Mittwoch, 05. Oktober 2022

Doppelte Klima-Ungerechtigkeit
Wie Guatemala für die Krise bezahlt

Die Klimakrise angeheizt hat vor allem der Globale Norden. Doch den Süden trifft sie ungleich härter. Dort liegen die klimatisch besonders gefährdeten Weltgegenden, und dort fehlt auch das Geld, um sich an die Wetterkapriolen anzupassen. Ausgerechnet Europas Energiewende verschärft die Lage weiter.

Von Katharina Nickoleit | 21.08.2022

Guamaltekische Bauern stehen rund um weiße Plastiksäcke mit nach der Hurrikan-Katastrophe gespendeten Bohnen und Mais
Bislang konnte der Maisanbau im trockenen "Corredor Seco" in Guatemala die Menschen ernähren. Doch durch die anhaltende Dürre sind sie auf Spenden angewiesen. (Katharina Nickoleit/Dlf)
„Der Mais wächst nicht mehr. Das macht mich traurig, denn er ist unser wichtigstes Lebensmittel. Aber unser Feld trägt nichts mehr - alles ist vertrocknet.“

Die Katastrophe ist im Corredor Seco schon da. Doch ausgerechnet die Energiewende im Globalen Norden könnte die Krise in Guatemala weiter verschärfen.

„Wir sind an einem Punkt angekommen, an dem wir nicht einfach weiter konsumieren können. Wir müssen begreifen, dass unser Konsum von irgendwem bezahlt wird.“

„Wir haben es mit einem Ressourcen-Imperialismus zu tun. Im Globalen Norden verbrauchen wir mehr Ressourcen, als uns zustehen.“

Ernährungssicherheit ist gefährdet

Seit Stunden sind wir in Zentralguatemala unterwegs. Braune Berge wechseln sich mit gelben Tälern ab, die von ausgetrockneten Flussbetten durchzogen sind. Routiniert lenkt Ronaldo Bernardino den Pickup über die staubige Schotterpiste. Er ist Mitarbeiter des guatemaltekischen Umweltministeriums. Auf seinem weißen Hemd ist ein Aufnäher mit dem der Name seiner Abteilung. Zu Deutsch: Anpassung an den Klimawandel im Trockenkorridor.

„Das größte Problem ist die Dürre. Früher fiel von Mai bis November regelmäßig Regen. Heute kommt es vor, dass im Juli, August zwei Monate lang nicht ein Tropfen Regen fällt. Das halten die Feldfrüchte nicht aus.“

Der „Corredor seco“ zieht sich längs durch Mittelamerika, von Costa Rica bis nach Guatemala. Er war noch nie besonders mit Regen gesegnet, aber das, was fiel, reichte, um den Mais wachsen zu lassen und die Menschen zu ernähren.

„Leiden die Menschen Hunger?“ „In den Gegenden, die am meisten von der Dürre betroffen sind, ist die Ernährungssicherheit nicht mehr gewährleistet. Am stärksten sind Kinder unter fünf Jahren betroffen, in dieser Gruppe wird zunehmend Unterernährung festgestellt. Und auch Erwachsene bekommen nicht immer die Nahrung, die sie brauchen.“
Ronaldo Bernadino vom Umweltministerium Guatemala
Ronaldo Bernadino vom Umweltministerium: Die Regierung von Guatemala hat ein Hilfsprojekt gegen die Auswirkungen des Klimawandels gestartet - aber die Mittel sind begrenzt. (Katharina Nickoleit/Dlf)

Verbessertes Saatgut und Kunstdünger

Diesen Menschen soll das Projekt zur Anpassung an den Klimawandel helfen. Ronaldo Bernardino und seine Kollegen nehmen jährlich 1.100 Familien in das Programm auf. Umgerechnet 125 € haben sie für jede zur Verfügung.

„In der Hauptsache verteilen wir verbessertes Saatgut und künstlichen Dünger. Pro Hektar geben wir 18 Kilo Samen aus, die das nationale landwirtschaftliche Institut für die von der Dürre betroffenen Zonen empfiehlt. Sie sind gegen Trockenheit resistent und auch gegen Staunässe, die auftritt, wenn es Sturzregen gibt.“

Ronaldo Bernardino biegt auf einen Feldweg ein und parkt den Wagen neben einem vertrockneten Maisfeld. „Sieh dir das an. Auf diesem Feld gibt es keine Produktion. Die Pflanzen sind bis zur Blüte gekommen, aber wenn du hier einen Maiskolben suchst, wirst du keinen finden. Sie hat alles verloren. Und wir werden noch mehr solcher Felder sehen.“

Gemeinsam machen wir uns auf einem kleinen Pfad, der zwischen braunen Feldern verläuft, auf den Weg zu dem kleinen Gehöft von Angela Cortez. Angela Cortez empfängt uns vor einer kleinen, mit Wellblech gedeckten Hütte aus einfachen Lehmziegeln. Sie ist 52 Jahre alt, eine rundliche Frau mit fröhlichem Gesicht.
Ein Bauer füllt eine Tortilla aus Mais, die seine Frau am offenen Feuer gebacken hat. Die kleine Tochter blickt erewartungsvoll auf den Tisch mit Getränken und Tortillas.
Mais ernährt die Menschen in Guatemala - und ihre Nutztiere (Katharina Nickoleit/Dlf)

Alles hängt am Grundnahrungsmittel Mais

Mais ist das Grundnahrungsmittel in Guatemala. Angela Cortez backt daraus Fladen, kocht ihn als Beilage und füttert damit ihre Enten und Hühner, die Eier und Fleisch liefern. Seit sie keinen Mais mehr erntet, muss sie ihn kaufen.

„Woher nehmen Sie das Geld?“ „Wir suchen Feuerholz, um es zu verkaufen. Viele Leute gehen an die Küste, um dort zu arbeiten. Mein Mann ist dort. Das wenige, was er verdient, schickt er mir, damit ich Mais und andere Dinge kaufen kann. Er musste weggehen, denn hier gibt es keine Arbeit, hier kann man nicht leben. Man säht und erntet nichts.“

Seit einiger Zeit, so sagt Angela Cortez, werde es mit der Dürre immer schlimmer. Letztes Jahr habe es noch ein wenig geregnet, da habe sich das Feld etwas erholt und eine kleine Ernte gebracht. „Aber dieses Jahr nicht. Hier gibt es keinen Regen. Nicht mehr. Wer weiß, was wird.“

Dass das neue Saatgut ihr helfen wird, glaubt Angela Cortez nicht. „Sie sagen, es sei verbessert und bringe wieder Erträge. Aber 40 Tage ohne Regen ist auch für diese Samen zu viel. 10, 15 Tage Trockenheit halten sie vielleicht aus. Aber keine 40. Es ist zu trocken. So ist nun einmal.”

Mittelamerika klimatisch besonders vulnerabel

Mittelamerika gehört zu den Regionen, die am meisten von den Folgen der Erderwärmung betroffen sind. Die Dürre im Corredor Seco sei nur ein Vorbote einer langen Reihe von Naturkatastrophen, die Guatemala künftig in immer kürzeren Abständen heimsuchen werden, sagt Enrique Pazos Avalos:

„Das liegt an der Kombination verschiedener Faktoren, wie der geografischen Lage zwischen zwei Ozeanen und den Windströmungen. Sie führt dazu, dass die Auswirkungen des Klimawandels hier besonders groß sind. Die Projektionen für das Ende dieses Jahrhunderts gehen von extremen klimatischen Bedingungen aus.“

Neben der Dürre im Trockengürtel alarmieren den guatemaltekischen Physiker und Klimawissenschaftler besonders die Stürme. „Durch die Erderwärmung staut sich Energie in der Atmosphäre an. Das ist es, was über dem Atlantik für die Bildung der Hurrikane sorgt, die dann hierherziehen. 2020 gab es gleich zwei, Eta und Iota, die schwere Überschwemmungen verursachten. Sie werden häufiger und stärker und verursachen immer größere Katastrophen. Ein armes Land wie Guatemala erholt sich davon nur schwer.“

Enrique Pazos Avalos berechnet nicht nur die Auswirkungen des Klimawandels, sondern auch dessen Ursachen. Statistisch gesehen produziert jeder Deutsche zehn Mal so viel klimaschädliches CO2 wie ein Guatemalteke.

„Es sind die industrialisierten Länder der ersten Welt, die am meisten Klimagase produzieren. Wenn Guatemala heute damit aufhören würde, Energie zu verbrauchen, würde das kaum einen Unterschied machen. Den großen Ländern kann das alles egal sein, sie werden irgendwie überleben. Aber wir hier werden katastrophale Auswirkungen sehen.“
Maya-Pyramide in der Ruinenstätte von Tikal in der Selva Maya
Mittelamerika und Guatemala sind eine uralte Kulturlandschaft (Katharina Nickoleit/Dlf)

EU-"Energiewende" mit fremden Ressourcen

Um die Katastrophe abzuwenden oder zumindest abzuschwächen, braucht es eine radikale Wende. Europa hat inzwischen erkannt, dass es klimaneutral werden muss. Dazu hat die EU den Green Deal geschmiedet. Bereits 2030 sollen im Vergleich zu 1990 55 Prozent der fossilen Energie eingespart werden. Die Rede ist dabei weniger von Verzicht, sondern von Energiewende.

Alberto Alonso Fradejas vom Institut für Geowissenschaften der Universität Utrecht: “Diese Pläne erfordern große Mengen natürliche Ressourcen. Die OECD sagt voraus, dass sich die Produktion nachwachsender Rohstoffe innerhalb von nur 43 Jahren fast verdoppeln wird. Deshalb hängt der Erfolg von Klimaprojekten wie dem Green Deal laut der Europäischen Kommission vom bezahlbaren und sicheren Zugang zu Rohmaterial ab. Zum Teil finden die sich in der EU. Aber zu einem größeren Teil außerhalb der Europäischen Union.“

So wie Guatemala. Was bedeutet es für die Menschen dort, wenn in ihrer Nachbarschaft unsere Energieprobleme gelöst werden? Um das herauszufinden, fahre ich ins regenreiche Tiefland Richtung Nordostosten, in das Örtchen Las Posas.

Zwei Hektar Land zum Überleben

Fasziniert berührt Aldea meine roten Haare. Sie hat noch nie eine Erwachsene mit dieser Haarfarbe gesehen. Nur Kinder. Auch die Haare der Dreijährigen sind rot. Ein Zeichen von Mangelernährung, die als Kwashiorkor bezeichnet wird. Sie wird durch einen Mangel an Proteinen verursacht und beeinträchtigt die geistige und körperliche Entwicklung der Kinder.

Regen trommelt auf das Blechdach und weicht langsam, aber sicher den Lehmboden auf. Aldeas Vater freut sich trotzdem darüber, er braucht ihn dringend. „Es gibt ein paar kleine Bäche, die mein Land durchqueren. Früher fielen sie niemals ganz trocken, aber seit die Plantagen hier sind, schon.“

Ein Dolmetscher übersetzt die indigene Sprache Qéchi. Norberto Tec Caal besitzt zwei Hektar Land, auf denen er Mais und Bohnen anbaut. Weil die Bäche versiegen, reicht die Ernte nicht mehr, um die vier Kinder das ganze Jahr über satt zu kriegen.

„In einem der größeren Bäche sind vor einiger Zeit sehr viele Fische durch die Verschmutzung gestorben. Wir haben dort immer gefischt, um die Familie zu versorgen. Aber jetzt haben wir Angst, dass wir uns damit vergiften.“

Palmöl-Produzent kauft Boden auf

Seitdem die Groupo HAME hier jedes Stück Land, das sie bekommen kann, aufkauft, sind auch die kleinen Waldstücke zwischen den Feldern verschwunden – und damit das Feuerholz, das die Familie von Norberto Tec Caal zum Kochen braucht. Abgesehen von ein paar übrig gebliebenen Feldern besteht die ganze Region aus Plantagen.
Auf der Internetseite der Groupo HAME ist viel von „Arbeitsplätzen“ und „Entwicklung“ zu lesen. Doch Franklin Corado Argueta von der Pastoral Social, dem sozialen Arm der katholischen Kirche, lässt das nicht gelten:

„Einige der Bauern arbeiten auf den Plantagen. Je nach Job verdienen sie umgerechnet zwischen 3 Euro Fünfzig und sechs Euro am Tag.“ „Das ist also der Mindestlohn?“ „Nein, viel weniger, ungefähr die Hälfte. Außerdem werden die Arbeiter ausgebeutet. Sie müssen sehr früh anfangen und hören sehr spät auf.“

Wie viele andere Palmölproduzenten betont auch die Groupo HAME, dass ihre Plantagen zertifiziert sind und nur wenig Pestizide verwendet werden. Franklin Corado Argueta: „Nur, weil sie etwas organischen Dünger einsetzen, sind sie noch nicht nachhaltig. Denn die eigentliche Belastung ist die Ausbreitung der Pflanzungen; und die ist bei allen Plantagen gleich.“
Der Bauer Noberto und seine Familie haben sich in der Hütte für ein Gruppenfoto versammelt
Noch hat Bauer Noberto dem Druck der Boden-Aufkäufer nicht nachgegeben (Katharina Nickoleit/Dlf)

Fragwürdige Methoden und Dumpingpreise

Guatemala ist ein kleines Land – aber inzwischen der weltweit fünftgrößte Produzent von Palmöl. Der Hunger nach immer mehr Fläche ist groß und Franklin Corado Argueta beobachtet, dass die Bauern mit äußerst fragwürdigen Methoden dazu gedrängt werden, ihr Land zu verkaufen. Es gibt Einschüchterungen und unerklärliche Todesfälle von Anführern, die zum Widerstand aufrufen.

„Wenn jemand nicht verkaufen will, dann kaufen sie das Land drum herum und verwehren ihm den Zugang zu seinem Feld. Das ist eine einfache Art, die Leute unter Druck zu setzen.“

Norberto Tec Caal hat noch einen Zugang zu seinem Land und hofft, dass sein Nachbar nicht verkaufen wird. Die Palmölkonzerne zahlen für einen Hektar Land gut 900 Euro. Das ist nicht mal ein Viertel dessen, was der Familienvater aufbringen müsste, würde er anderswo neu anfangen.

„Einige der Nachbarn, die verkauft haben, sind in die USA gegangen.“ "Haben sich auch manche in Naturschutzgebieten angesiedelt?“ „Ja, einige.“

Waldrodung für "Biosprit"-Gewinnung

Guatemala ist nicht nur eines der Länder, das besonders stark vom Klimawandel betroffen ist, sondern auch eines, das einen großen Beitrag dazu leisten könnte, ihn aufzuhalten. Im Tiefland im Osten des Landes wächst tropischer Regenwald. Die guatemaltekische Biologin Barbara Escobar Anlev hat sich auf die Bedeutung des heimischen Regenwaldes spezialisiert:

„Diese Wälder sind nicht nur für die Menschen in Guatemala wichtig, sondern für die ganze Welt, denn der Klimawandel betrifft den gesamten Globus. Sie sind das wichtigste Mittel, das wir haben, um den Klimawandel zu bekämpfen, weil sie CO2 speichern können. Deshalb sollte es alle Menschen auf der Welt interessieren, dass diese Wälder erhalten bleiben. Aber was wir sehen, ist, dass sich diese Monokulturen immer weiter dort ausbreiten, wo dieser wichtige Speicher wächst. Damit sorgen wir dafür, dass sich die Effekte des Klimawandels verstärken.“

Und das ausgerechnet im Namen des Klimaschutzes. Das Palmöl, das in Guatemala angebaut wird, ist hauptsächlich für Biosprit bestimmt. „Das Palmöl ist derzeit der am meisten verwendete Biokraftstoff, denn es ist von allen pflanzlichen Ölen das billigste. Für unser Wirtschaftssystem ist es das Wichtigste, schnell und einfach Geld zu machen. Die Kosten für die Umwelt und die sozialen Kosten, die dabei entstehen, sind zweitrangig.“
Ein Affe sitzt in einer Baumgabel in der Selva Maya
Die Rodung von großen Waldgebieten bedroht auch die dort lebenden Tiere (Katharina Nickoleit/Dlf)

Naturschutzgebiete werden zersiedelt

Im Rechenzentrum von CONAP, der guatemaltekischen Umweltbehörde, klickt sich ein Mitarbeiter durch die Karten des Tieflandes. Jedes Jahr ist darauf weniger Regenwald verzeichnet. Der Regenwald schwindet in gewaltigem Tempo – meistens durch Brandrodung. Pilar Montejo beugt sich über den Bildschirm. Sie ist die Chefin des Rechenzentrums und mit dafür zuständig, den Schwund aufzuhalten. Auch die Ölpalm-Plantagen seien dafür verantwortlich – wenn auch indirekt.

„Wenn die Unternehmen das Land kaufen, wurde es schon genutzt, als Weidefläche oder Felder. Die Leute siedeln sich dann in den Naturschutzgebieten an. Das ist die Dynamik. Deswegen haben diese Gebiete so große Probleme.“

Pilar Montejo zeigt auf zwei Naturschutzgebiete, in denen kleine Siedlungen verzeichnet sind. Die Selva Maya erstreckt sich über Guatemala, Belize und die mexikanische Halbinsel Yucatan. Im Westen ist das Biosphärenreservat inzwischen so zersiedelt, dass die internationale Gemeinschaft seinen Schutz aufgegeben hat. Doch im Dreiländereck im Osten ist das größte zusammenhängende Waldgebiet Mesoamerikas mit über 20 verschiedenen Ökosystemen und einer enormen biologischen Vielfalt noch weitgehend intakt.

Nachhaltige Nutzung durch Anwohner erlaubt

Damit das so bleibt, unternimmt eine Gemeinschaft aus internationalen Geldgebern, zu denen auch Deutschland gehört, enorme Anstrengungen. Innerhalb des Biosphärenreservates gibt es verschiedene Zonen. Manche sind vollständig geschützt, hier darf nichts aus der Natur entnommen werden. Andere dürfen durchaus von den Anwohnern genutzt werden – solange diese Nutzung nachhaltig bleibt. Pilar Montejo:

„Das Gesetz erlaubt den Menschen, die schon immer im Wald gelebt haben, die Nutzung der natürlichen Ressourcen. Sie bekommen Konzessionen, um in bestimmten Gegenden bestimmte Mengen an Holz zu schlagen. Im Gegenzug sind sie dazu verpflichtet, das Gebiet zu überwachen und zu schützen.

Das Sägewerk von Uaxactún liegt hinter dem Dorf, ganz am Ende der Schotterstraße, die sich in den Urwald schiebt. Danach kommt Richtung Norden auf 150 Kilometern nur noch Dschungel. Floridalma Ax:

„Wir dürfen Bäume herausnehmen, die sich besonders gut vermarkten lassen wie Zeder oder Mahagoni. Sie müssen mindestens 60 Jahre alt sein und eine gewisse Größe haben. Kleine Bäume und solche, die Samen tragen, müssen für die Zukunft stehen bleiben. Außerdem muss für die Bäume, die gefällt wurden, um an das Holz heranzukommen, Ersatz gepflanzt werden.“
Ein Mitglied der Kooperative hat mit einem Seil einen Baum bestiegen und sammelt natürlichen Kaugummisaft
Zur traditionellen nachhaltigen Nutzung des Waldes zählt auch das Sammeln von Gummisaft (Katharina Nickoleit/Dlf)

Utopia mitten im Urwald

Floridamla Ax kümmert sich um die Finanzen der Kooperative, der das ganze Dorf angehört. Rund 150 Familien leben hier mit und von dem Wald. Haben die Männer in einem bestimmten Gebiet Bäume gefällt, dauert es 60 Jahre, bis sie es erneut dürfen. Andere Pflanzen können häufiger entnommen werden. Brotnuss, eine Frucht, die in den USA als sogenanntes Super-Food beliebt ist. Samen, die für Medizin verwendet werden. Oder Xate, von Floristen geschätzte dekorative Zweige.

„Diese Pflanzen wachsen wild und werden nicht angebaut. Hier sind keine Plantagen erlaubt und auch keine Viehzucht. Wir haben nicht mal Pferde.“ Felder für Mais und Bohnen dürfen nur in kleinem Umfang angelegt werden und die Dorfgemeinschaft hat sich zum aktiven Schutz des Waldes verpflichtet.

„Es gibt Kontrollgänge, um illegale Holzfäller abzuhalten. Feuer wird streng überwacht. Seit mehr als 25 Jahren hat es hier keine Brände gegeben, weil immer jemand auf den Wald aufgepasst hat.“

Uaxactún ist ein kleines Utopia mitten im Urwald. Die internationale Gebergemeinschaft hat dafür gesorgt, dass es Märkte für diese Produkte gibt und das gemeinschaftlich verwaltete Einkommen erlaubt es, die Kinder auf weiterführende Schulen zu schicken.

Lässt sich der Palmöl-Anbau bremsen?

Alberto Alonso Fradejas hat zehn Jahre lang in Guatemala gelebt und zum Thema Ressourcenverbrauch geforscht: „Damit sich etwas ändern, muss es mehr solche soziale Innovativen geben. mehr Menschen erreichen. Nur so erreichen wir eine ökologische und soziale Transformation hin zu mehr Nachhaltigkeit.“

Es hat lange gedauert, bis die deutsche Politik Konsequenzen aus dem Zusammenhang zwischen der Abholzung des Regenwaldes und der Nutzung von Biosprit gezogen hat. Ab 2023 wird Palmöl nicht mehr als Bio-Kraftstoffzusatz anerkannt. Das sei ein gewisser Erfolg, meint Fradejas. Aber ob dadurch tatsächlich weniger Regenwald vernichtet wird, bleibe abzuwarten.

„Palmöl kann für viele verschiedene Zwecke genutzt werden. Es ist zu erwarten, dass in Deutschland angebauter Raps vermehrt für Biokraftstoffe verwendet werden wird. Importiertes Palmöl füllt dann die Lücke, die in der Produktion von Lebensmitteln entsteht.“
Noch im Jahr 2000 wurden in Guatemala so gut wie keine Ölpalmen angebaut. Heute bedecken sie ein Zehntel der Ackerfläche des Landes – Tendenz steigend. 80 Prozent dieses Rohstoffes werden in den Globalen Norden exportiert. „Wir beuten immer noch bestimmte Gruppen und Länder aus, nur, dass wir jetzt fossile durch sogenannte grüne Rohstoffe ersetzen.“
Straße durch die Selva Maya, am Rand ein gelbes Verkehrs-Warnschild "Vorsicht Opossum"
Immer mehr Wald wird für den Anbau von Ölpalmen gerodet (Katharina Nickoleit/Dlf)

"Klimaanpassung" als neue Strategie von Entwicklungshilfe

Was für Folgen das für die Menschen in den Ländern des Globalen Südens hat, spielt bei den Entscheidungen bislang eine untergeordnete Rolle. Gleichzeitig ist das Thema Klima inzwischen einer der wichtigsten Bereiche der deutschen Entwicklungszusammenarbeit. Einmal mehr ist sie der Reparaturbetrieb für schädliche Wirtschaftspolitik. Noch vor einigen Jahren stand „Klimaminderung“, also die Verminderung klimaschädlicher Faktoren, wie etwa die Abholzung der Selva Maya, im Vordergrund. Das verschiebt sich gerade Richtung „Klimaanpassung“.
Ein Besuch am Atitlansee zeigt, dass das möglich ist. „Was war das für ein Regen! Früher war das nicht so, da fiel er gleichmäßig. Jetzt haben wir so heftigen Regen, dass es Erdrutsche und manchmal sogar Tote gibt.“

Gerade einmal eine Woche ist es her, dass Rosa Marcela Raquel von einem heftigen Unwetter heimgesucht wurde. Die Bäuerin lebt am Lago Atitlan. Eingebettet in steile Abhänge von Bergen und Vulkanen ist der See ein spektakulärer Anblick. Die Bevölkerung wächst und der Wald verschwindet. In manchen Dörfern wird jeder Quadratmeter der steilen Hänge für den Maisanbau genutzt. Regnet es, so schießt das Wasser nur so den Berg herunter und nimmt auf seinem Weg alles mit. Dazu kommen heftige Winde.

„Auf dieser Seite hatten wir keinen Schutz, der Wind kam und hat zwei Felder verwüstet. Hier hatten wir lebende Barrieren, das hat geholfen. Und wenn das Wasser vom Berg kommt, dann läuft es um das Feld herum und nimmt die Erde nicht mit.“

Diese „lebendige Mauer“ besteht aus einer Reihe von hochwachsenden Pflanzen mit tiefen Wurzeln, die den Feldrand festigen. Die breiten Blätter halten den Wind ab. Außerdem kann Dona Rosa daraus Tamales, in Blätter gewickelten Maisbrei, machen.

Die "Milpa": ein Feld als Lebenskonzept

Der Rat, „hoja de coshca“ anzubauen, kam von Kokaib Saloj Yac: „Diese Pflanze sorgt nicht nur für ein kleines Zusatzeinkommen, sondern hilft auch, die Feuchtigkeit im Feld zu halten. Die Blätter, die zu Boden fallen, sind außerdem guter natürlicher Dünger. Und es ist eine Pflanze, die besonders gut mit den Folgen des Klimawandels zurechtkommt.“
Kokaib Saloj Yac ist Agraringenieur und gehört zum indigenen Volk der Kaqchikel. Er arbeitet bei CEDRA, einer kleinen Landwirtschaftsschule, in der Bauern Methoden lernen, mit denen sie sich an den Klimawandel anpassen können. Ein Teil der Finanzierung kommt vom deutschen Ministerium für Entwicklungszusammenarbeit. Kokaib Saloj Yac setzt in seinen Schulungen nicht auf neue Entwicklungen, sondern auf indigene Traditionen. Für ihn ist eine „Milpa“ nicht einfach ein Feld.

“Das System der Milpa ist ein Lebenskonzept. Ich lebe dort zusammen mit dem Mais und anderen Pflanzen, mit Früchten und Insekten und anderen Tieren, die alle dazu gehören. Und sie leben zusammen mit mir. Alles ergänzt sich gegenseitig.“

In der Landwirtschaftsschule CEDRA hat Kokaib Saloj Yac ein ideale Milpa als Modell angelegt. Darauf wachsen Bäume und Mais, Bohnen, Kürbisse und anderes scheinbar wild durcheinander. Jede Pflanze hat ihre Aufgabe. Die Bäume sorgen für Schatten und halten mit ihren Wurzeln die Erde fest. Großblättrige Gewächse schützen die Erde vor dem Austrocknen. Andere werfen Blätter ab, die reich an Nährstoffe sind. Diese Vielfalt hilft den Bauern, auch unter schwierigen Bedingungen zu überleben.

„Dadurch, dass die Milpa so divers ist, gibt es dort immer eine Art, die mit der Trockenheit zurechtkommt. Die Familie hat immer etwas zu essen oder auch Feuerholz, was hier in der Gegend ein wichtiger Energieträger ist. Das Wissen darum, wie ein Milpa aufgebaut sein sollte, hilft den Familien langfristig die Probleme des Klimawandels zu überwinden.
Feld und Siedlung vor einem Gebirgszug im Trockenkorridor "Corredor Seco"
Wassermanagement könnte der Schlüssel für den "Corredor Seco" sein (Katharina Nickoleit/Dlf)

Modellfarm mit Wasserernte-Anlage

Zurück im „Corredor seco“, wo mir Ronaldo Bernadino nach den vertrockneten Feldern von Dona Angelita nun ein kleines Paradies zeigt.

Der Mitarbeiter des guatemaltekischen Umweltministeriums begrüßt mich auf der Granja Agroecolocia el Pajaro Verde, auch dies ist eine Modellfarm. Sie wird finanziert von der KfW und ist Teil des Projektes zur Anpassung an den Klimawandel im Trockengürtel. Zwischen Früchte tragenden Schattenbäumen wachsen Kaffee, Yucca und vieles mehr. Doch es gibt hier einen Unterschied zum regenreicheren Hochland.

„Das ist eine Anlage zur Wasserernte. Damit kann ich die ganze Parzelle versorgen.“ Alfredo Galiego hat an allen Dächern auf der Farm Rinnen angebracht. Sie fangen die seltenen, aber heftigen Regengüsse auf und leiten das Wasser über lange Rohre in Teiche. In einem ist sogar eine kleine Fischzucht. Die Teiche speisen dünne Rohre, die tröpfchenweise die üppig wachsenden Pflanzen mit Wasser versorgen.

„Ohne diese Anlage wäre es unmöglich, etwas anzupflanzen, wo sollte das Wasser sonst herkommen. Ich brauche diesen Vorrat. Das ist die Grundlage für den Anbau.“

Mehr finanzielle Hilfe ist nötig

Eine kleine Anlage, mit der sich schon einiges bewirken ließe, würde etwa 200 Euro kosten. Doch in dem Projekt sind dafür keine Mittel vorgesehen und das Geld selber aufzubringen, ist für Angela Cortez völlig illusorisch. „Gott weiß was er tut und wir können nicht mit ihm streiten. Aber ohne Mais können wir nicht leben. Wir können ja nicht aufhören zu essen, dann sterben wir an Hunger.“

Ronaldo Bernadino: „Regenwasserernte ist die einzige Möglichkeit, die die Menschen hier haben. Dafür brauchen wir Hilfe. Das ist unbedingt nötig.

Damit Menschen wie Angela Cortez eine Überlebenschance haben, müssten die Mittel für alleine dieses Projekt verdoppelt werden. Und es wird noch viel mehr nötig sein, um die Lasten der vom Globalen Norden verursachten Klimakrise gerecht zu verteilen.