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StartseiteCorso"Oh Gott, was tun wir hier?"25.01.2020

"Have We Met" von Destroyer"Oh Gott, was tun wir hier?"

Dan Bejar veröffentlicht als Destroyer seit 25 Jahren sehr unterschiedliche Pop-Alben. Diesmal gab er den Arbeitsprozess an seinen Produzenten ab. Aber Bejars Triebfeder sind ohnehin seine Textideen: "Es beginnt immer mit diesen Selbstgesprächen."

Von Bernd Lechler

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Auf dem Bild ist der Musiker Dan Bejar im Profil zu sehen. Er blickt nachdenklich ins Nichts. (Ted Bois)
Der Musiker Dan Bejar (Ted Bois)
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"Ich war wie der faulste Fluss", singt Dan Bejar im ersten Song "Crimson Tide". "Ein Geier, der immer vom Boden isst. Nein, warte, das nehm ich zurück. Ich war eher wie ein Ozean, gefangen in Krankenhausfluren." Oder hier: "Ich finde die Stille unerträglich. Was sagt das über die Stille?"  Und: "Der Filmmusik-Supervisor sagt: "'Ich kann nicht glauben, was ich getan habe.'"

Kryptischer Pop

Man versteht, dass in Destroyer-Rezensionen gern das Wort "kryptisch" fällt. "In den letzten Jahren kamen mir die Texte meist gleich mit Melodie. Dann folgt die lästige Ar­beit, Akkorde drunterzulegen. Die wäre ich gern los, wenn ich wüsste, wie. Und danach geht es um die Form, in der man das Ganze aufnimmt. Aber es beginnt immer mit diesen Selbstgesprächen."

Und es ist erstaunlich, wie einen diese Texte mitziehen, auch wenn man keine Ah­nung hat, worum es wohl geht. Dan Bejar kann es auch nicht genau erklären. Oder will es nicht. Es sei­en lauter kleine Filmszenen, sagt er. "Dass es ein Song wird, weiß ich erst, wenn es mich emotional kickt. Wenn nicht, schreib ich es gar nicht auf oder murmle es ins Handy. So ist das bei mir. Gedanken oder Narrative oder Psychologie interessie­ren mich nicht. Die Sprache selbst törnt mich an."

Dabei ist die Musik von Destroyer nicht mal besonders wort­­reich. Es gibt lange In­stru­mental­strecken, Gitarren­solos, Anklänge an den Synthiepop der 80er und den Softrock der 70er, einen insgesamt träumerischen, opulenten Sound. Eigentlich, sagt Dan Bejar, habe er ein viel "hässlicheres" Album machen wollen, rau und ungeschlif­fen. Daraus wurde nichts, weil sein langjähriger Pro­duzent John Collins zu harmo­ni­scheren Klängen neigt - und statt sich von Anfang an mit ihm zusammenzusetzen, schickte Bejar ihm diesmal seine unbearbeiteten Demo-Aufnahmen und ließ ihn dann einfach machen. Erst für den Endschliff trafen sie sich in Collins‘ Studio in Seattle.

"Ich mag die Extreme: Entweder man spielt mit Leuten in einem Raum zusammen und schaut, was dabei heraus­kommt, oder man gibt die Songs jemandem, der sie dann auf eine Art mani­pu­liert, wie es einem selbst nie ge­lingen würde oder überhaupt einfiele." So entstanden Songs wie "Cue Synthesizer", den Dan Bejar beim ersten Hören "pervers" fand. "The first time I heard it, I found it really per­verse."

"Dieses scheppernde Schlagzeug, das eher nach Hip­-Hop klingt; diese spezielle Art Industrie-Funk, die kein bisschen funky ist. Ich find's super, aber zuerst war mir to­tal mulmig. Worauf ich ja stehe, ich habe ge­lernt, es als gutes Zeichen zu nehmen, wenn man denkt: Oh Gott, was tun wir hier?"

Crazy und gediegen

Bejars Gesang klingt auch auf diesmal wieder so kunstlos wie cha­ris­ma­tisch; er hat eine ganz eigene Art zu erzählen, leise und eindringlich, bisweilen mit einem Hauch Ironie, und nichts daran ist eingeübt: 

"Ich sang die ganzen Versionen nur ganz proviso­risch bei mir zu Hause ein und dachte, davon würde nichts übrig bleiben. Aber wir haben alles behalten! Man hört mich da also auch mal nachts um eins noch eben etwas in den Com­pu­ter singen. Mieser Klang, aber ich mochte die Perfor­mances. Wir gewöhnten uns dran - und behiel­ten sie."

Hingabe an das, was passiert; Ver­trauen in den Moment statt in Kontrolle und Perfektion: Vielleicht ist das ein Geheimnis der Musik von Destroyer, die ja immer ausgetüftelt und chaotisch zugleich wirkt; gediegen und crazy. Und in den Texten drückt sich bei aller Rätsel­haftig­keit durchaus der verwirrte, verängstigte, ins Rutschen gera­tene Zeitgeist aus – ohne dass Dan Bejar konkrete Statements abliefern würde. Er lässt uns lieber raten, die Lücken selber füllen - er bleibt in der Schwebe, so ambivalent wie sein Bandname.

"Für mich war dieses Wort 'Destroyer' nie nega­tiv kon­notiert, da muss auch etwas Positives drin sein. Es klang halt frech und nach einem typischen Rock-Namen, und ich fand mit 28 unfassbar, dass er noch nicht be­legt war. Also nahm ich ihn: Ein starkes Wort, aber leer genug, dass man unter diesem Schirm alles machen konnte, was man wollte."

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