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StartseiteInformationen am MorgenEin Hilferuf an die Welt24.12.2019

GroßbritannienEin Hilferuf an die Welt

Weihnachtskarten der Supermarktkette Tesco werden anscheinend von ausländischen Häftlingen in einem chinesischen Gefängnis verarbeitet: Ein sechsjähriges Mädchen hatte beim Schreiben einer Karte einen Hilferuf erhalten. Die Briten zwingt das zum Blick hinter die Kulisse der Weihnachtsidylle.

Von Friedbert Meurer

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Florence Widdicombe, 6, fand in einem Stapel Weihnachtskarten der britischen Supermarktkette Tesco den Hilferuf eines chinesischen Zwangsarbeiters (dpa/Dominic Lipinski/PA Wire)
Florence Widdicombe, 6, fand in einem Stapel Weihnachtskarten der britischen Supermarktkette Tesco den Hilferuf eines chinesischen Zwangsarbeiters (dpa/Dominic Lipinski/PA Wire)
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In der aktuellen Weihnachtswerbung der Supermarktkette Tesco fährt ein Mitarbeiter an Heiligabend mit dem Lieferwagen die letzten Lebensmittel zu den fröhlichen Kunden nach Hause.

Familie Widdicombe in London hatte nicht den Bringservice in Anspruch genommen, sondern persönlich in einer Filiale einen Satz von Weihnachtskarten gekauft. Die sechsjährige Tochter Florence fing an, die ersten Weihnachtsgrüße in die Karten zu schreiben, als sie stutzig wurde.

"Als ich die sechste oder achte Karte geschrieben habe, merkte ich, da hatte schon jemand etwas hineingeschrieben."

Auf Englisch und in Großbuchstaben hatte jemand aber nicht "Merry Christmas", "Frohe Weihnachten", gewünscht, sondern notiert: "Wir sind ausländische Häftlinge im Qingpu-Gefängnis in Schanghai in China. Wir werden zur Arbeit gezwungen. Bitte helfen Sie uns und benachrichtigen Sie eine Menschenrechtsorganisation." Vater Ben Widdicombe hielt das zunächst für einen Scherz.

"Erst glaubte ich, da spielt uns jemand einen Streich. Aber dann dachte ich, das kann doch ernst sein. Ich war geschockt, habe aber die Karte dann an Peter Humphrey weitergeleitet, wie es der Schreiber der Zeilen wollte."

Aufforderung, eine Menschenrechtsorganisation zu kontaktieren

Tatsächlich stand auf der Karte auch noch, "Kontaktieren Sie Mr. Peter Humphrey". Vater Widdicombe googelte den Namen und fand heraus: Peter Humphrey ist ein britischer Journalist, der zwei Jahre lang von 2013 bis 2015 in genau jenem Qingpu-Gefängnis eingesperrt war. Humphrey hatte über Korruption in China recherchiert. Der BBC gegenüber erklärte er jetzt, er halte die Nachricht auf der Weihnachtskarte für echt.

"Die Häftlinge wissen, wenn sie etwas den Angehörigen schreiben, dann wird das abgefangen. Der einzige Weg, den Hilferuf an die Welt zu richten, ist, so etwas wie das jetzt zu tun."

Im Qingpu-Gefängnis sind ausländische Gefangene inhaftiert. Das bestreitet auch die chinesische Regierung nicht, wohl aber, dass es unangemessene Zwangsarbeit gäbe. Viktor Gao, der in Peking einen regierungsnahen Thinktank leitet, erklärt das System.

"Es ist generell so, dass Häftlinge arbeiten müssen. Daran müssen sich die meisten halten. Gefängnisse sind eben keine Ferienanlage."

Peter Humphrey, der Ex-Häftling der Strafanstalt, sieht den Fall anders. Korrupte Beamte bereicherten sich hier an den Häftlingen und machten einen persönlichen Profit mit den Weihnachtskarten.

Das chinesische Haftsystem kennt mit Sicherheit noch weitaus grausamere Praktiken, als wie in diesem Fall leichte Zwangsarbeit, bei der Weihnachtskarten für den Westen mit einer goldenen Schleife verpackt werden.

Aber die Supermarktkette Tesco bediente sich der Arbeit chinesischer Häftlinge - und die Briten werden dank des Funds eines sechsjährigen Mädchens damit konfrontiert, dass hinter der glitzernden Werbefassade von Weihnachten manchmal etwas anderes verborgen liegt.

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