutzen und sagen, okay, das Virus war schuld, und verlagern Produktion zurück, bauen Stellen ab. Das werden wir sehr kurzfristig sehen, also die nächsten Monate. Das Jahr 2021 wird sicherlich ein Jahr der Automatisierung sein. Da steht uns ein digitaler Tsunami bevor, Unternehmen werden gezwungen Stellen abzubauen. Und das ist jetzt mit dem Virus eigentlich eine längst überfällige Veränderung, und eine gute Ausrede, um diese Veränderungen auch durchzuführen. Das heißt die nächsten zwei Jahre werden da schon sehr radikal sein."

Mit einer stärkeren Automatisierung und Digitalisierung könnten auch solche Produktionen zurückverlagert werden, die zuvor in Deutschland zu teuer waren. Das aber ginge auch wieder zulasten der Menschen in den Entwicklungsländern, weil sie diese Arbeitsmöglichkeiten dann nicht mehr wahrnehmen könnten. Und auch in Deutschland würden dadurch nicht neue Jobs entstehen.

Radikalere Forderungen stellt Eberhardt-Köster von Attac auf. Deutschland benötige einen grundsätzlichen Wandel:

"Aus ökologischer Sicht müssen wir jetzt auch schauen, welche Produktion brauchen wir denn überhaupt? Brauchen wir eine hiesige Automobilindustrie mit unheimlich vielen ökologischen Schäden? Oder brauchen wir nicht eher ein öffentlich organisiertes Verkehrssystem, dass sehr viel klimafreundlicher ist und auch gerechter in der Mobilität? Oder braucht es auch mehr öffentliche Dienstleistungen? Welche Rolle hat die sogenannte Pflegearbeit? Ich glaube, wir stehen zurzeit vor einer Umorientierung auch dessen, wo wir gucken müssen, wie wollen wir denn in zehn Jahren tatsächlich leben und wirtschaften?"

Sozial gerecht und regional – so stellt Attac sich diese neue Art des Wirtschaftens vor.

So radikal denken Wirtschaftsvertreter nicht. Martin Lück, Chef-Anlagestratege für Deutschland, Österreich und Osteuropa beim weltgrößten Vermögensverwalter Blackrock, rechnet nach der Coronakrise zunächst zwar mit einer Welle der Renationalisierung. Die Globalisierung aber, so glaubt er, könne man nicht zurückdrehen:

"Man kann sie nur intelligenter gestalten. Das gilt für Verteilungsfragen, sicherlich auch für Umweltfragen, und es gilt mit Sicherheit auch für Fragen des Gesundheitsschutzes und des Pandemieschutzes. Die Globalisierung ist Fakt. In einer Welt, in der die Technologie das hergibt, in der die Menschen Grenzen überschreiten, die Güter und auch Dienstleistungen Grenzen überschreiten, werden wir die Globalisierung nicht zurückdrehen können. Ich würde das nicht in die Richtung von Donald Trump interpretieren, ich würde sagen, dass wir die Globalisierung nicht abschaffen müssen, sondern, dass wir sie besser machen müssen."

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Denn um die wichtigen Herausforderungen zu lösen brauche es einen stärkeren Zusammenhalt in Europa, sagt DIW-Präsident Marcel Fratzscher:

"Der Euro muss noch stärker als eine internationale Währung etabliert werden können. Das erfordert aber auch, dass wir den Binnenmarkt in Europa vollenden für Dienstleistungen, dass wir eine Banken- und Kapitalmarktunion haben, dass wir auch mehr gemeinsame Finanzpolitik haben, eine bessere Abstimmung dort. Das gilt beim Thema Klimaschutz, das gilt im Bereich Sicherheit gegen Terrorismus, es gilt im Bereich Migration. All das sind Themen, für die Europa gemeinsame Lösungen braucht, und nur dann kann auch Europa seine Interessen gegenüber China und den USA wirklich glaubwürdig und effektiv vertreten."

Davon ist auch Martin Lück von Blackrock überzeugt:

"Die Antwort kann nur sein, dass Deutschland sich stärker in Europa engagieren muss, dass Deutschland stärker den Schulterschluss suchen muss mit seinen europäischen Partnern. Und wenn das gelingt, dann ist Europa ja auch durchaus eine Stimme, die vernommen wird in der Welt. Wie wichtig es ist, in Europa abgestimmt handeln zu können, das zeigen gerade diese Krisen. Positiv gewendet kann man sagen, dass Europa sich eigentlich immer nur dann weiterentwickelt hat, im Sinne tieferer Integration, wenn es eine substantielle Krise zu behandeln gab. Das haben wir gesehen, zum Beispiel die großen Fortschritte die gemacht worden sind nach der Bankenkrise 2008/2009 und natürlich auch dann nach der Eurokrise, die dann wenig später folgte. Da hat man sich in Europa dann doch zusammengerissen. Und ich habe durchaus die Hoffnung, dass auch die jetzige Krise Europa enger zusammenzwingen wird, und dass man dann von diesem ‚good will‘, von diesem Schritt in die richtige Richtung in Zukunft auch profitieren kann."

Leicht aber werden die kommenden Jahre nicht, auch für reiche Industrienationen wie Deutschland. Deshalb plädiert Wirtschaftsphilosoph Indset für eine positive Leitidee:

"Wir brauchen positive Visionen. Durch diese radikale Veränderung trifft es genau die Menschen, die es sich nicht leisten können. Das fordert jetzt Solidarität. Wir brauchen eine europäische Leitidee, ein Miteinander, dass wir das auch schaffen können."

Dann könnte die Krise zum Neustart werden, ein Miteinander ermöglichen, das die sozialen, wirtschaftlichen und ökologischen Folgen der Globalisierung stärker in den Blick nimmt.

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