Dienstag, 19.10.2021
 
StartseiteUmwelt und VerbraucherUnternehmerinitiative: "Wir brauchen große Mengen erneuerbarer Energien"11.10.2021

Großkonzerne für mehr KlimaschutzUnternehmerinitiative: "Wir brauchen große Mengen erneuerbarer Energien"

69 deutsche Großkonzerne appellieren an die künftige Bundesregierung, sich mehr für den Klimaschutz einzusetzen. Initiatorin ist die Unternehmerinitiative „Stiftung 2 Grad“. Für die künftigen Herausforderungen brauche man von der Politik verlässliche Rahmenbedingungen, sagte deren Vorständin Sabine Nallinger im Dlf.

Sabine Nallinger im Gespräch mit Georg Ehring

Hören Sie unsere Beiträge in der Dlf Audiothek
Windkraft Windpark Reinholdshainer Höhe 5 Windkraftanlagen: Enercon E40/600 Nennleistung 600 kW, Durchmesser 40 m Installierte Leistung: 3000 kW Betreiber: VSB Group Reinholdshain Sachsen GERMANY *** Wind power wind farm Reinholdshainer Höhe 5 wind turbines Enercon E40 600 Nominal power 600 kW, diameter 40 m Installed power 3000 kW Operator VSB Group Reinholdshain Sachsen GERMANY (IMAGO / Sylvio Dittrich)
Appell aus der Wirtschaft: Deutsche Großkonzerne fordern von der Politik mehr Einsatz für den Klimaschutz. (IMAGO / Sylvio Dittrich)
Mehr zum Thema

Luftfahrt Mit E-Kerosin die Klimawende im Flugverkehr einleiten

Klimaschutz und CO2-Grenzausgleich Wie die EU den Umbau der Wirtschaft absichern will

Energienutzung ohne Abgase Wie Hamburg zur Wasserstoff-Metropole werden will

Nachhaltige Investments Was die Finanzindustrie im Kampf gegen den Klimawandel bewirken kann

Physik-Nobelpreisträger und Klimapionier Klaus Hasselmann: "Ich bin optimistisch, dass man das packen wird"

Energieträger und Klimaschutz Öl, Gas und Kohle sollten größtenteils in der Erde bleiben

Mehr Tempo beim Klimaschutz fordern 69 große deutsche Unternehmen von der Politik. Darunter sind Firmen wie Adidas, Deutsche Post, Miele oder Thyssenkrupp. Organisiert hat den Appell die Unternehmerinitiative "Stiftung 2 Grad".

Die künftige Bundesregierung müsse einen verlässlichen Rahmen schaffen, mit dem Unternehmen planen können, sagte Sabine Nallinger, Vorständin der Initiative, im Deutschlandfunk. Nur so könnten "die vielen guten Technologien, die schon entwickelt worden sind und die Investitionen, die schon von den Unternehmen angestoßen worden sind, tatsächlich auch fruchten."

Solar-Panels und Windturbinen in einem Kraftwerk in Yancheng in der Provinz  Jiangsu in China (Hector RETAMAL / AFP) (Hector RETAMAL / AFP)Nachhaltige Investments - Was die Finanzindustrie im Kampf gegen den Klimawandel bewirken kann
Nachhaltige Kapitalanlagen liegen im Trend. Die großen Finanzfirmen sollen nach dem Willen der EU-Kommission eine stärkere Rolle beim Klimaschutz einnehmen. Doch nachhaltige Investments stoßen weiter an viele Grenzen, die Industrie betreibt oft nicht mehr als Greenwashing.

Umsetzungsoffensive für Klimaneutralität

Man brauche verlässliche Ansagen aus der Politik zum Ausbau erneuerbarer Energien, dem Ausbau der Infrastruktur und zum Ausstieg aus der Kohle und dem Verbrennungsmotor, so Nallinger: "Daher fordern wir die Bundesregierung auf, diesen Rahmen schnellstmöglich in einem 100-Tage-Programm zu schaffen."


Das Interview im Wortlaut:

Georg Ehring: Frau Nallinger, hat sich die Stimmung in der Wirtschaft gedreht in Richtung Klimaschutz?

Sabine Nallinger: Ja, ganz deutlich. Wir spüren das seit circa zwei Jahren, dass immer mehr Unternehmen Klimaschutz ganz oben auf ihre Agenda setzen, Strategien entwickeln, in Technologien investieren und hier vorangehen wollen, um 2045 klimaneutral zu sein.

"Immer mehr Unternehmen fühlen sich dem Klimaschutz verpflichtet"

Ehring: Aber bei den großen Wirtschaftsverbänden BDI oder Arbeitgeberverbänden hat sich das noch nicht so richtig rumgesprochen.

Nallinger: Ich kann von unserer Arbeit berichten, und wir haben mit Unternehmen aus allen Branchen, aus allen Schlüsselindustrien Kontakt. Und da ist feststellbar, dass sich immer mehr Unternehmen dem Klimaschutz verpflichtet fühlen, Strategien entwickeln. Das wird sicherlich auch im BDI registriert. Dass nun die größte Unternehmensappell-Initiative gestartet werden konnte, zeigt dies ja - fast 70 Unternehmen, die sich unserem Appell angeschlossen haben und Rahmenbedingungen von der Politik fordern, um sich auf den Weg machen zu können, 2045 klimaneutral zu sein.

Flughafen Stuttgart: Ein Flugzeug wird betankt (imago/ ) (imago/ )Luftfahrt - Mit E-Kerosin die Klimawende im Flugverkehr einleiten
Die Flugbranche steht unter Druck. Sie muss die Klimawende einleiten. Doch sind ihr aus finanzieller und technischer Sicht die Hände gebunden. Funktionieren könnte es mit synthetischem Kerosin, sagte Dietrich Brockhagen im Dlf. Er ist Geschäftsführer einer Firma, die diesen Kraftstoff herstellt.

Ehring: Welche Rahmenbedingungen sind das, was muss die nächste Bundesregierung tun?

Nallinger: Im Zentrum steht der massive Ausbau der erneuerbaren Energien. Viele Industrieprozesse müssen jetzt elektrifiziert werden, das heißt, wir brauchen große Mengen erneuerbarer Energien. Wir müssen frühzeitig aus der Kohle aussteigen – vor 2038, wenn möglich deutlich vor 2038. Das wird ein wichtiger Schritt sein, und das fordern wir gemeinsam mit den 69 Unternehmen.

Die Bundesregierung muss zum Vorbild werden und selber vorangehen bei der öffentlichen Beschaffung, bei ihren Gebäuden, bei den Infrastrukturen. Und natürlich muss die Bundesregierung einen Rahmen schaffen, eine richtige Umsetzungsoffensive starten für die Wirtschaft und die Industrie, damit die vielen guten Technologien, die schon entwickelt worden sind, und die Investitionen, die schon den Unternehmen angestoßen worden sind, auch fruchten.

Und eines sollte man im Auge haben, dass wir weiterhin international wettbewerbsfähig sein können. Das heißt, dazu braucht es die richtigen politischen Instrumente von einem CO2-Preis, aber auch von internationalem Wettbewerb, also von Grenzausgleichsmechanismen und so weiter. Es ist also ein ganzer Rahmen, der nun von der Bundesregierung gesetzt werden muss.

Dampf steigt vom Thyssen-Krupp Stahlwerk Duisburg auf und ein Schiff fährt über den Rhein, während im Hintergrund die Uniper-Kraftwerke Gelsenkirchen zu sehen sind (Aufnahme von der Halde Rheinpreussen aus). (picture alliance/dpa | Jonas Güttler) (picture alliance/dpa | Jonas Güttler)Klimaschutz und CO2-Grenzausgleich - Wie die EU den Umbau der Wirtschaft absichern will
Mit dem Green Deal will die Europäische Union ihre Wirtschaft bis 2050 klimaneutral gestalten. Um nicht von Konkurrenten außerhalb der EU verdrängt zu werden, plant die EU für ihre Unternehmen eine außenwirtschaftliche Absicherung – einen grünen Protektionismus. Doch der Plan bekommt Gegenwind.

"Nicht mehr emittieren, als die Wissenschaft vorgibt"

Ehring: Die FDP als wirtschaftsnahe Partei fordert, vor allem auf den Emissionshandel zu setzen. Das reicht Ihnen dann aber nicht?

Nallinger: Das ist sicherlich ein Kernstück, dass wir unseren Emissionsausstoß an den Pariser Zielen, nämlich die Erderwärmung unter 1,5 Grad zu halten, einpendeln. Und dazu haben wir ja von der Wissenschaft konkrete Angaben, wie viel wir noch emittieren dürfen. Und natürlich müssen wir unser Wirtschaften, unser Handeln und Tun nun an diesen Emissionszielen ausrichten, das heißt also, dass wir nicht mehr emittieren dürfen, als die Wissenschaft uns vorgibt. Und da hilft natürlich ein Emissionshandel, das wird ein Herzstück auf jeden Fall der Umsetzungsoffensive sein.

Ehring: Was halten Sie denn von festen Ausstiegsdaten für Kohle und den Verbrennungsmotor, wie es zum Beispiel die Grünen fordern?

Nallinger: Was die Wirtschaft hier einfordert in unserem Appell, ist ein verlässlicher, planbarer, zuverlässiger Rahmen, auf den sie sich verlassen können. Und da gehören sowohl Ansagen zum Ausbau erneuerbarer Energien, Ansagen dazu, wann die Infrastruktur zum Beispiel für grünen Wasserstoff steht, für den erneuerbaren Strom in die Industriegebiete in unserem Land, genauso dazu wie verlässliche Angaben, wann wir aus der Kohle und wann wir aus dem Verbrennungsmotor aussteigen.

Die Elektrolyse-Anlage im nach Unternehmensangaben größten netzgekoppelten Wasserstoff-Kraftwerk Europas in der Firma Apex Energy. Vom Herbst dieses Jahres an werde Apex grüne Energie für Industrie und Gewerbe, Wohnungsgesellschaften, für den öffentlichen Nahverkehr oder zur Zwischenspeicherung von Regelenergie liefern. Jährlich könne so ausschließlich regenerativen Energiequellen bis zu 300 Tonnen Wasserstoff erzeugt werden. (dpa/Jens Büttner) (dpa/Jens Büttner)Energienutzung ohne Abgase - Wie Hamburg zur Wasserstoff-Metropole werden will
Wasserstoff gilt schon lange als zukunftsträchtiger Energieträger: Bei seiner Verbrennung entsteht nur Wasser. Gut fürs Klima ist Wasserstoff vor allem dann, wenn er mit erneuerbaren Energien hergestellt wird. Hamburg will bald Deutschlands größter Produzent von "grünem" Wasserstoff sein.

"Unternehmen brauchen den politischen Rahmen"

All die Verlässlichkeiten, dieser planbare Rahmen, den wir damit fordern, hilft der Industrie, um sich darauf einzustellen. Und die Industrie- und Wirtschaftsunternehmen, da bin ich zuversichtlich, sind flexibel und kreativ genug, um diese Herausforderungen zu meistern. Aber wie gesagt, sie brauchen diesen politischen Rahmen. Und deswegen fordern wir auch die zukünftige Bundesregierung auf, diesen schnellstmöglich in einem 100-Tage-Programm zu schaffen.

Ehring: Es gibt ja immer die Befürchtung, die Wirtschaft wandert ab in Länder mit weniger Klimaschutz und damit auch mit weniger Klimakosten. Wie sehen Sie das?

Nallinger: Bei uns sind ja vor allem internationale Konzerne engagiert in der Stiftung. Und wenn Sie den internationalen Markt anschauen, dann sind wir hier in Deutschland und Europa wahrlich nicht alleine, sondern alle relevanten Wirtschaftsregionen bilden immer stärker Emissionsvorgaben, Emissionshandelssysteme und richten sich auch in Richtung Klimaschutz aus. Wir sind hier wahrlich nicht alleine, und deshalb verstehen auch immer mehr Konzerne, dass sechs Jahre nach Paris, nach der Festlegung eben auf das Ziel, deutlich unter zwei Grad zu bleiben, sich die Politik darauf einstellt – und auch sie sich darauf einstellen wollen.

Klimaschutz als Geschäftsmodell

Wichtig ist den Unternehmen, dass sie nicht Getriebene sind, sondern hier mitgestalten können. Und deswegen gibt es eben immer mehr Unternehmen, die technologisch vorlegen, die aber zum Beispiel auch zusammen mit uns einen Rahmen definiert haben, was sie jetzt von der Politik brauchen, damit sie auch international wettbewerbsfähig Klimaschutzprodukte  etablieren können – und damit Klimaschutz zum Geschäftsmodell wird.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk