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StartseiteEuropa heuteWirtschaft profitiert vom Binnenmarkt06.05.2019

Griechenland und die EUWirtschaft profitiert vom Binnenmarkt

Schuldenkrise, Rettungspakete, Sparvorgaben – das Verhältnis zwischen Griechenland und der EU war in den letzten Jahren angespannt, viele sehen die Europäische Union kritisch. Aber die griechische Wirtschaft profitiert stark von der EU. Vor allem durch Fördergelder.

Von Panajotis Gavrilis

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Mitarbeiterinnen kontrollieren in einer griechischen Fabrik Oliven (Deutschlandradio / Panajotis Gavrilis)
Exportschlager: Die griechische Olivenfabrik Deas verarbeitet Oliven für die USA und viele EU-Länder (Deutschlandradio / Panajotis Gavrilis)
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Sicherheit und Hygiene haben oberste Priorität in der Deas-Olivenfabrik. Sie liegt in der der nordgriechischen Region Chalkidiki, in der Nähe von Thessaloniki. Es ist schwülwarm unter dem Wellblechdach, die Maschinen und Bänder laufen auf Hochtouren. Der Geschäftsführer Pavlos Deas zeigt auf eine Metallwanne, in der Tausende grüne Oliven liegen.

"Wir sind im Verpackungsbereich, hier werden die Gläser mit Oliven befüllt. Grüne, entkernte Oliven kommen in größere Gläser, in die eine Gallone reinpasst. Die gehen dann in die USA."

Dieser Beitrag gehört zur fünfteiligen Reportagereihe Griechenland und die EU – Eine komplizierte Beziehung.

Export bestimmt das Geschäft mit den Oliven

Eine Mitarbeiterin beugt sich über das Fließband und sortiert verfärbte oder eingedellte Oliven aus. Sie ist eine von 270 Menschen, die im Unternehmen arbeiten. Hier werden 25.000 Tonnen Oliven verarbeitet – im Jahr. Die Fabrik ist eine der größten in Griechenland, sagt der 62-jährige Pavlos Deas.

"In Bezug auf das Personal, die Verkäufe und die Olivenmengen, die wir hier umsetzen. Die Verkaufszahlen steigen jedes Jahr. Wir haben im vergangenen Jahr Produkte im Wert von 47 Millionen Euro verkauft. Der Gewinn lag bei knapp sechs Millionen Euro."

Pavlos Deas leitet das in den 1990er-Jahren gegründete Unternehmen gemeinsam mit seinen zwei Brüdern. Die Olivenbauern der Region verkaufen ihre Rohernte an die Firma, die Oliven werden dann in mehreren Stufen genießbar gemacht. Alle sind bestimmt für den Export, ausschließlich.

"Der griechische Markt hat viele Probleme. Es wird viel später bezahlt, die Organisation ist komplett anders und du erreichst den Endverbraucher im Supermarkt nicht nur mit einem Produkt, also nur mit Oliven. Du musst dich an Zwischenhändler wenden. Mit unserem exportorientierten Geschäftsmodell haben wir diesen Zwischenschritt aber vermieden."

Binnenmarkt und EU-Fördermittel sorgen für Wachstum

In der Lagerhalle warten, auf Paletten gebunden, Tausende fertig etikettierte Gläser mit Oliven auf ihre Verladung. Manche gehen in die USA, viele andere ins EU-Ausland. Sein Unternehmen beliefert auch die großen deutschen Supermarktketten. Krise? Hier nicht, sagt Deas, das Geschäft läuft.

Pavlos Deas weiß, dass er vor allem vom zollfreien Warenverkehr innerhalb der EU profitiert.

"Die Vorteile sind groß. Wir umgehen die ganze Bürokratie, die es gäbe, wenn Zölle erhoben würden. Heutzutage kommt ein Lkw, lädt die Produkte ein und fährt voll beladen wieder los. Nach Italien oder Deutschland, ohne Einschränkung."

Tausende Oliven liegen in einer Metallwanne (Deutschlandradio / Panajotis Gavrilis)25.000 Tonnen Oliven werden pro Jahr in Deas' Olivenfabrik verarbeitet (Deutschlandradio / Panajotis Gavrilis)

Nicht nur der Binnenmarkt, auch die finanzielle Unterstützung seitens der EU haben Deas' Firma geholfen, zu wachsen. Ohne Fördermittel aus Brüssel wäre es möglicherweise auch gegangen, aber wesentlich langsamer, sagt er.

"Die Europäische Union ist für uns eine große Hilfe. Das Unternehmen konnte sich durch vier Förderprogramme entwickeln. Von 1999 bis heute. Die EU hat uns gemeinsam mit der griechischen Regierung finanziell unterstützt. Diese Unterstützung hat den Anstoß gegeben, neue Investitionen zu tätigen. Kostenpunkt: etwa 15 Millionen Euro."

Von diesen 15 Millionen Euro ist fast die Hälfte bezuschusst, etwa ein Viertel aus EU-Mitteln, so Deas.

Spitzenreiter beim Abrufen von Fördergeldern

Achilleas Mitsos, Ökonom, hat zuletzt an der Universität der Ägäis internationale Handelsbeziehungen gelehrt und war 22 Jahre für die EU-Kommission tätig. Für ihn gibt es keinen Zweifel: Unabhängig von den Sparprogrammen und Notkrediten der vergangenen Jahre: Griechenland profitiert finanziell mit am meisten von der EU.

"Es sind nicht nur die großen Bauprojekte, die das Bild Griechenlands verändert haben. Es ist nicht nur die Agrarpolitik der EU, die zwar sehr viele kritisieren, von der aber auch viele hier profitieren. Von allen EU-Mitgliedsstaaten, von allen profitiert Griechenland, gemessen pro Einwohner, finanziell am meisten. Also: Griechenland hat pro Kopf mehr ‚eingenommen‘ als jedes andere europäische Land. Das ist wichtig und darf nicht unterschätzt werden."

Die Hauptquellen für öffentliche Investitionen in Griechenland sind die "Europäischen Struktur- und Investitionsfonds". Das griechische Wirtschaftsministerium schreibt stolz auf seiner Website, man sei zum dritten Mal in Folge Spitzenreiter beim Abrufen von Fördergeldern aus diesen Töpfen. Das, so heißt es von der EU-Kommission, ist aber auch so gedacht – um die griechische Wirtschaft zu unterstützen.

In den Jahren 2014 bis einschließlich März 2019 hat Griechenland laut EU-Angaben insgesamt rund 21 Milliarden Euro an Fördermitteln bekommen. Es zählt laut Kommission zu den zehn Ländern, die am meisten EU-Gelder empfangen. 

"EU muss erhalten bleiben"

Auf dem Gelände der Olivenfabrik in Chalkidiki wird ein LKW beladen. Eine neue Lieferung geht raus, bis sie irgendwann beim Endverbraucher landet, in irgendeinem europäischen Supermarkt. Für den Unternehmer Pavlos Deas steht fest: Diese EU muss erhalten bleiben.

"Die Europawahlen müssen ein Signal aussenden, damit Europa vereint bleibt. Damit es den freien Markt weiterhin gibt. Die Wahlergebnisse sollten für uns und alle anderen Menschen gut und nicht schlecht sein. Das heißt, wir wollen nicht, dass die Europäische Gemeinschaft zerfällt."

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