
Rund 300.000 Menschen, die zu Hause gepflegt werden, sind von Pflegearmut betroffen. Sie erhalten nicht die Unterstützung vom Staat, die ihnen eigentlich zusteht. Das geht aus einer aktuellen Studie des Paritätischen Gesamtverbandes hervor.
Demnach beziehen weniger als 20 Prozent der ambulant gepflegten Menschen mit Anspruch auf „Hilfe zur Pflege“ die gesetzlich vorgesehene Leistung. Anspruch auf „Hilfe zur Pflege“ haben Personen mit geringem Einkommen und Vermögen, wenn ihr Geld zusammen mit den Leistungen der Pflegeversicherung nicht ausreicht, um ihren Bedarf zu decken.
Der Sozialverband VdK beobachtet die Situation schon seit Längerem. Das Armutsrisiko in den betroffenen Haushalten sei „sehr, sehr groß“, erklärte im vergangenen Jahr Verbandspräsidentin Vera Bentele im Deutschlandfunk. Es werde „extrem gespart“, Betroffene beheizten beispielsweise nur wenige Räume.
Insgesamt werden in Deutschland rund 4,9 Millionen Menschen zu Hause gepflegt. Das sind fast 90 Prozent aller Pflegebedürftigen.
Aus Scham nicht zum Amt
Dass so viele Betroffene keine „Hilfe zur Pflege“ erhalten, hat dem Paritätischen Gesamtverband zufolge mehrere Gründe. Viele wissen demnach nicht, dass es die Sozialleistung überhaupt gibt. Andere gingen aus Scham nicht zu Amt. Der Verband beklagt aber auch eine ausbleibende Beratung Betroffener.
Auffällig sind dabei laut Studie die enormen regionalen Unterschiede. Während im Saarland nur jeder zehnte zu Hause Gepflegte die ihm zustehende Sozialleistung in Anspruch nimmt, ist es in Sachsen-Anhalt jeder fünfte. In Hamburg bekommt jede dritte leistungsberechtigte Person „Hilfe zur Pflege“.
Diese starken regionalen Unterschiede abschließend zu erklären, ist laut der Studie zwar kaum möglich, doch die relativ guten Zahlen für Hamburg könnten sich durch klare Verwaltungsregeln und eine gewisse Routine in den Sozialämtern erklären.
Pflegeheimbewohner erhalten viel öfter „Hilfe zur Pflege“
Auch das sticht heraus: Die „Hilfe zur Pflege“ kommt bei Bewohnern von Pflegeheimen viel öfter an. Beinahe jeder zweite Heimbewohner mit Leistungsanspruch erhält die Unterstützung vom Sozialamt. Das liegt laut der Studie zum einen daran, dass man in Pflegeheimen schnell mitbekommt, dass es die Leistung gibt. Und zum anderen, dass die Mitarbeiter bei den Anträgen helfen würden.
Angehörige übernehmen Aufgaben des Pflegedienstes
Die Situation belastet auch pflegende Angehörige. Denn wo das Geld für einen ambulanten Pflegedienst fehlt, übernehmen sie oft dessen Aufgaben. Darauf weist der Sozialverband VdK hin.
Für viele Angehörige gehe damit ein hohes gesundheitliches und psychisches Risiko einher, warnt Verbandschefin Bentele. Hinzu kommen finanzielle Belastungen: Um ihre Angehörige pflegen zu können, reduzierten Berufstätige Arbeitszeiten oder kündigten sogar ihren Job.
Ein Platz in der Tagespflege würde es pflegenden Angehörigen erlauben, arbeiten zu gehen, weiß Nicole Knudsen vom Verein „wir pflegen“. Diese Unterstützung stehe vielen Pflegebedürftigen eigentlich zu – ebenso wie Kurzzeit- oder Nachtpflege. Doch gebe es dafür "viel zu wenig" Einrichtungen, sagt Knudsen. Und für komplexe Pflegefälle gebe es gar keine Tagespflegeeinrichtung. „Da müssen Sie als Angehörige ihr Leben so umstellen, dass Sie die Pflege auch noch meistern können.“
Sozialverbände fordern Informationsoffensive und Pflegelohn
Der Paritätische Gesamtverband fordert Reformen, um die Situation zu entschärfen. Der Sozialstaat müsse sehr viel einfacher und damit zugänglicher für alle Betroffenen gemacht werden, so Hauptgeschäftsführer Joachim Rock. Man müsse unbedingt zu einfacheren Antragswegen kommen.
Rock fordert zudem eine „Informationsoffensive“, damit mehr „Hilfe zur Pflege“ bei denen ankomme, die darauf einen Anspruch haben. Das Ziel müsse sein, dass häusliche Pflege nicht arm mache.
Um pflegende Angehörige zu unterstützen, spricht sich der VdK für einen „Pflegelohn“ aus. Erhalten sollen die Leistung Menschen, die Angehörige mit Pflegegrad 4 oder 5 zu Hause betreuen. VdK-Chefin Bentele: „Das wäre eine wirklich gute Möglichkeit, Armut von Pflegehaushalten zu vermeiden.“
Onlinetext: Tobias Kurfer (mit Agenturen)














