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StartseiteBüchermarktVon der Notwendigkeit religiöser Erfahrung18.02.2018

Hans Joas: "Die Macht des Heiligen"Von der Notwendigkeit religiöser Erfahrung

In der modernen Gesellschaft verliert das Religiöse zunehmend an Bedeutung. So die vorherrschende Auffassung spätestens seit Max Webers berühmtem Diktum von der "Entzauberung der Welt". Der Soziologe Hans Joas sieht das anders - und entwirft in seinem Buch die Theorie von der Religion als Fortschritt.

Von Hans-Martin Schönherr-Mann

Mann steht in Lichtschacht (imago / Gary Waters)
Religiöse Transzendenzerfahrungen sind universell zum Menschen gehörend, so eine These von Hans Joas (imago / Gary Waters)
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Eine solche Frage kann überhaupt nur gestellt werden, weil die Religion in den modernen westlich geprägten Staaten massiv an Einfluss verloren hat. Im religiös toleranten Staat gilt die Religion als ein sozialer und kultureller Bereich unter vielen. Dass sich dieser Prozess fortsetzen wird, das erwarten viele und sie sind der Auffassung, dass diese Entwicklung schon vor Jahrhunderten einsetzte und sich besonders seit der Aufklärung beschleunigte.

Dem möchte der renommierte Soziologe Hans Joas in seinem neuen Buch widersprechen, was schon dessen Titel ausdrückt: Die Macht des Heiligen. So schreibt er:

"Das achtzehnte Jahrhundert ist nicht nur eines der Aufklärung, sondern auch des Pietismus, des Methodismus und des amerikanischen 'Great Awakening'. (. . .) und dann die großen globalen Erneuerungsbewegungen der Pfingstkirchen"

Die Welt wird religiöser

Neben diesen Pfingstbewegungen, die heute vornehmlich in Amerika großen Zulauf genießen verweist Joas auch auf den politischen Islamismus.

Daher diagnostiziert Hans Joas gerade keinen Niedergang der Religionen. Im Gegenteil, die Religionen erscheinen Joas auf dem Vormarsch. Die Welt wird religiöser, die Macht des Heiligen stärker. Hans Joas konstatiert:

"Den säkularen Geistern mutet der folgende Gedankengang den Abschied von einem Geschichtsbild zu, das bei vielen, nicht allen, in tiefe Schichten ihres Selbstverständnisses eingegangen ist - dem Geschichtsbild eines unaufhaltsamen und fortschreitenden Prozesses der Entzauberung.

Dafür, dass sich das Wort von der Entzauberung in den Sozialwissenschaften einbürgerte, hat einer der Gründerväter der Soziologie gesorgt, nämlich Max Weber. Zunehmend verwendet er dieses Wort in letzten Jahren vor seinem Tod 1920. Nicht erst seit der Aufklärung und der Begründung der modernen Naturwissenschaften hat sich für Weber ein Prozess entfaltet, der die religiöse Beschreibung von Natur und Gesellschaft durch eine zunehmend rationale ersetzt. Dabei halfen die Religionen selber mit, das Weltverständnis zunehmend auf ein rationales Fundament zu stellen. Bis weit in die Antike reichen Prozesse der Entzauberung und der Rationalisierung zurück, die das Weltverständnis versachlichen, indem dabei die Vernunft eine immer größere Rolle spielt. Dieses Verständnis, mit dem Weber die weitere intellektuelle Debatte nachhaltig prägte, ist für Hans Joas im Grunde eine große Erzählung, ein Narrativ, das sich als Illusion entlarven lässt. Joas schreibt:

"In unerhört suggestiver Weise hat Weber im Narrativ der Entzauberung Geschehnisse miteinander verknüpft, die von den Propheten des Alten Testaments über die Reformation und die Aufklärung bis zur tiefen Sinnkrise Europas im sogenannten Fin de siècle und am Vorabend des Ersten Weltkriegs reichen. Deckt man die begriffliche Uneindeutigkeit allerdings auf, zerfällt auch dieses Narrativ und verliert es seine Suggestionskraft."

Propheten rücken Gott in jenseitige Welt

Für Hans Joas subsumiert Weber unter dem Wort Entzauberung sehr unterschiedliche Aspekte, die miteinander wenig gemein haben und die daher kaum dazu taugen, den Niedergang der Religion als einen Jahrtausende langen Prozess zu beschreiben. Die Propheten des Alten Testaments bekämpften nach Weber vor allem die Magie, mit der deren Zeitgenossen Natur und Gesellschaft zu beherrschen hofften. In Wirklichkeit ging es diesen Propheten nach Joas jedoch um etwas ganz anderes:

"Nicht ein definitiver Bruch mit der Magie, sondern die immer neue Durchsetzung eines anspruchsvolleren Verständnisses der Heiligkeit Gottes erweist sich (. . .) als das Ziel der Prophetenbücher."

Die Propheten des Alten Testaments versetzen nach Joas ihren Gott zunehmend aus der diesseitigen Welt hinaus in eine jenseitige als Ort des Heiligen. Gibt es bei Abraham und Moses noch zahlreiche unmittelbare Eingriffe Gottes in die Welt - ähnlich wie in den antiken Mythen - so rückt Gott bei den Propheten in eine transzendente Ferne, von der aus sich das Sakrale eben als Macht des Heiligen entfaltet.

Ähnlich verhält es sich beim radikalen Protestantismus, beispielsweise der Calvinisten, dessen asketische Ethik nach Weber der Entstehung des Kapitalismus den Weg bereitet und dadurch Entzauberung und Säkularisierung, also Verweltlichung massiv beschleunigt. Das Ziel des Protestantismus ist nach Joas jedoch gerade nicht

"eine totale Entsakralisierung oder gar Säkularisierung, sondern die verstärkte, ja ausschließliche Sakralisierung Gottes, das heißt seine radikale Transzendentalisierung."

Es gibt für Joas keinen fortschreitenden Prozess der Säkularisierung und Rationalisierung, gar über Jahrtausende, der die Religion verdrängen würde. Zwar bemerkt auch Max Weber um 1900 eine weitverbreitete Gestimmtheit, in der der Verlust an Lebens- und Orientierungssinn durch den technischen und wissenschaftlichen Fortschritt beklagt wird. Obwohl Weber diesen Verlust selber spürt, bietet für ihn das Christentum keine Alternative, dem Prozess der Sinnentleerung zu widerstreiten. Joas schreibt:

"Weber begrüßt dies nicht, wie es ein militanter Säkularist (. . .) wohl getan hätte. Er bestreitet nur vehement jeden intellektuell und moralisch vertretbaren religiösen Ausweg aus der Lage und belegt zeitgenössische Formen des religiösen Glaubens mit dem Verdikt, sie seien nur um den Preis des 'sacrificium intellectus', des Verzichts auf die Forderungen der Vernunft, möglich."

Religion und Wissenschaft - wirklich Gegensätze?

Dagegen versucht Hans Joas nicht nur Webers Begriff der Entzauberung zu widerlegen, sondern auch dessen These vom Gegensatz von Religion und Vernunft oder Wissenschaft. Während die erste Hälfte des Buches durchaus akribisch Webers Begriff der Entzauberung historisch herleitet, geht es ihm im zweiten Teil darum, eine Alternative zur Geschichte von der Entzauberung zu entwickeln, wie es ja der Untertitel des Buches verheißt, um dadurch die Macht des Heiligen vorzuführen, der Haupttitel des Buches.

Dazu schließt Hans Joas an den Gedanken einer Achsenzeit an, den der dem Existenzialismus nahestehende, aber tief gläubige Protestant Karl Jaspers 1949 geschichtsphilosophisch entwickelt: Zwischen 800 und 200 vor Christus entstehen in Indien, China, Persien und im Judentum neue religiöse Vorstellungen sowie parallel dazu auch noch die antike griechische Philosophie. Alle zusammen verabschieden die bis dahin vorherrschenden Mythologien, in denen Götter- und Menschenwelt relativ eng miteinander verflochten sind. Stattdessen bemühen sie sich um ein distanzierteres Verhältnis zwischen den Menschen und Gott. So stellt Joas fest:

So "tat sich mit den neuen Erlösungsreligionen und Philosophien der Achsenzeit eine erhebliche Kluft auf zwischen beiden Sphären. Das Göttliche - so der zentrale Gedanke - wurde in dieser Zeit zum Eigentlichen, dem Wahren, dem ganz Anderen, dem gegenüber das Irdische nur defizitär sein kann."

Die Achsenzeit teilt die Geschichte in ein Davor und ein Danach ein. Entscheidend für Joas ist die Entstehung einer eigenen Dimension des Göttlichen, die sich vom irdischen Geschehen strukturell abhebt und dadurch ein völlig anderes, ein transzendentes Jenseits entfaltet. Das irdische Leben präsentiert sich derart als ein falsches Leben, von dem die Menschen erlöst werden sollen, und zwar dadurch, dass sie ihr falsches Leben am transzendenten wahren Leben, also am Heiligen orientieren. Dadurch entsteht eine Priesterkaste mit sozialem und politischem Einfluss.

"(. . .) Priester, Propheten und so weiter spielen nun eine wesentlich wichtigere Rolle als noch vor der Achsenzeit, weil sie unter anderem die schwierige Aufgabe haben, den eigentlich unzugänglichen Willen Gottes oder der Götter zu interpretieren, einen Willen, der nicht mehr so einfach mit irdischen Kategorien zu fassen ist."

Damit präsentiert sich die Achsenzeit als eine Phase eines grundlegenden Wandels ethischer Werte und religiöser Orientierungen.

Trotzdem verwundert es, warum Joas den Begriff der Achsenzeit von Jaspers aufgreift. Die Geschichtswissenschaften haben wenig gute Belege für dieses Konzept der Achsenzeit gefunden. Auch wenn sich Joas darum bemüht, die Bedeutung von Jaspers zu betonen - dieser war der philosophische Mahner der frühen Bundesrepublik -, so ist ihm in der Philosophie bis heute keine besonders große Resonanz beschieden. Doch Joas geht es ja nicht um den philosophischen Diskurs, sondern um etwas anderes.

"So unterschiedlich die Erlösungsziele und Erlösungswege von den Religionen auch immer konzipiert werden mögen, gemeinsam ist einigen wenigen von ihnen die Vorstellung von einem Guten, das das irdische menschliche Gedeihen weit überschreitet. Auf diesen Punkt wird hier deshalb so großer Nachdruck gelegt, weil sich an ihm auch eine neue Konstellation des Diskurses über Wissenschaft und Glaube ablesen lässt."

Herausforderung für säkulares Selbstverständnis

Hans Joas geht es nicht nur um die Verabschiedung eines säkularen Fortschrittsdenkens, sondern um ein anderes historisches Verständnis für religiöse Perspektiven. Mit der Achsenzeit beruft er sich auf ein geschichtsphilosophisches Modell, das sich ähnlichen, religiös konservativen Bemühungen im 20. Jahrhundert zugesellt, den Marxismus zu widerlegen. Dabei spielte bereits 1950 die Geschichtsphilosophie nicht mal im Neomarxismus, geschweige denn in den Wissenschaften eine nennenswerte Rolle. Wenn Joas über die Achsenzeit bemerkt

"Die Parallelen zwischen den Weltreligionen bleiben eine Herausforderung für alle Gläubigen, aber auch für säkulare Geister."

Dann trifft das letztere wenig, für die sich mit Geschichtsphilosophie nichts mehr begründen lässt. Trotzdem kann man nicht sagen, Joas kämpfe gegen Windmühlen, sondern dagegen, dass Religion von vielen als Auslaufmodell betrachtet wird.

So präsentiert Joas Buch "Die Macht des Heiligen" einen großen Gegenentwurf zum säkularen Selbstverständnis, natürlich verbunden mit den argumentativen Schwächen, die solche Entwürfe nun mal haben. Man kann davon viel lernen, vor allem die für Säkulare manchmal unbehagliche Logik religiöser Argumentationen.

Dabei ist sich Joas sehr wohl bewusst, dass man dem Einwand, Religion sei bloß eine Illusion, nur erfolgreich begegnen kann, wenn man Religion in der alltäglichen wie der wissenschaftlichen Erfahrung nachweisen kann. Wenn sich Religion seit der Achsenzeit zu einer transzendenten Vorstellung des Göttlichen oder des Heiligen hin verschiebt, dann könnte man zunächst daraus folgern, dass religiöse Erfahrungen schlicht unfassbar werden. Doch dem widerspricht Hans Joas im Anschluss an William James, einer der Gründer des Pragmatismus, der ersten originär US-amerikanischen Philosophie. 1902 verweist James in seinem Werk "Die Vielfalt religiöser Erfahrungen" nicht nur auf die unzähligen Berichte über religiöse Erlebnisse. Vielmehr lassen sich solche religiösen Erfahrungen von Transzendenz auch beobachten, wenn diese Erfahrungen Gläubige zu einer moralischen Praxis bewegen. An James schließt Joas an.

"Die Rede von der 'Macht des Heiligen' erscheint so als gerechtfertigt. In den Erfahrungen, die ich zu benennen versuche, und in den Bindungen, die aus diesen Erfahrungen hervorgehen, liegen tiefe Quellen unserer Lebenskraft und unserer Bereitschaft, Wünsche und unmittelbare körperliche Bedürfnisse zu beherrschen und zurückzustellen. Das Opfer zumindest unserer Bequemlichkeit, vielleicht aber sogar großer Vorteile oder unserer ganzen Existenz, kann uns als durch und durch sinnvoll erscheinen."

Religiöse Erfahrungen sind universell

Vor diesem Hintergrund präsentieren sich religiöse Transzendenzerfahrungen, die den Gläubigen an das Heilige binden und die sein Handeln durch religiöse Ideale lenken, nicht als zufällige einzelne unbeweisbare Behauptungen, sondern als universell zum Menschen gehörend. Ja, Transzendenzerfahrungen machen den Menschen letztlich zum Menschen. So gelangt Joas zu der zentralen Feststellung:

"In mehreren Kapiteln dieses Buches war von der Entstehung intensiver affektiver Bindungen an solche Ideale in außeralltäglichen individuellen Erfahrungen oder in ekstatischen kollektiven körperlichen Praktiken die Rede. Für ein angemessenes Verständnis von Religion scheint mir in dieser Tatsache ein unkontroverses Fundament gefunden zu sein."

Dazu zitiert Joas den protestantischen Theologen und Kulturphilosophen Ernst Troeltsch, an den er intensiv anschließt, mit den Worten:

"Das Jenseits ist die Kraft des Diesseits."

Das bedeutet für Joas:

"dass Heiligkeit aus der Transzendenz ins Mundane ausströmt und nicht in der Transzendenz verbleibt."

Daraus folgt für Joas:

"Zumindest im Sinne der Existenz von Transzendenzvorstellungen kann hier unleugbar von einer Tatsache gesprochen werden."

Daraus leitet Hans Joas seine politisch wie wissenschaftlich programmatischen Forderungen ab. Einerseits führt die Transzendenz des Göttlichen dazu, dass Politik und Religion nicht mehr zusammenfallen, wie man es noch im antiken Polytheismus beobachten kann. Umgekehrt werden aus einer transzendenten Religion heraus jedoch weitreichende Ansprüche an Politik und Gesellschaft gestellt, um das Leben der Menschen religiös zu gestalten.

"Die Macht des Heiligen zeigt sich bei der Rechtfertigung wie bei der Infragestellung politischer und sozialer Macht, weil die Bindung der Menschen an das von ihnen erfahrene Heilige eine ihrer stärksten Motivationsquellen darstellt."

Ansprüche der Religion an Politik und Kultur

Während insbesondere im Liberalismus die Frage der Gerechtigkeit die Grundlage von Politik und Recht ist, werden Vorstellungen vom ethisch richtigen Leben oder gar vom Heiligen auf private Bereiche abgeschoben. Das Gerechte hat gegenüber dem Guten mehr als einen politischen Primat. Dieses Verhältnis dreht Joas um.

"Fundamentaler als (. . .) Gerechtigkeitsfragen sind aus meiner Sicht dagegen die Dynamiken der Heiligkeitserfahrung und ihrer Interpretation, die den Rahmen erst hervorbringen, in dem solche Fragen gestellt werden können."

Aus dem Heiligen leiten sich also die Vorstellungen von Gerechtigkeit ab. Wenn dagegen der moderne Liberalismus die Religion privatisiert, verdrängt er sie aus der Politik. Auch die Sozialwissenschaften betrachten die Religion als einen Teilbereich der Gesellschaft unter vielen anderen und berauben sie damit ihrer umfassenden Wahrheitsansprüche, die für Joas natürlich in die Gesellschaft hineinreichen. So leitet er aus der Transzendenz massive politische Ansprüche der Religion ab; sein Buch gipfelt in der These:

"Religion hat Spezifika, aber diese liegen nicht in einer kulturellen Spezialisierung aufs Religiöse. Ihr Verhältnis zur Kultur insgesamt ist nicht das einer Kultursphäre zur anderen. Gläubige und ihre sozialen Organisationen erheben Ansprüche auf die Gestaltung aller Kultursphären und Funktionssysteme, wenn sie ihren Glauben ernst nehmen."

Joas will damit keine fundamentalistischen Ansprüche formulieren oder integralistisch die Gesellschaft primär aus der Religion heraus gestalten. Aber er fordert dazu auf, sich sowohl nicht mehr an den Naturwissenschaften zu orientieren, als auch die Sozialwissenschaften von Vorstellungen zu befreien, dass die Gesellschaft sich immer weiter differenziert und komplexer wird.

Das zielt denn durchaus ins Herz einer Moderne, wo an vielen Orten nicht mehr religiös gedacht wird, ja nicht mal mehr an die Religion gedacht und diese höchstens als ein spezielles Kulturphänomen analysiert wird, das sich mit dem Fußball vergleichen lasse. Stattdessen sollen sich Gesellschaft und speziell Wissenschaften von religiösen Vorstellungen der Lebensführung wie des Umgangs mit der Welt leiten lassen. Entwürfe einer universellen säkularen Moral würde Joas allerdings in religiös inspirierte Wissenschaften eingemeinden.

Die wahre, transzendentale Religion - und die andere

Dass dabei einer säkularen Wissenschaft droht, ihre Eigendynamik zu verlieren, dass sie sich nicht mehr selbstständig ihre Gegenstände suchen darf, dass sie sich nicht mehr mit allem beschäftigen darf und bei bestimmten Dingen nur aus religiösen Perspektiven, offenbart eine bereits am Anfang des Buches beinahe beiläufig hingeworfene Frage. Max Weber hatte 1909 in einem Brief geschrieben "ich bin (. . .) religiös absolut unmusikalisch".

Trotzdem hat er sich umfänglich mit Religionssoziologie beschäftigt und entwickelt dabei den für Joas irreführenden Begriff der Entzauberung. So stellt Joas die hintersinnige Frage:

"Darf man wirklich 'religiös unmusikalisch sein', wenn man über Religion arbeitet? Dürfte man im wörtlichen Sinn unmusikalisch sein, wenn man die Musikwissenschaft zu seinem Arbeitsgebiet gewählt hat?

Die Antwort geben die folgenden gut 400 Seiten des Buches: Nein!

Die Religion muss vor säkularen Zugriffen nicht nur geschützt werden. Gläubige sind legitimiert, anderen Menschen Vorschriften zu machen, weil sie ihre Ideale aus einem transzendenten Heiligen ableiten. Das war und bleibt die Macht des Heiligen.

Freilich wird man dabei nicht nur an diverse Blasphemie-Paragrafen religiös orthodoxer Staaten erinnert. Auch diskutiert Hans Joas nicht die Frage, ob die transzendent orientierte Religion das Geschäft der Politik überhaupt richtig versteht. Dass Religion bis heute häufig Grund des religiösen Bürgerkriegs ist, spricht nicht gerade dafür. So verfällt Joas auf den Ausweg, zwischen der wahren transzendenten Religion und jener zu unterscheiden, die diesen Anspruch nicht hinlänglich erfüllt. Vielleicht bleibt nichts anderes.

Hans Joas: "Die Macht des Heiligen – Eine Alternative zur Geschichte von der Entzauberung"
 Berlin 2017, Suhrkamp, gebunden, 543 Seiten, 35 Euro

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