Grönlands Geschichte
Wikinger, Kolonialismus und der Wunsch nach Unabhängigkeit

Viele Grönländer wünschen sich die vollständige Unabhängigkeit. Denn komplett eigenständig war das Land noch nie. Über Jahrhundert haben Norwegen, Dänemark, die USA und Kanada die Geschicke der Insel mitbestimmt. 

    Farbige Häuser in der Nähe von Fjorden und Eisbergen
    Grönland ist ein selbstverwalteter Bestandteil des Königreichs Dänemark, hat aber das Recht, sich im Zuge eines Referendums für unabhängig zu erklären. (picture alliance / imageBroker / elov)
    Die USA wollen Grönland übernehmen, hat US-Präsident Donald Trump angekündigt. Denn zum einen ist das Land geostrategisch von großem Interesse. Zum anderen verfügt Grönland über jede Menge Bodenschätze - Öl, Gas, Uran und seltene Erden. Und die könnten aufgrund der Erderwärmung bald einfacher abzubauen sein.
    Die Grönländer sind alarmiert. Auch Dänemark ist beunruhigt. Denn im Augenblick ist Grönland dänisch, auch wenn es weitreichende Autonomierechte hat.
    Doch ein Blick in die Geschichte Grönlands zeigt: So neu ist Trumps Forderung gar nicht. Und auch andere Nationen haben Anspruch auf die strategisch wichtige Insel erhoben. Die Interessen der grönländischen Einwohner wurden so gut wie nie berücksichtigt.

    Inhalt

    Erste Besiedelung Grönlands  

    Lange Zeit ließen sich auf Grönland keine Menschen blicken – und schon gar keine Europäer. Erst etwa vor 5000 Jahren wurde die Insel besiedelt. Damals wanderten die sogenannten Paläo-Eskimos aus Kanada nach Grönland ein. Seit dem 12. Jahrhundert wurden sie allmählich verdrängt, durch weitere Einwanderungswellen von Inuit aus Kanada. Die meisten der heute 56.000 Grönländer sind Nachfahren dieser Inuit. Sie nennen sich Kalaallit.

     Die Wikinger – und ihr rätselhaftes Verschwinden 

    Die ersten Europäer kamen im 10. Jahrhundert nach Christus nach Grönland. Der Legende nach soll ein Wikinger – Erik der Rote – aus Skandinavien nach Grönland gekommen sein. Er versuchte, potenzielle Siedler auf die Insel zu locken. Quasi als Werbemaßnahme nannte er die Insel Grönland – grünes Land. Denn damals waren die Temperaturen dort noch sehr viel milder – die Region vermutlich also wirklich grün. Ob die Geschichte über den Wikinger Erik historischen Tatsachen entspricht oder nur ausgedacht ist, ist unklar.
    Fest steht aber, dass damals Wikinger – also Skandinavier – nach Grönland kamen. Etwa 500 Jahre lebten sie dort. Dann verschwanden sie oder starben aus. Weswegen – das ist noch heute ein Rätsel. Forscher vermuten, dass es mit der sogenannten Kleinen Eiszeit zu tun hat: Die Durchschnittstemperaturen sanken, das Leben wurde immer beschwerlicher. 
    Etwa ab 1450 lebten keine Wikinger mehr in Grönland – und die Inuit hatten das Land wieder für sich.  

    Ein Missionar und die dänische Flagge 

    Eine Rolle spielten die Wikinger in der späteren Geschichte Grönlands dann aber trotzdem noch. Denn an ihnen lag es, dass sich etwa 200 Jahre später, 1721, der lutherische Pastor Hans Egede aus Norwegen aufmachte, um die Insel wiederzuentdecken und dort die Wikinger zu bekehren. Der Norweger wollte Grönland wiederzuentdecken und dort die Wikinger zu bekehren. Dass diese längst ausgestorben waren, erfuhr er erst, als er dort ankam. Kurzerhand konzentrierte er seinen Missionseifer auf die Inuit. Aus seiner Sicht erfolgreich: Heute sind etwa 95 Prozent der grönländischen Einwohner evangelisch-lutherisch. 
    In Grönlands Hauptstadt Nuuk steht zwar nach wie vor eine Statue des missionseifrigen Norwegers. Viele Inuit würden Egede aber am liebsten vom Sockel stoßen. Sie sehen in ihm das Symbol der an Grausamkeiten und Demütigungen reichen Kolonialgeschichte. Denn er war der Erste, der empfahl, die Inuit ihrer traditionellen nomadischen Lebensweise und Kultur zu entwöhnen und sie sesshaft zu machen. Mit ihm begann die oft grausame Kolonialgeschichte Grönlands. 
    Bei seiner Ankunft auf Grönland hisste Egede 1721 übrigens eine dänische Flagge. Warum ein Norweger das tat? Das lässt sich so erklären: Grönland war in der Anfangszeit ein mehr oder weniger unabhängiges Gemeinwesen. Um 1260 wird Grönland gemeinsam mit Island der norwegischen Krone unterstellt. 1380 schließen sich Dänemark und Norwegen zu einer Personalunion zusammen – und die gilt auch noch, als Egede nach Grönland reist. 

    Norwegens und Dänemarks Streit um Grönland 

    Doch die Geschichte zwischen Dänemark und Norwegen geht weiter – und soll noch in einem langen Streit um Grönland münden: 1814 endet die Personalunion zwischen Dänemark und Norwegen. Grönland bleibt aber bei der dänischen Krone, wird also quasi dänische Kolonie. Auch wenn manche Norweger das bis heute bestreiten – und sagen, es gehöre zu Norwegen. 
    Der Streit zwischen Norwegen und Dänemark um Grönland eskaliert 1931, als Norwegen Teile von Ostgrönland besetzen – und dieses „Eirik Raudes Land“ nennt, nach dem Wikinger Erik dem Roten. Schließlich entscheidet der Ständige Internationale Gerichtshof in Den Haag 1933: Ganz Grönland gehört zu Dänemark.

    Der Zweite Weltkrieg und wie die USA ins Spiel kommen 

    Im Zweiten Weltkrieg wird Dänemark von Deutschland besetzt. Zwar hatte man kurz zuvor von Kopenhagen mehr Vorräte nach Grönland verschifft: Jagdausrüstung, Gemüse, Kartoffeln. Einige Monate kann die Bevölkerung also ohne Versorgung aus Dänemark überleben. Dann aber ist sie mehr oder minder auf sich allein gestellt. 
    Einem Gesetz nach darf die grönländisch-dänische Verwaltung sich für unabhängig erklären, wenn der Kontakt zum Mutterland abbricht. Die obersten Verwaltungsbeamten in Grönland beschließen 1940, die unter deutscher Macht stehende dänische Regierung nicht mehr anzuerkennen. Ab nun verwaltet sich Grönland de facto selbst und bittet die USA um Hilfe. Die USA senden Versorgungsschiffe, was die Grönländer letztendlich vor dem Verhungern bewahrt.  
    Dafür dürfen die Amerikaner auf der Insel Wetterstationen und Luftstützpunkte errichten. Von hieraus brechen die US-amerikanischen Bomberflotten auf, Richtung Europa. Grönland gewinnt für die militärische Luftfahrt immer mehr an strategischer Bedeutung. Das erkennen die USA und schlagen 1946 vor, Grönland zu kaufen.
    „So ganz genau wissen wir gar nicht, was da passiert ist“, sagt Martin Krieger, Professor für die Geschichte Nordeuropas. „Aber diese Idee, wir kaufen Grönland, ist mit Sicherheit damals schon auf der Tagesordnung in Washington gewesen. Denn wir müssen wissen: Geografisch gehört Grönland ja schon zu Nordamerika. Und die Amerikaner behaupten ja seit 1823 aufgrund der sogenannten Monroe-Doktrin: Alles, was sich auf dem amerikanischen Kontinent befindet, unterliegt unserem Einfluss, sowohl in Süd- als auch Nordamerika. Und allein aufgrund dieser uralten Prämisse gehört Grönland aus der Sicht der Vereinigten Staaten zu den USA. Das ist also nicht eine Erfindung von Trump.“ 

    Zwangsverhütung und Kindesentzug - dunkle Kapitel der Kolonialgeschichte 

    Das Verhältnis zwischen Grönland und Dänemark ist nicht unbelastet. Es gab grausame Versuche, der grönländische Bevölkerung die dänische Kultur aufzuzwingen. In den 1950-Jahren werden 22 Inuit-Kinder aus Grönland von ihren Eltern getrennt und gegen deren Willen oder ohne deren Wissen nach Dänemark gebracht. Die Kinder sollen "dänisch" werden und später führende Positionen in Grönland übernehmen. Die psychischen Folgen für die Familien und Kinder sind furchtbar: Einige von ihnen begehen später Selbstmord.
    Auch andere Kinder aus Grönland werden willkürlich nach Dänemark gebracht – als Adoptionskinder für kinderlose dänische Paare. 
    Ein weiteres dunkles Kapitel der dänischen Kolonialgeschichte in Grönland: die Zwangsverhütungen. Nach dem Zweiten Weltkrieg wuchs die Bevölkerung Grönlands stark an, auch weil die Gesundheitsversorgung besser wurde. Beispielsweise wurde Tuberkulose – in Grönland zuvor weit verbreitet – so gut wie ausgerottet.  
    Dem Bevölkerungswachstum wollte Dänemark entgegenwirken. Tausenden noch sehr jungen Mädchen wurden – teilweise ohne deren Wissen und gegen ihren Willen – Spiralen eingesetzt. Bis in die 70er-Jahre lief das Programm der Zwangsverhütung und belastet bis heute das Verhältnis von Grönland und Dänemark. Erst 2022 wurde der Skandal vom dänischen Rundfunk aufgedeckt.
    Die Kinder und Jugendlichen wurden Opfer einer rücksichtslosen Bevölkerungspolitik: Grönland, die Insel der Jäger und Fischer, sollte "modernisiert" werden. Zu viele Menschen galten den Verantwortlichen in Kopenhagen als Hindernis und als zu teuer. 
    Im Sinne der vermeintlichen Modernisierung zwang Dänemark die Inuit außerdem, ab den 1950-Jahren kleine Siedlungen aufzugeben und in größere Küstenorte zu ziehen. Die nomadische Kultur wurde dadurch zunehmend zerstört.

    Schritte Richtung Unabhängigkeit 

    Nach dem Zweiten Weltkrieg, 1953, wird Grönland offiziell von einer Kolonie Dänemarks zu einer dänischen Provinz. Es bekommt zwei Sitze im dänischen Parlament. Erst einmal ändert sich dadurch aber nicht viel: Dänemark bestreitet einen erheblichen Teil des grönländischen Haushaltes – und bestimmt über die grönländische Wirtschaft. 
    Erst 1979 wird der nächste große Schritt Richtung Unabhängigkeit gemacht: Grönland erhält seine Teilautonomie, ein eigenes Parlament und eine eigene Regierung, auch wenn diese zuerst nur wenig Kompetenzen hat. 2009 dann wird Grönland so gut wie autonom. Letztendlich darf Kopenhagen nur noch über die Außen- und Sicherheitspolitik entscheiden. 
    Heute möchte die Mehrheit der Grönländer sich – Umfragen zufolge – ganz von Dänemark lösen. Doch über den Weg und den Zeitplan wird heftig gestritten. Faktisch hat Grönlands Regierung gerade einmal zwei Aufgaben übernommen: die Hoheit über die Fischerei und den Bergbau. Die jährlichen Überweisungen aus Kopenhagen in Höhe von rund 600 Millionen Euro machten seine Landsleute ängstlich und träge, sagt dazu der grönländische Politiker und Verfechter eines unabhängigen Grönlands, Pele Broberg. Dabei könnte Grönland aufgrund der vielen Bodenschätze bald sehr reich werden. 
      
    lkn