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StartseiteForschung aktuell113 Nobelpreisträger sprechen sich für Genpflanzen aus17.10.2016

Grüne Gentechnik113 Nobelpreisträger sprechen sich für Genpflanzen aus

In Den Haag richtete am Wochenende ein selbsternanntes Monsanto-Tribunal über den Konzern, der wie kein anderer für die Grüne Gentechnik steht. Das Forum Grüne Vernunft setzte heute sozusagen einen Kontrapunkt: Es stellte einen Brief vor, in dem 113 Nobelpreisträger schon im Juni die Blockade der Gentechnik zu einem "Verbrechen gegen die Menschlichkeit" erklärt hatten.

Wissenschaftsjournalist Volkart Wildermuth im Gespräch mit Ralf Krauter

Genfood als Mittel gegen den Welthunger? Sogenannter "Goldener Reis" (l) soll Mangelerscheinungen bei Menschen in Entwicklungsländern vorbeugen. Die auch in Deutschland legale Spekulation auf Lebensmitteln geht dessen ungehindert weiter (Universität Freiburg/dpa picture alliance)
Genfood als Mittel gegen den Welthunger? Sogenannter "Goldener Reis" (l) soll Mangelerscheinungen bei Menschen in Entwicklungsländern vorbeugen. Monsanto stellt derweil genverändertes Saatgut her, welches Kleinbauern in den Ruin treibt (Universität Freiburg/dpa picture alliance)
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Ralf Krauter: Der Wissenschaftsjournalist Volkart Wildermuth beschäftigt sich schon lange mit der Grünen Gentechnik. Was steht denn drin, in dem offenen Brief?

Volkart Wildermuth: Es geht vor allem um zwei Punkte: Erstens erfordert die wachsende Weltbevölkerung dringend eine Ertragssteigerung auf den begrenzten Ackerflächen. Und dazu könne die Grüne Gentechnik einen wichtigen Beitrag leisten. Und zweitens geht es um den goldenen Reis. Der enthält dank einiger gentechnischer Tricks anders als normaler Reis eine Vorstufe des Vitamins A. Und die Hoffnung ist, dass diese Reissorte etwas gegen den Mangel an diesem Vitamin besonders bei Kindern tun kann.

Die Nobelpreisträger sehen durch die Grüne Gentechnik weder Gefahren für die Umwelt noch für die Menschen. Und deshalb fordern sie die Regierungen aber vor allem auch Greenpeace auf, diese Technologie nicht länger zu verteufeln.

Folgen Nobelpreisträger eher ihrem Verstand als Normalsterbliche?

Krauter: Nun vertrauen ja viele Menschen Greenpeace, warum sollten die auf die Nobelpreisträger hören? Die werden ja kaum alle Experten für die Grüne Gentechnik sein?

Wildermuth: Das ist richtig, da sind zwar viele Gentechnologen darunter, aber auch Physiker, Ökonomen, sogar die Literaturnobelpreisträgerin Elfride Jelinek. Aber, betonte die Medizinnobelpreisträgerin Christiane Nüsslein-Volhard in Berlin, sie alle haben in ihrer Arbeit gelernt die Fakten nüchtern abzuwägen und einzuschätzen. Sie würden weniger einem Bauchgefühl als ihrem Verstand folgen. Deshalb ist es eben doch etwas Besonderes, wenn sich so viele Nobelpreisträger hinter eine Sache stellen.

Christiane Nüsslein-Volhard bei der Pressekonferenz des Vereins "Forum grüne Vernunft" (Volkart Wildermuth)Christiane Nüsslein-Volhard bei der Pressekonferenz des Vereins "Forum grüne Vernunft" (Volkart Wildermuth)

Krauter: Greenpeace wurde ja besonders angegangen. Wie lauten da die Vorwürfe?

Wildermuth: Greenpeace ist in den Augen der Unterzeichner dieses Briefes eine Lobbyorganisation, die ihr Geld auch mit der Angst vor der Gentechnik verdient. Und um die zu schüren, würden Fakten zumindest aus ihrem Zusammenhang gerissen. In der Antwort auf den Brief zitiert Greenpeace zum Beispiel das Internationale Reis Forschungsinstitut auf den Philippinen. Das hätte gesagt, der goldene Reis würde die in ihn gesteckten Hoffnungen längst nicht erfüllen.

Aber wenn man dem Link folgt, dann stellt man fest: Dort wird nur darauf verwiesen, dass die Studien noch nicht abgeschlossen sind. Das Forschungsinstitut arbeite selbst weiter am goldenen Reis. Das wird aber erschwert, auch weil Partnerorganisationen von Greenpeace immer wieder Versuchsfelder zerstören.

Ein anderes Argument von Greenpeace lautet: Eine ausgewogene Ernährung sei der beste Schutz vor Mangelerscheinungen. Stimmt, leider können es sich derzeit sehr viele Menschen in Südostasien einfach nicht leisten, ausreichend Gemüse zu kaufen. In dieser Situation könnte der goldene Reis vielleicht etwas bewirken. Also Greenpeace ist sicher nicht immer eine neutrale Instanz, sondern versucht mitunter ganz klar Stimmung zu machen gegen Gentechnik und gegen die industrielle Landwirtschaft.

"Das Beste aus beiden Welten kombinieren"

Krauter: Was wäre denn der richtige Weg aus Sicht der Nobelpreisträger?

Wildermuth: Also Christiane Nüsslein-Volhard wünscht sich die Grüne Gentechnik auch für die deutschen Äcker, übrigens ganz im Sinne des Naturschutzes. Die sogenannten Bt-Pflanzen wachsen ohne Insektenvernichtungsmittel, das könnte durchaus Teil eines Artenschutzkonzeptes sein, damit es wieder mehr Schmetterlinge und Fliegen gibt. Sie ist im Übrigen auch keine Verfechterin von Monokulturen: Sie würde es am liebsten sehen, wenn die Grüne Gentechnik in den Ökolandbau integriert würde, um so das Beste aus beiden Welten zu kombinieren.

Aber sie sagt eben auch, wir hier in Deutschland können leicht von einer weniger intensiven Landwirtschaft träumen, in den meisten Ländern dagegen sind Ertragssteigerungen zentral. Und dazu können eben auch Genpflanzen beitragen. Wobei ich hier da "auch" betonen würde. Die verfügbare Nahrungsmenge lässt sich zum Beispiel auch über eine Reduktion des Fleischverzehrs erreichen. Ganz entscheidend sind sicher auch politische Reformen. In Indien verrottet ein Teil der Ernte weil sie nicht effektiv verteilt wird. Darauf hätte auch ein goldener Reis keinen Einfluss.

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