Hamas in Deutschland
Rückzugsraum und Operationsgebiet

Die Zahl an Sympathisanten und Unterstützern der Terrororganisation Hamas hat im Jahr 2025 in Deutschland signifikant zugenommen. Damit einher geht laut den zuständigen Behörden eine größere Gefahr für die innere Sicherheit - bis hin zu Anschlägen.

    Pro-palästinensische Demonstration in Berlin: Ein Teilnehmer hält ein Schild mit der Aufschrift "Glory to the resistance" ("Ruhm dem Widerstand").
    Die Demonstration zum zweiten Jahrestag des Hamas-Überfalls auf Israel am 7. Oktober 2025 in Berlin wurde abgebrochen. Einige Teilnehmende hatten eine Wiederholung der Ereignisse gefordert. (picture alliance / Sipa USA / SOPA Images / Vasily Krestyaninov)
    Der Gaza-Konflikt könnte auch die Sicherheitslage in Deutschland beeinflussen. Sicherheitsbehörden haben die Terrororganisation Hamas als Gefahr für Europa und Deutschland identifiziert – unter anderem dienen sie stärker als Rückzugsraum. Bei Unterstützern und Sympathisanten der Hamas gab es nach Angaben des Bundesamts für Verfassungsschutz einen Anstieg um sechs Prozent gegenüber dem Jahr 2024.
    Damit wächst das Anschlagsrisiko laut Sicherheitskreisen. Für israelische und jüdische Einrichtungen und Interessen in Deutschland bestehe "weiterhin eine hohe besondere abstrakte Gefährdung", so das Bundeskriminalamt. Auch der Antisemitismusbeauftragte Brandenburgs war von einem Brandanschlag betroffen.

    Inhalt

    Besteht eine konkrete Gefahr von Anschlägen durch die Hamas in Deutschland?

    Für deutsche Sicherheitsbehörden steht fest, dass die Terrororganisation Hamas für Europa und auch für Deutschland eine größere Gefahr darstellt.
    Die Hamas begreift sich selbst als Widerstandsbewegung gegen den Zionismus und die Besatzungsmacht Israel. Bei den bislang letzten freien Parlamentswahlen gewinnt sie 2006 die Mehrheit der Stimmen im Gazastreifen, schaltet dann ihre Konkurrenz, die säkulare Fatah, aus und übernimmt die gesamte Macht.
    Die Hamas sei einer von insgesamt nur 43 Einträgen auf der EU-Terrorliste, erläutert Hans-Jakob Schindler vom "Counter Extremism Project", einer transatlantischen Denkfabrik zur Analyse und Bekämpfung extremistischer Bedrohungen. Zusätzlich sei sie durch ein Betätigungsverbot in der Bundesrepublik Deutschland als Terrororganisation bestätigt worden.

    Anschlagsrisiko in Deutschland wächst

    Der Präsident des Bundesnachrichtendienstes (BND), Martin Jäger, nennt die Hamas Mitte Oktober 2025 im Zusammenhang mit der Bedrohung der inneren Sicherheit Deutschlands. Es bestehe ein sehr reales Risiko, dass die Hamas "außerhalb Gazas ausgreift", also aktiv werde, wenn sie aus Gaza verdrängt oder zurück in den Untergrund gedrängt würde. Dieses "Ausgreifen" der Hamas außerhalb Gazas "würde den arabischen Raum betreffen, aber ganz sicher auch Europa", so Jäger.
    Laut Sicherheitskreisen wächst das Anschlagsrisiko durch die Hamas-Mitglieder in Deutschland, weil der Krieg in Nahost seit dem 7. Oktober 2023 mit seinen vielen zivilen Opfern auch hierzulande stärker mobilisiere und radikalisiere.
    Für israelische und jüdische Einrichtungen und Interessen in Deutschland bestehe "weiterhin eine hohe besondere abstrakte Gefährdung", erklärt auch das Bundeskriminalamt mit Blick auf die Entwicklungen rund um die Hamas. Diese gehe insbesondere von radikalisierten, auch irrational agierenden, selbstständig handelnden Einzelpersonen und Kleingruppen aus, die unter anderem durch Propaganda beziehungsweise Sympathie für eine terroristische Organisation wie die Hamas zu Gewalttaten motiviert werden können.
    Nach Einschätzung von Antisemitismusforscherin Kim Robin Stoller spielt dabei inzwischen ein Symbol eine Rolle, das Hamas-Anhänger bei Demonstrationen ganz offen zeigen: das sogenannte rote Dreieck – mit dem in Computerspielen Gegner oder Ziele markiert werden. Nach einer solchen Markierung hätten "auch öfters physische Übergriffe" stattgefunden.
    Am Beispiel von Andreas Büttner, Antisemitismusbeauftragter des Landes Brandenburg, wird deutlich, dass es nicht bei Drohungen bleiben muss: Auf seinem Grundstück wurde Anfang Januar 2026 ein Schuppen in Brand gesetzt. Aus Sicherheitskreisen heißt es, dass auf Büttners Haustür ein rotes Dreieck geschmiert war.

    Festnahmen wegen Anschlagsplänen

    Auch bei Demonstrationen könne sich die neue Gefährdungslage weiter manifestieren. So ist etwa in einem Youtube-Video vom 7. Oktober 2025, das von Sicherheitskreisen als echt bestätigt wird, zu sehen, dass die Teilnehmenden den Überfall der Hamas als Sieg feiern. Genau zwei Jahre zuvor hatte die Hamas Israel angegriffen, mehr als 1.200 Menschen getötet und zahlreiche Geiseln verschleppt.
    Laut Sicherheitsbehörden gab es bereits mehrere Festnahmen mutmaßlicher Hamas-Terroristen, die etwa hierzulande Anschläge geplant haben sollen.

    Warum gilt Deutschland als „Rückzugsraum“ für die Hamas?

    Europa und damit auch Deutschland seien für die Hamas seit Langem wichtig, sagt Terrorismusexperte Hans-Jakob Schindler. Das heiße: "Hier werden ganz gezielt Sympathisanten angeworben, hier werden Gelder eingetrieben, auch Spenden über Vereine online und offline." Außerdem werde um ideologische Unterstützung geworben. Damit solle indirekt Druck auf Israel ausgeübt werden, damit das Land "die Militäroperationen im Gaza-Streifen einstellen muss, bevor Hamas komplett militärisch im Gaza-Streifen zerstört ist".
    Geld aus aller Welt fließe reichlich. Nach Schätzungen von US-Behörden hunderte Millionen US-Dollar pro Jahr, sagt Schindler. Laut Bundeskriminalamt kommen die zusammen etwa durch „Spenden, Mitgliedsbeiträge von Anhängern in den Palästinensergebieten und Sympathisanten aus dem Ausland, Steuereinnahmen sowie direkte Finanzhilfen aus arabischen und islamischen Ländern wie dem Iran, Katar und anderen Staaten“. Diese Einnahmen bedienten neben den gesellschaftlichen und sozialen Aufgaben – Administration, Sicherheit oder Bildung – auch den militärischen Bereich.

    Wie viele Hamas-Anhänger gibt es aktuell in Deutschland?

    Beim Personenpotenzial von Unterstützern und Sympathisanten der Hamas gab es nach Angaben von Sinan Selen, Präsident des Bundesamts für Verfassungsschutz, einen Anstieg um sechs Prozent gegenüber dem Jahr 2024. Damit sei das Potenzial auf rund 32.500 Personen gewachsen.
    Dieses Personenpotenzial bilden laut Terrorismusexperte Hans-Jakob Schindler drei Gruppen: Die größte Gruppe seien die "allgemeinen Sympathisanten". Das seien jene, "die im weitesten Sinne Sympathien für die Ideologie und die Ziele der Hamas an den Tag legen". Eine kleinere Gruppe seien die "Unterstützer der Hamas", die zu nicht gewaltorientierten Aktivitäten bereit seien. Klassischerweise seien das etwa Spendenaktionen, aber auch Demonstrationen, auf denen für die Hamas und ihre Ziele geworben wird.
    Die dritte und kleinste Gruppe seien Mitglieder der Hamas: "Personen, die sehr aktiv die Terrororganisation unterstützen, also wirklich im nachhaltigen Sinne Geldsammelaktionen organisieren, aber auch bei der Unterstützung von Terroranschlägen mithelfen", so Schindler. Das Bundesamt für Verfassungsschutz zählt aktuell rund 550 Hamas-Mitglieder und -Anhänger in Deutschland.
    Hamas-Propaganda verbreitet sich in großer Zahl im Netz – und flimmert so bis in die Wohnzimmer. Das bietet erhebliches Potenzial für Radikalisierungsprozesse.

    Audio: Joseph Röhmel; Onlinetext: abr